Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen 7 min
Léontine Meijer-van Mensch, verlässt die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und geht zurück in ihre Heimat Holland. Im Gespräch mit Carsten Tesch spricht sie über die Hintergründe ihres Wechsels. Bildrechte: MDR/Hanna Romanowsky
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Leontine Meyer von Mensch verlässt Sachsen und wird Gründungsdirektorin des neuen Stadtmuseums in Rotterdam nach Debatten über Raubkunst. Bei MDR KULTUR erklärt sie im Interview mit Carsten Tesch ihre Beweggründe.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 12.07.2024 09:52Uhr 07:26 min

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Wechsel nach Rotterdam Léontine Meijer-van Mensch verlässt Staatliche Kunstsammlungen Dresden

12. Juli 2024, 10:34 Uhr

Nächster Personalwechsel bei den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD): Léontine Meijer-van Mensch verlässt Sachsen und gründet in Rotterdam ein neues Museum. Als Direktorin der drei sächsischen Völkerkundemuseen in Leipzig, Dresden und Herrnhut hat sie viele Innovationen angeregt und die Postkolonialismus-Debatte in die Einrichtungen getragen. Erst Anfang der Woche hatten die SKD bekanntgegeben, dass ihre Generaldirektorin Marion Ackermann ab 2025 nach Berlin wechselt.

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) verlieren eine weitere wichtige Führungspersönlichkeit: Laut einer Mitteilung vom Donnerstag wird Léontine Meijer-van Mensch die SKD noch in diesem Jahr verlassen. Erst am Montag war bekannt geworden, dass die SKD-Chefin Marion Ackermann ab 2025 nach Berlin zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz wechselt.

Meijer-van Mensch kehrt nach knapp sechs Jahren als Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen (SES) in ihre niederländische Heimat zurück. Dort übernimmt sie ab Oktober 2024 den Posten der Gründungsdirektorin für das neue Stadtmuseum Rotterdamm. Meijer-van Mensch stand in den vergangenen Jahren als SES-Direktorin den drei sächsischen Völkerkundemuseen in Leipzig, Dresden und Herrnhut vor. Dort stieß sie viele Innovationen an und nahm eine führende Rolle in der Debatte zur Zukunft der Völkerkundemuseen vor dem Hintergrund des Postkolonialismus ein.

Ein Gebäude mit drei Flügeln und einer goldenen Dachbebauung und vielen Fenstern erhebt sich vor einem Abendhimmel. Schemenhaft sind Silhouetten von Menschen zu sehen.
Das Leipziger Grassimuseum war sechs Jahre lange Léontine Meijer-van Menschs Hauptwirkungsstätte. Bildrechte: Grassimuseum für Angewandte Kunst Leipzig / Esther Hoyer

Angst vor Wahlausgang in Sachsen

Nachdem bereits SKD-Chefin Ackermann im Gespräch mit MDR KULTUR ihre Befürchtungen hinsichtlich der anstehenden Landtagswahlen zum Ausdruck gebracht hatte, gibt nun auch Meijer-van Mensch zu, dass ihr die aktuelle politische Sitution Sorgen bereite: "Die jüngsten Europawahlergebnisse, die Aiwanger-Debatte, der 7. Oktober und was uns möglicherweise nach dem 1. September passieren wird – das macht mir Angst."

Aber sie sei auch positiv gestimmt: "Wir haben jetzt in England und Frankreich gesehen, dass es auch anders sein kann." Sie gehe auch nach Holland zurück, um nach dem Rechtsruck bei den zurückliegenden Wahlen in ihrer Heimat zu wirken.

Innovationen im Leipziger Grassi-Museum

Zu den Verdiensten von Meijer-van Mensch zählt das Transformationsprojekt "Re-Inventing Grassi", in dessen Rahmen ein kritischer Blick auf die ethnologische Sammlung des Leipziger Grassimuseums und dessen koloniale Erwerbs- und Sammlungsgeschichte geworfen wurde. Meijer-van Mensch hat eine öffentliche Debatte über die Rückführung geraubter Objekte und menschlicher Gebeine an die Herkunftsgesellschaften angestoßen und sich für Restitution eingesetzt.

