Reportage aus dem Gerichtssaal Was sich die Nebenklage vom Prozess zum Halle-Attentat erhofft

Der Strafprozess um den Anschlag von Halle ist ein besonderer – denn die Schuldfrage ist geklärt. Trotzdem wird viele Wochen verhandelt. Das Gericht sucht nach dem Grund hinter der Tat. Und auch die Nebenklage hat Fragen.

Der Angeklagte sitzt unter hohen Sicherheitsvorkehrungen im Verhandlungssaal im Landgericht Magdeburg
Im Prozess um den Anschlag in Halle wird nicht nur der Hauptverdächtige vernommen, sondern auch sein Umfeld. Bildrechte: dpa

Der Halle-Prozess ist für einen Strafprozess besonders, denn die Schuldfrage ist seit dem ersten Prozesstag beantwortet. Dass der Angeklagte die Tat begangen hat, zeigt ein Video deutlich - und er hat gestanden. Offen ist nur die Frage, wie es dazu kommen konnte.

Eine Antwort auf diese Frage liegt im Internet. Stephan B. hatte dort die Kontakte, die ihm im wahren Leben fehlten. Anonym, auf sogenannten Imageboards. Bei Fragen dazu reagiert B. im Prozess bislang schmallippig. Der Nebenklage fehlen zu seinen Aktivitäten in diesem Bereich Ermittlungsergebnisse. Ergebnisse, aus denen Lehren gezogen werden könnten. Auch ein als Zeuge geladener Polizist konnte für sie keine substantiellen Antworten liefern. Die Nebenklage fordert daher, Experten zum Thema zu hören.

Doch auch das Umfeld von B. könnte Antworten liefern. Insofern war der 4. Prozesstag am 29.7. ein wichtiger. An ihm kann man deutlich sehen, worauf es vielen Nebenklägern ankommt. An diesem Tag verweigerten zwar Mutter, Vater und Halbschwester von Stephan B. erwartungsgemäß die Aussage. Dafür konnte Mario S. einen Einblick in das Familienleben geben – und auch in das Umfeld in Benndorf. Mario S. war der Lebensgefährte von B.s Schwester. Sie haben einen gemeinsamen Sohn.

Antisemitische Äußerungen bleiben unwidersprochen

Mario S. nimmt die Aussage sichtlich mit. Die Tat begreife er bis heute nicht, sagt er. Er habe anfangs nicht schlafen können. Der Angeklagte habe sich früher am Esstisch bereits judenfeindlich geäußert. "Die Juden sind schuld", oder Ähnliches. Widersprochen habe er damals nicht. S. habe seine Ruhe haben wollen. Auch über den Hintergrund von Mario S. wird etwas bekannt: Er sei mit etwa 16 Jahren in der rechtsextremen Szene unterwegs gewesen, habe sich aber nach ein paar Monaten wieder distanziert. Mit seinem Sohn habe er B. lachen sehen, was selten gewesen sei. Der Kleine sei auch mal auf B.s Bett geklettert und drauf rumgesprungen.

Die Nebenklage-Anwältin Kristin Pietrzyk fragt S. später, ob er wisse, wo B. seine Waffen versteckte? Irgendwo im Zimmer oder so, antwortet der. Pietrzyk: "Ich löse mal auf: Unter dem Bett. Dem Bett auf dem ihr Sohn rumgesprungen ist." Im Saal ist ein Raunen zu hören.

Nebenklägerin ergreift das Wort

Nun ergreift eine Betroffene des Anschlags selbst das Wort. Eine junge Frau, bunte Haare, freundlicher Blick. Sie befand sich beim Anschlag in der Synagoge. Sie dankt Mario S. fürs Kommen, sagt, sie verstehe, dass die Situation für ihn nicht einfach sei. Dann fragt sie: "Wie werden Sie das (die Tat, Anm. d. Red.) ihrem Sohn Alex erklären, wenn er alt genug ist, das zu verstehen?"

Es ist komplett still im Gerichtssaal. S. braucht einen Moment, um zu antworten: "Das ist eine Frage, die ich mir selbst jeden Tage noch stelle." Die Frau fragt weiter: "Wie würden Sie ihren Sohn stoppen, so zu werden wie der Angeklagte jetzt ist? Was hoffentlich nie passiert."

S. atmet tief aus. "Momentan habe ich keine Antwort darauf. Ich habe darüber nachgedacht. Aber ich habe bis jetzt keine Antwort darauf gefunden." Antworten auf diese Fragen fordert die Nebenklage aber – nicht unbedingt von Mario S., aber von der Gesellschaft. Solche Fragen sind auch für die Öffentlichkeit bestimmt.

Stephan B. wollte auch Kinder töten

Auch der Rechtsanwalt Juri Goldstein aus Erfurt vertritt im Prozess zwei Nebenkläger, die in der Synagoge waren. Er will von Mario S. wissen, ob er bei den judenfeindlichen Aussagen von B. heute anders handeln würde. Ob er widersprechen würde. S. antwortet, er wisse aus seiner Zeit in der rechtsextremen Szene, dass es oft nichts bringe, zu widersprechen.

Goldstein fragt, ob S. wisse, was für ihn die schlimmste Aussage von B. im Prozess war. "Dass er auch die Kinder in der Synagoge getötet hätte", sagt der Anwalt. S. lässt den Kopf sinken und schüttelt ihn. Vielleicht sei ein kleiner Widerspruch doch angebracht, sagt Goldstein. "Keine weiteren Fragen."

Nebenkläger schauen auf künftige Generationen

Mehrere Anwälte der Nebenklage betonen, dass es nicht um S. gehe. Nicht um seine individuelle Verantwortung, etwas zu verhindern. S. sagt, er müsse sich dafür entschuldigen, dass er es nicht kommen sehen habe, aber nicht dafür rechtfertigen. Es gehe aber darum, was man für die nächste Generation lernen kann.

B. sagte am dritten Prozesstag, dass er jüdische Kinder getötet hätte, damit seine eigenen es eines Tages nicht tun müssten. Er ging davon aus, dass er sein Feindbild in die nächste Generation tragen kann. Für die Nebenklage und auch für viele Beobachter aus Halle geht es darum, das zu verhindern. Dafür brauche es eine Gesellschaft, in der Antisemitismus und Rassismus nicht unwidersprochen bleibt.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 29. Juli 2020 | 19:00 Uhr