Polen Corona-Chaos: Bricht Polens Gesundheitssystem zusammen?

Ostbloggerin Monika Sieradzka vor polnischer Flagge.
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Rettungsdienste suchen stundenlang nach einem Krankenhaus für Patienten, das Nationalstadion in Warschau wird zum Lazarett umgebaut: Der rapide Anstieg von Sars-CoV-2-Infektionen bringt das polnische Gesundheitssystem an seine Grenzen.

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Nationalstadion in Warschau: Einst gebaut für die Fußball-EM 2012, jetzt Notklinik für Covid-19-Kranke. Bildrechte: imago images / Xinhua

Seit einigen Tagen ist das Nationalstadion in Warschau abgesperrt. Zugang haben nur noch medizinische Transporte und Baufirmen. Hunderte von Betten und medizinische Ausrüstungen, derzeit auf Paletten gestapelt, sollen in den umgebauten Büro- und Trainingsräumen untergebracht werden. Geplant sind 500 Plätze für Covid-19-Patienten, 50 davon als Intensivbetten. Das Lazarett im Nationalstadion soll nicht das einzige dieser Art bleiben. "In jeder Wojewodschaft wurde schon wenigstens ein Ort für ein provisorisches Krankenhaus ausgewählt", teilte Polens Regierungssprecher mit.

Der massive Anstieg von Sars-CoV-2-Infizierten hat die polnische Regierung unter Zugzwang gesetzt. Derzeit gibt es in Polen 13.632 Neuinfektionen pro Tag. Damit liegt die Zahl in Relation zur Einwohnerzahl (38 Millionen) deutlich höher als in Deutschland, wo sich aktuell rund 11.000 Menschen täglich infizieren – allerdings bei einer Einwohnerzahl von 83 Millionen. Und polnische Gesundheitsexperten gehen davon aus, dass sich täglich weitaus mehr Menschen mit dem Corona-Virus infizieren. Denn in Polen werden derzeit nur 0,9 Tests auf 1.000 Einwohner durchgeführt. In Deutschland liegt die Zahl bei 1,4.

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Medizinische Ausrüstungen: Das Nationalstadion soll demnächst Platz für 500 Covid-19-Kranke bieten. Bildrechte: imago images / Eastnews

Beinahe wie in Italien

Polens Chef-Epidemiologe Robert Flisiak sieht Parallelen zwischen der Corona-Lage in Polen und der Situation in Italien im Frühjahr, als das dortige Gesundheitssystem in die Knie gegangen war. Doch es gäbe auch Unterschiede. "In Italien hatten wir es mit einer konzentrierten Anzahl von Infektionen auf einem relativ kleinen Gebiet zu tun. In Polen sind die Zahlen zwar schockierend, doch sie beziehen sich auf das ganze Land", sagt er. Trotz des rapiden Anstiegs der Corona-Zahlen steht er dem Bau von provisorischen Krankenhäusern skeptisch gegenüber. Das Hauptproblem sei das Personal, das dort eingesetzt werden muss. Es fehle an Ärzten und Pflegerinnen. Das sei kein Geheimnis, denn der Personalmangel sei auch schon ohne Pandemie sichtbar gewesen. 

Akuter Ärztemangel

Die Folgen dieses Mangels bekamen Rettungssanitäter und Patienten vergangene Woche in Warschau schmerzhaft zu spüren. Aus den mitgezeichneten Gesprächen der Rettungsdienste, die der Fernsehsender TVN24 veröffentlicht hatte, geht hervor, dass ein Patient im Notzustand stundenlang zwischen vier Krankenhäusern hin und her geschickt wurde. Das Rettungsteam fragte die Notaufnahme des Orlowski-Krankenhauses am Ende verzweifelt, ob man den Patienten etwa "vor die Tür hinlegen" solle und rief sogar die Polizei zur Hilfe. Doch auch die konnte die Ärzte nicht zur Aufnahme des Patienten zwingen. Die Intensivstation wurde von Covid-19-Patienten blockiert.

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Schlange stehen in der Notaufnahme: Die Krankenhäuser in Warschau sind total überlastet. Bildrechte: imago images / Eastnews

Der Kampf um Krankenhausplätze

Wie schlimm die Lage ist, beschreibt Tomasz Siegel, Chef der Anästhesiologie-Abteilung im Warschauer Orlowski-Krankenhaus. Siegel war kurzfristig zum medizinischen Leiter des Krankenhauses berufen worden, hatte jedoch schon nach einer Woche hingeschmissen. Er sah sich nicht in der Lage, innerhalb weniger Tagen 38 Intensivpflegebetten einzurichten, wie es der Gesundheitsminister angeordnet hatte. "Wohin soll ich die Kranken evakuieren, die dort liegen? Der Minister sagt es nicht, weil es nirgendwo Plätze gibt", schrieb Siegel auf Facebook. Die Vorbereitung von Intensivstationen bedürfe Zeit, Personal und Geld. Die offiziellen Statistiken seien eine "Fiktion". Die Verordnungen würden von den Regierenden nur "dazu geschaffen, um eine Pressekonferenz zu organisieren und das Blut derjenigen Menschen von den Händen zu waschen, die vor unseren Augen sterben und wegen mangelnder Hilfe sterben werden".

Die späte Reaktion der Regierung

Dass das seit Jahren unterfinanzierte Gesundheitswesen in Polen gerade während der Pandemie an seine Grenzen stößt, ist inzwischen jedem im Lande klar. Akut wird der Mangel von Beatmungsgeräten, die man für die Behandlung schwerer Covid-19-Fälle braucht. Polen hat 10.000 solcher Geräte. Von den 1.400, die für die Corona-Patienten zur Verfügung gestellt wurden, sind schon 60 Prozent belegt. Und: Die Geräte können mitunter nicht einmal bedient werden. Spezialisten sind rar, und andere Ärzte fürchten sich vor der Verantwortung. 

Für Aufsehen sorgten die scharfen Worte des Vizepremierministers Jacek Sasin, der den Ärzten deswegen "Ängstlichkeit" beim Kampf gegen die Pandemie vorwarf. Die Reaktion der Ärzteschaft kam prompt: "Seit Jahren sucht die Regierung die Schuldigen für die Probleme im Gesundheitswesen überall, nur nicht bei sich selbst", antwortete die Ärztekammer in einer Erklärung.

Jetzt will die regierende PiS Versäumtes auf die Schnelle nachholen. Im Eiltempo versucht man im Parlament Gesetze durchzudrücken, die die Ärzte teilweise von der Haftungspflicht bei der Behandlung von Covid-19-Patienten befreien, ihre Löhne erhöhen und den Zugang von ausländischen Medizinern zum polnischen Gesundheitswesen vereinfachen. Die Gesundheitsbehörden wurden dazu verpflichtet, Listen von aktiven Ärzten und Medizinstudenten im ganzen Land vorzubereiten. Kritiker sagen, die Regierung hätte früher handeln sollen. Der Epidemiologe Robert Flisiak sieht noch "kein Licht im Tunnel". Niemand habe Kontrolle über die Pandemie-Lage!

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 23. Oktober 2020 | 17:45 Uhr