Neufert-Bau "Lost Place" in Weißwasser ist wieder standfest

14. März 2023, 16:51 Uhr

Verlassene Häuser sind wie ein Zeitreiseportal, durch das sich mit dem verzerrenden Filter des Verfalls Vergangenheit erspüren lässt. In Weißwasser kümmert sich ein Verein um so einen "Lost Place". Es ist der Neufert-Bau, ein riesiges Lagerhaus aus Glas- und Ziegelsteinen. Bis in den Hort der Vergangenheit wieder kontinuierlich Leben einzieht, wird es dauern. Für die Nachwelt soll der Bau aber in jedem Fall erhalten bleiben.

Es ist geschafft: "Das gesamte Haus ist trocken und statisch gesichert", sagt Holger Schmidt und lässt zufrieden den Blick durch das schummrige Mittelgeschoss gleiten. Einzig die kleinen Fenster und eine Wand aus Glasstein spenden Licht. Strom gibt es in dem verlassenen Lagerhaus an der Schmiedestraße in Weißwasser nicht.  Doch in das Industriedenkmal soll nach und nach wieder Leben einziehen, so das Ziel der Vereins Neufert-Bau Weißwasser e.V. "Denn es ist ein ganz besonderes Gebäude und wir wollen es für die Nachwelt erhalten", betont Vereinschef Schmidt.

Es ist ein ganz besonderes Gebäude und wir wollen es für die Nachwelt erhalten.

Holger Schmidt Vereinschef

Architekt Neufert, ein Normenfetischist

Der Architekt Ernst Neufert, der einige Zeit in Weißwasser arbeitete, hatte das sechsstöckige Lagerhaus samt Verladehalle in den 1930er Jahren für die Vereinigten Lausitzer Glaswerke entworfen. Man kann es als eines der ersten Logistikzentren bezeichnen. Es ist ganz in der Bauhaustradition schlicht und durchdacht funktional, wie Vereinsmitglied Roland Ladusch, ein Architekt aus Weißwasser, erklärt.

Die Bauentwurfslehre von Ernst Neufert ist das Standardwerk für alle Architekten.

Roland Ladusch Vereinsmitglied

Neufert sei ein Normenfetischist gewesen. Egal ob Regalhöhe, Abstände bei der Treppengestaltung oder die Breite von Parkplätzen, für alles formulierte er Richtlinien. Diese seien bis heute in der Architekturplanung aktuell, wie Ladusch sagt: "Die Bauentwurfslehre von Ernst Neufert ist das Standardwerk für alle Architekten."

Bau war in der DDR ein Lager vom Konsum

Wichtigste Norm des Neufert-Baus in Weißwasser war, dass ein Quadratmeter Etagenboden eine Tonne Last tragen können musste. So leistete das Gebäude zuletzt dem Konsum als Lager gute Dienste. Doch mit der Wende kamen Stillstand und Verfall. Das Dach brach ein, Farne und meterhohe Birken wuchsen aus dem Obergeschoss, ein Stahlträger an der Südseite des Hauses knickte ab, wodurch Teile der Außenwand einstürzten.

Neufert-Bau

Der Neufert-Bau in Weißwasser ist ein typischer Industriebau in der Formensprache der klassischen Moderne beziehungsweise der Neuen Sachlichkeit der 1930er Jahre. Geplant und gebaut wurde er als zentrales Lager- und Versandgebäude der Vereinigten Lausitzer Glaswerke (VLG). Es ist ein frühes Modell eines Logistikzentrums. Der denkmalgeschützte Gebäudekomplex besteht aus einem sechsgeschossigen Lagerhaus und einer eingeschossigen Verladehalle. Das Lagerhaus basiert auf einem tragenden Stahlskelett und einer Sichtklinkerausmauerung, die bis heute weitgehend original erhalten ist. Das Lagerhaus wird durch ein Treppenhaus und zwei größere Lastenaufzüge (außer Betrieb) erschlossen und hat pro Geschoss etwa 700 Quadratmeter Nutzfläche. Quelle: Neufert-Bau Weißwasser e.V

Schon wurde über Abriss nachgedacht, als sich der Dessauer Städteplaner und Uni-Professor Schmidt mit ein paar Enthusiasten ins Spiel brachte. Dass es in Weißwasser ein Bauwerk von Ernst Neufert gibt, den selbst mancher in der Fachwelt nicht kennt, ist für den 63-Jährigen ein Ansporn, dieses zu erhalten.

Mit rund 150.000 Euro aus dem Sonderprogramm der sächsischen Denkmalpflege ist das nun gelungen. In den vergangenen Monaten wurde das Dach geschlossen, die kaputte Stahleckstütze getauscht, die historischen Klinkersteine wieder eingesammelt, aufgearbeitet und verbaut.

Nicht nur beauftragte Firmen arbeiteten, sondern auch die Vereinsmitglieder, wie Hans-Joachim Gumz betont: "Wir haben alle geschuftet." Um die 500 historische Ziegelsteine, die herabgefallen waren, wurden aufgearbeitet. Das sei durch den harten Mörtel, der auf den Klinkern haftete, sehr mühselig gewesen.

Wir haben alle geschuftet.

Hans-Joachim Gumz Vereinsmitglied

Wie der Neufert-Bau künftig genutzt werden soll, ist noch offen. Schmidt nennt einige Ideen, wie den Bau von Wohnungen unterm Dach oder dass man hier wieder ein Lager einrichtet, eventuell das Haus sogar als Energiespeicher nutzt. Die Deckenlast würde es hergeben. Als nächstes großes Projekt soll erst einmal die Verladehalle abgedichtet und wieder vollständig mit Fenstern versehen werden.

Residenz für Künstler im August

Über Nutzungskonzepte könne sich auch die Folgegeneration Gedanken machen, findet Vereinschef Schmidt. Wie zum Beispiel die kreative Mannschaft von Kollision der Künste (Kodekü): Sie wird im August eine zweiwöchige Kunstresidenz auf dem Gelände veranstalten. Aber auch der Neufert-Verein selbst will in diesem Jahr wieder ein Sommerkino organisieren und gelegentlich zu Veranstaltungen im Garten und Erdgeschoss einladen.

Ernst Neufert

Ernst Neufert war der Kopf hinter dem Standardwerk "Bauentwurfslehre". Er begeisterte sich für die Idee des Bauhauses – für klare, sachliche und funktionale Architektur. Neufert war bereits zu Studienzeiten Mitarbeiter im Baubüro von Walter Gropius und Adolf Meyer. Mit der Machtergreifung durch die Nazis zog es Neufert ins Ausland. 1936 reiste er in die USA, um den dortigen Architekturmarkt zu erkunden und eine mögliche Emigration. Doch es kam anders: Neufert wurde Architekt der Vereinigten Lausitzer Glaswerke und zurück in Deutschland arbeitete er mit Albert Speer, Hitlers Generalbauinspektor, zusammen. Typisierung, Normung und Rationalisierung des Berliner Wohnungsbaus waren seine Schwerpunktthemen. 1945 wurde Neufert als Professor für Baukunst an die Technische Hochschule Darmstadt berufen, wo er bis 1965 lehrte und zugleich als freier Architekt arbeitete. Quelle: Neufert-Bau Weißwasser e.V.

MDR (ama)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Regionalreport aus dem Studio Bautzen | 21. März 2023 | 16:30 Uhr

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