Wetterextreme Erste Gefahrenkarte für Starkregen in der Oberlausitz erstellt

Immer häufiger kommen binnen weniger Minuten gewaltige Regenmengen vom Himmel. Der steinharte, ausgedörrte Boden kann die Wassermassen nicht aufnehmen. Fluten und Schlammlawinen bilden sich. Die Landesregierung hat Experten zusammengezogen, die nun über das Land touren und den Kommunen helfen sollen, diese Folgen des Klimawandels zu bewältigen. Der Auftakt fand in Zittau statt.

Ein Feuerwehrmann watet über einen überschwemmten Hof in Spitzkunnersdorf.
Den Bewohnern blieb kaum Zeit zu reagieren: 2017 wurden bei einem Gewitter viele Häuser in Spitzkunnersdorf überflutet. Bildrechte: Daniel Schäfer

Spitzkunnersdorf in der Oberlausitz ist ab sofort besser für Starkregen gewappnet. Das Dresdner Ingenieurbüro Noack hat eine Starkregengefahrenkarte für den Ortsteil von Leutersdorf erstellt. Es ist ein Novum in Sachsen, erklärt Torsten Noack, der die hydraulischen Berechnungen durchgeführt hat. "Das Neue daran ist, dass wir in der Lage sind, Starkregen wirklich modelltechnisch zu erfassen und wild abfließendes Wasser abzubilden." Zuvor habe man sich bei Gefahrenkarten auf das von Bächen oder Flüssen kommende Wasser konzentriert. Wassermassen und Schlammlawinen von Hängen und Feldern seien bisher vernachlässigt worden, sagt Noack.

Wir sind heute in der Lage, Starkregen modelltechnisch zu erfassen und wild abfließendes Wasser abzubilden.

Torsten Noack Ingenieurbüro Noack

Torsten Noack macht mit seinem Ingenierbüro hydraulische Berechnungen.
Torsten Noack hat eine Starkregengefahrenkarte für Spitzkunnersdorf erstellt. Bildrechte: MDR SACHSENSPIEGEL

Niederschläge verändern sich, Temperaturen steigen

Städte und Dörfer müssen sich zunehmend auf Wetterextreme einstellen. Auf lange Hitzewochen folgen Gewitter mit enormen Regenfällen. Das zeigen die Daten der Vergangenheit und Berechnungen in die Zukunft vom Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie auch für Ostsachsen. Danach ändert sich der Jahresniederschlag in der Oberlausitz insgesamt wenig, jedoch nimmt er im Sommer ab und im Winter zu. Laut Prognosen des Landesumweltamtes steigt außerdem bis zum Jahr 2050 die Durchschnittstemperatur um mehr als zwei Grad.

Seit November 2017 hat sich ein Niederschlagsdefizit von fast einem Jahresniederschlag hier in der Zittauaer Region aufgebaut.

Florian Kerl Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie

Abgesehen von den durchschnittlichen Regendaten der vergangenen Jahrzehnte leidet der Zittauer Raum aktuell unter Trockenheit, wie Florian Kerl vom Landesumweltamt feststellt. Er hat sich die jüngsten Messdaten genauer angesehen: "Seit November 2017 hat sich ein Niederschlagsdefizit von fast einem Jahresniederschlag hier in der Region aufgebaut."

Florian Kerl vom Sächsischen Landesamt für Umwelt
Florian Kerl vom Landesumweltamt stellt für den Zittauer Raum in den vergangenen Jahren ein großes Niederschlagsdefizit fest. Bildrechte: MDR SACHSENSPIEGEL

Trinkwasserbrunnen genügen nicht mehr

Der wenige Regen hat Folgen. Der Grundwasserspiegel bei Zittau ist so weit gesunken, dass sich mancherorts die Trinkwasserversorgung schwierig gestaltet. So ist in dem Dorf Schlegel der Trinkwasserbrunnen nicht mehr ergiebig genug und die Stadtwerke Zittau mussten für eine Million Euro eine neue Wasserleitung in den Ort legen.

Ähnlich dramatisch ist laut Zittaus Oberbürgermeister Thomas Zenker (Wählergemeinschaft "Zittau kann mehr") die Situation im Weißbachtal. Die Trockenheit habe dort viele Bäume sterben lassen. Durch die Entwaldung verdunste das Wasser dort schneller und die Grundwasservorräte verringern sich. Hier müsse man schnell aufforsten, so Zenker.

Bewirtschaftung der Felder ändern

Wie heftig der Klimawandel Sachsen trifft, dazu hat das Landesumweltamt Steckbriefe für die Kommunen erarbeiten lassen. Für Leutersdorf mit Spitzkunnersdorf steht dort drin, dass sich die Gemeinde auf längere Trockenphasen einstellen muss, die von Starkregenfällen unterbrochen werden.

Damit sich hier die großflächigen, akuten Überschwemmungen nicht wiederholen, schlägt Torsten Noack verschiedene Vorsorgemaßnahmen vor. Dazu gehört eine andere Bewirtschaft der umliegenden Felder, die Schlammlawinen ausbremst. Des Weiteren empfiehlt der Ingenieur, die Gewässer zu verbreitern und Brücken umzubauen. Wichtig sei auch die Frage, wie man die Gefahrenabwehr organisiert, sagt Noack: "Wo muss ich hin im Hochwasserfall, wo sollte man die Sandsäcke hinlegen, wo auspumpen?" Hier liefere Spitzkunnersdorfs neue Starkregengefahrenkarte mit dem damit verbundenen Maßnahmeplan Antworten.

Geld für Starkregenvorsorge fehlt

Knackpunkt für die Kommunen sind dabei die baulichen Hinweise. "Wir wissen, dass wir beim Thema Starkregen an vielen Stellen bessere Vorkehrungen treffen müssen, sind aber nicht entsprechend ausfinanziert", beklagt Zittaus OB Zenker. Dahingehend gebe es seit Jahren Diskussionen mit dem Freistaat.

Bleibt für die betroffenen Anwohner die Hilfe zur Selbsthilfe. Hier liefert im Internet die sogenannte Rainman-Toolbox ein umfassendes Angebot an präventiven Maßnahmen wie Gefahrenanalysen und Kartierungen, an Bauvorschlägen und Einsatzverfahren im Hochwasserernstfall und an Katalogisierungsvorschlägen für die Schadensregulierung bei Versicherungen im Nachgang. Durch 100 Einzelmaßnahmen können sich Interessierte durcharbeiten und sich für die eigene Vorsorge inspirieren lassen.

Feuerwehrfahrzeug in Neukirch in der Oberlausitz auf einer überfluteten Straße
Der Regen am 9. September riss den trockenen Boden mit sich und spülte den Schlamm unter andrem in Neukirch auf die Straße. Bildrechte: xcitepress

MDR (mkl,ama)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Regionalreport aus Bautzen | 22. September 2022 | 16:30 Uhr

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