Besucher hören einer Frau bei einer Führung zu
Im Stasi-Unterlagen-Archiv in der Riesaer Straße in Dresden lagen die Archivbestände der ehemaligen SED-Bezirksleitung Dresden und ihrer 16 Kreisdienststellen. Besucher bekommen bei Führungen einen Einblick in die Arbeit der Archivare. Bildrechte: MDR/Philipp Brendel

Tag der Archive Von Gammelfleisch und Mäusedreck - Wie die Stasi Mängel dokumentierte

02. März 2024, 17:48 Uhr

Zum diesjährigen Tag der Archive dreht sich alles ums "Essen und Trinken". Im Stasi-Unterlagen-Archiv Dresden bekommen Besucher Einblick in Akten, die über Lebensmittelverschwendung und gravierende Mängel zu DDR-Zeiten im damaligen Bezirk Dresden berichten. Eine Archivarin liest aus Stasi-Akten vor, ein Zeitzeuge erinnert sich.

Dicke, vergilbte Ordner stehen dicht aneinander gedrängt auf großen Metallregalen. Dutzende dieser Regale stehen allein in nur einer der vielen Abteilungen im Stasi-Unterlagen-Archiv Dresden. Es riecht nach altem Papier, das sich langsam in seine Bestandteile auflöst. Hier hat alles seine Ordnung, alles wirkt sauber und steril. Hinter den sorgfältig gelagerten Ordnern stehen Tausende Namen - Menschen, die von Mitarbeitern der Staatssicherheit bespitzelt, drangsaliert, von manchen die Leben zerstört wurden.

Eine Frau blättert durch eine Akte
Archivarin Roxy Liebscher sichtet eine Stasi-Akte. Im Stasi-Unterlagen-Archiv Dresden lagern 8,2 Regalkilometer Unterlagen. Bildrechte: MDR/Philipp Brendel

Die Versorgungslage ist in den Akten ein zentrales Thema. Es geht um den Mangel an Obst, Gemüse, aber auch Kleidung.

Roxy Liebscher Archivarin im Stasi-Unterlagen-Archiv Dresden

Doch hier lagern auch Stasi-Berichte, die über die katastrophale Mangelwirtschaft in der DDR-Wirtschaft Auskunft geben. Auch wenn die DDR selten Mängel beheben konnte, war sie akribisch genau darin, diese aufzulisten, erklärt Archivarin Roxy Liebscher. "Die Versorgungslage ist in den Akten ein zentrales Thema. Es geht um den Mangel an Obst, Gemüse, aber auch Kleidung", erklärt sie.

Rare Lebensmittel an Schweine verfüttert

Liebscher steht zwischen den übervollen Regalen, nimmt eine Aktenmappe zur Hand und liest daraus vor. Eine Gruppe Archivbesucher hört ihr zu. "80 Tonnen Birnen, 19 Tonnen Gurken, jeweils 100 Kilogramm Paprika und Pilze wurden als 'überschüssig' bezeichnet und an Schweine verfüttert", zitiert Liebscher aus der Akte.

Besucher in einem Archivraum
Neben Akten, Fotografien und drei Millionen Karteikarten lagern knapp 1.200 Säcke mit geschredderten oder zerrissenen Stasi-Akten in Dresden. Stasi-Mitarbeitende hatten noch Ende 1989 versucht, das Aktenmaterial zu vernichten. Bildrechte: MDR/Philipp Brendel

Konkret geht es um einen Fall von Lebensmittelverschwendung aus dem Jahr 1985 in einem Volkseigenen Gut im Kreis Meißen. "Ich kenne das noch aus meiner Kindheit, dass ich in unserem Konsum im Erzgebirge nie Pilze zu Gesicht bekam", erzählt Liebscher aus ihrer eigenen Erfahrung. Einige der Archivbesucher nicken.

Maus in Reinigungsanlage führt zu Arztbesuch

Liebscher öffnet eine weitere Akte. Es geht um einen Dresdner, der wegen Beschwerden zum Arzt musste. Er hatte ein Bier aus dem VEB Brauerei Dresden-Coschütz getrunken. Der Arztbesuch hatte seine Gründe, wie Archivarin Liebscher aus der Mängelliste der Akte vorliest: "Viele Spritzdüsen der Flaschenreinigung in der Brauerei sind verstopft, eine Maus in der Flaschenreinigung gefunden." Dringende Handlungsempfehlung: Die Reinigungsanlage sollte selbst einmal gereinigt werden.

Besucher in einer Ausstellung
Das Stasi-Unterlagen-Archiv informiert nicht nur über die Geschichte der Staatssicherheit in Sachsen. Hier können auch Anträge auf Akteneinsicht gestellt werden. Bildrechte: MDR/Philipp Brendel

Solche Verunreinigungen in Getränken und speziell von Bier sei zu DDR-Zeiten keine Seltenheit gewesen, sagt Liebscher. Sie erinnert sich, dass in ihrem Heimatort Olbernhau nie das Bier der örtlichen Brauerei an Festtagen auf den Tisch kam. "Das Bier wurde im Volksmund nicht umsonst 'Olbernhauer Sterbehilfe' genannt", erklärt die Archivarin. Die Besuchergruppe muss lachen.

