Frauen im Landtag Kristin Heiß: "Man kann nicht 100 Prozent Abgeordnete und 100 Prozent Mutter sein"

Marie-Kristin Landes
Bildrechte: MDR/Jacqueline Schulz

Im zweiten Teil unserer Reihe geht es um die Vereinbarkeit von Familie und Mandat. Aus einer Befragung von MDR SACHSEN-ANHALT unter den weiblichen Abgeordneten im Landtag geht hervor: Dies ist auch 2021 noch die höchste Hürde, vor allem für junge Frauen. Eine von ihnen ist die Linkenabgeordnete Kristin Heiß.

Kristin Heiß (Die Linke), Mitglied des Landtages und Sprecherin für Haushaltspolitik und Jugendpolitik, sitzt im Flur des Landtag von Sachsen Anhalt.
Seit 2016 Abgeordnete des Landtages: die Linken-Politikerin Kristin Heiß Bildrechte: dpa

Ihren Sohn begleitet Kristin Heiß so oft es geht zur Schule. Es ist kein weiter Fußweg. Aber 20 Minuten gemeinsame Zeit, die ihr wichtig sind: "Dieser kleine Moment morgens muss auf jeden Fall sein," sagt die 37-Jährige. Nicht immer lässt sich dies mit ihrem Terminkalender vereinbaren. 2016 ist Kristin Heiß für ihre Partei DIE LINKE in den Landtag eingezogen. Damals war ihr Sohn fünf Jahre alt. Seitdem hat sich im Familienleben einiges verändert.

"Das ist kein Teilzeitjob. Man hat sehr sehr viel Arbeit auf dem Tisch und das ist eine Hürde, die viele Frauen nicht nehmen wollen. Ich glaube, dass insgesamt Frauen viel mehr investieren müssen, um diesen Job hier leisten zu können. Das heißt, wenn man Kinder hat, wenn man Kinder will muss man sich gut überlegen: Hab' ich noch Zeit für die Kinder?" Für Abgeordnete gibt es keine Elternzeit wie für alle anderen. Prinzipiell braucht es die auch nicht, denn: Abgeordnete sind nicht verpflichtet, an jeder Landtagssitzung teilzunehmen. Auch müssen sie nicht zwingend bei jeder Abstimmung anwesend sein. Für die Beschlussfähigkeit des Landtags reicht die absolute Mehrheit – derzeit 44 Stimmen.

Über Monate nicht da sein – schwierig

Mütter mit wenigen Monate alten Kinder könnten also einfach zuhause bleiben. Doch wer wieder gewählt werden möchte, kann nicht für Monate aus dem politischen Geschäft verschwinden und gerade bei knappen Mehrheitsverhältnissen und kleinen Fraktionen ist es wichtig, wenn alle "Stimmen" anwesend sind.

Plenarsitzungen, Ausschüsse, Fraktionstermine, Veranstaltungen am Wochenende und, ganz wichtig: Kontakt zu den Wählerinnen und Wählern halten. Zweimal die Woche ist Kristin Heiß in ihren Wahlkreisbüros in Wolmirstedt und Burg – eine 60-Stunden-Woche. Das ist nicht gerade familienfreundlich. Funktionieren kann das nur, wenn es Rückhalt und Unterstützung gibt. Kristin Heiß hat eine Patchworkfamilie. Auch ihr Mann arbeitet Vollzeit. Vor allem in den ersten Mandatsjahren haben die beiden älteren Kinder viel geholfen und natürlich die Großeltern.

Ohne Rückhalt geht es nicht

Ein solches Netzwerk aus helfenden Händen kommt vielen berufstätigen Eltern und vor allem Müttern sicher bekannt vor. Verständnis für ihre Arbeit als Landtagsabgeordnete und die daran geknüpften Herausforderungen erhält Kristin Heiß trotzdem nicht immer: "Naja, es gibt schon so Situationen, wo auch von der eigenen Mutter oder Schwiegermutter Kommentare kommen: 'Du wirst hier nicht die Welt retten, mach' mal ein bisschen ruhiger. Warum bist du nicht da und da dabei?' Da ist natürlich die Vorstellung davon, wie Frauen da sein sollten, auch in der Familie eine andere." Auch ihre Schwiegermutter und Mutter hätten viel gearbeitet, "trotzdem ist das glaube ich dann noch mal anders, wenn die eigene Tochter das macht".

Bei fast keinem Elternabend und fast keiner Schulveranstaltung konnte sie dabei sein. "Weil es um die Uhrzeit 17, 18 Uhr für mich oft nicht möglich ist", erzählt Kristin Heiß. "Das sind Opfer, die wir alle bringen müssen – Männer wie Frauen." Und trotzdem habe sie in den vergangenen fünf Jahren oft ein schlechtes Gewissen gehabt: "Mein Sohn beschwert sich natürlich: Mama, wann kommst du denn zurück? Man kann nicht beides 100 Prozent machen. Ich kann nicht 100 Prozent Mama und 100 Prozent Landtagsabgeordnete sein. Man muss immer gucken, eine Balance zu halten, man muss auch aufpassen, dass man sich dabei nicht kaputt macht."

Ein Konflikt, den auch andere Frauen im Landtag austragen müssen. MDR SACHSEN-ANHALT hat dazu alle 19 weiblichen Abgeordneten befragt. Zwölf haben geantwortet, unter ihnen keine von CDU und AfD. "Das politische Engagement erfordert Zeit und man muss zumeist persönlich zurückstecken. Dies muss man wissen und mit sich vereinbaren können", schreibt Christina Buchheim, DIE LINKE. Ähnliches berichtet die SPD-Fraktionsvorsitzende Katja Pähle: "Man muss, gerade wenn man eine Familie hat, das schlechte Gewissen ablegen können. Politische Ämter und Mandate sind nicht familienfreundlich, und deshalb muss man manchmal Entscheidungen treffen, die man lieber nicht treffen würde."

