Nach 320 Jahren Magdeburger Dom bekommt neue Glocke

30. Oktober 2022, 16:26 Uhr

Der Magdeburger Dom soll nach mehr als 300 Jahren insgesamt acht neue Glocken bekommen. Die erste wurde am Sonntag eingeweiht. Das Geld für die neuen Kirchenglocken hat der Magdeburger Glockenverein gesammelt.

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

"Wir reden hier über das derzeit größte Glockenprojekt in Europa", sagt Andreas Schumann, Vorsitzender des Magdeburger Glockenvereins. Der Verein hat sich 2018 gegründet und sammelt seitdem Gelder, um eines der ambitioniertesten Bürgerprojekte der Stadt umzusetzen. Während Pläne zum Wiederaufbau der Magdeburger Ulrichskirche bei einer Bürgerabstimmung scheiterten, kann sich der Magdeburger Glockenverein nicht über eine mangelnde Unterstützung beschweren.

Das bestätigt Vereinschef Schumann: "Glocken sind etwas Beständiges. Vielleicht spricht das die Menschen besonders an. Wir hätten nie gedacht, dass wir so viel Unterstützung bekommen würden." Selbst aus den USA oder Großbritannien habe es Spenden gegeben, von ehemaligen Magdeburgern oder ihren Nachfahren. Der Verein hat inzwischen über 200 Mitglieder und nunmehr die stattliche Summe von rund 600.000 Euro gesammelt.

Altes Geläut im Dreißigjährigen Krieg zerstört

Schon länger verfolgt Vereinsmitglied Martin Groß das Projekt der neuen Domglocken. Der Lebensmittelchemiker im Ruhestand ist praktisch im Dom aufgewachsen und kennt nahezu jeden Stein des ehrwürdigen Gebäudes. Zunächst engagierte er sich erfolgreich für die neuen Domorgeln, nun für die Domglocken. Ist das in diesen unruhigen Zeiten nicht eher eine falsche Idee? Groß verneint: "Es ist kein Größenwahn. Alle Kathedralen in Europa, sei es in Frankreich, sei es in England, sind mit einem würdigen Geläut ausgestattet. Der Magdeburger Dom ist es seit vielen Hundert Jahren nicht mehr."

Dass von dem ehemaligen Geläut in Magdeburg nur noch ein paar Glocken übrig sind, ist eine Folge des Dreißigjährigen Krieges und der damaligen vollständigen Zerstörung der Stadt, erklärt Martin Groß: "Damals wurden Domglocken zu Kanonen umgegossen. Einige dieser Kanonen sind in Köln gelandet und wurden dort für neue Glocken verwendet. In der Kölner Marienkirche hängt noch heute die Tilly-Glocke. Das war ja der berühmte Feldherr, der Magdeburg zerstört hat."

Blick ins Innere des Magdeburger Doms
Der Magdeburger Dom soll bald noch sechs weitere kleinere Glocken bekommen. Bildrechte: dpa

Erste neue Glocke seit über 300 Jahren

Als am Donnerstag die erste der neuen Glocke geliefert wurde, war die Anspannung groß, denn mit sechs Tonnen ist die Glocke alles andere als ein Leichtgewicht. Gegossen wurde sie von der Glockengießerei Bachert im baden-württembergischen Neunkirchen. Dort sollen in diesem Jahr sechs weitere kleinere Glocken gegossen werden. Doch dann fehlt im Geläut immer noch die tiefste Glocke, ein 14 Tonnen schwerer Trumm, der eine Glockenöffnung von nahezu drei Metern hat.

Das ist auch finanziell eine Herausforderung, so Vereinschef Schumann: "Die große Glocke hoffen wir, bis zum Jahr 2025 finanzieren zu können. Das ist ein Kraftakt, zumal auch die Preise für Bronze derzeit durch die Decke gehen." Die geplanten Kosten von etwa einer halben Million Euro dürften für diese Glocke nicht reichen. Doch gelegentlich gibt es auch Großspender, wie etwa die Ostdeutsche Sparkassenstiftung, die durch ihr Engagement den ersten neuen Guss ermöglicht hat.

Neue Glockenstühle für die Türme

Die beiden Domtürme sehen aus der Entfernung mächtig aus, doch 12 Glocken, die auch noch schwingen, entwickeln besondere Kräfte. Bevor die Planungen zu dem neuen Domgeläut beginnen konnten, mussten erst einmal Sachverständige prüfen, ob die Türme überhaupt solche Lasten tragen könnten. Das können sie, allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen. Derzeit hängen die verbliebenen Glocken nämlich nur im Nordturm, doch das große Geläut müsste auf beide Türme verteilt werden.

Dazu braucht man aber zwei neue Glockenstühle. Und da braucht der Magdeburger Glockenverein noch einmal große Unterstützung, so Martin Groß: "Wir hoffen, dass ein solches Geläut nicht im Dom auf dem Fußboden steht, sondern dass es dann auch wirklich auf die Türme kommt. Und das ist dann vielleicht sogar, ich sag' jetzt mal großspurig, eine nationale Aufgabe, wo vielleicht auch der Bund, mit von der Partie sein könnte. Ich denke mal, dass die älteste und bedeutendste gotische Kathedrale Deutschlands auch verdient hätte."

Großes Jubiläum 2031

Das nächste große Jubiläum der Stadt Magdeburg hat eine europäische Dimension, denn im Jahr 2031 jährt sich zum vierhundertsten Mal die Zerstörung Magdeburgs, ein Kriegsverbrechen, das europaweit für Aufsehen sorgte. Auf Flugschriften verbreitete sich die Nachricht seinerzeit innerhalb weniger Tage. Bis zu diesem Jubiläum, so Andreas Schumann, sollte das neuen Domgeläut installiert sein. Wie dann der Himmel über Magdeburg aussehen wird, das kann derzeit niemand sagen. Wenn sich aber die Pläne des Glockenvereins umsetzten lassen, dann wird der Himmel über Magdeburg in jedem Fall anders klingen. Oder wie Martin Groß es formuliert: "Wir sind ein bisschen vermessen und wollen wirklich zwölf Glocken, als Metapher für die zwölf Tore des himmlischen Jerusalems. Da kann man nicht knausern, um es kurz zu sagen."

MDR (Uli Wittstock, Annekathrin Queck)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 30. Oktober 2022 | 19:00 Uhr

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