Frauenschutz Hilfe für Opfer häuslicher Gewalt in Dresden

Die Fälle häuslicher Gewalt in Sachsen sind in den letzten Jahren stetig gestiegen und haben 2020 mit mehr als 9.000 einen Höchststand erreicht. Die Landesregierung hat sich deshalb vorgenommen, die Hilfe für Opfer häuslicher Gewalt zu verbessern. Unter anderem soll es in jedem Landkreis eine Anlaufstelle für Betroffene geben. MDR SACHSEN sprach mit der Leiterin der Dresdner Interventions- und Koordinierungsstelle (DIK), Sylvia Müller.

Häusliche Gewalt
In Sachsen gibt es inzwischen in elf von 13 kreisfreien Städten und Landkreisen Interventions- und Koordinierungsstellen gegen häusliche Gewalt. Bildrechte: colourbox.com

Frage: Frau Müller, sie treten mit den Opfern in Kontakt und nicht die Opfer mit ihnen?

Sylvia Müller: Genau. Also wir sind eine Beratungsstelle, die proaktiv arbeitet. Das heißt, wir nehmen von uns aus mit den Klientinnen oder den Klienten Kontakt auf, nach einem Polizeieinsatz, wenn sie damit einverstanden sind. Und das nehmen die meisten Betroffenen auch als Angebot wahr. Der zweite Weg ist: Man kann zu uns auf die Laurinstraße 6 mitten in Dresden kommen. Man kann anrufen, um einen Termin zu bekommen. Also auch diese Wege sind weiterhin möglich.

Und wie gestaltet sich dann der Schritt ins Frauenhaus für eine Frau, die häusliche Gewalt erlebt hat?

Es gibt ja diesen Notruf für Frauen, die von Gewalt betroffen sind. Der ist rund um die Uhr geschaltet. Man kann dort anrufen und besprechen, was sozusagen ihr Anliegen ist: Braucht sie sofort sichere Unterkunft oder erst mal eine Beratung. Dann wird vielleicht auch zu uns in die Dresdner Interventions- und Koordinierungsstelle eingelotst. Wenn im Gespräch die Notwendigkeit der Aufnahme deutlich wird, wird mit der Frau ein Treffpunkt ausgemacht, wenn Platz im Haus ist. Von dort geleitet man die Frau ins Frauenschutzhaus. Dort wird dann gemeinsam die Krisenintervention und das weitere Prozedere besprochen, natürlich immer an den Bedürfnissen der Betroffenen orientiert.

Eine Frau blickt in einem Frauenhaus aus dem Fenster 6 min
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Etwa ein Viertel aller Frauen in Deutschland werden in ihrem Leben irgendwann Opfer häuslicher Gewalt. Wer hilft? Wo fängt häusliche Gewalt an? Sylvia Müller von der Dresdner Interventionsstelle klärt auf.

MDR SACHSEN - Das Sachsenradio Mo 21.11.2022 10:10Uhr 05:39 min

https://www.mdr.de/sachsenradio/audio-haeusliche-gewalt-opfer-frauenschutzhaus-interventionsstelle-100.html

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Wenn eine Frau dringend eine sichere Unterbringung benötigt, gibt es überhaupt genügend Kapazitäten in den Frauenschutzhäusern?

Die derzeitige Situation ist so, dass Dresden nicht genug Frauenhausplätze zur Verfügung hat. Es gibt aber seit kurzem einen Stadtratsbeschluss, der besagt, dass eine Kapazitätserweiterung stattfinden soll. Hintergrund ist die 2018 in Deutschland in Kraft getretene Istanbul-Konvention. Gemäß der Konvention braucht es einen Familienplatz pro 10.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Danach ist Dresden nicht ausreichend mit Plätzen ausgestattet. Die Stadt bemüht sich aber, auch in Zusammenarbeit mit dem Land und mit uns als Träger, neue Kapazitäten zu schaffen.

Wo fängt eigentlich häusliche Gewalt an? Das muss ja nicht immer körperliche Gewalt sein...

Richtig. Gewalt fängt immer da an, wo eine Person für sich erkennt, dass ihre Grenzen überschritten wurden, dass sie verletzt, gedemütigt oder beleidigt wurde. Frauen kommen ja auch zu uns und haben nicht diese körperlichen, sichtbaren Merkmale. Sondern sie sprechen darüber, dass sie gedemütigt, beleidigt, beschimpft werden, dass ihnen keine finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt werden, dass sie eingesperrt werden, dass sie vor anderen klein gemacht werden oder dass ihnen ganz bestimmte Wege zur Hilfe versperrt werden durch die Gewaltausübenden. Und auch das zählt zur häuslichen Gewalt.

Ende dieser Woche beginnt die Adventszeit, das ist auch die Zeit der Familie. Kommt es währenddessen nicht besonders oft zu häuslicher Gewalt? Und woran liegt das?

Zum einen natürlich an der romantischen Vorstellung von Weihnachten. Je nachdem, wie wir Weihnachten für uns definieren und welche Bedürfnisse wir damit verbinden, kann es auch sein, dass bestimmte Bedürfnisse nicht befriedigt werden. Und dann kann so ein Fest oder so ein Feiertag auch eskalierend wirken. Es gibt aber keine statistische Erhebung, die sagt: Weihnachten ist das sehr, sehr häufig der Fall. Es liegt eher daran, dass es da vielleicht nicht ausreichende Hilfemöglichkeiten gibt oder dass dies eben zu dieser Zeit sichtbar wird.

Am 25. November findet anlässlich des Internationalen Tages gegen häusliche Gewalt vor dem Dresdner Kulturpalast von 15:30 Uhr bis 18:30 Uhr eine Aktion statt. Es sollen 1.575 Kerzen angezündet werden - symbolisch für in Dresden von häuslicher Gewalt betroffene Frauen.

MDR (kbe/mil)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | DER TAG | 21. November 2022 | 10:20 Uhr

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