Ausschilderung und Pflege Harzklub gibt rund 20 Prozent der Wanderwege im Harz auf

11. Juli 2022, 10:50 Uhr

Der Tourismus im Harz lebt von den Wander- und Naturfreunden. Damit diese sich im Harz gut bewegen können, braucht es ausgeschilderte Wege. Um die Pflege und Unterhaltung eines engmaschigen Netzes von Wanderwegen kümmert sich seit mehr als 130 Jahren der Verein Harzklub. Doch sinkende Mitgliederzahlen und eine steigende Altersstruktur zwingen den Verein zum Handeln. Der Harzklub hat eine Inventur gemacht, um herauszufinden, welche der Wege eingespart und künftig nicht mehr ausgeschildert werden.

Mann mit grauen haaren und roten Fleece-Pullover macht ein Selfie vor einem Fachwerkhaus mit MDR-Logo
Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Unterhalb des Ortes Allrode im Unterharz war im Frühjahr lange ein rot-weißes Absperrband quer über den Hegemeister-Meyer-Steg gespannt. Der Hegemeister-Meyer-Steg ist ein Hauptwanderweg in der Gegend. Doch sein Zustand war katastrophal. "Betreten verboten" hieß es hier. Bäume waren auf den Weg gefallen. Auf diesem begannen bereits Sträucher zu wachsen. Niemand fand sich, den Weg zu beräumen. Inzwischen ist der Weg wieder frei, in gutem Zustand ist er aber nicht. Es würden die Leute dafür fehlen, sagt Allrodes Bürgermeister Wolfgang Kurch, der sehr unzufrieden mit der Situation ist. Früher habe der örtliche Harzklubzweigverein die Wege gepflegt, doch der hat sich mangels Mitglieder aufgelöst. Der Zustand in Allrode ist ein Extrembeispiel und doch zeigt er ein Gesamtharzer Problem. Dem Harzklub fehlen zunehmend die Mitglieder, die die Wanderwege unterhalten.

Wanderwege im Harz: Verein seit 130 Jahren aktiv

Im Jahr 1886 wurde der Harzklub gegründet. Seine Aufgabe sah er darin, bei der Erschließung des Harzes für Wanderer und den Fremdenverkehr zu helfen. Später kam die Brauchtumspflege hinzu, und bereits 1907 wurde der Naturschutz als wichtiges Ziel in die Satzung aufgenommen. Damals wurde nach und nach ein Netz von Wanderwegen angelegt und ausgeschildert, samt Schutzhütten, Raststellen und Ruhebänken.

Seitdem pflegen die Harzklub-Mitglieder dieses Wegenetz. Das entstand zunächst in Form von Verbindungswegen zwischen Bahnhöfen. Vor einhundert Jahren reisten die Menschen mit der Eisenbahn an, wanderten eine Strecke und nutzten dann für die Heimfahrt wieder den Zug. Der Harzklub erfasste diese Wege in alphanumerischer Form. Bis heute sind die Wege in den Wanderkarten mit Bezeichnungen wie 9D oder 55B versehen.

Mit der Zunahme des Individualverkehrs wollten immer mehr Wanderer wieder an den Ausgangspunkt ihrer Tour zurück. Es entstanden Rundwanderwege. Vor einigen Jahren kamen dann Themenwanderwege hinzu – Harzer Hexenstieg, Grenzwanderweg, Liebesbankweg, Teufelsstieg, um nur einige zu nennen.

Auch selten genutzte Wanderwege werden bisher gepflegt

Entstanden ist ein engmaschiges Netz von Wanderwegen. Zuweilen sei es zu eng, meint man beim Harzklub. Es gäbe Optimierungsbedarf, denn manche dieser Wege überlagern sich oder verlaufen parallel zueinander oder würden schlicht kaum genutzt.

