Hauchdünne Siege und Kontraste im Wahlverhalten Das zeigen die Ergebnisse der Landtagswahl auf den zweiten Blick

Ein junger Mann blickt in die Kamera.
Bildrechte: MDR/David Muschenich

Die CDU hat die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt klar gewonnen. Aber ein zweiter Blick auf die Wahlergebnisse macht deutlich: In einigen Wahlkreisen und -bezirken war es gar nicht so klar. Ein Vergleich zwischen Brief- und Urnenwahl offenbart zudem sehr unterschiedliches Wahlverhalten. Von hauchdünnen Siegen und einer Stadt der politischen Kontraste – eine Detail-Analyse der Wahlergebnisse.

Wahlhelfer und Wahlhelferinnen öffnen im Klassenzimmer einer Schule in Magdeburg die Umschläge der Briefwahl. Diese liegen stapelweise nach Farben sortiert vor ihnen auf dem Tisch.
Fast jede dritte Stimme, mehr als 29 Prozent, haben Wählerinnen und Wähler in Briefen abgegeben – und sie stimmten anders als die Urnengänger. Bildrechte: dpa

Bei manchen Direktkandidierenden der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt war der Sieg am Wahlabend sehr deutlich. Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) zum Beispiel bekam in seinem Wahlkreis Wittenberg rund 37 Prozent mehr Stimmen als der Zweitplatzierte. Doch bei anderen Direktmandaten war das Ergebnis alles andere als klar.

Direktmandat in Zeitz: hauchdünner Sieg für AfD

Nach der Wahl zeigt die Direktmandat-Karte von Sachsen-Anhalt vor allem schwarz – die Farbe der CDU. Nur ein Wahlkreis ging nicht an die konservative Partei, die seit 2002 den Ministerpräsidenten stellt. Ganz im Süden von Sachsen-Anhalt, in Zeitz, erhielt der AfD-Kandidat Lothar Waehler die meisten Stimmen. Waehler trat zum ersten Mal als Direktkandidat an und gewann mit 27,1 Prozent das Direktmandat für die vom Verfassungsschutz beobachtete AfD.

Das Ergebnis in Zeitz war so knapp wie in keinem anderen Wahlkreis: Waehler hat mit einem Prozent genau 235 Stimmen mehr bekommen als der dahinterliegende Arnd Czapek (CDU), der nicht in den Landtag einzieht.

Freie-Wähler-Kandidat holte 25 Prozent

Ähnlich knapp lief es im nördlichsten der Wahlkreise von Sachsen-Anhalt, in Havelberg-Osterburg. Dort aber mit dem glücklicheren Ende für die Union. CDU-Kandidat Chris Schulenburg lag am Ende nur 1,6 Prozent – 354 Stimmen – vor dem Zweitplatzierten Nico Schulz.

Doch Schulz, aktuell Bürgermeister von Osterburg, trat nicht für die AfD, Linke, SPD, FDP oder die Grünen an – sondern für die Freien Wähler. Die holten in ganz Sachsen-Anhalt 3,1 Prozent, Schulz dagegen 25 Prozent. Im Januar 2020 wechselte er von der CDU zu den Freien Wählern – fast hätte er seiner alten Partei ein Direktmandat abgenommen. Trotzdem reichte es auch für ihn nicht. Er bekommt keinen Sitz im Landtag.

Wahlkreis Halle III: CDU knapp vor den Grünen

Eng war das Ergebnis bei der Landtagswahl auch für Kerstin Godenrath (CDU) im Wahlkreis Halle III – der Wahlkreis mit der höchsten Wahlbeteiligung in Sachsen-Anhalt. Für sie stimmten 23 Prozent, für den zweitplatzierten Wolfgang Aldag (Die Grünen) 21,2 Prozent. Zwischen ihnen lagen 608 Stimmen. Aldag zieht aber dank Listenplatz 6 und der Ausgleichsmandate trotzdem in den Landtag ein.

Für Sachsen-Anhalt sind 21,2 Prozent für die Grünen ein sehr hohes Ergebnis. Offenbar konnte die Partei nicht vom Umfragehoch der Bundespartei profitieren. Nur in Halle konnten sie in mehreren Wahlbezirken die meisten Stimmen holen.

