Erneuerbare Energien Warum eine Bürgerinitiative bei Naumburg gegen den Ausbau eines Windparks ist

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Bis 2050 soll Deutschlands Strom zu 100 Prozent CO2-neutral sein. Das steht in der Novelle des Erneuerbare-Energie-Gesetzes (EEG), die 2021 in Kraft tritt. Dazu soll zu einem guten Teil auf Wind-Energie gesetzt werden. Doch die Akzeptanz von Windparks sinkt. Warum? Ein Besuch bei der Bürgerinitative "Wind-Wehr" in Prießnitz.

Der Windpark zwischen Prießnitz und Molau im Burgenlandkreis bei Sonnenuntergang
Die Bürgerinitiative Wind-Wehr will nicht, dass dieser Windpark zwischen Prießnitz und Molau ausgebaut wird. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Fast im Halbkreis umringen Windparks den dörflichen Naumburger Ortsteil Prießnitz. Die Einwohnerinnen und Einwohner können Richtung Osten, Süden und Südwesten Windkraftanlagen sehen. Am nächsten dran, etwa einen Kilometer vom Ort entfernt, ist der Windpark südlich von Prießnitz. Er liegt in der Gemeinde Naumburg und Molauer Land. 37 Windräder gehören zum Windpark, das größte hat eine Nabenhöhe – die Stelle, wo die Rotorblätter befestigt sind – von etwa 115 Metern.

Die ältesten Anlagen des Windparks stehen seit 2002 auf Flächen, die zur Gemeinde Molauer Land gehören. Gemeinderatsmitglied Bodo Zier sagt, dass es Pläne gebe, 18 alte Windräder dort abzubauen und durch elf neue zu ersetzen. So ein Austausch von Windrädern nennt sich Repowering. Die neuen Anlagen sollen deutlich leistungsstärker sein – und 233 Meter hoch, also etwa doppelt so hoch wie die jetzigen. Das solle ab 2022 passieren, wenn für die alten Windräder die 20-jährige Förderperiode nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz ende, sagt Zier. Der Gemeinderat habe die Abstimmung über das Vorhaben ins neue Jahr vertagt. Die Gemeinde wolle einen Bebauungsplan für das Windpark-Gebiet erarbeiten, das könne mehrere Jahre dauern. Im Bebauungsplan solle die Höhe der Windräder auf ein Höchstmaß beschränkt werden.

Auch auf dem Teil des Windparks, der in der Gemeinde Naumburg liegt, gab es schon 2019 ein ähnliches Vorhaben. Dort sollte eine 233 Meter hohe Anlage errichtet werden. Dieses Vorhaben sei der Grund für die Gründung der Bürgerinitiative "Wind-Wehr" gewesen, erklärt Initiativen-Sprecher Jörg Schütze MDR SACHSEN-ANHALT. In einem offenen Brief habe sich die Initiative damals auch an den Landrat des Burgenlandkreises gewandt, der für die Genehmigung des Vorhabens zuständig ist.

Warum die Initiative gegen den Windpark-Ausbau ist

Ein Argument der Bürgerinitiative gegen die großen Windkraftanlagen: Die Anlagen seien für Menschen eine Belastung. Denn bei starken Wind seien sie laut, auch nachts. Zudem würden höhere Anlagen gerade in den Wintermonaten lange Schatten werfen, die bis in die Ortschaft Prießnitz fallen könnten.

Für Tiere seien die Windkraftanlagen eine Gefahr, so die Initiative. Fledermäuse und Vögel, darunter auch geschützte Arten wie der Rotmilan, würden durch die Rotorblätter getötet. Schütze berichtet, dass Landwirte unter den Windrädern öfter tote Vögel fänden.

Vogelschutz durch Bird Scan

Um Vögel zu schützen, gibt es beispielsweise das Projekt Bird Scan, das in Sachsen-Anhalt in einem Windpark bei Osterburg im Landkreis Stendal getestet wird. Die Idee: Die Windräder stoppen automatisch für eine kurze Zeit, wenn sich ein Vogel nähert. Zum Test von Bird Scan sollen etwa im Februar 2021 Ergebnisse vorliegen, sagte ein Mitarbeiter des für das Projekt zuständigen Windparkentwicklers FEFA Wind MDR SACHSEN-ANHALT. Dann erst könne gesagt werden, wie gut Bird Scan funktioniere.

Ackerboden-Qualität sinkt durch Windräder

Aus landwirtschaftlicher Sicht gibt es noch ein Argument gegen die Erweiterung des Windparks bei Prießnitz. Denn die geplanten neuen Windkraftanlagen sollen nicht an genau den gleichen Stellen wie die alten gebaut werden. Stattdessen sollen die Windräder dort stehen, wo jetzt  Ackerfläche ist. Die neuen Anlagen stehen auf einem Fundament mit einem Durchmesser von 26 Metern.

