Kulturhauptstadt 2025 Frauengefängnis Hoheneck: Zeitzeuginnen erzählen ihre Geschichte

Das ehemalige Frauengefängnis Hoheneck in Stollberg, Sinnbild für politisch verfolgte Frauen von 1945-1989, ist eine Begegnungsstätte für das Kulturhauptstadtjahr 2025. Ein sensibles Thema, das die ehemals inhaftierten Frauen einbeziehen soll. Deshalb hatten Kulturhauptstadtpfarrer Holger Bartsch und Kurator Alexander Ochs dieser Tage Betroffene eingeladen, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Konstanze Helber und Gabriele Stötzer kamen.

Konstanze Helber und Gabriele Stötzer, Zeutzeuginnen aus dem Frauengefängnis Hoheneck
Konstanze Helber (links) und Gabriele Stötzer erzählen die Geschichte ihrer Haftzeit im Frauengefängnis Hoheneck. Bildrechte: MDR/Ines Gruner-Rudelt

Gabriele Stötzer ist gerade einmal 23, als sie 1977 wegen angeblicher "Staatsverleumdung" verurteilt wird. Ein Jahr Haft verbüßt sie erst im Stasi-Untersuchungsgefängnis in Erfurt und dann im Frauengefängnis Hoheneck. "Arbeite mit, plane mit, regiere mit!" Dieses Motto habe sie wörtlich genommen, sagt Stötzer. Den Sozialismus zum Positiven, zum Demokratischen verändern, das sei ihr Ziel gewesen. "Und dann kommst du plötzlich ins Gefängnis und merkst, dieser Sozialismus, um den wir gestritten haben, der ist ja gar nicht reformierbar. Das ist ja ein total morbides Gebäude. Die verkaufen ihre Landeskinder."

Du warst nie alleine, nicht eine Sekunde, nicht mal auf der Toilette.

Gabriele Stötzer Zeitzeugin über ihre Haft im Frauengefängnis Hoheneck

Ihre Erinnerungen an die Zeit im Gefängnis sind noch immer sehr präsent. "Du bist nie allein, weil diese ganze Burg, die Mauern, die beben einfach vom Leben, weil ständig gearbeitet wird im Drei-Schichtsystem. Irgendwelche Leute haben geschlafen, dann haben die da genäht, die anderen waren gerade in der Freistunde, die nächsten sind wieder irgendwo hingegangen oder haben gegessen", erinnert sich die 69-Jährige. "Du warst nie alleine, nicht eine Sekunde, nicht mal auf der Toilette. Es sei denn, du kommst dann wirklich mal in den Knastkeller. Da warst du dann aber wieder auf eine andere Art alleine, die dich zerstört hat."

Ein Gefängnis im Inneren mit Zäunen und Fluren. 4 min
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4 min

Zeitzeugen, Bilder und Klänge aus Hohneck, verdeutlichen die grausamen Lebensbedingungen in Hoheneck. (Bild/Ton-Collage von Tobias Barth)

Di 08.11.2011 14:05Uhr 04:05 min

https://www.mdr.de/geschichte/stoebern/damals/video22998.html

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Stötzer lehnt Ausreise nach Haftentlassung ab

"Dabei sein und nicht schweigen" so heißt der Text, den Gabriele Stötzer 1977 mit ihrer Schreibmaschine getippt hat. Und so lautet bis heute ihr Motto. Nach ihrer Entlassung lehnt sie die Ausreise in den Westen ab. "Ich hatte meinen Dickkopf. Ich dachte, ich wollte das nicht, dann gehe ich auch nicht. Also ich wollte nicht in den Westen gehen, damit es mir besser geht, sondern ich habe immer so eine Gesellschaftsplanung gehabt, ich wollte die Gesellschaft verbessern."

Gabriele Stötzer bleibt im Osten, engagierte sich im künstlerisch-literarischen Untergrund der DDR. Ihr Werk umfasst Zeichnungen, Filme, Fotokollagen, Gedichte, Installationen und Objekte. Immer wieder setzt sie sich mit der Rolle der Frau in der Kunst auseinander. Für ihr bürgerrechtliches Engagement in der DDR und für ihre künstlerische Auseinandersetzung mit der Haft- und Diktaturerfahrung wird ihr im Jahr 2013 das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Eine Tafel mit Namen und Zahlen 2 min
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Über ihre Haft in Hoheneck hat Gabriele Stötzer viel gesprochen. "Das ist das härteste Frauengefängnis überhaupt in Deutschland gewesen und ist es auch immer noch. Wenn du da reingehst spürst du die verzweifelten Seelen, die da gefangen waren und gefangen sind", sagt sie. "Menschen haben unendlich gelitten da, unendlich - wirklich. Die haben uns nicht geschont und ich will die auch nicht schonen, deshalb habe ich das Buch gemacht und rede darüber."

