Nach der Wahl in Halle Warum die Wahlkreise mit der höchsten und der niedrigsten Wahlbeteiligung direkt nebeneinanderliegen

Nirgendwo war die Wahlbeteiligung bei der Landtagswahl so niedrig wie im Wahlkreis Halle I. Und nirgendwo war sie so hoch wie im Wahlkreis Halle III. Die beiden Bezirke trennen nur wenige Kilometer. Und doch liegen dazwischen Welten.

Frau mit Kind neben einer Kirche und einem Hochhaus.
In Halle macht es einen großen Unterschied, in welchem Stadtteil man aufwächst. Die unterschiedlichen Lebensbedingungen spiegeln sich auch in der Wahlbeteiligung. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

An der Landtagswahl am Sonntag haben sich 60,3 Prozent der Wahlberechtigten im Land beteiligt. Das ist ein Wert, der vergleichbar ist mit der Landtagswahl von 2016. Damals waren es 61,1 Prozent. In den einzelnen Wahlkreisen gab es natürlich auch dieses Mal erhebliche Unterschiede. Das Kuriose: Die niedrigste Wahlbeteiligung lässt sich genauso in Halle finden wie die höchste.

Im Wahlkreis Halle I, der die Stadteile Neustadt, Nietleben, Dölau und Lettin sowie Heide-Nord umfasst, war die Beteiligung landesweit am niedrigsten. Entscheidend dabei waren die wenigen Stimmen aus Neustadt, wo weniger als 50 Prozent der Wahlberechtigten abstimmten. Weil die Stadtteile Nietleben und Dölau deutlich kleiner sind, fielen ihre hohen Beteiligungswerte von 76 bzw. 78 Prozent kaum ins Gewicht. Insgesamt gaben gerade einmal 52,4 der im Wahlkreis Halle I Wohnenden am Sonntag ihre Stimme ab.

Ganz anders sah es im Wahlbezirk Halle III aus. Das Gebiet, dass die Altstadt, das Paulusviertel und die meisten nördlichen Stadtteile umfasst, kam auf eine Wahlbeteiligung von 72,6 Prozent.

Die beiden Wahlkreise liegen nur wenige Kilometer auseinander. Doch selbst innerhalb einer Stadt trennen sie Welten.

Klimaschutz ist eine große Sache im Paulusviertel

Blick auf die Pauluskirche in Halle mit viel Grün.
Die Pauluskirche ist der Mittelpunkt des halleschen Paulusviertels mit seinen vielen Altbauten. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Im Paulusviertel ist der Himmel an diesem Montagvormittag bedeckt, ein leichter Wind weht, viele Radler sind unterwegs. Zwei junge Mütter spielen mit ihren Kindern auf dem Spielplatz nahe der Pauluskirche, beiden haben am Sonntag gewählt. Die ältere der beiden sagt zur hohen Wahlbeteiligung: "Es ist ein sehr linkes, grünes Viertel, da ist der Wunsch, dass die AfD eher schwächer als stärker wird, stark präsent."

Ihre 30-jährige Freundin erzählt: "Ich denke, dass der Klimaschutz eine große Sache im Paulusviertel ist und deshalb auch die Grünen so stark gewählt werden." Vielen Menschen im Viertel, mutmaßen beide, sei es auch um den Bürgerentscheid zur autofreien Innenstadt gegangen, auch wenn der Beschluss dazu erst einmal abgelehnt wurde.

Leben in der Blase der Politikinteressierten

Den 33-jährigen Ilja Claus wundert die hohe Wahlbeteiligung in seinem Viertel auch nicht. Er sagt: "Es klingt abgedroschen, aber im Paulusviertel wohnen überwiegend Akademiker und der Rest sind Studenten aus dem geisteswissenschaftlichen und künstlerischen Sektor. Da hat man offenbar ein höheres Interesse an Politik."

