Kritik an Ausländerbehörde Dieser Mann will der Stadt Magdeburg kostenlos bei der Digitalisierung helfen – doch er darf nicht

Daniel George
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Die Ausländerbehörde Magdeburg stand zuletzt in der Kritik. Zahlreiche internationale Fachkräfte berichteten von Missständen wie schlechter Erreichbarkeit und untragbar langen Wartezeiten. Eine prekäre Situation, gerade vor dem Hintergrund der Intel-Ansiedlung. Andreas Kopysov bietet der Stadt nun kostenlose Unterstützung bei der Digitalisierung an. Aber monatelang erhält der Digital-Unternehmer auf seine Vorschläge keine Antwort.

Andreas Kopysov
Kennt die deutsche Verwaltung: Andreas Kopysov arbeitete sieben Jahre lang als Beamter im Auswärtigen Dienst der Bundesrepublik Deutschland. Bildrechte: MDR/Daniel George

  • Die Ausländerbehörde Magdeburg stand zuletzt heftig in der Kritik. Nun bietet ein Digital-Unternehmer seine kostenlose Hilfe an.
  • Warum Bürokratie einen solch unkomplizierten Ansatz zur Lösung des Problems allerdings verhindert.
  • Magdeburgs Oberbürgermeisterin Simone Borris bekräftigt indes, das Problem erkannt zu haben – und an Veränderungen zu arbeiten.

Als der Artikel auf dem Handy von Andreas Kopysov aufploppte, war sein Interesse sofort geweckt. Durch ein soziales Netzwerk wurde der 43-Jährige auf die Berichterstattung von MDR SACHSEN-ANHALT aufmerksam. Thema: die Missstände in der Ausländerbehörde Magdeburg.

Ausländerbehörde Magdeburg: Missstände "erlebe ich seit Jahren"

"Das hat all das wiedergegeben, was ich seit Jahren erlebe", bestätigt Kopysov die Vorwürfe zahlreicher Betroffener zunächst, ehe er sagt: "Trotzdem hat es mich immer noch sehr bewegt, so etwas zu lesen. Ich war enttäuscht und auch frustriert, denn die Situation ist seit Jahren so, aber es wird nichts getan, um sie zu ändern."

Mariya Shapochka sitzt an einem Schreibtisch. 4 min
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MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE Mo 21.11.2022 19:00Uhr 03:48 min

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Deshalb wandte sich der Startup-Gründer nun an MDR SACHSEN-ANHALT. Sein Unternehmen "Visaright" wickelt Formalitäten für ausländische Fachkräfte ab und wird unter anderem vom Land Sachsen-Anhalt finanziell gefördert. Deshalb ist "Visaright" auch in Magdeburg ansässig.

Das Angebot von Kopysov an die Stadt: "Wir wissen, wie man die Verfahren technisch gestalten kann, damit sie schneller und reibungsloser funktionieren. Wir haben das Wissen, die Kapazitäten und die Lust, das gemeinsam umzusetzen, um dazu beizutragen, die Missstände zu beseitigen." Und: "Wir würden das für die Behörden kostenlos umsetzen."

Ausländerbehörde nutzt dieselbe Technik wie "vor 30, 40 Jahren"

Kostenlose Unterstützung bei der Digitalisierung, an der es in Sachsen-Anhalts Verwaltungsbehörden seit Jahren krankt – das bietet Andreas Kopysov der Stadt Magdeburg an. Was das konkret bedeutet? Kopysov sagt: "Wir können zum Beispiel beim Datenaustausch ansetzen."

Und der Gründer führt aus: "Meist müssen bei den Verfahren aktuell noch Papieranträge ausgefüllt werden. Oder du musst zur Behörde gehen, um die Gebühren vor Ort einzuzahlen. Mit unserer Technologie wären wir dazu in der Lage, die Daten einmal bei uns digital aufzunehmen und an die Behörde zu transferieren. Dazu bräuchte es nur eine Schnittstelle. So könnten die Verfahren in der Ausländerbehörde schneller und unkomplizierter erledigt werden."

Tatsächlich hatten bereits vor einigen Wochen zahlreiche Betroffene im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT lange Wartezeiten auch aufgrund von fehlender Digitalisierung bei der Ausländerbehörde Magdeburg beklagt. Eine prekäre Situation, gerade im Zuge der Intel-Ansiedlung will sich Magdeburg doch eigentlich als weltoffene Stadt vor allem gegenüber internationalen Fachkräften präsentieren.