Ich hoffe, dass [der SKD, Anm. der Red.] nach dem 1. September diese Vorreiterrolle auch erhalten bleibt.

Aus den Sammlungen in Dresden und Leipzig sind bereits Objekte zurückgegeben worden. So führte Meijer-van Mensch im Mai 2023 eine Rückgabezeremonie für menschliche Gebeine an neuseeländische Maori und Moriori durch. Auch im Völkerkundemuseum Herrnhut bewirkte die Auseinandersetzung mit der Herkunft der Exponate zu einer völligen Neukonzeption der Ausstellung. Dabei wurde unter anderem mit Partnern aus den Herkunftsländern zusammengearbeitet, beispielsweise mit Bewohnern der polynesischen Insel Tonga und einem dortigen Museum.

Sachsen gibt Gebeine an Māori und Moriori zurück Te Herekiekie Herewini, Repatriation at the Museum for New Zealand Te Papa Tongarewa, und Leontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen, legen ihre Stirn während einer Rückgabezeremonie für menschliche Gebeine von Maori und Moriori aneinander. In einer feierlichen Zeremonie im Grassi Museum für Völkerkunde in Leipzig wurden die sterblichen Überreste Indigener an eine Delegation der Māori aus Neuseeland und der Moriori von den Chatham Inseln übergeben. Die Knochen und Haarproben von 64 Personen befanden sich im Besitz der Staatlichen Ethnografischen Sammlungen (SES) Sachsens. Sie stammten aus Grabplünderungen sowie von Opfern gewaltsamer Auseinandersetzungen.
Léontine Meijer-van Mensch bei der Rückgabezeremonie für menschliche Gebeine an neuseeländische Maori und Moriori im Leipziger Grassi Museum. Bildrechte: picture alliance/dpa | Jan Woitas

Im Gespräch mit MDR KULTUR blickt Meijer-van Mensch positiv auf ihre Arbeit in Sachsen zurück. Man habe es in den vergangenen Jahren geschafft, bei den aktuellen Museumsdebatten an vorderster Front zu stehen. "Das ist nicht nur Marion Ackermanns und mein Verdienst, sondern auch das aller Kollegen und Kolleginnen und dem Netzwerk, aber auch der Politik." Sie hoffe, dass die SKD auch nach der Wahl am 1. September diese Vorreiterrolle behalten könne. "Das wünsche ich mir für Sachsen. Das wünsche ich mir für Deutschland und das wünsche ich mir eigentlich für die ganze Welt."

Verbindung von Dresden und Rotterdam

Die SKD verlasse sie mit "wehmütigem Herzen" verlasse, schrieb Meijer-van Mensch in der Mitteilung zu ihrem Wechsel. "Ich bin sehr dankbar für alles, was wir gemeinsam erreicht haben. Ich verlasse die Museen aber auch beruhigt, weil ich weiß, dass die Kolleginnen und Kollegen und alle Netzwerkpartner und Netzwerkpartnerinnen die wahre Kraft des Museums sind." Sie freut sich sowohl auf die Rückkehr in ihre Heimat als auch auf den neuen Posten in Rotterdam und betont: "Dresden und Rotterdam verbindet vieles, nicht umsonst sind wir Partnerstädte. Sicherlich bleiben wir einander verbunden."

Léontine Meijer-van Mensch wurde 1972 in Hilversum in den Niederlanden geboren und studierte Geschichte und Jüdische Studien in Amsterdam, Jerusalem und Berlin sowie "Schutz Europäischer Kulturgüter" mit Schwerpunkt Museologie in Frankfurt (Oder). Sie war unter anderem Programmdirektorin des Jüdischen Museums Berlin und stellvertretende Direktorin im Museum Europäischer Kulturen.

Quellen: Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Redaktionelle Bearbeitung: lig, bh

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. Juli 2024 | 08:40 Uhr

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