Debatte "Zeitenwende" Ukraine-Krieg: Kretschmer sieht Deutschland weiter in Vermittlerrolle

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer bezweifelt einen militärischen Sieg der Ukraine im Verteidigungskrieg gegen Russland. Beim öffentlichen Streitgespräch in der Dresdner Schauburg trat der CDU-Politiker weiter für eine deutsche Vermittlerrolle ein. Kritik an der Position kam von seinem Stellvertreter und Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD). Im Vorfeld der Debatte kam es zu einem Eklat zwischen dem Ministerpräsidenten und dem Initiator der Kundgebung von "Parents for future".

Zwei Männer in einem Gespräch.
Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig und Ministerpräsident Michael Kretschmer in der Debatte: Wie soll es es weitergehen beim Thema Energieversorgung? Und wie sehen die beiden Politiker den Krieg in der Ukraine? Bildrechte: MDDR SACHSENSPIEGEL

Vor fast genau einem halben Jahr hat Russland die Ukraine in einer großangelegten Invasion überfallen. Derzeit kann keine der beiden Kriegsparteien große Geländegewinne erzielen. Zweifel an einer militärischen Lösung des Kriegs in der Ukraine äußerte am Dienstagabend erneut Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer. Bei einem öffentlichen Streitgespräch mit seinem Kabinettskollegen Martin Dulig forderte der stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende erneut ein Eintreten Deutschlands für Verhandlungen im Konflikt.

Die Bundesregierung solle im Interesse der Ukraine und gemeinsam mit Verbündeten versuchen, eine Lösung zu finden. Das heiße nicht, dass die Ukraine Territorium abgeben solle, so Kretschmer auf der gemeinsamen Veranstaltung der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung und SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung im Kino "Schauburg" in Dresden.

Michael Kretschmer (CDU), Ministerpräsident von Sachsen, hält während der Sitzung des Sächsischen Landtages eine Regierungserklärung zum Krieg in der Ukraine.
Kretschmer fordert, dass Deutschland für Verhandlungen im Ukraine-Konflikt wirbt. Bildrechte: dpa

Es muss doch möglich sein, diesen Krieg anzuhalten.

Michael Kretschmer Ministerpräsident Sachsen

Deutschland muss Vermittlerrolle einnehmen

Kretschmer vertritt damit explizit eine andere Ansicht als der CDU-Bundesvorsitzende Friedrich Merz, der sich im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine keine Vermittlerrolle für Deutschland vorstellen kann. Für Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig trägt Kretschmers Vorstoß zu keiner höheren sicherheitspolitischen Stabilität in Europa bei.

Bei dem Streitgespräch fragte der SPD-Politiker seinen Gegenpart mehrfach, wie genau der russische Machthaber Wladimir Putin an den Verhandlungstisch gebracht werden solle. Kretschmer blieb vage und verwies auf ein Einbinden der chinesischen Regierung.

Anja Maier und Malte Pieper 28 min
Bildrechte: MDR/Isabel Theis/Imago/Ute Mahler/Agentur Ostkreuz

Dulig widerspricht Kretschmer mehrfach im Ukraine-Konflikt

Dulig widersprach Kretschmer wiederholt. Die Verhandlungsposition der Ukraine dürfe nicht geschwächt, das Land nicht "geopfert" werden. Deutschland und Frankreich hätten mit Russland lange verhandelt. Er sei froh, dass man mit Olaf Scholz (SPD) einen besonnenen Kanzler habe. Wirtschaftliche Stärke nutze nichts, wenn es keine politische Stabilität gebe. Territoriale Integrität sei eine Voraussetzung für eine solche Stabilität.

Martin Dulig (SPD), Wirtschaftsminister von Sachsen, hält während der Sitzung des Sächsischen Landtags eine Fachregierungserklärung.
Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig plädiert dafür, dass die Verhandlungsposition der Ukraine nicht geschwächt wird. Bildrechte: dpa

Wozu ich nicht bereit bin ist, die Ukraine zu schwächen, um eine Verhandlungsposition zu erreichen.

