Eine steile Treppe am Bahnhof Meinsdorf von unten.
Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Barrierefreiheit Bahnhof Meinsdorf: Kein Aufzug, kein Parkplatz, keine Lösung

22. April 2024, 03:00 Uhr

Barrierefreiheit Fehlanzeige: Am Bahnhof in Meinsdorf, Ortsteil von Dessau-Roßlau, hat die Bahn statt eines Aufzugs lediglich einen leeren Schacht verbaut. Zudem gibt es keinen Parkplatz, keine Fahrradstellplätze und keine Bushaltestelle. Trotz Protesten und einem Stadtratsbeschluss hat sich an der Situation bislang nichts verändert.

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"Es ist wirklich zum Schreien, dass man in unserer Gesellschaft so mit uns umgeht", sagt Sylvia Kania. Sie steht am Bahnhof in Meinsdorf vor der steilen Treppe, auf der 42 Stufen vom Gleis bis zur Straße führen. Direkt neben der Treppe: Ein Aufzugschacht ohne Aufzug. "Den hat die Bahn aus Kostengründen gestrichen", sagt Kania. Ihr Bruder, der seit 2002 im Rollstuhl sitze, könne sie mit der Bahn nun nicht besuchen.

Karen Pannier und Sylvia Kania stehen am Bahnhof Meinsdorf vor dem Treppenabgang
Sylvia Kania (links) und Karen Pannier auf dem Bahnsteig des Bahnhofs Meinsdorf. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Kania ist wütend. "Es gibt ja nicht nur behinderte Menschen, die den Aufzug bräuchten. Was ist mit alten Menschen, mit Menschen mit Gepäck, Kinderwagen oder Fahrrädern?", meint sie. Außerdem gebe es am Bahnhof keine Parkplätze, keine Fahrradstellplätze, keine Bushaltestelle. "Es ist eine Schande, was sich die Bahn hier geleistet hat", findet Kania.

Karen Pannier pflichtet ihr bei. Die Mutter eines Sohnes mit Behinderung hat bei ihrem Wohnort extra auf einen Bahnanschluss geachtet. "Den können wir jetzt eigentlich nicht nutzen", sagt sie. Seit zwei Jahren kämpft sie dafür, dass sich am Bahnhof doch noch was ändert. Schreibt E-Mails und Leserbriefe. Eine Antwort hat sie nicht bekommen. Aber aufgeben will sie nicht. "So wie jetzt kann es nicht bleiben. Das ist rausgeschmissenes Geld".

Schwerpunkt zum Thema Barrierefreiheit: Projekt "Stopp, wo kommst du nicht voran?" Der Artikel zum Bahnhof Meinsdorf ist im Zusammenhang mit dem crossmedialen Projekt "Stopp! Wo kommst du nicht voran?" von MDR SACHSEN-ANHALT und CORRECTIV entstanden. Mehr Informationen, Publikationen und Ergebnisse rund um das Projekt sowie die Möglichkeit, sich zu beteiligen, finden Sie auf MDR.DE

Trotz Protesten passiert nichts

"So wie jetzt" ist der Zustand am Meinsdorfer Bahnhof seit August 2022. Zu der Zeit hatte die Deutsche Bahn (DB) den Bahnhof nach 19 Monaten Sanierung in Betrieb genommen – und zwar ohne Aufzug. Damals hatte die Deutsche Bahn (DB) auf Nachfrage angegeben, ein Aufzug würde erst ab 1.000 Ein- und Ausstiegen täglich eingebaut werden. Derzeit sind es laut Nahverkehrsservice Sachsen-Anhalt (Nasa) etwa 50 bis 60.

Ein Zug steht am Bahnhof von Meinsdorf
Laut Nasa benutzen nur 50 bis 60 Menschen täglich den Bahnhof Meinsdorf. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Das Vorgehen sorgt bei vielen Meinsdorfern für Unverständnis. Auf die Proteste reagierten auch viele Medien (unter anderem berichteten die MZ und das ZDF), und sorgten dafür, dass der Bahnhof auf Antrag der AfD sogar im Bundestag thematisiert und Möglichkeiten zur Sonderfinanzierung geprüft wurden. Doch getan hat sich seitdem nichts. "Man fühlt sich absolut übergangen, schon in der Planung", sagt Kania.

