Umstieg auf Elektromobilität Sachsen-Anhalt ist bundesweites Schlusslicht bei Neuzulassung von E-Autos

MDR AKTUELL Mitarbeiter Felix Fahnert
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Die Verkehrswende stockt: In Sachsen-Anhalt wurden 2022 anteilig so wenige Elektroautos zugelassen wie in keinem anderen deutschen Bundesland. Bei den Ladesäulen sind die Zahlen kaum besser. Das Infrastrukturministerium verweist darauf, dass ein Vergleich mit anderen Länder nicht "sachgerecht" sei – und erklärt, dass der Markt über die E-Mobilität bestimme.

Ein Elektroauto lädt an einer Ladesäule.
Im deutschlandweiten Vergleich hinkt Sachsen-Anhalt bei der Neuzulassung von E-Autos und bei der Ladeinfrastruktur hinterher. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Sachsen-Anhalt kommt beim Umstieg auf E-Mobilität nur schleppend voran. Nach Angaben des Kraftfahrtbundesamtes war das Land bei der Neuzulassung von Elektroautos im Jahr 2022 sogar bundesweites Schlusslicht: Nur 18,4 Prozent der von Januar bis September in Sachsen-Anhalt zugelassenen Fahrzeuge – 5.864 von insgesamt 31.843 – waren Pkw mit Elektroantrieb.

1,5 Prozent des Pkw-Bestandes sind E-Autos

Zum Vergleich: In Sachsen liegt der Anteil der E-Autos laut Zulassungsstatistik bei 19,2 Prozent, in Thüringen bei 20,7 und in Brandenburg bei rund 23 Prozent. In westdeutschen Bundesländern wie Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz hatten sogar bis zu 30 Prozent der neu zugelassenen Autos einen Elektroantrieb. In die Statistik zählen E-Autos mit Batterie, Plug-in-Hybride und Fahrzeuge mit Brennstoffzelle.

Insgesamt waren zur Jahreshälfte 17.922 Autos mit Elektromotor in Sachsen-Anhalt unterwegs. Das entspricht einem Anteil von gerade einmal 1,5 Prozent am Pkw-Bestand von rund 1,2 Millionen – der zweitniedrigste Anteil im Vergleich aller Bundesländer. Nur in Mecklenburg-Vorpommern sind demnach mit 1,4 Prozent anteilig noch weniger E-Autos zugelassen.

Nur 319 Schnellladepunkte

Beim Ausbau der Ladeinfrastruktur sind die Zahlen kaum besser: Laut Bundesnetzagentur waren in Sachsen-Anhalt am 1. Oktober 2022 insgesamt 1.195 E-Ladepunkte registriert. Das ist der zweitniedrigste Wert aller deutschen Flächenländer, wenn man das vergleichsweise kleine Saarland nicht mitzählt. Von den begehrten Schnellladepunkten finden sich in Sachsen-Anhalt sogar nur 319.

Grundsätzlich gilt auch bei der E-Mobilität, dass der Markt bestimmend ist.

Andreas Tempelhof | Sprecher Infrastrukturministerium Sachsen-Anhalt

Das Infrastrukturministerium in Magdeburg erklärte auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT, der bloße Zahlenvergleich lasse "keine Rückschlüsse auf die Ursache" der Situation zu. Ministeriumssprecher Andreas Tempelhof verwies auf die Prinzipien von Angebot und Nachfrage. "Grundsätzlich gilt auch bei der E-Mobilität, dass der Markt bestimmend ist", sagte Tempelhof mit Blick auf den Kauf von E-Autos und in Bezug auf den Ausbau der Ladeinfrastruktur.

Ministerium: Vergleich führt "zu keinem sachgerechten Ergebnis"

Der Sprecher erklärte weiter, ein Vergleich der absoluten Werte von Ladepunkten in Bundesländern führe "zu keinem sachgerechten Ergebnis". Vielmehr müssten die Ladepunkte pro Elektrofahrzeug betrachtet werden. Aufgrund der vergleichsweise wenigen E-Autos spricht die Statistik dabei für Sachsen-Anhalt: Laut Tempelhof kommen hierzulande 8,5 batterieelektrische Fahrzeuge auf einen Ladepunkt. Deutschlandweit seien es 12,2.

Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, dass bis zum Jahr 2030 mindestens 15 Millionen Elektroautos auf Deutschlands Straßen fahren. Aktuell sind es gut 1,4 Millionen Fahrzeuge – das Ziel ist also zu knapp zehn Prozent erreicht. Für Sachsen-Anhalt ergibt sich bis 2030 eine angepeilte Marke von 380.000 E-Autos, bisher sind erst rund 4,7 Prozent davon geschafft.

