Connor und der Hort in Silstedt 5 min
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Schulhort nicht barrierefrei Hort Silstedt: Der lange Weg zur Toilette

05. Mai 2024, 13:09 Uhr

Als in Silstedt im Landkreis Harz vor einigen Jahren ein Teil der Grundschule neu gebaut wurde, fiel das Thema Barrierefreiheit aus Kostengründen hinten runter. Sehr zum Ärger von Patrick Wohlmacher, der seinen Sohn bei sich im Ort betreut wissen möchte. Der mühsame Kampf um eine Umgestaltung der Schule hat sich am Ende gelohnt – und davon sollen in Zukunft auch andere Kinder profitieren, hofft Wohlmacher.

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Morgens um 6:30 Uhr ist schon gut was los im Haus der Wohlmachers in Silstedt im Landkreis Harz. Die achtjährigen Zwillinge Connor und Collin toben im Wohnzimmer herum und warten darauf, dass es endlich Zeit ist, zur Schule zu starten. Soweit, so normal. Derweil sitzt ihr Vater Patrick Wohlmacher in der Küche, vor ihm liegt ein Stapel Dokumente. Im Gespräch wird schnell klar, dass die Situation längst nicht so normal ist, wie sie zunächst scheint. Denn Connor leidet seit seiner Geburt an einer Zerebralparese, also einer Bewegungsstörung, die durch eine frühkindliche Hirnstörung ausgelöst wurde. Der Achtjährige kann sich also nur im Rollstuhl oder sehr langsam mit Krücken fortbewegen.

Den wenige hundert Meter langen Schulweg zur Henning-Calvör-Grundschule in Silstedt wird gut eine halbe Stunde später deshalb nur Collin antreten. Connor fährt dagegen mit einem Taxibus in eine Spezialschule ins gut 20 Minuten entfernte Darlingerode. Sein Bruder hilft ihm rührend auf den wenigen Metern zum Auto – er bringt Connor die Krücken und räumt sie anschließend wieder weg. Doch die Trennung der Brüder ist nur von kurzer Dauer. Am Nachmittag werden sich beide wiedersehen – im Hort auf dem Gelände der Grundschule in Silstedt. Dass das möglich ist, war bis vor kurzem nicht selbstverständlich.

Marianne-Buggenhagen-Schule in Darlingerode

In Darlingerode besucht Connor die Marianne-Buggenhagen-Schule, eine Spezialschule für körperlich behinderte Kinder und Jugendliche. Sein Vater nennt die Förderschule eine "Insel der Glückseligkeit". Die gut 170 Schülerinnen und Schüler werden in sehr kleinen Klassen von der Einschulung bis zur 10. Klasse unterrichtet. Im Schnitt sind es acht Kinder, berichtet die stellvertretende Schulleiterin Veronika Berthold. Neben den Lehrkräften gibt es auch Pflegepersonal. Viele Kinder haben zudem eigene Betreuer an ihrer Seite, die als Integrationshelferinnen bezeichnet werden.

In vielen speziell ausgestatteten Räumen lernen die Kinder neben dem eigentlichen Schulstoff auch den Umgang mit ihren Einschränkungen oder werden nach schweren Krankheiten langsam wieder an den Schulalltag herangeführt. Bei Bedarf können die Lehrpläne für einzelne Kinder angepasst werden, sagt Berthold. "Hier ist Barrierefreiheit kein Thema, denn sie ist in jeder Situation gegeben", bekräftigt sie. "Im Gegensatz zu anderen Schulen nehmen sich die Kinder hier selbst nicht als ‚anders‘ oder ‚besonders‘ wahr und pflegen deshalb einen ganz normalen Umgang mit einander."

Die Marianne-Buggenhagen-Schule in Darlingerode
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Treppen an jeder Eingangstür

Der Weg zur Schule führt Collin und seinen Vater an der vielbefahrenen Hauptstraße des Ortes entlang. Patrick Wohlmacher hat sich dafür eingesetzt, dass die erlaubte Höchstgeschwindigkeit auf 30 Kilometer pro Stunde reduziert wurde. Daran halten sich augenscheinlich nicht alle. Collin zuckt zusammen als ein Lkw an dem schmalen Fußweg vorbeidonnert. Vater Patrick versucht den Achtjährigen zu beruhigen.

Auf dem Schulgelände angekommen, verschwindet Collin dann bald mit seinen Freunden ins Klassenzimmer. Patrick Wohlmacher zeigt derweil auf den Gebäudetrakt, von dem ein Teil erst vor fünf Jahren neu gebaut wurde. Vor jeder Eingangstür befinden sich Treppen. Für den kleinen Connor wären diese nicht zu meistern, meint sein Vater. Eine rollstuhlgerechte Rampe sucht man zunächst vergebens.