Das ist das härteste Frauengefängnis überhaupt in Deutschland gewesen und ist es auch immer noch.

Gabriele Stötzer Zeitzeugin

Nach 25 Jahren bricht Konstanze Helber ihr Schweigen

"Ich habe 25 Jahre geschwiegen", sagt Konstanze Helber. 21 Jahre jung kommt sie - ebenfalls 1977 - wegen Republikflucht nach Hoheneck. Die Liebe ist der Kinderkrankenschwester zum Verhängnis geworden. Es ist ihr erster Auslandsurlaub in Bulgarien, wo sie einen Touristen aus Baden-Württemberg kennenlernt. Beide verlieben sich. Nach zwei abgelehnten Ausreiseanträgen planen sie ihre Flucht. Doch das Vorhaben scheitert, Helber kommt ins Gefängnis. 1979 wird sie von der Bundesrepublik freigekauft.

Eine Frau auf einer Wiese. 3 min
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2004: Erster Besuch in Hoheneck nach der Haftentlassung

Ihre Haftzeit hat Konstanze Helber lange verdrängt. Erst 2004 reist sie gemeinsam mit ihrem Mann nach Stollberg. Der Besuch in Hoheneck ist für sie ein Schock. "Alle Erinnerungen waren, als hätte man einen Schalter umgeklappt, wieder da", sagt sie. Ein junger Mann führt das Ehepaar durch das ehemalige Frauengefängnis. "Es war eine absolut leere Hülle, Hoheneck, komplett ausgeräumt. Der Guide, der den Schlüssel in der Hand hatte und meinte, er musste ihn so festhalten und zeigen, den hab ich erstmal zurechtweisen müssen, damit er ihn wegsteckt und vor allem auch nicht klappert, weil ich es nicht hören konnte."

Freiheit war unsere Hoffnung, Erinnerung ist unser Auftrag.

Konstanze Helber Zeitzeugin

Hoheneck hat auch bei Konstanze Helber viele Spuren hinterlassen. Es seien aber Spuren, mit denen sie umgehen könne. Sie habe ihre Geschichte aufgearbeitet, sagt Helber und dabei gemerkt, dass sie andere Frauen treffen wolle, denen es genauso ging wie ihr. "Die habe ich auch getroffen, weil ich einen Aufruf gemacht habe und es meldeten sich ganz viele Frauen. Wir haben uns getroffen und ganz sensibel miteinander gesprochen", erzählt sie. "Ich habe auf sensible Art und Weise versucht, Frauen zum Reden zu bringen. Die waren dann hinterher ganz erleichtert."

2010 gründet Helber den "Süddeutschen Freundeskreis Hoheneckerinnen". Neun Jahre später ist sie Mitgründerin des Vereins "Forum für politisch verfolgte und inhaftierte Frauen der SBZ/DDR-Diktatur", dessen Vorsitzende sie heute ist. Im vergangenen Juni wird auch sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, für ihr Engagement gegen das Vergessen von DDR-Unrecht.

Wir wollen keine schöne Gedenkstätte, sondern eine authentische Gedenkstätte.

Konstanze Helber Zeitzeugin

Heute spricht Konstanze Helber viel über die Zeit in Hoheneck. Dabei gehe es ihr nicht immer gut sagt sie. "Da braucht man Ruhe und Kraft, um dann auch die Emotion so zu beherrschen, dass man nicht weint. Wirklich nicht weint, weil es zum Weinen ist, die Geschichte." Damit die Geschichte nicht vergessen wird, beteiligt sich Helber auch am Aufbau der Gedenkstätte Hoheneck. "Wir wollen keine schöne Gedenkstätte", sagt sie. "Sondern eine authentische Gedenkstätte - Stand 1989. Mit Beteiligung der Frauen, ohne uns geht nichts."

Burg Hoheneck 21 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Beteiligung bei Kulturhauptstadt gewünscht

Auch die Beteiligung am Purple Path findet Konstanze Helber eine gute Idee. Es gab Frauen, die hätten Gedichte in der Haft geschrieben und Briefe. "Es gibt auch Frauen, die künstlerisch begabt sind, aber keine Künstler sind, aber ihr Leben da in der Zeit künstlerisch aufgearbeitet haben und da gibt es auch Exponate", sagt Helber. Ausstellungen oder Veranstaltungen, die an das Leben der Hoheneckerinnen erinnern könne sie sich sehr gut vorstellen. "Freiheit war unsere Hoffnung", sagt Konstanze Helber. "Erinnerung ist unser Auftrag."

MDR (ali)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Regionalnachrichten aus dem Studio Chemnitz | 30. November 2022 | 13:30 Uhr

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