Buchcover - Matthias Jügler: Maifliegenzeit 9 min
Der Roman "Maifliegenzeit" von Matthias Jügler hat eine Debatte ausgelöst. Bildrechte: Penguin Random House Verlagsgruppe
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Der Roman "Maifliegenzeit" von Matthias Jügler schlägt Wellen. MDR Kultur-Autorin Vivien Vieth hat zu den Hintergründen recherchiert und geschaut, was Wissenschaft und Betroffene dazu sagen.

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Debatte um Roman "Maifliegenzeit" Kinderraub in der DDR: Darüber streiten Wissenschaft und Betroffene

12. April 2024, 08:36 Uhr

Matthias Jüglers Roman "Maifliegenzeit" zum Thema Kindsraub in der DDR sorgt weiter für Diskussionen über das wahre Ausmaß solcher Fälle. Zuletzt hat der Autor eine Lesung in Leipzig abgesagt. Hintergrund der Debatte ist, dass Wissenschaftler bisher keinen Nachweis für systematisch vorgetäuschten Kindstod in der DDR gefunden haben. Betroffeneninitiativen gehen dennoch von einer hohen Dunkelziffer aus. Wir haben mit beiden Seiten gesprochen und tragen die Fakten zusammen.

  • Matthias Jüglers Roman "Maifliegenzeit" erzählt einen fiktiven Fall von Kinderraub in der DDR – und sorgt teils für Widerspruch und kontroverse Diskussionen auch innerhalb der Redaktion von MDR KULTUR.
  • Mutmaßlich Betroffene kritisieren die Aussagen von staatlichen Stellen und Wissenschaftlern zum Thema.
  • Eine am Literaturhaus Leipzig geplante Lesung mit Jügler sagte der Autor ab.

Der Roman "Maifliegenzeit" von Matthias Jügler schlägt weiter Wellen. Nach Angaben des Literaturhauses Leipzig hat der Autor eine Lesung aus dem Buch über vorgetäuschten Säuglingstod in der DDR abgesagt, die eigentlich für vergangenen Donnerstag geplant war. Zuvor hatte es kontroverse Diskussionen darum gegeben, ob es in der DDR systematischen Kinderraub gab und ob Jüglers Roman den Stand der Wissenschaft zum Thema ausreichend berücksichtigt.

Seit der Veröffentlichung hatte das Buch viel Aufmerksamkeit auf das Thema gelenkt. So reagierte auch die Politik darauf. In einem Schreiben wandte sich die ehemalige Landesbeauftragte Sachsen-Anhalts zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Birgit Neumann-Becker, an die Öffentlichkeit. Darin schreibt sie, dass es bislang keine wissenschaftlichen Belege gebe, die für einen vom Staat systematisch organisierten Entzug von Neugeborenen sprächen. Neumann-Becker wirft Romanautor Matthias Jügler vor, die vorhandene Forschung nicht rezipiert zu haben.

Der Schriftsteller Matthias Jügler 8 min
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Mutter aus Leipzig fühlt sich von Politik übergangen

Als Reaktion auf dieses Schreiben wendet sich Regina aus Leipzig mit einem Brief an die Medien. Regina glaubte jahrelang, ihr Sohn sei zu DDR-Zeiten als Kleinkind an einer Hirnhautentzündung gestorben. Jahrzehnte später steht er plötzlich vor ihr. Über ein Internetportal hat Eike seine leibliche Mutter gesucht. Ein DNA-Test gibt ihnen dann die Gewissheit, dass sie Mutter und Sohn sind. Dieser Fall wurde journalistisch begleitet und veröffentlicht. Offiziell anerkannt ist er bisher noch nicht.

In Reginas Schreiben an die Medien spürt man, wie wütend Regina auf die Politik und vor allem das Schreiben von Birgit Neumann-Becker ist. Sie fühlt sich übergangen. Ihr Fall wird darin mit keinem Wort erwähnt. Das scheint aber nur die Spitze des Eisbergs. Regina wirft der Politikerin vor: "Es gibt einfach kein ehrliches Interesse, das Thema tiefgreifend zu bearbeiten."