Briefwahl-Anteil: Mehr als jede vierte Stimme per Post

Die Wahlbezirke liegen eine Ebene unter den Wahlkreisen. Sie zu gewinnen, bringt der Partei keinen direkten Vorteil. Sie sind so geschnitten, dass nicht mehr als 2.500 Wahlberechtigte in einem Wahlbezirk die Stimme abgeben können. In Sachsen-Anhalt gab es bei der Landtagswahl 2.628 Bezirke.

In 2.199 konnten die Wahlberechtigen am Sonntag ihre Stimme direkt abgeben, die restlichen 429 waren ausschließlich für die Briefwahl zuständig. Sie hatten einiges zu zählen. Noch nie haben so viele Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt per Brief gewählt. Fast jede dritte Stimme, mehr als 29 Prozent, war eine Briefwahl-Stimme.

Und: Die Briefwählerinnen und -wähler stimmten anders als die Urnengänger. Alle Parteien, bis auf die AfD, holten bei den Briefwählenden höhere Stimmanteile. Während an der Urne jede vierte Stimme an die AfD ging, war es nur jede neunte Briefwahl-Stimme. Ganz im Gegensatz dazu die Tendenz bei den Grünen: An der Urne hat die Partei nicht einmal 5 Prozent bekommen, wohingegen 9 Prozent der Briefstimmen für die Grünen waren. Auch CDU, Linke, SPD und FDP haben bei der Briefwahl besser abgeschnitten als in den Wahllokalen.

Höchste und niedrigste Wahlbeteiligung auf Wahlbezirk-Ebene

Mit Blick auf die Urnenwahl lassen sich aber noch weitere große Unterschiede finden: Lag die Wahlbeteiligung auf Wahlkreis-Ebene im Wahlkreis Halle III mit mehr als 72 Prozent am höchsten, gibt es einen Wahlbezirk in Sachsen-Anhalt, in dem sogar 90 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgaben: Wenddorf, ein Ortsteil von Angern in der Börde.

Die geringste Wahlbeteiligung hatte der Wahlbezirk Beratungsstelle Gesundheitsamt in Halle. Hier stimmten lediglich 19 Prozent der Wahlberechtigten ab.

Die stärksten Wahlbezirke der Parteien

Außerdem zeigen sich auf der Ebene der Wahlbezirke neue Hochburgen: Zum Beispiel ging der Wahlbezirk Küsel bei Möckern im Jerichower Land an die Linke. Dort holte sie mit 25 Prozent zwar ihr höchstes Ergebnis, konnte die AfD aber trotzdem nicht überbieten.

Und quasi direkt nebenan holte die AfD ihr stärkstes Ergebnis: 56,6 Prozent haben sie in Stresow gewählt, etwa fünf Kilometer nördlich von Küsel.

Die SPD bekam den stärksten Rückhalt in Wülperode, ganz im Westen des Wahlkreises Blankenburg (Harz). Dort holte die SPD mit 24,8 Prozent ihr stärkstes Ergebnis. Die CDU bekam im Bezirk Wittenberg Grabo mit 65,2 Prozent den größten Anteil aller Stimmen. In einem Ortsteil von Tangerhütte, Schönewalde, bekam die FDP ihren höchsten Stimmenanteil: 26,3 Prozent.

So unterschiedlich haben die Stadtteile in Halle gewählt

Die anteilsmäßig meisten Stimmen bekamen die Grünen mit rund 32 Prozent im Bezirk Landesverwaltungsamt in Halle, wo sie auch auf Wahlkreisebene den meisten Erfolg hatten. Aber Halle erscheint bei der Wahl als Stadt der Gegensätze: Nur eine zehnminütige Fahrt entfernt liegt der Wahlbezirk Sprachheilschule Halle, in dem die Grünen keine einzige Stimme bekommen haben.

Halle ist für die Wahl in 126 Urnenwahlbezirke aufgeteilt worden. In 98 davon hat die CDU von allen Parteien die meisten Stimmen bekommen, die Grünen in 15 und die AfD in 12. Die 15 Bezirke der Grünen liegen alle im Wahlkreis Halle III. Die AfD wurde hingegen in den Wahlkreisen Halle I und Halle IV besonders oft gewählt.