Ziel: Fahrzeit bis zur Ladestation von 15 Minuten

Die Zurückhaltung der Bevölkerung erklärt man sich im Infrastrukturministerium mit den "medial eingeredeten geringen Reichweiten" von E-Autos, den Mobilitätsgewohnheiten der alternden Bevölkerung sowie mit den vergleichsweise hohen Anschaffungskosten der E-Autos. Für die Zukunft setze man darauf, dass Menschen sich freiwillig verantwortungsbewusst und umweltschonend fortbewegen. Auch das wachsende Modellangebot, europaweite Emissionsnormen oder eine CO2-Bepreisung von fossilen Kraftstoffen würden die Situation in Sachsen-Anhalt verbessern, erklärte der Ministeriumssprecher.

Bei den Ladesäulen sei das Ziel, dass von überall innerhalb von 15 Minuten Fahrzeit und mindestens alle 30 Kilometer ein öffentlich zugänglicher Ladepunkt in Sachsen-Anhalt erreicht werden kann. Dazu fördere man den Neubau und die Modernisierung der Ladesäulen. Zuletzt hatte auch Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) einen schnelleren Ausbau des Stromnetzes für E-Autos gefordert. Die Ampel-Koalition sei von ihren Zielen weit entfernt, erklärte der Politiker.

Verbraucherzentrale: Zögerlicher Umstieg wegen Energiekrise nicht auszuschließen

Unterdessen erhöhen sich durch die rasant steigenden Strompreise auch die Kosten für E-Auto-Fahrerinnen und -Fahrer an den Ladesäulen. Viele Gratis-Angebote wurden zudem innerhalb kurzer Zeit eingestellt. Dass die Energiepreise den Umstieg auf E-Mobilität bremsen könnten, befürchtet man in Magdeburg aber nicht: Von den Kostensteigerungen seien auch Verbrenner betroffen, die Energiekrise wirke sich "nicht direkt auf eine Kaufentscheidung aus", sagte Sprecher Tempelhof.

Es ist auch nicht auszuschließen, dass mit der geplanten Anschaffung eines E-Autos zugunsten der längeren Nutzung eines vorhandenen Autos mit Verbrennungsmotor gewartet wird.

Heike Bose | Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt

Ähnlich äußerte sich die Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt. Regionalmanagerin Heike Bose erklärte auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT, es lägen keine Daten darüber vor, welche Folgen der Anstieg der Stromkosten an den Ladesäulen hat. Es sei aber "nicht auszuschließen, dass mit der geplanten Anschaffung eines E-Autos zugunsten der längeren Nutzung eines vorhandenen Autos mit Verbrennungsmotor gewartet wird". Hier müsse allerdings in jedem Einzelfall abgewogen werden.

Bose betonte, dass die Kaufentscheidung grundsätzlich von einer Vielzahl von Faktoren abhänge, da es sich um eine große Investition mit langfrisitigen Auswirkungen handele. Finanzielle Anreize für E-Autos bestehen demnach etwa im Umweltbonus beim Kauf, dem Wegfall der Kfz-Steuer oder in jährlichen Zuschüssen aus der Treibhausgasminderungsquote (THG-Quote). Um den Ausbau der E-Mobilität voranzubringen, müssen nach Angaben der Verbraucherzentrale neben einem zügigen Ausbau der Ladeinfrastruktur auch eine Reihe von Hemmnissen für Verbraucher abgebaut werden. So fordert der Bundesverband etwa, Autofahrerinnen und Autofahrer sollten beim spontanen Laden an öffentlichen Ladestationen überall mit Debit- und Kreditkarte bezahlen können.

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MDR (Felix Fahnert)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL – Das Nachrichtenradio | 12. November 2022 | 10:10 Uhr

47 Kommentare

Magdeburger Jung vor 9 Wochen

Ja,weil Rentner nun mal selten weite Strecken fahren und dafür reichen die Dinger nun mal aus. Und wenn es früh nun mal nicht geladen hat,fahren sie eben später.Egal.

DER Beobachter vor 10 Wochen

Beobachtung aus je ca. vier Wochen Norwegen in den letzten zwei jahren. In nahezu jedem Provinznest wie Vardo findet man E-Tanke auf öffentlichen Parkplätzen, Betriebsparkplätzen sowie häufig Heim-E-Tanke über den Stecker unabhängig von Wagenklasse... mal ganz abgesehen davon, dass dieses Seefahrerländle sämtliche Binnenfähren (die schon mal 3 Stunden brauchen) komplett bis 2030 auf E-Strom unstellen will u.a. über Solarmodule auf dem Fährendach. Geplant und schon jetzt teils praktiziert ist eine Lademöglichkeit während der Überfahrt. Die Fähre Moss-Hjorten im Oslofjord, die praktisch sämtlichen europäischen Sattellasterverkehr zwischen D/EU und Oslo/Norwegen abwickelt im so 20-Minuten-Takt, läuft über E-Strom...

DER Beobachter vor 10 Wochen

Lieber Germinator aus dem schönen Erzgebirge: Wie kommt es dann nach Ihrer gewohnten seltsamen Logik, dass die Bauern in Bayern und Österreich Solaranlagen installieren trotz Bergschattens mehr als in unserem Arzgebirg etc. schon seit so mindestens 20 Jahren mehr Solarenergie auf ihren Dächern installieren, obwohl diese kaum RRG-Wähler sind?

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