Experte zu Finanzen der Nachwendegeneration Altersvorsorge: "Das Geld auf dem Konto ist am schlechtesten geschützt"

04. Dezember 2022, 17:31 Uhr

Die Nachwendegenerationen sind in Ostdeutschland diejenigen, die das erste Mal wirklich Geld investieren, zurücklegen und erben können. Und schon jetzt zeigt sich: Junge Menschen in ihren 20ern und 30ern beschäftigen sich oft intensiv mit ihren Finanzen. Sie sind weitaus aktienaffiner und risikofreudiger als die Älteren. Ein Bankexperte erklärt, was die junge Generation in Sachen Geld und Investitionen anders macht als ihre Eltern.

Eine junge Frau lächelt in die Kamera
Bildrechte: Sarah-Maria Köpf

Mehr als 30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung nähern sich Ost und West in Sachen Finanzen nur langsam an. Für Investitionen gilt das umso mehr. Während in den alten Bundesländern rund 19 Prozent ihr Geld in Aktien anlegen, sind es in den neuen Bundesländern nur rund 11 Prozent. Das geht aus aktuellen Zahlen des Deutschen Aktieninstituts hervor. Sachsen-Anhalt liegt mit 7,8 Prozent auf dem vorletzten Platz. Doch es deutet sich an, dass sich diese Differenz in den kommenden Jahren verkleinern könnte. Bei der Generation unter 40 ist der Ost-West-Unterschied bereits jetzt nur noch minimal vorhanden.

Angst vor Altersarmut steigt

Denn junge Menschen scheinen sich mit ihren Finanzen gut auszukennen. Zu diesem Ergebnis kommt auch die Jugendstudie 2022 der Metallrente. Anders sieht es allerdings in Sachen Altersvorsorge aus. Nur etwa ein Drittel fühlt sich bei diesem Thema gut informiert. Die Angst vor Altersarmut ist groß. 90 Prozent sind deshalb der Meinung, privat für die Rente vorsorgen zu müssen, da die gesetzliche Rentenversicherung allem Anschein nach nicht ausreichen werde.

Dass sich die Nachwendegeneration deshalb besonders für Aktien und Geldanlagen interessiert, scheint nicht verwunderlich. In der sogenannten Generation Z, also bei den 18- bis 24-Jährigen, investieren bereits 28 Prozent ihr Geld, zeigt ein Report des Zahlungsanbieters Klarna. Bei den Millennials, den 25- bis 40-Jährigen, sind es sogar 33 Prozent. Beide Generationen sparen regelmäßiger Geld auf ihren Konten, als es die Älteren tun.

Fonds bei jungen Menschen besonders nachgefragt

Was junge Menschen in Sachen Geld sonst noch anders machen, erklärt Sascha Gläßer, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Halle, im Interview.

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Gläßer, junge Menschen gelten als aktienaffin. Welche Finanzprodukte werden bei Ihnen von der Nachwendegeneration besonders nachgefragt?

Sascha Gläßer: Das Wesentliche, das im Augenblick nachgefragt wird, sind Fonds. Das ist das, was am meisten boomt und was auch richtig ist, wenn wir uns die Inflation ansehen. Wenn man langfristig investiert, macht das mehr Sinn als nur ein Sparbuch oder das Tagesgeld. Das Geld auf dem Konto ist am schlechtesten geschützt. Fondssparpläne erlauben eine weite Streuung und lassen die beste Rendite erwarten.

Die Jüngeren sind eher diejenigen, die weniger nachfragen, die selber spekulieren.

Sascha Gläßer, Vordstandvorsitzender der Volksbank Halle

Die Nachwendegeneration lässt sich in die Millennials und die Generation Z unterteilen. Sehen Sie zwischen diesen beiden Gruppen noch einmal einen Unterschied im Investitionsverhalten?

Das kommt auf das Alter an und in welcher Lebensphase man sich befindet. Wer jetzt schon Anfang 30 ist, interessiert sich eher für das Thema Altersvorsorge, hat schon eine Familie gegründet und denkt dann darüber nach, wie man sich langfristig absichern kann. Diejenigen, die gerade erst anfangen und das erste Gehalt haben, sind auch mal die, die gerne spekulieren, weil sie noch nichts zu verlieren haben.

Ist die jüngere Generation in der Hinsicht auch einfach risikofreudiger geworden?

Über alle Generationen hinweg war die Risikobereitschaft immer relativ gleich. Sie nimmt mit zunehmendem Alter ab, weil man die Altersvorsorge vor Augen hat. Die Generationen, die bereits in Rente sind, scheuen das Risiko am meisten. Die jüngeren Generationen spekulieren auch mal, machen mal was mit einer Kryptowährung. Die ältere Generation hält sich eher davon fern, weil sie sagt: 'Was ich mir über die Jahre aufgebaut habe, das möchte ich behalten.'

ETFs, also börsengehandelte Fonds, werden immer beliebter und haben sich am Markt etabliert. Viele fokussieren sich dabei auch auf Nachhaltigkeit. Ist das nur ein Trend oder doch eine langfristige Entwicklung im Finanzsektor?

Das Thema Nachhaltigkeit ist etwas, das gerade auch in der Nachwendegeneration ein großes Thema geworden ist. Je jünger, desto wichtiger für die Leute. Aber in der Geldanlage fehlt uns da noch der Standard. Wenn man sich die Fonds ansieht, merkt man, dass es eine unterschiedliche Wahrnehmung von Nachhaltigkeit gibt. Der Kunde kommt ins Gespräch und versteht vielleicht etwas ganz anderes von Nachhaltigkeit als das, was im Fondsprospekt drinsteht. Und da gilt es aufzuklären. Wir gehen aber davon aus, dass das Thema Nachhaltigkeit in den nächsten Jahren standardisiert wird und es zukünftig noch einfacher wird, die Interessen miteinander abzugleichen.

