Aktien, ETFs & Co. So investiert die Nachwendegeneration in Sachsen-Anhalt ihr Geld

Eine junge Frau lächelt in die Kamera
Bildrechte: Sarah-Maria Köpf

ETFs, Rendite, Dividende: Für viele junge Menschen sind diese Begriffe keine Fremdwörter. Denn Studien zeigen, dass die Nachwendegeneration ihre Finanzen gut im Griff hat. Das eigene Geld zu investieren ist ein Trend, der immer weitere Kreise zieht – besonders, da die Aussichten auf eine ausreichende Rente für die junge Generation nicht gerade rosig sind. Junganleger aus Sachsen-Anhalt erzählen, wie sie ihr Geld investieren – und für die Zukunft vorsorgen wollen.

Geldscheine und Münzen in einem Glas.
Besonders in Ostdeutschland ist die junge Generation die Erste, die nennenswert Geld sparen und investieren kann. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO / Kirchner-Media

Wenn Patrick Siegel über seine Investitionen spricht, ist er mit voller Leidenschaft dabei. Der 31-jährige Hallenser arbeitet als Servicetechniker bei den Stadtwerken und hat das Thema Finanzen 2020 für sich entdeckt. Seitdem ist er angefixt. Bis er im Mai vergangenen Jahres jedoch sein Depot eröffnete, verfolgte er zunächst regelmäßig den Markt. Dass er genau versteht, was er da macht und in welche Finanzprodukte er investiert, sei ihm besonders wichtig, erzählt er.

Ein breit aufgestelltes Depot schützt vor Verlusten

Patrick Siegel, ein junger Mann in einem Tisch im Cafe, schaut in die Kamera
Patrick Siegel hat im Mai 2021 sein Depot eröffnet. Bildrechte: MDR/Sarah-Maria Köpf

Mittlerweile ist Patrick Siegel breit aufgestellt und streut sein Geld auf verschiedene Finanzprodukte. Er investiert aktuell in drei ETFs. Über seinen Arbeitgeber erhält er zusätzlich Leistungen für die Rente. Er kauft physisches Gold und besitzt Kryptowährung. Seit 2018 gehört ihm zusammen mit seiner Frau eine Eigentumswohnung in Halle. Diese Bandbreite gebe ihm Sicherheit und lasse ihn positiv in die Zukunft blicken. "Ich habe keine Angst vor einer Rezession in Richtung Rentenalter. Wenn irgendwas mal wegbrechen sollte, gibt es noch andere Sachen, die uns auffangen."

Was sind ETFs? ETFs (Exchange Traded Funds) sind börsengehandelte Fonds, die einen bestehenden Aktienindex nachbilden – wie etwa den Deutschen Aktienindex DAX. Der Anleger investiert mit Aktienfonds sein Geld breit gestreut in eine Vielzahl von Unternehmen.

Mit dem Geld, das er anlegt, will er nicht nur für seine eigene Rente vorsorgen, sondern auch seine beiden Kinder absichern. Seit anderthalb Jahren ist Patrick Siegel Vater von Zwillingen. Auch seine Frau investiert mittlerweile und ist seine Ansprechpartnerin Nummer eins, wenn er ein offenes Ohr braucht. Mit seinen Eltern redet er dagegen kaum über den Aktienmarkt. "Ich bin der Erste, der da in der Familie ein wenig heraussticht", sagt er.

Geld anlegen – Tipps in Facebook-Gruppen

So wie ihm geht es vielen Nachwendekindern. Besonders in Ostdeutschland ist die junge Generation die Erste, die nennenswert Geld sparen und investieren kann. Die Generationen Y und Z gelten allgemein als aktienaffiner und risikobereiter als ihre Eltern. Gleichzeitig haben sie einen guten Überblick über ihre Finanzen. Das zeigt die Jugendstudie 2022 der Metallrente.

EIn laptop steht auf einem Tisch. Auf dem Bildschirm sind Aktienkurse zu sehen.
Patrick Siegel prüft seine Finanzen und die Aktienkurse mehrmals täglich. Bildrechte: MDR/Sarah-Maria Köpf

Auch Patrick Siegel checkt sein Depot mehrmals täglich, seine Sparprozesse hat er mittlerweile automatisiert. "Meine ETFs, die für die Rente vorgesehen sind, werden permanent bespart. Ist der Kurs 10 bis 15 Prozent vom Allzeithoch weg, erhöhe ich die Summe, kaufe im Monat dann aber weniger Einzelaktien." Und auch sonst ist er immer mit den Gedanken bei seinen Finanzen. "Wenn ich auf Arbeit bin, passt meine Pause ziemlich gut zur Eröffnung des Dax", erzählt er. Dann schaue er, was die Märkte machen. Auch in Facebook-Gruppen informiere er sich.

