Umgebindehaus
Bildrechte: MDR/Jörg Winterbauer

Wohnen in der Oberlausitz Wie lebt es sich in einem Umgebindehaus für 20.000 Euro?

25. Mai 2024, 12:00 Uhr

Lena Schönfelder hat vor sechs Jahren in Bertsdorf-Hörnitz ein rund 240-jähriges Umgebindehaus zum Schnäppchenpreis gekauft. Wie sie darin mit ihren Kindern lebt, zeigt sie am Tag des offenen Umgebindehauses am Sonntag. Dann gewähren wieder Umgebindehausbesitzer aus Sachsen, Polen und Tschechien Einblicke in ihre vier Wände.

Das Haus von Lena Schönfelder und ihren vier Kindern liegt in einer kleinen Gasse in Bertsdorf-Hörnitz bei Zittau. Es sei kein perfekt saniertes Vorzeige-Umgebindehaus, hatte die Lehrerin am Telefon gewarnt. Vorzeigbar sieht es trotzdem aus, auch wenn hier und da der Lack an den alten Fensterrahmen, Holzbohlen und Rundbögen abblättert. Seit 2018 arbeitet die Mutter von vier Kindern kontinuierlich daran, alles hat sie aber noch nicht geschafft.

Junge Frau vor einem Umgebindehaus
Auch wenn das Haus viel Arbeit macht - Lena Schönfelder lebt gerne darin. Bildrechte: MDR/Jörg Winterbauer

Gerne hat sie es trotzdem, ihr altes Haus. Es habe seinen ganz eigenen Charakter. "Wenn sich die Temperatur ändert, knacken die Balken oder eine Tür schlägt, wenn der Wind weht. Es ist etwas krumm und schief. Es gibt keine zwei Fenster, die genau gleich groß sind." Um 1780 sei es gebaut, 1930 um ein Obergeschoss erweitert worden, erzählt Schönfelder.

Was ist ein Umgebindehaus? Beim Umgebindehaus wird eine Stützkonstruktion um einen Baukörper, die Blockstube, errichtet. Diese Stützkonstruktion entlastet die Blockstube von der Last des Daches und gegebenenfalls des Obergeschosses. Die Blockstube steht als selbstständig gezimmerter Kasten im Gebäude. Sie wird aus waagerecht übereinander geschichteten Holzbohlen oder -blöcken errichtet.

Die eingerückten Stubenwände und das oftmals bogenförmige Umgebinde verleihen diesen Häusern ihr charakteristisches Aussehen. Verbreitet sind Umgebindehäuser vor allem in der Oberlausitz sowie in Niederschlesien, Nordböhmen und im Elbsandsteingebirge. umgebindehaus.hszg.de

Vorbesitzer wollte das Haus loswerden

Gekauft hat sie das 95-Quadratmeter-Haus 2018 zu einem echten Schnäppchenpreis: 20.000 Euro habe sie dafür gezahlt, erzählt die Lehrerin. "Das war ein super Preis". Zum Haus gehört ein 250-Quadratmeter-Meter Garten mit Apfelbaum. Der Vorbesitzer habe eigentlich ein Ferienhaus daraus machen wollen, aber weil das Haus doch mehr Arbeit machte als erwartet, "ist ihm die Puste ausgegangen", erzählt Schönfelder. "Er wollte es einfach nur noch loswerden."

Blick in ein Zimmer
Schönfelder hat den Lack in der Blockstube entfernen lassen, sodass das gut erhaltene Holz zum Vorschein kam. Bildrechte: MDR/Jörg Winterbauer

Dabei sei das Haus baulich in einem guten Zustand gewesen. Einiges zu tun gab es trotzdem: "Wir haben die Blockstube professionell sandstrahlen lassen von einem Tischler", erzählt die Hausbesitzerin. So kam unter mehreren Schichten Lack das Originalholz wieder zum Vorschein, aus dem die Blockstube besteht - das Wohnzimmer der Familie und Herzstück des Hauses. Die niedrigen Decken von rund 1,90 Meter in der Blockstube stören Schönfelder nicht. "Ich finde es eigentlich eher heimelig, also gemütlich und beschützend und nicht einengend", sagt sie.

Unzählige Arbeitsstunden, Hilfe ist im Dorf garantiert

"Seit 2018 haben wir an Materialkosten noch mal so rund 10.000 Euro investiert", erzählt Schönfelder. "Und die Arbeitsstunden kann ich nicht zählen", sagt sie und lacht. Die 43-Jährige macht fast alles am Haus selbst, bekommt aber auch Hilfe von Nachbarn. "Wenn ich etwas noch nicht kann wie Verputzen oder Mauer, dann frage ich hier im Dorf und jemand erklärt es mir." Es würden ihr aber immer neue Dinge auffallen, die zu tun sind. "Man wird nie fertig mit so einem alten Haus."

Blick in ein Zimmer
"Heimelig" sei es in der Blockstube mit den niedrigen Decken. Bildrechte: MDR/Jörg Winterbauer

Trotzdem bereue sie nicht, in das Haus gezogen zu sein - ganz im Gegenteil. Früher hat sie mit ihrer Familie in Bochum in einer Eigentumswohnung gewohnt "mit Heizung und Fernwärme, doppelt verglast und energetisch saniert. Und ich würde es nicht mehr tauschen wollen", sagt sie. In so einem alten Haus lebe man "naturnah", man bekomme viel mehr von den Temperaturschwankungen und dem Wetter draußen mit. "Wir finden das sehr schön, das erdet unheimlich."

Schönfelder genießt die Ruhe in Bertsdorf-Hörnitz

Und auch aus Bertsdorf-Hörnitz will sie nicht mehr weg. "Ich komme aus der Großstadt. Und mir gefällt hier, dass man hier Luft und Raum zum Atmen und zum Sein hat. Hier sind deutlich weniger Menschen. Hier ist deutlich weniger Grundrauschen. Hier ist es ruhig, hier kann man noch denken, man ist nicht dauernd abgelenkt"; erklärt sie.

Blick aus einem Fenster
Schönfelder hat die Originalrahmen in den Fenstern belassen. Bildrechte: MDR/Jörg Winterbauer

"Klar hat man auch mal bei schlechtem Wetter oder bei Schnee oder bei Minusgraden keine Lust rauszugehen und sich das Holz zu holen." Schönfelder heizt mit Holz und Kohle. "Aber es gehört dazu und ich habe mich bewusst für das Haus entschieden, auch bewusst dazu entschieden, so zu leben und das tut uns allen unheimlich gut", sagt sie.

Tag des offenen Umgebindehauses Zum inzwischen 20. Mal wird im Dreiländereck der Tag des offenen Umgebindehauses begangen. Dazu können am Sonntag, den 26. Mai, mehr als 100 Häuser besichtigt werden. Die zentrale Eröffnung findet um 10:00 Uhr in Ebersbach-Neugersdorf statt. In der Regel stehen die Häuser bis 17 Uhr offen. Einige von ihnen sind nur im Rahmen von Führungen zu besichtigen. Welche Häuser offen sind, hat die Stiftung Umgebindehaus in einer Übersicht zusammengetragen, die auf der Internetseite zu finden ist.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Regionalreport aus dem Studio Bautzen | 24. Mai 2024 | 16:30 Uhr

1 Kommentar

Phoenixada vor 4 Wochen

Das ist eine schöne Sache, weiter so!

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