Was sind ETFs? ETFs (Exchange Traded Funds) sind börsengehandelte Fonds, die einen bestehenden Aktienindex nachbilden – wie etwa den Deutschen Aktienindex DAX. Der Anleger investiert mit Aktienfonds sein Geld breit gestreut in eine Vielzahl von Unternehmen.

Die Nachwendegeneration ist mit dem Internet groß geworden. Viele investieren sogar direkt per App am Handy. Kommen die jüngeren Menschen heute auch schon besser informiert zu Beratungsgesprächen in die Bank?

Man muss sagen, dass sie schon besser informiert kommen. Deswegen hatten wir im vergangenen Jahr den Boom wegen ETFs. Aber hier ist es auch so: Je komplexer eine Sache wird, umso mehr Beratung braucht man am Ende auch. Grundsätzlich kann man sagen, dass die Jüngeren eher diejenigen sind, die weniger nachfragen, die selber spekulieren. Die Älteren wollen auf Sicherheit setzen. Und mit Älteren meine ich nicht nur die, die kurz vor der Rente stehen, sondern eben auch Familien, junge Familien, Menschen ab Anfang 30.

Geld anlegen: Das ist der richtige Zeitpunkt

In welchem Alter sollte man anfangen, sein Geld anzulegen?

Je jünger, desto besser. Gerade wenn man in Fonds oder in den Aktienmarkt investiert, sollte man zeitig anfangen. Die Eltern sollten das bereits für ihre Kinder tun, sich dort gut beraten lassen und den Cost-Average-Effekt nutzen. Das heißt: Nicht große Beträge mit einem Mal anlegen, sondern Stück für Stück kleine Beiträge in Sparpläne verteilen, damit man bei den Kosten einen Durchschnitt und langfristig eine Rendite hat. Wichtig ist, dass man anfängt zurückzulegen und sich genau überlegt: 'Was habe ich am Ende des Monats übrig?'

Was ist der Cost-Average-Effekt? Cost-Average-Effekt bedeutet übersetzt Durchschnittskosteneffekt. Bei regelmäßiger Anlage gleichbleibender Geldbeträge in einem Sparplan werden bei fallenden Kursen mehr Anteile und bei steigenden Kursen weniger Anteile erworben. Über einen längeren Zeitraum betrachtet, zahlen Anleger und Anlegerinnen im besten Fall einen günstigeren Durchschnittspreis für die Anlage.

MDR (Sarah-Maria Köpf, Michaela Reith, Georg Hoelting)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 04. Dezember 2022 | 19:00 Uhr

8 Kommentare

W.Merseburger am 05.12.2022

Denkschnecke,
Sie bringen hier etwas grundsätzlich durcheinander. Der Artikel oben empfiehlt über Anlagen in Fonds etwas fürs Alter zu tun. Das sind also Alle, die aus erarbeitendem Geld in Aktienanlagen gehen. Dieses Geld wurde also schon einmal versteuert und hat mit Reichtum nichts zu tun. Und nochmals zur Realität: Der fast 100%ige Aktienfonds Von Deka "Deka Fonds" hatte 2007 einen Wert von rund 93 € pro Anteil und liegt heute , 15 Jahre später,um 110 € Pro Anteil. Neben der Ukraine Krise fielen in diese Zeit eine weltweite Finanzmarktkrise und eine EU-Krise. Und wenn Sie auf EU basierte Aktienfonds gehen würden (Ari-Deka als Beispiel) , sehen Sie sehr alt aus. So einfach wird man als Laie über Aktien nicht vermögend.

Denkschnecke am 05.12.2022

Frechheit von diesem Staat, auch auf Einkommen aus Reichtum (Entschuldigung, Kapitalerträge) Steuern zu fordern...
Der "geringe" Freibetrag beträgt immerhin 801€. Bei einem Sparzins von 1% könnte ich ein Guthaben von 80 000€ parken, um das zu erreichen. Ich finde das nicht so wenig.
Wer sein Geld auf seinem Girokonto gelassen hat (wie ich auch einen größeren Teil) hat einen Sparzins von praktisch Null p.a. bekommen. Der DAX dagegen ist in den letzten 5 Jahren - trotz Pandemie, trotz Krieg in Europa - 10% im Wert gestiegen, das macht für einen DAX-ETF genauso eine Rendite von ca. 2% p.a.. Das ist die Realität.

W.Merseburger am 04.12.2022

Die Autorin verteilt in ihrem Beitrag wunderbare Allgemeinplätze. Ebenso hat bisher auch der CDU Chef F. Merz immer argumentiert. Wie ist aber die gegenwärtige Realität? Sofort nach Beginn des Ukrainekrieges sind die auf Aktien basierten Fonds bis auf wenige Ausnahmen im freien Fall um bis zu 35% in den Verlust gegangen. In gleicher verheerender Weise haben Rentenfonds um bis zu 30% an Wert verloren. Mischfonds mit einem Anteil an 25% Aktien und 75% Anleihen schreiben dunkelrote Zahlen. Allein die "Immo-Fonds" blieben bei einer Rendite von 2 bis max 2,5% per anno stabil. Wer sein Geld auf seinem Girokonto gelassen hat, war also nicht der "Dümmste"; im Gegenteil die sog. Strafzinsen sind nicht erhoben worden. Und finanziell abgesichert kann man als Bürger über Fondsanlagen nicht werden, weil der Staat nach Überschreiten des (geringen) Sparerfreibetrages sofort 25% !!! des Gewinnes einstreicht. Ich verfolge seit 2010 monatlich die etwa 25 "beliebtesten Fonds" der Deutschen.

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