Pfarrerin Birgit Neumann-Becker aus Halle kandidiert für das Amt der neuen Kirchenpräsidentin. Auf einer Sondertagung der Landessynode der Evangelischen Landeskirche Anhalts wird über die Nachfolge von Kirchenpräsident Joachim Liebig entschieden, der in den Ruhestand geht.
Birgit Neumann-Becker hat ihr Amt als Landesbeauftragte Sachsen-Anhalts zur Aufarbeitung der SED-Diktatur nach zehn Jahren abgegeben. Bildrechte: picture alliance/dpa | Heiko Rebsch

Betroffene von DDR-Zwangsadoption auf Facebook

Mit diesem Gefühl steht sie für eine Vielzahl Menschen, die um ihre Kinder und Verwandten trauern. In der privaten Facebook-Gruppe "Betroffene von DDR Zwangsadoption/Säuglingstod" befinden sich mehr als 2.500 Mitglieder. Nicht alle sind aktiv, unter den Mitgliedern gibt es auch viele, die nur beobachten. Von Eltern oder Geschwistern, die ihre Verwandten suchen, werden dort regelmäßig Gesuche geteilt, ebenso von Menschen, die als Kind adoptiert wurden. Auch aktuelle Medienberichte zur Kindesentziehung in der DDR werden dort gepostet.

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Matthias Jüglers Roman hat auch in der Redaktion von MDR KULTUR kontroverse Reaktionen hervorgerufen. Hören Sie einen Kommentar von unserem Literaturkritiker Jörg Schieke.

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Neben einer starken Hilfsbereitschaft ist in der Gruppe auch ein starkes Misstrauen spürbar. Ein Misstrauen, dass sich gegen die aktuelle Politik und vor allem gegen Birgit Neumann-Becker wendet. Das bestätigen auf MDR KULTUR-Nachfrage auch der Ersteller der Gruppe und Vertreter der "Interessengemeinschaft gestohlene Kinder der DDR", Andreas Laake, sowie die Journalistin Henriette Fee Grützner, die jahrelang zu dem Thema recherchiert hat.

Demonstrantin mit Plakat über "DDR-Zwangsadoption" vor dem Brandenburger Tor.
Eine Kundgebung vor dem Brandenburger Tor in Berlin im Jahr 2014. Bildrechte: IMAGO / IPON

Gründe gebe es viele. Beispielsweise sollen sich Betroffene bei Hilfsgesuchen schnell abgewiesen oder mit therapeutischer Hilfe abgetan gefühlt haben. Auch könne das Misstrauen aus den Erfahrungen stammen, die Betroffene bereits mit der Regierung in der DDR gesammelt hätten. Schauten sie sich dann noch die Biografien vieler Landesbeauftragter zur DDR-Aufarbeitung an und läsen, wie viele von ihnen selbst eine DDR-Vergangenheit hätten, könne sich das Misstrauen verstärken.

Forschung zu Kindstod in der DDR soll Klarheit bringen

Eine von Birgit Neumann-Becker in Auftrag gegebene Forschung mit dem Titel "Wo ist mein Kind? Familien auf der Suche nach der Wahrheit" sollte Betroffenen bei der Aufarbeitung Klarheit bringen. Der Wissenschaftler Florian Stiegler konnte darin keine Belege dafür finden, dass der Staat systematisch Kinder geraubt habe. Die Forschung wird von der Interessengemeinschaft gestohlene Kinder in der DDR allerdings stark kritisiert. Sie wirft dem Forscher vor, nicht ausreichend Fälle untersucht zu haben und hinterfragt die herangezogenen Quellen.