Bodo Zier, der auch Geschäftsführer der Agrargesellschaft Prießnitz ist, kritisiert, dass dadurch gute Ackerflächen verloren gingen. Er befürchtet, dass alle 20 Jahre neue Windkraftanlagen gebaut werden – und stets an neuen Stellen. Dadurch würde der Boden nach und nach versiegelt und für Landwirte an Qualität verlieren, erklärt Zier.

Bürgerinitiative ist für Erneuerbare Energien

Ein einzelnes Windrad bei Prießnitz (Naumburg)
Die Bürgerinitiative ist gegen eine Konzentration. Die Windkraftanlagen sollen fairer im ganzen Bundesgebiet verteilt werden. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Initiativen-Sprecher Jörg Schütze betont, dass "Wind-Wehr" nicht gegen Erneuerbare Energien sei. "Wir hängen nicht an der Kohle", sagt er. Auf vielen Dächern im Dorf sind Solaranlagen installiert, auch er hat eine. Schütze geht es um Fairness. So fordert die Bürgerinitiative zum Beispiel, dass Windparks nicht konzentriert in wenigen Bundesländern entstehen, sondern gerechter in ganz Deutschland verteilt werden. Vor allen in Süddeutschland, wo viel Energie gebracht werde, sollten auch höhere Anlagen gebaut werden. Regionale Energieerzeugung hält er für sinnvoller, als Windenergie etwa über die Stromtrasse "SüdOstLink" von Nord- nach Süddeutschland zu leiten.

Schütze kritisiert außerdem die bisherige finanzielle Beteiligung der Kommunen an den Windparks. Die Gewerbesteuern des Windparks würden aufgeteilt – zwischen der Gemeinde, in der die Windkraftanlagen stehen, und der Gemeinde, in der die Betreiberunternehmen ihren Sitz haben. Allerdings würden die neuen Anlagen in den ersten Jahren abgeschrieben, sodass den Standortgemeinden wenig Steuern zufließen würden, so Schütze. Nach 16 Jahren geht die Gewerbesteuer voll an die Betreiber-Gemeinde. Die Gemeinden, in denen die Windparks stehen, gingen dagegen dann leer aus – hätten aber die Belastung für Mensch und Tier. Das müsse sich verbessern, fordert er.

Die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), die 2021 in Kraft tritt, berücksichtigt, dass Windparks mehr und mehr ein Akzeptanz-Problem haben. Die Novelle sieht deshalb eine Abgabe von 0,2 Cent pro durch Windräder produzierter Kilowattstunde an die Standort-Gemeinden vor. Diese Abgabe ist jedoch freiwillig, nicht verpflichtend.

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Maria Hendrischke arbeitet seit Mai 2017 für MDR SACHSEN-ANHALT – in Halle und in Magdeburg. Ihre Schwerpunkte sind Nachrichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts, Politik sowie Erklärstücke und Datenprojekte. Ihre erste Station in Sachsen-Anhalt war Magdeburg, wo sie ihren Journalistik-Bachelor machte. Darauf folgten Auslandssemester in Auckland und Lissabon sowie ein Masterstudium der Kommunikationsforschung mit Schwerpunkt Politik in Erfurt und Austin, Texas. Nach einem Volontariat in einer Online-Redaktion in Berlin ging es schließlich zurück nach Sachsen-Anhalt, dieses Mal aber in die Landeshauptstadt der Herzen – nach Halle. Ihr Lieblingsort in Sachsen-Anhalt sind die Klausberge an der Saale. Aber der Harz ist auch ein Traum, findet sie.

Quelle: MDR/mh

4 Kommentare

Denkschnecke vor 16 Wochen

Das Problem der Energieerzeugung hat im Moment wenig mit dem des Bevölkerungswachstums zu tun, solange ein Bundesbürger ungefährt 12x so viel CO2 generiert wie ein Nigerianer, ganz zu schweigen von weniger entwickelten Staaten Afrikas.
Dann schlagen Sie mal einen sicheren Endlager-Standort in Sachsen-Anhalt vor. Wenn das gelöst ist, können Sie einen guten Teil der grünen Wählerschaft von Ihren Ideen überzeugen, behaupte ich mal.

Eulenspiegel vor 16 Wochen

Hallo C.T.
Sie glauben also immer noch das Märchen vom billigen Atomstrom!
Die Überbevölkerung ist sicher auch ein Problem. Das eigentliche Problem sind aber die fossilen Energieträger und der damit verbundene Ausstoß n riesigen Mengen von zusätzlichen CO2.

C.T. vor 16 Wochen

Ich bin nach wie vor gegen alles was mit Teuerung einhergeht. Warum kein billiger Atomstrom? Die Welt geht so oder so irgendwann vor die Hunde, wenn sich die Spezies Mensch weiter so unkontrolliert vermehrt.

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