Doch auch Kopysov sagt aus jahrelanger Erfahrung: "Es ist völlig klar, dass die Verfahren so lange dauern. Zum einen ist die Ausländerbehörde unterbesetzt und zum anderen laufen die Formalitäten ab wie vor 30, 40 Jahren." Dabei gebe es Technologien, um dem entgegenzuwirken, so Kopysov, aber: "Das wird leider nicht genutzt."

Andreas Kopysov
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Die grundsätzliche Haltung war bislang, dass man kein Interesse daran hat, mit uns zusammenzuarbeiten.

Andreas Kopysov Gründer von "Visaright"

Vergeblicher Kampf um digitalen Fortschritt

Andreas Kopysov weiß, wovon er spricht. Sieben Jahre lang arbeitete er als Beamter im Auswärtigen Dienst der Bundesrepublik Deutschland – unter anderem in Chisinau und Singapur, war dort zuständig für Visums-Anträge deutscher Staatsbürger. In dieser Rolle kämpfte er für den digitalen Fortschritt im Visumsverfahren. Doch die Mühen waren vergeblich.

Also ging der gebürtige Ukrainer, der seit seiner Kindheit in Deutschland lebt, einen anderen Weg. Er schied aus dem Beamtendienst aus, gründete Ende 2018 das Unternehmen "Visaright". Und ja: Liefe alles perfekt in deutschen Ausländerbehörden, hätte Kopysov kein Geschäftsmodell. Unternehmen oder Privatpersonen wenden sich schließlich an seine Firma, wenn sie selbst nicht weiter wissen – oder nicht weiter kommen. "Visaright" kümmert sich beispielsweise um das Anmelden eines Wohnsitzes, die Krankenkasse, das Einrichten eines Bankkontos.

Warum er trotzdem ein Interesse daran hat, die Ausländerbehörde Magdeburg bei der Digitalisierung zu unterstützen? Und dann auch noch kostenlos? "Diese Missstände in den Behörden sind für uns ein Flaschenhals, der auch bei uns immer wieder für Frust und Verzögerungen sorgt", erklärt Kopysov, dessen Unternehmen natürlich auch davon profitiert, wenn immer mehr internationale Fachkräfte und damit mögliche Kunden in die Region ziehen.

"Außerdem haben wir auch ein Investment vom Land Sachsen-Anhalt bekommen, also öffentliches Geld aus Steuergeldern", sagt Kopysov. "Diese Gelder müssten richtig kanalisiert werden. In meinen Augen wäre es genau das richtige, dass ein Startup, das sich gut auskennt, mit einer Behörde zusammenarbeitet."

So reagiert die Stadt Magdeburg

Nur, und das ist der Grund, warum sich Andreas Kopysov an MDR SACHSEN-ANHALT gewendet hat: "Wir haben bereits versucht, mit der Ausländerbehörde in Magdeburg in Kontakt zu treten und die Sache gemeinsam anzupacken. Monatelang haben wir uns bemüht, überhaupt erst an die richtigen Stellen zu gelangen. Leider ohne Erfolg. Die grundsätzliche Haltung war, dass man da kein Interesse dran hat, mit uns zusammenzuarbeiten. Eine absurde Situation."

Ein Digitalunternehmen, das kostenlose Hilfe bei der Digitalisierung der Verwaltung anbietet? Magdeburgs Oberbürgermeisterin Simone Borris sagt im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT zu dem Vorschlag: "Wir sind an Vergaberichtlinien gebunden. Ich kann nicht einfach irgendeinem Unternehmer den Zugang zu sensiblen Daten gestatten."

Würde eine externe Dienstleistung benötigt, käme es zu einer Ausschreibung, so Borris weiter. Im Rahmen eines solchen Verfahrens würden dann auch derartige Angebote in den Fokus genommen. Für die Digitalisierung der Ausländerbehörde sei das aber aktuell nicht angedacht. Es werde derzeit geprüft, wie die Behörde von der Stadt bei der Digitalisierung unterstützt werden könne.

Simone Borris, Oberbürgermeisterin von Magdeburg, steht vor dem Rathaus.
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Ich werde alles daran setzen, dass sich die Situation in der Ausländerbehörde verändert.

Simone Borris, Oberbürgermeisterin von Magdeburg

Digitale Akte soll schnellstmöglich eingeführt werden

Und der augenscheinliche Widerspruch, dass "Visaright" vom Land gefördert wird, aber der Ausländerbehörde bei der Digitalisierung bislang nicht helfen "darf"? Magdeburgs Oberbürgermeisterin sagt dazu: "Klar ist es einfach, zu sagen, dass das öffentliches Geld ist, was genutzt werden muss. Aber dazu müsste man erstmal wissen, ob die Förderrichtlinie das in diesem konkreten Fall überhaupt zulässt. Auch da gibt es wieder, wie das in Deutschland so ist, enge bürokratische Dinge zu berücksichtigen."