Man muss damit klarkommen, dass man aufgeregt ist, vielleicht nicht schlafen kann. Wer das nicht kann, für den sind Aktien und ETFs vielleicht nichts.

Patrick Siegel, Junganleger aus Halle

Als Investor schätzt Patrick Siegel sich als gelassen ein. Er versuche seine Emotionen rauszunehmen. Etwas, das er jedoch erst lernen musste. "Solange ich nicht verkaufe, ist das kein Verlust. Aber man muss damit klarkommen, dass man aufgeregt ist, vielleicht nicht schlafen kann. Wer das nicht kann, für den sind Aktien und ETFs vielleicht nichts", stellt er klar.

Kryptowährung und Co: Geld langfristig beiseite legen

Dass die Finanzwelt genau ihr Ding ist, hat Tabea Brandt schon früh gemerkt. Bereits 2015, zu Beginn ihres Bachelorstudiums, fängt sie an, kleine Beträge in ETFs und Aktien zu investieren. Ab und zu auch in Kryptowährung. Damals waren Informationen im Netz noch schwerer zu finden und sie mit ihrem Interesse für den Markt allein. Das hat sich geändert: "Meine engsten Freunde und Familie sind gut informiert. Mittlerweile investieren alle in meinem Umfeld", erzählt die 27-Jährige. Von Zuhause habe sie bereits früh mitgegeben bekommen, dass man sich um sein Geld kümmern muss. Ihre Eltern investierten früher auch schon über den klassischen Weg in der Bank. "Heute machen sie es so wie ich, weil ich ihnen gezeigt habe, wie es geht."

Tabea Brandt, eine junge Frau mit blonden Haaren und Brille, schaut in die Kamera
Tabea Brandt investiert schon seit sieben Jahren. Bildrechte: Tabea Brandt

Tabea Brandt arbeitet aktuell in einer Wirtschaftsprüfungskanzlei. Beim Investieren habe sie das Thema Altersvorsorge noch nicht im Blick. "Damit beschäftige ich mich, wenn ich 30 bin", sagt sie. Stattdessen will sie sich zunächst eine Grundlage für einen Wohnungskauf legen. Dafür zweigt die Magdeburgerin regelmäßig Geld von ihrem Lohn ab: "Immer, wenn mein Gehalt überwiesen wird, geht ein bestimmter Betrag in mein Wertpapierdepot. Und irgendwann im Laufe des Monats investieren meine Sparpläne dann automatisch. Ich kümmere mich da schon seit Jahren nicht mehr selbst drum."

Aktien sind nicht mehr nur Männersache

Lange waren die Börse und der Aktienmarkt Männersache. Das ändere sich gerade zum Glück, meint Tabea Brandt. Trotzdem sorgen junge Frauen noch immer zu wenig für ihr Alter vor, zeigt die Jugendstudie 2022. Nur 29 Prozent legen demnach Geld für die Rente zurück. Social Media-Accounts und Blogs, die sich explizit an Frauen richten, wollen das ändern und Finanzthemen für die weibliche Zielgruppe ansprechender machen. Mit "Aktien für Frauen" gestaltet Jenny Dressel genau so ein Angebot. Auf Instagram folgen ihr 39.000 Menschen. Die 32-Jährige stammt aus Eisleben, lebt mittlerweile in Leipzig.

Jenny Dressel, eine junge Frau mit blonden Haaren, schaut in die Kamera
Jenny Dressel gibt als Bloggerin Tipps, wie Frauen ihr Geld investieren können. Bildrechte: Jenny Dressel

Dass Frauen immer noch weniger investieren als Männer, hat ihrer Meinung nach vor allem historische Gründe. "Vor 100 Jahren durften Frauen in Deutschland nicht mal ein eigenes Bankkonto haben und mussten ihren Vater oder Mann um Erlaubnis bitten, wenn sie Geld verdienen wollten. Wie soll sich da eine positive Verbindung zu Geld entwickeln? 100 Jahre klingt viel, ist es aber nicht", so Dressel.