Sanierung des Bahnknotens Dessau-Roßlau Der Bahnhof Meinsdorf wurde im Rahmen der Sanierung des Bahnknotens Dessau-Roßlau saniert. Das gesamte Sanierungsprojekt läuft seit 1996. Mehr als 450 Millionen Euro haben Bund, Land und die Bahn insgesamt investiert.

Bahn bedauert die Situation und verteidigt Vorgehen

"Wir sind uns bewusst, dass die Situation für Rollstuhlfahrer und andere mobilitätseingeschränkte Reisende unbefriedigend ist", sagte ein DB-Sprecher auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT. Leider gebe es angesichts der Vielzahl an Bauprojekten und begrenzten Mittel Grenzen für den barrierefreien Ausbau von Bahnhöfen. Die DB baue derzeit etwa 100 Stationen jährlich barrierefrei um.

Foto aus der Zugtür auf den Bahnhof Meinsdorf. Im Zug ist ein Knopf für Rollstuhlfahrer.
Die Bahn gibt an, sie sei um barrierefreie Zugänge bemüht. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Verschiedene Finanzierungswege für die Herstellung von Barrierefreiheit in Meinsdorf seien geprüft worden. Leider hätten die Kriterien eine mögliche Förderung während der Bauzeit nicht erlaubt. Faktoren seien etwa die Reisendenfrequenz sowie vorhandene Alternativen in der Nähe. Momentan sei die Frequenz in Meinsdorf im zweistelligen Bereich. Zudem bestehe für Fahrgäste die Möglichkeit, die barrierefreien Bahnhöfe in Dessau Hbf, Roßlau oder Rodleben zu benutzen.

Der Bahnhof von Roßlau mit einer Fußgängerbrücke und Aufzügen.
Am Bahnhof Roßlau gibt es Aufzüge und eine Brücke über die Gleise. Von hier fahren Busse nach Meinsdorf. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Die DB werde weiterhin prüfen, ob die Station Meinsdorf nachträglich in entsprechende Förderprogramme zur Herstellung von Barrierefreiheit aufgenommen werden könne. Für Parkplätze, Fahrradstellplätze und die Bushaltestellen sei die Kommune verantwortlich.

Behindertenbeauftragte kritisiert Vorgehen ↓

Die Behindertenbeauftragte der Stadt Dessau-Roßlau, Daniele Koppe, kritisiert das Vorgehen. "Die Entscheidung kann ich menschlich und aus meiner beruflichen Sicht nicht nachvollziehen", sagte Koppe MDR SACHSEN-ANHALT auf Anfrage. Die Kriterien der Bahn für barrierefreies Bauen sollten Ihrer Meinung nach angepasst werden, um den Planungsgrundlagen für öffentlich zugängliche Gebäude zu entsprechen. Aus Ihrer Sicht gelte: "Wenn es nur einen Menschen gibt, der ihn braucht, sollte der Aufzug gebaut werden."

Daniela Koppe, Behindertenbeauftrage der Stadt Dessau-Roßlau, schaut in die Kamera.
Daniela Koppe, Behindertenbeauftragte der Stadt Dessau-Roßlau, kritisiert das Fehlen des Aufzugs. Bildrechte: Stadt Dessau-Roßlau

Kommune durch Stadtratsbeschluss in der Pflicht

Der Ortsbürgermeister von Meinsdorf, Hans-Peter Dreibrodt (Freie Fraktion Dessau-Roßlau) ist bemüht, bei der Kommune eine Lösung zu erwirken. Bereits im Oktober 2022 brachte er mit seiner Fraktion eine Beschlussvorlage in den Stadtrat ein, in der die Stadtverwaltung dazu aufgefordert wird, den Bau eines Aufzugs zu bewirken sowie die Errichtung eines Parkplatzes und eines Fahrradstandes zu veranlassen. Der Stadtrat stimmte einstimmig dafür. Doch getan hat sich laut Dreibrodt danach nichts.