Die 34-jährige Katrin, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte, sagte MDR SACHSEN-ANHALT: "Ich glaube, dass hier insgesamt der Tatendrang, Dinge zu verändern, höher ist – vielleicht, weil es ein junges Viertel mit vielen Kindern ist." Im Stadtgebiet gebe es großen Zusammenhalt und Unterstützung, auch durch die Paulusgemeinde, die viele Mitglieder habe. Weiter erzählt sie amüsiert: "Hier ist immer eine Völkerwanderung, wenn Wahl ist!" Allerdings wissen die Bewohner selbst, wie es eine junge Frau formuliert, dass sie hier wie in einer Blase leben, die anders ist, als das Leben in anderen Teilen der Stadt.

Wahlkampf im Südpark: "Hier wählt uns sowieso keiner"

In der Südlichen Neustadt von Halle, im Wahlkreis I, mit der rekordverdächtig niedrigen Wahlbeteiligung von 44,3 Prozent, prägen Plattenbauten und viel Grün das Bild. Hier wohnen viele Alteingesessene, Einkommensschwächere sowie Migrantinnen und Migranten. Vor allem am Südpark, der deutschlandweit immer wieder wegen der Armut der Kinder oder Problemen mit Roma-Familien in die Schlagzeilen geraten ist, zeigt sich der Unterschied zum wohlhabenden Paulusviertel.

Hierher fährt Valerie Gräser jeden Tag zur Arbeit. Sie ist Mitte 30, arbeitet seit Jahren für ein Projekt der Arbeiterwohlfahrt (AWO) und ist mit allen Initiativen vernetzt, die es hier gibt. Für sie war allein schon die Wahlwerbung der Parteien sehr auffällig: "Es gab einige Parteien, die im Südpark gar nicht plakatiert haben – Grüne nicht, SPD und Linke nicht. Das zeigt die Abgehängtheit des Südparks. Wir haben nur AfD-Plakate gehabt, was ein komisches Bild gibt, wenn am Nachmittag die Migranten-Kinder darunter spielen." Auf sie habe es gewirkt, als ob die Parteien keine Energie in diesen Bereich von Halle stecken wollten, ganz nach dem Motto: "Da wählt uns sowieso keiner."

Zwei Punkthochhäuser am Rennbahnkreuz in Halle.
Die Punkthochhäuser am Rennbahnkreuz markieren den Beginn von Halle-Neustadt. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Kaum Angebote für junge Wählende

Das Rentner-Ehepaar Tänzer wohnt in der Südlichen Neustadt und geht an diesem Montagmittag mit dem Hund ihrer Tochter im Südpark spazieren. Sie haben gewählt, "aber wir haben keine Jugend gesehen, nur unsere Generation", erzählen beide. Vielleicht seien die Erstwähler nicht zur Wahl gegangen, mutmaßen sie, vielleicht sei es Corona-Frust. "Man hätte die Jugend mehr ansprechen müssen", denken beide.

Ein anderer Spaziergänger sagt: "Manche meckern nur und machen nichts." Also würden sie auch nicht zur Wahl gehen. Und eine Anfang 30-Jährige, die um die Ecke wohnt, erzählt: "Die kleinen Parteien haben relativ gut abgeschnitten, vielleicht hat das auch mit Politikverdrossenheit zu tun." Sie selbst sei als Wahlhelferin in Neustadt im Einsatz gewesen und habe "erstaunlich viele Stimmen der Tierschutz-Parteien" gezählt.

Ein älterer Mann und eine ältere Frau stehen mit einem Hund in einem Park.
Familie Tänzer geht oft im Südpark spazieren. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Hartz-IV-Dynastien und Luft nach oben bei der Bildung

Valerie Gräser, die für die Arbeit in die Südliche Neustadt kommt, beschreibt das Leben vieler Bewohner hier: "Es ist wie eine kleine Ortschaft, die Leute leben in Hartz IV-Dynastien, bei der schulischen Versorgung ist Luft nach oben." Die Parteien hätten sich anscheinend nicht gefragt, wie man die Leute erreicht, die sich sowieso schon abgehängt fühlten – niedriger Bildungsstand, hoher Migrationsanteil. "Das ist eine Mischung, wie man sie in typischen Brennpunkten findet", so Gräser.