Mit dem Thema Finanzen beschäftigt sie sich das erste Mal vor sechs Jahren, als sie den Schritt in die Selbstständigkeit wagte. "Da man als Selbstständige nicht länger automatisch in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlt, war ich gezwungen, mich um meine Altersvorsorge zu kümmern", erzählt sie. Heute bezeichnet sie das als Glücksfall, denn sie habe die Jahre zuvor immer geglaubt, dass ihre Rente später locker reichen würde. Ein böser Trugschluss, wie sie jetzt meint.

Unabhängigkeit beim Geldmanagement

Deswegen investiert sie in verschiedene Anlageprodukte, die sie alle selber aussucht und betreut. Dazu gehören Aktien und ETFs, aber auch alternative Investmentklassen wie Metalle oder Kryptowährungen. "Mir ist es wichtig, dass ich alles selber managen kann, ohne mich auf eine fremde Person wie einen Finanzberater verlassen zu müssen", sagt sie. Ein Trend, der sich auch in einem Report des Zahlungsdienstleisters Klarna zeigt. Demnach nutzten junge Menschen vor allem digitale Angebote, um ihre Finanzen zu kontrollieren. Mit dem klassischen Gang zur Bank scheint es in der Nachwendegeneration erst einmal vorbei zu sein.

Mir ist es wichtig, dass ich alles selber managen kann, ohne mich auf eine fremde Person wie einen Finanzberater verlassen zu müssen.

Jenny Dressel, Finanzbloggerin

Für Jenny Dressel ist neben der breiten Streuung ihrer Finanzen besonders wichtig, dass ihre Investitionen ihr jetzt schon Geld bescheren. "Das realisiere ich zum Beispiel durch Dividendenaktien. Das sind Aktien von Unternehmen, die ihre jährlichen Gewinne zum Teil an die Aktionäre ausschütten. Somit erhalten wir bereits jetzt ein kleines Taschengeld, was uns frei zur Verfügung steht und stetig wächst", erzählt sie.

Juniordepot für den Nachwuchs

Auch Patrick Siegel aus Halle hofft, dass seine kleine Tochter ihm nacheifert und später ebenfalls investieren wird. Bis sie und ihr Zwillingsbruder dafür alt genug sind, legt er mit seiner Frau Geld in einem Juniordepot an. Die Dividende können sie dann, wenn sie alt genug sind, auch auf den Kopf hauen, wie es ihnen gefällt, scherzt er.

Mehr zum Thema: Finanzen

MDR (Sarah-Maria Köpf, Michaela Reith, Georg Hoelting)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 04. Dezember 2022 | 19:00 Uhr

34 Kommentare

THOMAS H vor 7 Wochen

Gerd Mueller: Das viele Rentner weniger als, das von Ihnen erwähnte Bürgergeld und Warmmiete bekommen, können Sie nicht den Leistungsempfängern anhängen.

Die 40.000 € Schonvermögen sind nach meinen Informationen, in der Karenzzeit (1 Jahr) gültig. Wie hoch das Schonvermögen danach ist, ist mir noch nicht endgültig (es sollen 15.000 € sein) bekannt. Wenn das so ist und jemand nach einem Jahr mehr als diese 15.000 € hat, muss der Überschuss für die Lebensführung verbraucht werden. Desweiteren muss das Schonvermögen bei Antragstellung vorhanden sein. Alles andere, in Bezug "Geld vermehren", wird dann als Einkommen angerechnet und verringert somit den Leistungsbezug.

Es ist wirklich nicht nachvollziehbar, das immer wieder, solche falschen Behauptungen, wie die von Ihnen gemachte in der Öffentlichkeit erscheinen können. Dieser Satz, geht auch an das MDR-Team, da es m. M. n. eine Stigmatisierung der Leistungsempfänger darstellt.

Gerd Mueller vor 7 Wochen

502 EUR monatlichem Bürgergeld plus Warmmiete ist mehr als viele Rentner:innen von Post als NettoRente überwiesen bekommen. Dazu Die 40.000 EUR Schonvermögen zum Investieren in Börsenwerte, WUMS ...
kluge bleiben dahom und lassen Geld vermehren.

Gerd Mueller vor 7 Wochen

Leider zahlten im Osten nur staatliche Arbeitgeber im öffetlichen Dienst, VWL aber nicht die Mittelständischen an Handwerker, von Betriebsrenten wie in alten Ländern ganz zu schweigen.
Aktienrente scheint Bewegung in verkrustete Strukturen zu bringen. Riester in Aktien hatte auch schon Absicherung das nicht weniger rauskam als eingezahlt wurde.

Mehr aus Sachsen-Anhalt