Abriss des Gasthof Radegast 2 min
Weil der 300 Jahre alte Gasthof in Radegast immer mehr verfallen ist, hat der Kreis Anhalt-Bitterfeld den Abriss beschlossen. Mehr dazu im Audio. Bildrechte: MDR/Jana Müller
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Nach 300 Jahren ist der Gasthof "Prinz von Anhalt" aus Radegast verschwunden.

MDR SACHSEN-ANHALT So 26.05.2024 07:40Uhr 01:57 min

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"Prinz von Anhalt" Wehmut zum Abschied: 300 Jahre alter Gasthof in Radegast wird abgerissen

27. Mai 2024, 08:32 Uhr

Der Gasthof "Prinz von Anhalt" gehörte lange zu Radegast – 300 Jahre lang, um genau zu sein. Nun hat der Landkreis Anhalt-Bitterfeld beschlossen, das marode Gebäude abreißen zu lassen. Der Besitzer hatte den Gasthof erst vor etwa zwei Jahren gekauft. Was nun auf dem Grundstück entstehen soll, ist ungewiss.

Eine junge Frau mit schulterlangen braunen Haaren schaut freundlich in die Kamera, ihre Arme sind verschränkt
Bildrechte: MDR/Jana Müller

Mit einem lauten Krachen reißt der Bagger einen Balken aus dem Dach des einst so stolzen "Prinz von Anhalt" im Herzen von Radegast. Zwei ältere Herren, die sich den Abriss des über 300 Jahre alten Gasthauses aus sicherer Entfernung ansehen, sind sichtlich gerührt: "Da wird man schon 'n bisschen wehmütig. Wir haben uns da immer alle getroffen, da drinnen. Haben etliche Stunden dort verbracht. War immer schön", sagt der eine, den Blick weiter auf das alte Fachwerkhaus gerichtet, dessen Dach nun beinahe komplett abgetragen ist. 

Abriss des Gasthof Radegast
Anwohner erinnern sich noch an die guten Zeiten im "Prinz von Anhalt" – doch zuletzt war das Gebäude immer mehr verfallen. Bildrechte: MDR/Jana Müller

Wehmut beim Abschied vom "Prinz von Anhalt" in Radegast

Auch Jörn Mozdzanowski, der Ortsbürgermeister von Radegast, einem Ortsteil der Gemeinde Südliches Anhalt im Kreis Anhalt-Bitterfeld, erinnert sich an viele Abende im Prinzen. Er habe dort seine halbe Jugend verbracht, sagt der 56-Jährige und lächelt vor sich hin. Vor der Disko und danach, immer wieder traf man sich in der Gaststätte im Zentrum des Ortes. Einem Gebäude, das über Jahrhunderte auch eine Art Wahrzeichen war: "Es ist das älteste Haus hier im Ort, es ist auf jeder Postkarte, bei jeder Google-Suche nach Radegast. Überall kommt der Prinz." Doch das ist nun vorbei.

Es ist das älteste Haus hier im Ort, es ist auf jeder Postkarte, bei jeder Google-Suche nach Radegast. Überall kommt der Prinz.

Jörn Mozdzanowski Ortsbürgermeister von Radegast

ein Mann steht vor dem Gasthof Radegast
Ortsbürgermeister Jörn Mozdzanowski war in seiner Jugend selbst viel in der Gaststätte im Herzen von Radegast. Bildrechte: MDR/Jana Müller

Besitzer hatte Pläne für den Gasthof

Weil Gefahr im Verzug war, immer wieder Ziegel auf die Gehwege fielen, das Haus im nächsten Sturm vielleicht ganz in sich zusammengefallen wäre, erließ der Landkreis Anhalt-Bitterfeld eine Verfügung zum umgehenden Abriss, erklärt Daniel Bohnsack.