Stadt Dessau: Umbau frühestens 2026

Die Stadt Dessau gab auf Nachfrage von MDR SACHSEN-ANHALT an, man habe einen barrierefreien Zugang und den Bau eines Aufzugs bereits 2016 explizit gefordert. Diese Forderungen seien durch das Eisenbahnbundesamt nicht berücksichtigt worden. Die Stadt werde die Forderungen erneut an die Nasa und den Arbeitskreis Bahnhöfe herantragen.

Das historische Rathaus von Dessau-Roßlau.
Die Stadt Dessau gibt an, sich um einen Umbau des Bahnhofs zu bemühen. Bildrechte: picture alliance/dpa | Klaus-Dietmar Gabbert

Einen Hoffnungsschimmer gibt es für den Bau von Parkplätzen und Fahrradabstellanlagen. Dieser kann den Aussagen der Stadt nach aber frühestens 2026 begonnen werden. Die Stadt treffe als Bauherr entsprechende Vorbereitungen und beantrage Fördermittel. Allerdings könne der Haltepunkt Meinsdorf erst nach dem Schnittstellenumbau des Bahnhofs Roßlau durch die Nasa bearbeitet werden. Dieser werde frühestens Ende 2025 beendet.

Meinsdorfer wollen nicht aufgeben

Die Hoffnung bei den Meinsdorfern, dass sich am Bahnhof nochmal etwas tut, schwindet. Karen Pannier moniert, dass sich die Verantwortlichen der Kommune, der Bahn und der Nasa gegenseitig den schwarzen Peter zuschöben, dass aber nichts passiere.

Neben einem Gleis am Bahnhof Meinsdorf steigt eine Wiese an. Im Hintergrund sieht man Wald und eine Landstraße.
Karen Pannier findet, das Gelände hätte auch eine Rampe hergegeben. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Dabei habe es zahlreiche Möglichkeiten für einen barrierefreien Zugang gegeben. "Man hätte zum Beispiel eine Rampe bauen können, wenn man keinen Fahrstuhl betreiben möchte", meint Pannier. "Das hätte das Gelände hergegeben".

Karen Pannier und Sylvia Kania laufen die Treppe am Bahnhof Meinsdorf hinunter
Aufgeben kommt nicht in Frage, finden die Meinsdorfer. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Aufgeben kommt für sie trotzdem nicht in Frage. "Ich lasse da nicht locker", meint Pannier. "Es muss einfach noch etwas passieren."

MDR (Leonard Schubert)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 22. April 2024 | 07:30 Uhr

7 Kommentare

pwsksk vor 5 Wochen

Die Kommunalvertreter stimmen einem Fahrstuhl etc. zu. Verständlich.
Aus ökonomischer Sicht stimme ich der Bahn zu.
Es ist der eine Rollstuhlfahrer, der wohin muss?
Bitte jetzt nicht falsch verstehen. Wieweit von zu Hause ist der andere Bahnhof entfernt? Kann das Problem mit einem Rollstuhltaxi gelöst werden? Was gibt es zu mehreren 10T€ noch für Alternativen für den Rollstuhlfahrer.

Pattel vor 5 Wochen

Das haben uns alles die Vorfahren eingebrockt.
Alles auf den Vordermann nach unseren Vorstellungen zu bringen ich wüsste echt nicht wie?
Jedem seine Wünsche erfüllen wird nicht gelingen.
Untereinander helfen das ist möglich und kostet nix.

steka vor 5 Wochen

Wer hat denn die Idee mit Treppe und Aufzug gehabt, auf anderen Bahnhöfen hat mann einfach die Treppe durch eine Rampe ersetzt.
Und außerdem, wir leben numal in einer vielgepriesenen Marktwirtschaft. Wenn die meisten Fahrgäste mit demAuto fahren, hält eines Tages der Zug nicht mehr, wenn nicht genügend Patienten kommen, wird die Arztpraxis oder das Krankenhaus zugemacht, wenn nicht genügend Schüler kommen, die Schule. DDR war gestern, wo alles der Staat finaziert hat und dasein mußte. Es steht der Kommune und der NASA auch frei, den Aufzug zu sponsern.

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