Martin Dulig Wirtschaftsminister Sachsen

Landespolitiker mit unterschiedlichen Energiezielen

In der etwa 100 Minuten langen Debatte ging es im Anschluss auch um das Thema Energieversorgung. Kretschmer vertrat unter anderem die Auffassung, dass Deutschland auch in den kommenden Jahren noch auf Gaslieferungen aus Russland angewiesen sein wird.

Dulig zufolge kann das Ziel nur darin bestehen, so unabhängig wie möglich zu werden. In Sachsen gebe es einen riesigen Nachholbedarf beim Ausbau erneuerbarer Energien. In der Diskussion sprach sich der SPD-Politiker auch für einen Härtefallfonds in Sachsen aufgrund der hohen Energiekosten aus.

Während der Debatte war der Kinosaal der Dresdner Schauburg mit knapp 400 Personen fast voll. Kretschmer wie auch Dulig erhielten von den Gästen Applaus. Der Ministerpräsident vor allem bei seiner Antikriegsrhetorik.

Parents for future: Krisen parallel angehen

Im Vorfeld hatte die Initiative "Parents for future" zu einer Kundgebung vor die Schauburg eingeladen. Etwa 15 Teilnehmende mehrerer Initiativen kamen zu der angekündigten Demo. Die Hauptforderung der Gruppen richtete Louise Hummel-Schröter von "Parents for future" direkt an Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, als dieser an der Schauburg eintraf: "Unser Wunsch ist, dass die Krisen parallel angegangen werden. Wir können es uns nicht erlauben, eine Krise nach der anderen anzugehen."

Unser Wunsch ist, dass die Krisen parallel angegangen werden. Wir können es uns nicht erlauben, eine Krise nach der anderen anzugehen.

Louise Hummel-Schröter Parents for future

Demo-Initiator fordert von Kretschmer Mikro zurück

Michael Kretschmer zeigte Verständnis, verwies aber auf die komplizierte Versorgungslage durch den Ukraine-Krieg. Am Kohleausstieg bis 2038 solle aber festgehalten werden. Zu einem kleinen Eklat kam es, als sich Kretschmer dafür aussprach, Braunkohle-Unternehmen bei der Förderung von Erneuerbarer Energien zu involvieren. Laut Kretschmer soll die fossile Energiegewinnung in Sachsen von derzeit acht Gigawatt zu erneuerbaren Energien umgebaut werden sollen: "Die Leag hat unser Wort. Wir wollen dazu auch Braunkohle-Folgeflächen nutzen."

Auf dem Bild sind vier Männer zu sehen. Einer von ihnen, der it ordentlich Hemd und Krawatte gekleidet ist, spricht in ein Mikrofon. Es ist Sachsens Ministerpräsident Michaek Kretschmer. Rechts daneben steht ein Mann mit legerer Kleidung. Es ist Steffen Peschel, Initiator der Kundgebung "Parents for future fordern Lösungen für alle Krisen". Weiter rechts steht im grauen Anzg ein Mann mit dunklen Bart. Es ist Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig.
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und Wirtschaftsminister Martin Dulig stellten sich dem Dialog mit den Initiatoren der Kundgebung. Bildrechte: MDR/Philipp Brendel
Eine Frau präsentiert Plakate mit wie Aufschriften wie "Frieden, Freiheit, Zukunft nur mit erneuerbaren Energien". Ein Mann hält daneben mit einem Mikrofon eine Ansprache. Es es sind Initiatoren von Parents for future.
Zu der Kundgebung riefen neben den Parents for future auch Initiativen wie Health for future oder Scientists for future auf. Bildrechte: Philipp Brendel

Steffen Peschel von "Parents for future" und Demo-Initiator forderte Kretschmer daraufhin auf, ihm das Mikrofon wiederzugeben. Kretschmer verließ die Kundgebung und ging in die Schaubühne. Peschel rechtfertigte sein Agieren: "Die Versammlung ist keine Bühne des Ministerpräsidenten. Die Leag ist nicht unsere Lösung." Er konfrontierte auch Wirtschaftsminister Martin Dulig mit nicht eingehaltenen Klimaschutz-Zielen und forderte einen "Turbo" einzulegen.