Diese Akten seien als Parteiinformationen von der Stasi an die Bezirksleitungen gegangen, in Dresden also an Hans Modrow, so Liebscher. Oft hätten die Verantwortlichen nicht auf die Mängel reagiert. Die Flaschenreinigung der Brauerei sei hingegen gesäubert worden.

Star-Autogramme machen verdächtig

Die Stasi habe aber auch ein wachsames Auge auf die Bevölkerung gehabt, gerade wenn es ums Westpaket ging. Liebscher zeigt der Besuchergruppe Bilder von Schwarz-Weiß-Fotografien. Westprodukte, wie Nutella, Nivea oder Jacobs-Kaffee, sind darauf zu sehen. Doch auch wenn DDR-Bürger an gesamtdeutschen Preisausschreiben teilnahmen oder Autogrammanfragen an Schauspieler oder Schlagerstars in der BRD stellten, machten sie sich verdächtig, erklärt Liebscher.

Ein Fabrikgebäude von außen
Das Stasi-Unterlagen-Archiv Dresden ist in einem alten Fabrikgebäude in der Riesaer Straße untergebracht. Das Objekt wurde zu DDR-Zeiten nicht von der Stasi genutzt. Bildrechte: MDR/Philipp Brendel

Die Postkontrolle der Stasi sei dafür technisch ausgezeichnet vorbereitet gewesen, so die Archivarin. Mit einer Bedampfungsmaschine seien Briefe geöffnet, danach wieder verschlossen und an die ahnungslosen Empfänger verschickt worden. Und das Geld, das die Westtante dem Enkel im Osten schickte, habe die Stasi auch oft aus den Briefen gestohlen. "Damit hat sie teure Fotoapparate und Kopiergeräte gekauft oder die inoffiziellen Mitarbeiter bezahlt", so Liebscher.

Vater und Sohn bewachen Stasi-Akten

Ein älterer Mann mit kurzen, grauen Haaren schaut sich nach der Führung die Ausstellung zur Geschichte der Stasi in Sachsen an. Der Dresdner habe damals mit seinem Sohn einen Tag nach der Erstürmung der Dresdner Stasi-Zentrale in der Bautzner Straße durch Bürgerrechtler am 5. Dezember 1989 das Objekt mit bewacht, erzählt der 82-Jährige. Die Bürgerrechtler haben so verhindern wollen, dass weitere Akten durch Stasi-Mitarbeiter vernichtet werden.

Ein Telefon in einer Vitrine, davor eine Gießkanne
Im Spionieren war die Stasi erfinderisch. Bei aufgelegtem Hörer des Telefonapparates (links) konnten Räume abgehört werden. In der Gießkanne war eine Kamera integriert. Bei Beerdigungen haben Stasi-Mitarbeitende per Knopfdruck am Henkel Fotos von verdächtigten Personen machen können. Bildrechte: MDR/Philipp Brendel

Der Dresdner, der anonym bleiben will, habe damals in der Stasi-Zentrale Dresden den Bereich der Kinderakten gesehen. "Es war schockierend", sagt er. Die Stasi hatte selbst vor den Jüngsten nicht haltgemacht. Sie wurden etwa von Erziehern ausgefragt, ob zu Hause das Sandmännchen läuft oder die Tagesschau. Der 82-Jährige habe selbst in seiner Stasi-Akte gelesen. Er sei von Nachbarn im Nebenhaus bespitzelt worden, sagt er. "Es war eine flächendeckende Überwachung überall."

Stasi dokumentiert Verfall in Dresdner Schlachthöfen

Der Dresdner kommt in einen Ausstellungsraum, in dem eine Powerpoint-Präsentation läuft. Er sieht Schwarz-Weiß-Fotografien - ebenfalls aus einer Stasi-Akte - aus den alten Dresdner Schlachthöfen aus dem Jahr 1988.

Die Schlachträume auf den Fotos sind notdürftig mit Holzpfosten abgestützt, bröckelnder Putz wird von provisorisch aufgespannten Folien aufgefangen. Auf dem Hof stehen Schweinsköpfe in praller Sonne in verdreckten Bottichen. Die Fleischstücke warten zur Weiterverarbeitung, während sie von Fliegen übersät sind. "Oh Gott!", sagt der Mann beim Anblick dieser Bilder. "Wir kennen das alles, haben das alles miterlebt", sagt er.

Aufwand der Spionage wahnsinnig

Auch Britta Freitag sieht die Fotografien aus den alten Dresdner Schlachthöfen. Sie stammt aus dem Ruhrgebiet, wohnt seit 15 Jahren in Dresden, hat sich aber nie groß mit der DDR-Geschichte beschäftigt. "Ich war 14 als die DDR zu Grunde ging", sagt Freitag. Was sie bei der Führung besonders beeindruckte: "Ich hätte nicht gedacht, dass so ein Wahnsinnsapparat hinter der Stasi steckt."

Eine Frau lächelt in die Kamera
Für Britta Freitag ist es ein Wahnsinn, mit welcher Akribie die Stasi DDR-Bürger bespitzelte. Bildrechte: MDR/Philipp Brendel

Ich hätte nicht gedacht, dass so ein Wahnsinnsapparat hinter der Stasi steckt.

Britta Freitag wohnt in Dresden

Die Führung und die Ausstellung haben sie sehr beeindruckt, so Freitag: "Ich gehe bedeutend schlauer hier raus, als ich hinein gekommen bin."

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