Eine Wandergruppe von hinten fotografiert
Wandergruppen zieht es regelmäßig in den Harz. (Symbolbild) Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Rund 10.000 Kilometer Wanderwege haben die Harzklubmitglieder bis vor kurzem gepflegt. Zu diesen Wegen gehörten rund 50.000 Wegeschilder, 5.000 Ruhebänke und über 400 Schutzhütten.

Demgegenüber allerdings sinkt die Mitgliederzahl des Harzklubs seit Jahren. Vor 20 Jahren waren es noch rund 16.000 Mitglieder, jetzt sind es noch um die 12.000, die in 86 örtlichen Zweigvereinen tätig sind. Hinzu kommt: Der Altersdurchschnitt steigt stetig. Damit wird es immer schwieriger, die Pflege der Wanderwege abzusichern. Der Druck, hier Aufwand einzusparen, wird immer größer.

Inventur bringt Klarheit übers Wegenetz

Im Jahr 2017 begann der Harzklub deshalb mit einer Inventur seines Wanderwegenetzes. Erfasst wurde dabei eine ganze Liste von Parametern. Geprüft wurden Wegezustand und Pflegeaufwand, aber auch, wie stark die Wege genutzt werden und wie wichtig sie im Wegenetzverbund sind. Läuft der Wanderweg vielleicht in geringem Abstand parallel zu einem anderen Weg? Wie stark frequentiert ist der Weg? Befinden sich auf dem Weg neuralgische Punkte wie Brücken, Stege oder Treppen? Ist der Weg bei Starkregen gefährdet? Ziel war, anhand der Liste Wege auswählen zu können, die eingespart werden können.

Wir wollen ein Wegenetz schaffen, das wir langfristig unterhalten können, und wir wollen die Unterhaltung planen. Der Tourismus im Harz braucht ein sicheres Wegesystem.

Klaus Dumeier, Vizepräsident des Harzklubs

Neue einheitliche Schilder mit GPS-Daten

Die Inventur der Wanderwege ist inzwischen beendet. Für den Westharz hat die Auswertung ergeben, dass künftig rund 20 Prozent weniger Wanderwege unterhalten werden. Hier ist die Neuausschilderung schon fast beendet. Im sachsen-anhaltischen Teil des Harzes würde damit im kommenden Jahr begonnen werden, so Klaus Dumeier. Hier würden von 3.800 Kilometern etwa 3.200 Kilometer übrigbleiben. Auf den restlichen 600 Kilometern (also rund 16 Prozent) würden dann die Schilder abgebaut. Dumeier spricht von einem optimierten Wegenetz, das dann sicher und mit weniger Pflegeaufwand als bisher unterhalten werden kann.

Die verbleibenden Wege erhalten übrigens alle neue einheitliche Schilder. Rund 4.400 Stück werden es allein im sachsen-anhaltischen Teil des Harzes sein. Alle tragen dann auch die jeweiligen GPS-Daten des Aufstellortes, damit im Notfall schnell geholfen werden kann.

Die Arbeit des Harzklubs können Sie sich in diesem Beitrag von MDR um 4 ansehen:

Weniger Wanderwege in besserem Zustand

Übrigens sieht nicht jeder Wanderfreund diese Entwicklung so positiv, und auch manch Harzklubmitglied ist traurig über diesen Schrumpfprozess des Wanderwegenetzes. Nicht so Andreas Lehmberg vom Harzer Tourismusverband (HTV), der für die überregionale Tourismuswerbung zuständig ist. Lehmberg, stellvertretender Geschäftsführer des HTV, kann diesem Prozess viel Positives abgewinnen. Lehmberg: "Wir erhoffen uns, dass die Wege, die bestehen bleiben qualitativ gut sind auch gut beschildert werden. Das ist dann genau die Qualität, die wir unseren Gästen bieten wollen." Das wäre dann unter dem Strich sogar eine Qualitätssteigerung des Wandertourismus im Harz, so Lehmberg.

MDR (Carsten Reuß, Susanne Ahrens)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 09. Juli 2022 | 12:00 Uhr

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