Früher Sowjetoffizier, heute Geflüchteter Der ukrainische Flugplatz-Kommandeur von Cochstedt

03. November 2022, 19:07 Uhr

Zu DDR-Zeiten war Viktor Braschnik am Flugplatz Cochstedt stationiert. An dem sowjetischen Militärstandort war er der Kommandeur. Heute ist Braschnik wieder zurück in Sachsen-Anhalt, aber unter völlig anderen Vorzeichen: Der Ukrainer aus Charkiw musste sich und seine Familie vor dem russischen Einmarsch in Sicherheit bringen. Ein Porträt.

Von hier oben ist der Blick weit, das Rollfeld, die Wiesen des Flugplatzes, am Horizont nichts als Felder und ein paar Windräder. Es könnte sich anfühlen, als stünde einem die Welt offen. Doch seine Welt ist zusammengebrochen. Viktor Braschnik steht mitten in der Schaltzentrale, im Tower des Flugplatzes Cochstedt, um ihn herum das Panoramafenster. Alles ist ruhig, ein Lotse sitzt am Steuerpult und wartet einen Testflug ab. Wo Experten des Luft- und Raumfahrtzentrums heute Drohnen erproben, war einmal Braschniks Dienststelle. Er war der Kommandeur, als auf diesem Gelände noch die Sowjets das Sagen hatten.

Viktor Braschnik kommt aus Charkiw und dass er nach mehr als 30 Jahren wieder hier sein kann, freut ihn sichtlich. Er lächelt. Der Chef persönlich führt ihn herum. Es ist ein besonderer Moment für Braschnik, der allerdings unter den denkbar schlechtesten Umständen zustande kam: Er ist in Sachsen-Anhalt, weil der Krieg ihn aus seiner Heimat vertrieben hat.

Braschnik, heute 67 Jahre, ist ein drahtiger Mann, der mit seinen kurzen, dunklen Haaren und der aufgeknöpften Jeansjacke erstaunlich jugendlich erscheint. Jedenfalls wirkt er nicht wie ein Veteran des sowjetischen Afghanistankrieges, der 25 Jahre seines Lebens in der Armee gedient hat, sei es in Kaliningrad, an mehreren Standorten in der DDR, im lettischen Jekabpils und später in seiner Heimatstadt Charkiw.

Sein Lebensweg liegt im Schatten des von Russland entfesselten Krieges, den das Land heute in der Ukraine führt. Ein Weg, der für den 1955 Geborenen lange ein sowjetischer war. Als die Sowjetunion zerfiel, war er 36 Jahre alt. Bis dahin diente er mit Russen gemeinsam in der Armee. Die Truppenteile in den Kasernen von Cochstedt waren quasi ein Abbild der Sowjetunion: "Wir waren Russen, Georgier, Usbeken und Ukrainer." Sei es in der DDR als Besatzer, sei es im Wettrüsten mit den USA – Militärs wie er standen früher Seite an Seite für die propagierte Überlegenheit des Sowjetsystems ein, egal, aus welcher Sowjetrepublik sie waren. Eines Systems, das 1991 implodierte, weil es nicht mehr weiterging. In diesen Monaten, im Frühjahr 2022, musste er fliehen, weil es russische Truppen sind, die nun als Feinde in seinem Land stehen.

Dass Russen und Ukrainer einmal untereinander Krieg führen – nicht einmal in einem Albtraum wäre uns das eingefallen.

Viktor Braschnik über die Zeit in der Sowjetarmee am Standort Cochstedt

Auch nach acht Monaten ist dieser Krieg für ihn nicht zu begreifen. Mittlerweile ist er vom Tower hinunter gestiegen, fünf Treppen, einen Fahrstuhl gibt es hier nicht. Er steht nun auf dem Vorplatz und sagt: "Dass Russen und Ukrainer einmal untereinander Krieg führen – nicht einmal in einem Albtraum wäre uns das eingefallen." Was ihn besonders betroffen macht, das spürt man, ist das geschaffene Feindbild seiner Heimat Ukraine bei den Russen. Durch Propaganda, sagt er. Er selbst hat als junger Rekrut in einem Fernstudium einen Abschluss in Geschichte erworben. In seinen Augen fing das in Russland weit vor Putin an.

Viktor Braschnik blickt sich um, alles ist anders. Rechts ragt ein Hangar auf, ein klobiger Neubau. Links schirmt ein Zaun das Gelände ab, auf dem heute die internationale Forschung zuhause ist. Früher war er es, der hier noch jeden Winkel kannte. Im Kalten Krieg war Braschnik dafür verantwortlich, eben diesen Flugplatz einsatzbereit zu halten. Als Reserve, falls aus dem Kalten ein heißer Krieg wird. Die DDR war bekanntlich der militärische Vorposten der Sowjetunion.