Abriss des Gasthof Radegast
Der Kreis hat den Abriss beschlossen, weil immer wieder Ziegel vom Dach gefallen sind. Bildrechte: MDR/Jana Müller

Bohnsack ist seit gut zwei Jahren der Besitzer des Gasthofs "Prinz von Anhalt", der achte Eigentümer in den letzten 20 Jahren, in denen das Haus leer stand. Wie so mancher seiner Vorgänger hatte der Unternehmer aus Thüringen große Pläne. "Ich war Anfang 2022 gerade dabei, eine bayrische Firma zu übernehmen, die Laborgeräte für Brauereien herstellt und habe nach genau solch einem Objekt gesucht", sagt er, "Ein Haus mit Geschichte, wirklich schön, repräsentativ. Dazu der Standort Radegast, zwischen meinen damaligen Arbeitsorten Jena, Berlin und Erfurt – das passte genau in mein Konzept."

Der Plan war es, in Radegast eine Werkstatt zur Montage der Laborgeräte einzurichten, vielleicht eine Schaubrauerei, dazu eine kleine Gastwirtschaft. "Das wäre gutes Marketing für die Firma gewesen und hätte Radegast etwas belebt. Ich wollte auch Arbeitsplätze schaffen", so Bohnsack.

Daniel Bohnsack
Daniel Bohnsack hatte eigentlich Pläne für den alten Gasthof. Jetzt sei er "Besitzer einer ziemlich teuren Wiese", sagt der Unternehmer. Bildrechte: Daniel Bohnsack

Statt Sanierung sofortiger Abriss

Dass das Gebäude nicht im besten Zustand war, war dem 46-jährigen Unternehmer durchaus klar. Von dringendem Handlungsbedarf sprach ein Gutachten von 2018, eine neue Begutachtung aber empfahl den sofortigen Abriss. "Ich habe das Haus zu spät und zu früh gekauft", meint Daniel Bohnsack, "Zu spät, weil der Verfall des Hauses schon so weit vorangeschritten war und zu früh, weil ich in eins, zwei Jahren vielleicht andere Fördermittelmittel hätte akquirieren können."

Zwei bis drei Millionen Euro hätte es gebraucht, um das Gebäude zu retten, schätzt Bohnsack und übt sich in Galgenhumor: "Wenn der Abriss abgeschlossen ist, bin ich immerhin Besitzer einer ziemlich teuren Wiese."

Wenn der Abriss abgeschlossen ist, bin ich immerhin Besitzer einer ziemlich teuren Wiese.

Daniel Bohnsack Besitzer des ehemaligen Gasthofs

Auch Ortsbürgermeister Jörn Mozdzanowski kann dem Abriss durchaus etwas Positives abgewinnen: "Wir sind froh, dass der Schandfleck jetzt bald weg ist. Die Dachziegel fallen runter und das Haus ist auch nicht mehr schön anzusehen. Jetzt kriegen wir eine Wiese, kümmern uns ums Mähen und dann sieht es am Markt wieder anständig aus."

Abriss des Gasthof Radegast
Einerseits verschwindet ein Schandfleck aus dem Ort – andererseits aber auch ein Stück Geschichte. Bildrechte: MDR/Jana Müller

Portal für die Nachwelt gesichert – aber noch keine Pläne für das Grundstück

Ganz vergessen werden soll der historische Gasthof aber natürlich trotzdem nicht. Mozdzanowski hat das Eingangsportal des Hauses gesichert, dazu ein paar der handgefertigten Dachziegel, die er gern irgendwann woanders einbauen möchte. All das wird zu besprechen sein – und auch, was auf der teuren Wiese von Daniel Bohnsack zukünftig entstehen könnte. Zum Straßenfest im Juni hat der Unternehmer seinen Besuch in Radegast angekündigt, freut sich Jörn Mozdzanowski und richtet seinen Blick wieder auf den alten Fachwerkbau.

Abriss des Gasthof Radegast
Der alte Gasthof in Radegast wird abgerissen. Was danach auf dem Grundstück entstehen soll, ist noch ungewiss. Bildrechte: MDR/Jana Müller

Der Bagger hat gerade den ersten Giebel des "Prinz von Anhalt" eingerissen, eine Staubwolke hängt in der Luft und ein paar Backsteinstücke liegen auf der Straße. Ortsbürgermeister Mozdzanowski greift zum Besen und beginnt zu fegen.

MDR (Jana Müller, Maren Wilczek)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 26. Mai 2024 | 07:40 Uhr

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