Modellversuch Erst kurz vor 9 zur Schule - Leipziger Gymnasium testet späteren Unterrichtsbeginn

Nur wer genügend schläft, kann in der Schule etwas leisten. Allerdings ist das gerade in der fortgeschrittenen Pubertät nicht immer so einfach. Manch einer läuft erst in den späten Abendstunden zur Hochform auf - sei es beim Lernen oder bei angeregten Unterhaltungen im Freundeskreis. Da ist es unpraktisch, wenn am nächsten Tag in aller Hergottsfrühe schon wieder die Schule ruft. Ein Leipziger Gymnasium will dagegen nun etwas tun und hat dabei auch die Ernährung im Blick.

Müder Schüler sitzt gähnend über den Hausaufgaben
Die Konzentration in der ersten Unterrichtsstunde ist oft schwierig, wenn die Müdigkeit überwiegt. Bildrechte: imago images/CHROMORANGE

Für die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums in der Karl-Heine-Straße in Leipzig beginnt nach den Sommerferien eine neue Zeitrechnung. Statt morgens um 7 übermüdet in der Schule zu sitzen, können zumindest die älteren Semester in Zukunft ein wenig länger schlafen. "Die Klassen sieben bis neun werden zukünftig um 8:50 Uhr mit der Schule beginnen", sagt Schulleiterin Mandy Frömmel. Obwohl dabei auch die Anpassung an den Biorhythmus von Teenagern eine Rolle spielt, betont Frömmel, dass es sich um ein ganzheitliches Konzept handelt.

Neben Biorhythmus auch gesunde Ernährung im Blick

"Der Biorhythmus ist sicherlich ein wichtiger Punkt, für den wir im Vorfeld zahlreiche wissenschaftlichen Studien zurate gezogen haben. Allerdings reichen unsere Überlegungen weiter." Zentral ist auch der Aspekt einer gesunden Ernährung. "Es gibt immer wieder Schüler, die vor der Schule nicht gefrühstückt haben. Wenn sie dann von 8 bis 13:30 Uhr nichts essen, ist das ungesund." Deshalb sei nicht nur der Schulbeginn verändert, sondern auch die Pausenzeiten erweitert worden. Neben einer großen Frühstückspause gebe es nach Jahrgängen gestaffelt verschiedene Mittagspausen.

Karl-Heine-Schule, Leipzig
Nach der Sanierung beginnt im Gymnasium an der Karl-Heine-Straße am 6. September der Unterricht. Ab 1. August trägt es den Namen "Schule am Palmengarten". Bildrechte: MDR/Lars Tunçay

Schülerströme als logistische Herausforderung

Notwendig ist das veränderte Zeitregime auch aus logistischen Gründen. "Unser neues Schulgelände in der Karl-Heine-Straße ist 22.000 Quadratmeter groß und es gibt sechs Gebäude. Auch deshalb mussten wir die Pausen verlängern, weil man in der Regel nicht in fünf Minuten von A nach B kommt", erklärt die Schulleiterin. Hinzu komme die anhaltende hohe Nachfrage nach einem Platz an der Schule, der die Entzerrung der Schülerströme zu einer Herausforderung macht. "Wir sind als fünfzügiges Gymnasium geplant und jetzt schon sechszügig. Perspektivisch werden hier 1.200 Schülerinnen und Schüler lernen", sagt Frömmel.

Neues Schulkonzept demokratisch beschlossen

Damit die sich nicht in die Quere kommen, fangen die fünften und sechsten Klassen weiterhin 8 Uhr mit der Schule an. "Das ist auch günstiger für die Anfahrt auf den Radwegen oder im öffentlichen Nahverkehr", so Frömmel, die das neue Konzept ganz demokratisch auf den Weg brachte.

Wir haben das Schulkonzept gemeinsam mit Schülerrat, Elternrat und Schulkonferenz beschlossen.

Mandy Frömmel Schulleiterin des Gymnasiums in der Karl-Heine-Straße

Dabei habe es auch Sorgen gegeben. "Manche Kinder haben gefragt, was mit ihren Nachmittagsaktivitäten wird. Aber da wir als Schule ohnehin Kooperationen mit Sport- oder Musikvereinen haben, war das kein Problem." Und spätestens um 15:30 Uhr ist trotz des nach hinten verschobenen Schulbeginns auf jeden Fall Schluss, versichert die Schulleiterin.

Verkrustete Strukturen mit kleinen Schritten verändern

Mit ihren Veränderungen wollen sich Mandy Frömmel und ihr Team an progressive Schulkonzepte in Frankreich oder Skandinavien annähern und sich gleichzeitig vom deutschen Modell, das noch stark die klassische Industriegesellschaft widerspiegelt, entfernen. "Deutschland ist noch sehr in verkrusteten Strukturen verhaftet. Wir versuchen daher die Dinge im Kleinen zu verändern", sagt die Schulleiterin.

Corona bricht traditionelle Muster in der Arbeitswelt auf

Dass die Dinge in Bewegung geraten sind, räumt auch der Pressesprecher des Landesamtes für Schule und Bildung, Roman Schulz, ein. "Schule ist ja bei allem Fortschritt auch ein Stück weit traditionell. Und da war es ja bisher in vielen Berufen so, dass man zwischen 7 und 8 Uhr mit der Arbeit angefangen und zwischen 16 und 18 Uhr aufgehört hat." In den vergangenen Jahren habe es aber in der Arbeitswelt immer mehr Flexibilität gegeben, die durch Corona noch einmal einen Schub bekommen habe. Diese Entwicklung erreiche jetzt auch die Schulen, so Schulz.

Nachahmung im ländlichen Raum schwierig

Doch obwohl er den Modellversuch in Leipzig begrüßt, macht er gleichzeitig darauf aufmerksam, dass das nicht überall so einfach möglich ist:

In ländlichen Regionen, wo die Schulen sehr an die Schülerbeförderung und den ÖPNV gebunden sind, ist das schwieriger umzusetzen.

Roman Schulz Presseprecher des Landesamtes für Schule und Bildung

In Leipzig läuft der Modellversuch nach dem Start am 6. September zunächst bis zum Ende des ersten Schulhalbjahres. Dann wird Bilanz gezogen. Vorm Scheitern hat Schulleiterin Mandy Frömmel dabei keine Angst: "Sollte es nicht funktionieren, dann geht die Schule wieder für alle um 8 Uhr los."

Quelle: MDR/sth

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 09. Juli 2021 | 14:49 Uhr

11 Kommentare

Doertbecker am 13.07.2021

...wäre der Fotograf auch später aufgestanden, wäre ihm aufgefallen, dass er die Berufsschule in der Merseburger Straße und nicht das neue Gymnasium in der Karl Heine Straße fotografiert hat... 😉

Critica am 12.07.2021

"Nur wer genügend schläft..."
Man könnte auch früher ins Bett gehen, dann schläft man auch acht Stunden.
Es gibt auch "Biorythmen", die durchaus schon um 6.00 oder 7.00 Uhr in der Früh ausgeschlafen sind.
Warum muss sich eigentlich die ganze Welt an Langschläfern orientieren?

hansfriederleistner am 12.07.2021

Ich habe selten einen so unqualifizierten Beitrag gelesen. Wir hatten tatsächlich 1945 kalte Klassenzimmer. Und es mußte mancher Klassenkamerad auch zu Hause mit anfassen. Mein Banknachbar z.B. war Bauernsohn. Er mußte zur Ernte mit anpacken. Er wurde aber trotzdem Musikprofessor in Weimar. Ich wünsche keinem Schüler derartige Bedingungen, aber vergessen darf man es auch nicht.

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