Vereinbarkeit von Familie und Mandat ist die größte Hürde

Die Frauen, die den Fragebogen beantwortet haben, nennen die Vereinbarkeit von Familie und Mandat als größte Hürde für den Weg in die Landespolitik. "Na klar weiß man auch von Männern, die alleinerziehend sind. Aber es ist kein Thema und ich habe das Gefühl, es ist deswegen kein Thema, weil es für sie keine Belastung darstellt", sagt Kristin Heiß. "Ich höre von wenigen Männern, dass sie jetzt los müssen, weil sie noch was mit dem Kind machen müssen."

Hinter der Recherche

Warum sitzen im Landtag von Sachsen-Anhalt so wenige Frauen? Und wie kann sich das nach der Landtagswahl am 6. Juni ändern? Das waren die Ausgangsfragen dieser Recherche, die sich ein Team von MDR SACHSEN-ANHALT im vorigen Herbst gestellt hat. Noch im Jahr 2020 fragte das Team alle weiblichen Abgeordneten im Magdeburger Parlament an, zu ihrer politischen Sozialisation, Hürden für Frauen in der Politik und der Gleichberechtigung im Landtag. Befragt wurden außerdem Wissenschaftlerinnen und Expertinnen.

Herausgekommen ist ein sechsteiliger Schwerpunkt, den MDR SACHSEN-ANHALT bis kommenden Freitag täglich präsentiert.

Trotz sich verändernder Rollenbilder tragen Frauen in Familien immer noch die größte Sorgearbeit, das schreibt auch der Politikwissenschaftler Benjamin Höhne in seinem Aufsatz "Frauen in Parteien und Parlamenten" aus dem vergangenen Jahr. Seine Forschungskollegin Corinna Kröber bestätigt das: "Die politikwissenschaftliche Forschung weltweit zeigt, dass Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die gläserne Decke oder Geschlechterstereotypen, denen zufolge Frauen schlechter Politik machen, auch im Jahr 2021 nicht vom Tisch, sondern reale Probleme für Frauen sind." Wer ein Landtags- oder sogar Bundestagsmandat will, fängt meist im Kommunalen an. Das gilt für Männer wie Frauen. Aber: Hocharbeiten braucht Zeit. Zeit, die vor allem berufstätigen Frauen mit kleinen Kindern oft fehlt.

Fahnen wehen vor dem Landtag in Magdeburg 10 min
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MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir So 07.03.2021 17:00Uhr 10:02 min

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Präsenz zu zeigen frisst Zeit

"Die größten Hürden, in den Landtag zu kommen, sind erst mal bei den Fraktionen selbst oder den Parteien selbst an der Basisebene", sagt Kristin Heiß. "Das heißt: Man muss abends zu Basis-Organisationstreffen gehen, zu Stammtischen." Präsenz zeigen sei besonders wichtig. "Man muss zeigen, dass man da ist, dass man einen Namen hat und dass man Fähigkeiten hat, die man im Landtag braucht."

Hintergründe und Aktuelles zur Landtagswahl – unser multimediales Update

In unserem Update zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt geben unsere Redakteure einen Überblick über die wichtigsten politischen Entwicklungen – und ordnen sie ein.

#LTWLSA – das multimediale Update zur Landtagswahl – immer freitags per Mail in Ihrem Postfach. Hier können Sie das Update abonnieren.

Im dritten Teil der Reihe über Frauen im Landtag wird MDR SACHSEN-ANHALT am Dienstag berichten, in welchen Wahlkreisen die großen Parteien Direktkandidatinnen ins Rennen schicken.

Marie-Kristin Landes
Bildrechte: MDR/Jacqueline Schulz

Über die Autorin Marie-Kristin Landes ist in Dessau-Roßlau geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur zog es sie für ein Politikstudium erst nach Dresden, dann für den Master Journalistik nach Leipzig. Praktische Erfahrungen sammelte sie bei der Sächsischen Zeitung, dem ZDF-Auslandsstudio Wien und als freie Mitarbeiterin für das Onlineradio detektor.fm. Nach ihrem Volontariat beim Mitteldeutschen Rundfunk arbeitet sie jetzt vor allem für MDR Kultur und das Landesfunkhaus Sachsen-Anhalt. Wenn sie nicht gerade für den MDR unterwegs ist, ist sie am liebsten einfach draußen. Zwischen Meer oder Berge kann sie sich dabei genauso wenig wie zwischen Hund oder Katze entscheiden.

MDR/Marie-Kristin Landes

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 07. März 2021 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

ralf meier vor 5 Wochen

Familien, in denen Mann und Frau Vollzeit arbeiten , sind im besten Deutschland, das wir je hatten, schon aus finanziellen Gründen oft alternativlos. Die Älteren unter uns können sich noch erinnern: das war nicht immer so. Auch die Patchworkfamilie als Ergebnis vorhergehender Trennungen mit oft traumatischen Erlebnissen für die betroffenen Kinder hatte früher nicht den Stellenwert, den ihr politisch korrekte Menschen gemäß der Parole 'Familie ist, wo Menschen zusammen leben, im besten Deutschland das wir je hatten mittlerweile zubilligen.

Mir scheint, das nicht alles im besten Deutschland, das wir je hatten , wirklich besser geworden ist. Man kann das gegenüber jungen Menschen gar nicht oft genug wiederholen. Sonst gewöhnen die sich noch an das beste Deutschland, das wir je hatten oder betrachten es zumindest resigniert als alternativlos.

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