Allerdings bekräftigt Borris, die Probleme in der Ausländerbehörde erkannt zu haben und beheben zu wollen. Dass Fachkräfte die Stadt aufgrund von beispielsweise langen Wartezeiten auf die Einbürgerung wieder verlassen, "kann einfach nicht sein. Das ist nicht hinnehmbar und da kann ich den Frust auch verstehen."

Magdeburg will digitale Akte in der Ausländerbehörde einführen

Deshalb solle zu Beginn des kommenden Jahres so schnell wie möglich eine digitale Akte in der Ausländerbehörde eingeführt werden. Außerdem habe es bereits einen Personalzuwachs gegeben, viele weitere kleine Schritte sollen laut Borris zu einer Verbesserung der Situation führen.

Unter anderem werde nun darauf geachtet, besonders kommunikative Mitarbeitende im Eingangsbereich arbeiten zu lassen. Außerdem müsse künftig auch über den Standort der Ausländerbehörde nachgedacht werden, so die Oberbürgermeisterin. Denn: "Das ist ein wichtiger Aspekt, um ein Willkommensgefühl zu entwickeln." Derzeit müsse die Bürgerinnen und Bürger auch aufgrund von Platzmangel oft noch auf der Straße warten.

Magdeburgs Oberbürgermeisterin Simone Borris beim Interview in ihrem Büro. 1 min
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MDR S-ANHALT Mi 23.11.2022 18:00Uhr 00:47 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/magdeburg/magdeburg/video-interview-simone-borris-vergabegesetz-100.html

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Perspektivisch eine Lösung: das geplante International House, dessen Eröffnung bislang für Ende 2023 geplant war, das aber wahrscheinlich erst mit einem Jahr Verzögerung eröffnet wird. "Das wird ein Dienstleistungszentrum sein, das sich aus Bürgerbüro und Ausländerbehörde zusammensetzen soll, kombiniert mit einem Welcome Center", sagt Borris. "Ich verspreche mir dadurch eine Erhöhung des Service-Ansatzes und einen Gewinn für die Willkommenskultur in der Stadt."

Oberbürgermeisterin: "Will, dass sich Situation verändert"

Denn Borris stellt klar: "Magdeburg ist eine schöne Stadt, der man nicht den Rücken kehren sollte. Und ich werde alles daran setzen, dass sich die Situation in der Ausländerbehörde verändert." Nicht nur Andreas Kopysov wird genau beobachten, ob diesen Worten auch Taten folgen. Sein Angebot, so sagt er, steht jedenfalls.

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MDR (Daniel George)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 21. November 2022 | 19:00 Uhr

6 Kommentare

ahcim vor 9 Wochen

Falsch. Die Stadt kann selbst entscheiden wofür sie eine Ausschreibung macht oder nicht. Bis zu einer gewissen Grenze von 100.000 € können die Städte selbst entscheiden was sie an Technik kaufen oder für die Stadt anschaffen. Beispielsweise gab es ja für den neuen dienstwagen der Bürgermeisterin auch keine Ausschreibung. Aber dieser Unternehmer hat auch nicht verstanden wie deutsche Behörden funktionieren. Behörden wollen keine Probleme lösen sondern dauerhaft bearbeiten. Solange es die Probleme gibt, gibt es auch die Personalstellen in der Verwaltung. Und je größer die Probleme werden, desto mehr Geld erhält die Verwaltung vom Land. Und mit diesem Geldern können dann viele tolle neue Gebäude und Personalstellen entstehen. Wie auch in diesem Fall. Würde man stattdessen eine kostenlose digitale Lösung verwenden bräuchte man ja die ganzen Verwaltungs- Mitarbeiter und die vielen schönen neuen Häuser nicht mehr. Und so ganz ohne Probleme- wofür bräuchte man dann noch eine Bürgermeisterin?

Dreibeiner vor 9 Wochen

Hier wär die Möglichkeit AfD einzubinden. Die bisherigen Landtagsvizekandidaten könnten beweisen das sie Demokraten sind und Ihre Ablehnung durch die anderen, Schande waren.

kleiner.klaus77 vor 9 Wochen

Die Digitalisierung ändert keine Gesetze und keine Mitarbeiter, außerdem gab es vor Jahrzehnten einmal eine Welt der nicht alles digital war und da ging es auch! Die beste Digitalisierung nützt mir nichts, wenn ich z.B in der Ausländerbehörde Menschen sitzen haben die Rassisten sind, Unterlagen verlangt werden die eigentlich nicht benötigt werden und so weiter!

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