Über die Jahre ist wenig passiert

Generell wundert es sie jedoch, dass nur etwa die Hälfte der Wahlberechtigten in Halle-Neustadt abgestimmt haben, denn es gebe viele gut gestellte Rentner, die schon immer hier gewohnt haben und eher links wählen. Doch Hendrik Lange, der Direktkandidat der Linken, der in Neustadt wohnt und beinahe Halles Oberbürgermeister geworden wäre, hatte gegen CDU und AfD keine Chance.

Valerie Gräser denkt, dass in den vergangenen Jahren in Neustadt zu wenig passiert ist. Vor allem am Südpark würden sich die Leute kleine Dinge wie eine Eisdiele oder ein Restaurant mit schönem Freisitz wünschen – doch beides gibt es nicht. "Zum richtigen Wohlfühlen muss man immer irgendwo hinfahren. Da bleibt die Frage, wie mobil man ist und ob man es sich leisten kann", sagt sie.

Wie ticken die Menschen in Halle-Neustadt? Was prägt und beschäftigt sie? Darum geht es in dieser Folge des Podcasts "Corona ist Neu(stadt)

Corona ist Neu(stadt) – eine hallesche Schulklasse zwischen Ausbruch und Abiprüfungen

Zwei Schüler des Christian-Wolff-Gymnasiums vor einer Tafel
Bildrechte: MDR/ Franz Wagner
Zeichnung des Christian-Wolff-Gymnasiums in Halle auf einer Schultafel.
"Corona ist Neu(stadt) - eine hallesche Schulklasse zwischen Ausbruch und Abiprüfungen" – zu finden bei MDR, apple, spotify, und fast überall wo es Podcasts gibt. Bildrechte: MDR/ Schörm
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Je geringer Bildung und Einkommen, desto geringer die Wahlbeteiligung

Fehlende Angebote, geringere Einkommen und schlechtere Bildungschancen prägen den Südwesten von Halle. Von hier aus schaffen es deutlich weniger Schülerinnen und Schüler aus den Grundschulen auf die Gymnasien, zeigte eine Erhebung vor einigen Jahren. Die "Mitteldeutsche Zeitung" sprach dabei sogar von einem "Bildungsäquator", der von West nach Ost durch die Stadt verlaufe. Südlich dieser imaginären Linie befinden sich große Teile der Neustadt sowie die Silberhöhe.

Und diese Stadtteile hinken auch bei der Wahlbeteiligung hinterher, nicht nur bei der Landtagswahl 2021, sondern auch schon bei früheren Wahlen. Das zeigt eine Auswertung der Wahlen in den vergangenen Jahren (siehe Grafiken). Dölau, Heide-Nord, das Paulusviertel – immer waren es die nördlichen Stadtteile, in denen sich viele Menschen an Abstimmungen beteiligten. In den südlicheren Stadtteilen scheint dagegen zu gelten: Je geringer die Bildungschancen und das durchschnittliche Einkommen sind, desto geringer ist auch das Interesse an Wahlen und Politik.

MDR/Oliver Leiste, Luise Kotulla

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 07. Juni 2021 | 07:30 Uhr

13 Kommentare

Janes vor 15 Wochen

@Ik2001: In der Schule aufgepasst? CDU/SPD....die Parteien der Regierung. Und die machen auch was. Auch, wenn ihnen das nicht gefällt oder sie das nicht mitbekommen

Janes vor 15 Wochen

@Ik2001: Das habe ich nicht gesagt und auch ausdrüklcih so dargestellt.

Wenn sie aber nicht mal so einfach Sätze verstehen, dann entlavt das eigentlich nur, wie "tiefgründig " ihre Bildung ist. Sind sie Handwerker?

lk2001 vor 15 Wochen

Sie halten also Arbeiter und Handwerker für ungebildet ? Warum, weil sie nicht so viel blödes Zeug quatschen ? Einmal Disqualifiziert... Danke für den Einblick in ihre Arroganz.

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