Eingangstür eines Schulgebäudes. Davor befindet sich eine dreistufige Treppe.
Den neugebauten Teil der Grundschule in Silstedt erreichte man bisher nur über diese Treppe. Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste

Im Foyer zeigt der 44-jährige Berufssoldat dann auf die Treppe, die hinunter zu den Toiletten führt. "Die ist alles andere als barrierefrei", beklagt er. Und sieht hier, weil es sich um den neu errichteten Teil des Gebäudes handelt, einen Verstoß gegen das Behindertengleichstellungsgesetz. Das besagt sinngemäß, dass öffentliche Einrichtungen beim Neu- oder Umbau barrierefrei gestaltet werden müssen. Eine ähnliche Formulierung findet sich auch in der Bauordnung des Landes Sachsen-Anhalt.

Ausnahmen gibt es jedoch, wenn die Barrierefreiheit nur mit unverhältnismäßigem Aufwand hergestellt werden kann. Darauf beruft sich auch die Stadt Wernigerode und teilte schriftlich mit: "Bedarfsgemäß wurde die Grundschule in Silstedt seit 2019 um zwei Klassenräume erweitert. [...] Im Rahmen der Planung des Erweiterungsbaus erfolgte ein Abwägungsprozess zur barrierefreien Herrichtung des gesamten Schulgebäudes. Im Ergebnis wurde festgehalten, dass die Schaffung der Barrierefreiheit im bestehenden Gebäude [...] nur durch unverhältnismäßig hohen Aufwand herzustellen ist." Finanzielle Mittel hätten lediglich für die Erweiterung der Schule um zwei Klassenräume zur Verfügung gestanden.

Soziale Eingliederung vor Ort wichtig

Die Stadt bot der Familie an, dass Connor in der Grundschule "August-Hermann-Francke" unterrichtet werden könnte. Diese ist nebst Hort barrierefrei. Die Familie entschied sich für die Schule in Darlingerode. Doch den Hort sollte Connor aus Sicht seiner Eltern unbedingt in Silstedt besuchen. "Für die soziale Eingliederung im Ort ist das sehr wichtig", sagt Vater Wohlmacher. Denn dort trifft er nicht nur seinen Bruder Collin, sondern auch viele Kinder aus der Nachbarschaft. Diesem Wunsch folgend begann der Vater vor zwei Jahren einen zähen Kampf, um seinen Sohn den Hortbesuch zu ermöglichen.

Connor sitzt in einem Klassenraum.
Morgens besucht Connor (r.) die Marianne-Buggenhagen-Schule in Darlingerode. Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste

Die Stadt Wernigerode als Träger der Grundschule und des Horts informierte er früh über die fehlende Barrierefreiheit und aus seiner Sicht notwendige Umbauten. Doch lange passierte nichts. Das belegen Dokumente und Mailverläufe, die MDR SACHSEN-ANHALT vorliegen. Auch Mitarbeitende der Einrichtungen äußern sich kritisch über das Vorgehen der Stadt. Im Sommer 23 wurden die Zwillinge eingeschult.

Fehlende Betroffenheit und Stigmatisierung

Wenn Patrick Wohlmacher über die zurückliegenden Monate spricht, fallen immer wieder zwei Begriffe: fehlende Betroffenheit und Stigmatisierung. Fehlende Betroffenheit äußere sich etwa in einigen – aus seiner Sicht weltfremden – Lösungsvorschlägen der Stadt, so Wohlmacher. Als ein Beispiel dafür nennt Wohlmacher den Hortplatz an der Grundschule "August-Hermann-Francke". Für den Schüler und seine Eltern wäre dieser nicht ohne erheblichen zeitlichen Aufwand zu erreichen gewesen.

Die tägliche Betreuungszeit hätte danach nur wenige Minuten betragen. Dann wurde in Silstedt ein Treppensteiger angeschafft – eine Art Sackkarre, mit der ein Betreuer Connor die Treppe hinunter zur Toilette fahren kann. Die Haltegriffe sind locker, eine wirkliche Sicherung vor dem Herausfallen gibt es nicht – das zeigt ein Selbstversuch Wohlmachers. Sein Sohn habe Angst, wenn er auf dem Treppensteiger sitze. "So ein Gerät kann man nur gut finden, wenn man selbst nicht betroffen ist", sagt der Familienvater.