Knapp drei Jahre, von 1985 bis 1988, diente er in Sachsen-Anhalt und kommandierte den Standort von rund 20 Offizieren und 60 Soldaten. Doch der Krieg blieb kalt. Die Flüge der Kampf- und Transporthubschrauber, die ab 1987 stationiert waren, sie blieben reines Training, sagt er.

So fiel Viktor Braschnik auch die Aufgabe zu, im drögen Militäralltag für ein bisschen Abwechslung zu sorgen. Darunter für die Offiziersfrauen. Über die offizielle Schiene kam er daher mit dem Aschersleber Ehepaar Gisela und Helmut Ewe in Kontakt, sie arbeitete beim DDR-Kulturbund. Gemeinsam organisierten sie eine Stadtführung. Dann, um sich besser kennenzulernen, luden Viktor Braschnik und seine Frau Ljudmila die Ewes zu sich in die Wohnung ein, direkt auf das abgeriegelte Gelände der Sowjets. Sie stellten Pelmeni und Kiewer Torte auf den Tisch. Von da an sahen sie sich oft privat, verstanden sich auf Anhieb. So erinnern sich die Vier bei einem Treffen, jetzt, 36 Jahre später. Dass diese Nähe von der sowjetischen Militärführung nicht gern gesehen war, machte Braschnik damals wenig aus. Ewes ihrerseits überhörten das Unbehagen von DDR-Offiziellen.

Es war, als ob ich in meine zweite Heimat komme.

Viktor Braschnik über seine Ankunft in Aschersleben

Den Kontakt hätten sie immer gehalten, sagt Viktor Braschnik. Er wandte sich an die Ewes, als der erfahrene Militär nach dem 24. Februar 2022 mit seiner Familie in die größte Not seines Lebens kam. Russische Truppen standen schnell vor Charkiw. "Es ist ja nah an der Grenze, 40 Kilometer. Sie begannen, die Stadt zu bombardieren." Tochter und Enkelin wollten weg, nach Deutschland. Er rief also die Ewes an, und das Paar stand bereit, als die beiden in Aschersleben eintrafen. Das war am 2. März.

Wenige Wochen später kam Braschnik mit seiner Frau hinterher. Er ist alt genug, um für die Front nicht mehr vorgesehen zu sein, durfte ausreisen. "Als die Bomben bei uns nebenan einschlugen, konnten wir nicht länger bleiben und stiegen ins Auto. Auf eigene Faust, fast 3.000 Kilometer." Es war schwer, sagt er und blickt zu seiner Frau hinüber, die seit einem Schlaganfall vor drei Jahren linksseitige Lähmungen hat. Alles mussten sie stehen und liegen lassen.

Bis zuletzt hatte Braschnik auch Arbeit. Nachdem er seinen Militärdienst 1997 regulär beendet hatte, dann bei den ukrainischen Streitkräften, sattelte er um. Als Mechaniker begann er, Baukrane und Autos zu reparieren. Das Vorwissen brachte er von der Militärschule mit. Jetzt besucht er einen Deutschkurs.

Im Sommer war Viktor Braschnik noch einmal nach Charkiw zurückgefahren, für wenige Tage, mit dem Bus. Er konnte wichtige Dokumente und einige Sachen aus der Wohnung retten. Auch gelang es ihm, seine jüngere Schwester zu besuchen, die mit der Familie weiter ausharrt, nicht weg will. Viktor Braschnik hat das Glück, an einem für ihn vertrauten Ort in Sicherheit sein zu können: "Es war, als ob ich in meine zweite Heimat komme." Was ihm die Zukunft bringt, bleibt ungewiss.

MDR (Mandy Ganske-Zapf, Tom Gräbe)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 06. November 2022 | 19:00 Uhr

12 Kommentare

ElBuffo am 05.11.2022

Die Ukraine wurde wohl zuerst überfallen. Da ist müßig zu fragen, was die uns noch an Hilfe zukommen lassen, wenn wir als nächste dran sind erneut befreit zu werden. Die Ukrainer leisten im Moment die größte Hilfe, zu der sie in der Lage sind und bewahren uns damit genau vor dieser erneuten Befreiung von Gesubdheit, Leben, Eigentum und Wohlstand.

hilflos am 04.11.2022

Maria a., sie werden hier mit ihren, an der Realität angelehnten, Argumenten nicht durch kommen. Wenn man nur die ÖRR Wahrheit und Realität hört und versteht, dann nimmt man die objektive Realität, wie Gerdb u a, nur verzerrt wshr

gertB.ausJ am 04.11.2022

Dann auch an dich Maria meine Frage . Was genau bekommst du bzw die " ansässige Bevölkerung " weniger? Ich hoffe da kommt etwas mehr als ein hilfloses "doch " vom hilflosen. Der bekommt seine Stütze trotzdem in vollem Umfang (was ich ihm gönne).

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