Dulig bezeichnet Verhalten als "unanständig"

Dulig wies auf die angespannte Krisensituation hin, die die Politik auch zu unpopulären Maßnahmen zwinge. Er sorge sich deshalb um den sozialen Frieden. Peschels Verhalten gegenüber Kretschmer bezeichnete Dulig als "unanständig". "Dass Sie demonstrieren, ist Ihr gutes Recht. Wenn Sie Dialog wollen, dann müssen Sie auch zuhören", sagte der Wirtschaftsminister.

 Bei einer Kundgebung ist im Vordergrund ein Mann in weißen Anzug und Krawatte zu sehen. Er blickt in Richtung der Initiatoren der Demo von Parents fpr future. Der Mann ist Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer.
Zu der Kundgebung am Dienstagabend waren 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmern verschiedener Initiativen anwesend. Bildrechte: Philipp Brendel

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | SACHSENSPIEGEL | 17. August 2022 | 19:00 Uhr

38 Kommentare

Robert Paulson vor 5 Wochen

Ich frage mich, ob Sie jemals Clausewitz gelesen haben... Krieg entstünde erst, wenn der Angegriffene beginnt sich zu wehren.
Als DDR-Geborene wissen wir beide, dass der Abzug der GSSD einem massiv glücklichen Umstand der Geschichte zu verdanken ist. Sie sollten eher die Frage stellen, wie es zur Besatzung kam - sie ist die direkte Folge eines Angriffskrieges.
Ihre Fragestellung in diesem Kontext: GB und die UdSSR hätten 1941 kapitulieren und die deutsche Besatzung ertragen sollen, um die Bevölkerung zu schonen? Polemisch: Raten Sie einem Vergewaltigungsopfer auch stillzuhalten, damit es schneller vorbei ist?
Und wenn sich eines gezeigt hat - es gibt keinen übermächtigen Gegner "Russland" mehr, die haben es geschafft, sich selbst zu entzaubern. Ich weiß, heute ist Atomdrohungsdonnerstag...
Massive Waffenlieferungen für die Ukraine bei maximaler Sanktionierung Russlands ist die Lösung.
Ein solches Russland möchte ich nicht in der Nachbarschaft. Putin muss weg!

Altmeister 50 vor 5 Wochen

Die Grundfrage, die die Ukrainer und auch die Nato beantworten müssen ist die:
Ist es nicht besser, sich einem übermächtigen Gegner ggf zu unterwerfen sowie Freiheit einzubüßen, als noch jahrelanges Sterben und Zerstörung hinzunehmen? Bei den Corona -Massnahmen hat die Politik sich für die Freiheitseinschränkung entschieden, um Leben zu retten. Warum ist diese Frage nicht legitim ?
Als DDR- Geborener habe ich mehrere Jahrzehnte sowjetische Besatzung und Diktatur erlebt. Das möchte man nicht wieder haben, ist aber, so makaber es klingt, sicher die für die Bevölkerung die verträglichere Lösung als jahrelanger Krieg mit Tod und Zerstörung. Letztlich besteht, historischen Erfahrungen zu Folge, immer die Chance ( siehe DDR ), sich von der Besatzung zu befreien. Vielleicht ist es besser diesen Umweg zu gehen. Leider ist in der Diskussion nicht klar geworden, ob Herr Kretschmer dies so meint.

emlo vor 5 Wochen

Ich habe lange Zeit ähnlich über Putins Russland gedacht wie Sie. Allerdings verstehe ich nicht, dass bei Ihnen angesichts des völlig inakzeptablen Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine immer noch kein Umdenken eingesetzt hat. Bei mir hat dieser Überfall dazu geführt, die Dinge neu zu bewerten. Offenbar waren die Warnungen vor Russland (insbesondere aus dem osteuropäischen Raum) doch nicht so ganz unbegründet.

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