In einem Saal mit Stuhlreihen hält eine Frau einen roten Pullover mit aufgedruckten Schwarz-Weiß-Fotos und Namen hoch.
Anett Hiermeier aus Leipzig sucht ihre Schwester Claudia, geboren im Januar 1988. Sie wurde ihrer Mutter ohne deren Zustimmung als Neugeborenes weggenommen und zur Adoption freigegeben. Bildrechte: MDR, honorarfrei

Das ist aber nicht die einzige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Das Bundesministerium des Innern und für Heimat fördert derzeit ein Projekt zu "Zwangsadoptionen in der SBZ/DDR". Die Forschung ist auf drei Jahre angelegt und läuft noch bis 2025. Über ein Zeitzeugenportal sind Betroffene aufgerufen, ihre Erfahrungen mit den Forschenden zu teilen.

Wissenschaft greift auch auf Stasi-Akten zurück

Um die 50 Rückmeldungen habe es darauf bisher gegeben, schätzt Forschungsleiter Karsten Laudien. Weitaus weniger, als die Forschenden erwartet hätten. Dennoch habe das Forschungsteam bereits tausende Akten und Stasi-Unterlagen durchwälzt. Dabei seien sie bisher auf keine Hinweise von möglichem vorgetäuschten Säuglingstod gestoßen. Einzelne Fälle könne er aber nicht ausschließen, so Laudien, da das Forschungsteam längst nicht alle Akten abdecken könne. Erwähnt werden muss aber auch, dass der Fokus dieser Studie nicht auf dieser Thematik liegt, sondern auf Zwangsadoption.

Warum aber ist die Teilnahme von Zeuginnen und Betroffenen an Projekten wie diesen bisher so niedrig ausgefallen? Eine Vorstudie zu dem Thema hat ergeben, dass es sich einer Hochrechnung zufolge um 350 Fälle von vorgetäuschtem Kindstod handeln könnte, erklärt Karsten Laudien.

Diese Zahl an möglicherweise Betroffenen hat sich bei den offiziellen Forschungsprojekten noch nicht annähernd gemeldet. Ebenso wenig wie bei der zentralen Auskunfts- und Vermittlungsstelle des Bundes. Dort sollen seit Tätigkeitsbeginn 2021 gerade mal 16 Anfragen in Zusammenhang mit der Vermutung, dass ein vorgetäuschter Säuglingstod vorliegen könnte, eingegangen sein.

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Stasi-Akten sind für die Wissenschaft Fluch und Segen. Bildrechte: picture alliance/dpa | Hendrik Schmidt

Misstrauen bei Opfern gegenüber Forschung

Die "Interessengemeinschaft gestohlener Kinder in der DDR" spricht von rund 2.000 Verdachtsfällen. Karsten Laudien geht von weitaus weniger Fällen aus. Er hat die Erfahrung gemacht, dass sich einige Betroffene spätestens dann nicht mehr bei ihm melden, wenn ihre Stasi-Akten eingesehen werden sollen. Die Journalistin Henriette Fee Grützner vermutet, dass es am fehlenden Vertrauen in die aktuelle Forschung und Politiker liegt.

Und warum tauchen so prominente Fälle wie der von Regina und Eike nicht in den aktuellen Forschungen auf? Da widersprechen sich die Parteien. Beide werfen einander auf MDR-Nachfrage vor, kein Interesse an einer Zusammenarbeit gezeigt zu haben.

Fälle von vorgetäuschtem Kindstod

Die Thematik des mutmaßlichen vorgetäuschten Säuglingstods ist komplex. Politik, Wissenschaft und Betroffene stehen sich mit ihren Aussagen gegenüber. Fakt ist, dass sich an bisherigen Forschungen derzeit keine Nachweise über systematisch vorgetäuschten Kindstod in der DDR erbringen lassen. Einzelfälle können die Forschenden jedoch nicht ausschließen.

Fakt ist auch, dass den Ergebnissen gegenüber eine Vielzahl an Eltern und Verwandten steht, die noch immer die Hoffnung in sich tragen, den Tod ihres Kindes aufklären zu können. Und wie Autor Matthias Jügler zu seinem Roman schrieb, die Zeitzeugen, Mitwisser und Täter haben es in der Hand, ob es in der Zukunft mehr Aufklärung und Fälle wie Eike und Regina aus Leipzig geben kann.

Redaktionelle Bearbeitung: tmk, vp, hki

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. April 2024 | 07:10 Uhr

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