Patrick Wohlmacher schiebt eine junge Frau auf einem Treppensteiger umher.
Patrick Wohlmacher demonstriert, wie der Treppensteiger funktioniert. Er hält das Gerät für zu gefährlich, um seinen Connor damit zu transportieren. Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste

Ein anderer Vorschlag war, dass Connor die barrierefreie Toilette in der Turnhalle nutzen könnte. Der Weg dorthin führte bislang über drei Stufen an der Eingangstür oder die oft matschige Wiese und durch drei weitere Türen. "Wieder fehlende Betroffenheit und deshalb fehlendes Verständnis", erklärt Wohlmacher. "Denn der Weg würde so lange dauern, dass vielleicht schon alles zu spät wäre." Wenn sein Sohn bei schlechtem Wetter als einziger in ein Extragebäude müsse, um seine Notdurft zu verrichten, sei das außerdem stigmatisierend, so Wohlmacher.

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MDR SACHSEN-ANHALT Mi 10.04.2024 06:00Uhr 01:03 min

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Neuer Weg ins Schulgebäude

Doch inzwischen ist Bewegung in die Umgestaltung des Gebäudes gekommen. Mithilfe des Bauhofs der Stadt Wernigerode wurde ein Weg um das Schulgebäude herum gepflastert. Über diesen ist das Gebäude am Hintereingang ohne Treppenstufen zu erreichen. "Das ist immer noch etwas stigmatisierend, weil Connor nicht mit den anderen Kindern durch die Vordertür kann", sagt Wohlmacher. "Aber natürlich ist das eine deutliche Verbesserung." Genau wie die Verlängerung der Treppenläufe und die Installation von zusätzlichen Haltegriffen auf einer Toilette im Untergeschoss.

Demnächst soll ein Treppenlift installiert werden, mit dem Connor sicher in die untere Etage gelangen kann. Die Gesamtkosten für die Umbauten belaufen sich nach Angaben der Stadt auf etwa 33.000 Euro. Fördermittel dafür habe es nicht gegeben.

Patrick Wohlmacher zeigt den neuen, rollstuhlgerechten Eingang in die Silstedter Grundschule.
Mitarbeiter des Bauhofs Wernigerode haben diesen Weg zum Hintereingang der Schule kürzlich angelegt. Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste

Komplett barrierefrei ist all das immer noch nicht, meint Patrick Wohlmacher. Aber immerhin barrierearm. Davon sollen in Zukunft auch andere Kinder profitieren. Erste Anfragen dazu habe es bereits gegeben, ist aus der Einrichtung zu hören. Wenn dann Connor mit anderen Kindern – egal ob mit oder ohne Einschränkungen – spielen kann, wäre das ein schönes Happy End der vielen Bemühungen, findet Wohlmacher. Und sollte zugleich eigentlich normal sein.

Patrick Wohlmacher steht auf einer Treppe in der Grundschule Silstedt.
Patrick Wohlmacher hofft, dass an dieser Stelle im Schulhaus bald ein Treppenlift installiert wird. Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste

MDR (Oliver Leiste)

Dieses Thema im Programm: MDR FAKT IST | 29. April 2024 | 20:30 Uhr

7 Kommentare

HEMIMO vor 6 Wochen

@Reuter4774
Alles hat seinen Ursprung.....und ohne Bewegung keine Veränderung.... Sein Sie froh dass Sie gesund sind und hoffentlich auch bleiben. Lesen Sie mal erst den ganzen Artikel, aber richtig. Ich sehe hier nur Gewinne und keine Verluste.

Patrick Wohlmacher vor 6 Wochen

Um in eine Diskussion zu treten ist das Vortragen aller Meinungen wichtig.
@Reuter4774
Zunächst einmal gibt es tatsächlich kein Hortangebot in der Marianne-Buggenhagen Schule, so dass wir als Eltern weder stur sind, noch wird Steuergeld verpulvert.

Ich stehe hier mit meinem Klarnamen und bin jederzeit für ein Gespräch offen und stelle mich nicht mit einem "Alias" in eine wichtige Diskussion. Gerade der Austausch ist die Grundlage von Kommunikation auf Augenhöhe.

Ich bitte darum, Argumente vorzubringen, die den Tatsachen entsprechen und keine Vermutungen aufzuzeigen.

Wenn Unsicherheit besteht, wie man seinen etwaigen Unmut äußert oder mit Unwissen umgeht, dann kann ich gerne dabei hilfreich sein und freue mich auch auf ein persönliches Gespräch.

SonjaK.F. vor 6 Wochen

Das nennt man Teilhabe und die ist für betroffene Familien enorm wichtig. Viel zu oft erleben diese Familien eine gesellschaftliche Ausgrenzung, da ist der Abbau von Barrieren, auch in den Köpfen, schon mal ein guter Anfang.

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