Die Grünen bekamen bei der Landtagswahl außerhalb Halles sonst nur in einem weiteren Wahlbezirk in Magdeburg die meisten Stimmen. Der AfD gelang das hingegen in 253 weiteren Bezirken. Zudem zog sie in 16 weiteren mit der CDU gleich. Die CDU wiederum hat in 1.901 Wahlbezirken die meisten Stimmen unter den Parteien bekommen. Die SPD erhielt in einem Wahlbezirk den höchsten Stimmenanteil, Linke und FDP schafften es hingegen in keinem der Urnenwahlbezirke, die anderen Parteien hinter sich zu lassen.

Ergebnisse Wahlkreise und Gemeinden

Grafik zur Landtagswahl 2021, Gemeindeergebnisse
Mindestens 83 Abgeordnete ziehen nach der Wahl am 6. Juni 2021 in den achten Landtag in Sachsen-Anhalt ein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Quelle: MDR/ David Muschenich

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 06. Juni 2021 | 18:00 Uhr

13 Kommentare

W.Merseburger vor 6 Wochen

Leipzig,
bleiben Sie doch einfach sachlich und vergleichen beide Wahldaten, Urne und Briefwahl, miteiander. Nach der Briefwahl wäre für die CDU ein Zweierbündnis mit der SPD oder auch mit den Grünen problemlos möglich, um eine stabile Mehrheit zu haben. Mit der FDP würde es wahrscheinelich geradeso gehen. Nach dem Ergebnis aus den "Urnen" gibt es wohl kein stabiles Regieren mit einem Zweierbündnis. Es gibt also signifikante Unterschiede im Wahlverhalten zwischen Urne (etwa 75% der Wähler) und der Briefwahl (etwa 25% der Wähler). Während die 4 kleinen Parteien aus der Urne gerundet 29% der Stimmen erhielten, waren es bei den Briefen gerundet stolze 39%.

Der Matthias vor 6 Wochen

@ Erichs Rache

"Die Geronten-Wähler von Grünen, CDU, Linke, SPD und FDP, die die Briefwahl präferieren sind schlichtweg nicht mehr gut zu Fuß."

Eine Unverschämtheit diese pauschale Unterstellung! Ich selbst mache auch schon seit Jahren Briefwahl und bin keineswegs schon im Rentenalter. Und ich kenne viele Jüngere, die, wie ich, auch Briefwahl bevorzugen, weil es schlicht bequem ist und man sich im Vorfeld der Wahl viel intensiver über die auf dem Wahlzetteln stehenden Parteien bzw. deren Wahlprogramme und Kandidaten informieren kann. Ich kann nur verwundert darüber den Kopf schütteln, dass die MDR-Redaktion Ihre hanebüchene, krude Behauptung anstandslos die Netiquette-Bedingungen hat passieren lassen!

Der Matthias vor 6 Wochen

@ J Mueller

"Von dem Beginn der Briefwahlabgabe bis zum Urnengang können schon einige Tage dazwischenliegen."

Dann geben Sie eben Ihre Stimme in persona im Wahlbüro ab! Wo ist das Problem? Ich empfinde die Briefwahl, die es in Deutschland übrigens bereits seit der Bundestagswahl 1957 gibt, als gute Ergänzung zur klassischen Urnenwahl. Jeder wählende Bürger kann selber entscheiden, wie er seine Stimme abgibt. Zudem trägt die Möglichkeit der bequemen Briefwahl zu einer höheren Wahlbeteiligung bei. Sonst wird doch auch immer so gerne gemeckert, dass zu wenige Menschen von ihrem Wahlrecht gebrauch machen, weil sie sich nicht einmal die Mühe machen wollen, ein Wahllokal aufzusuchen. Für diese Leute ist die Briefwahl eine gute Alternative. Auch für Menschen, die alters- oder krankheitsbedingt nicht mehr so mobil sind. Ich persönlich finde diese Kombination aus Urnen- und Briefwahl klasse!

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