Psychologie "Streitkultour" zu Gast in Leipzig: "Wir lernen es erst gar nicht"

20. Juni 2023, 16:22 Uhr

Es ist ein Mix aus Wissenschaft und Selbstanalyse. Die "Streitkultour" gastiert in Leipzig, Mittweida und Chemnitz. Mit Hilfe eines Video-Trucks werden Interviews geführt und Tipps gegeben. Das Thema Streiten ist von der Forschung bislang links liegen gelassen worden. Bedarf sehen die Leipziger auf jeden Fall. Im Alltag und bei sozialen Plattformen.

Eine gewisse Neugierde ließ Kerry Charles Cherki näher heranfahren und gleich nachfragen: Warum hat dieses bunte Fahrzeug vor der Leipziger "Blechbüchse" ein Bundeswehr-Kennzeichen? Die vermeintliche Diskrepanz wurde aufgeklärt - und so hatten die Forscher der Bundeswehr-Universität den nächsten Interviewgast zum Thema "Streitkultur" in ihrem kleinen Truck zu Gast.

In Leipzig, Mittweida und Chemnitz

Der kurvt derzeit durch Sachsen. Am Montag (19.06.2023) machte er Station auf dem Leipziger Richard-Wagner-Platz, es folgen am Dienstag Mittweida, wo man auf dem Marktplatz Halt macht, und am Mittwoch Chemnitz. Dort ist der Neumarkt das Ziel. Das Projektteam will mit Menschen ins Gespräch kommen und lädt sie deshalb in den Truck ein. Dort ist ein mobiles Filmstudio untergebracht.

Streitkultur "ein klitzekleines bisschen besser machen"

In den rund 20-minütigen Interviews geht es den Bundeswehr-Forschern nicht um große Kriege, sondern um kleine Kämpfe im Alltag. Um persönliche Erfahrungen mit Streit und Konflikten, im Privatleben, im Job oder bei politischen Themen. Die Videos sollen bei YouTube hochgeladen werden und so einen Eindruck von Deutschlands Streitkultur ergeben. Die Wissenschaftler liefern in eigenen Videos auch Infos zu den Dynamiken des Streitens. Im besten Fall, so erzählt Psychologe Rune Miriam, soll das Projekt dazu führen, dass die Streitkultur in Deutschland "ein klitzekleines bisschen besser wird".

"Gar nicht gestritten und um den heißen Brei geredet"

Einer der Interviewten in Leipzig ist der Fotograf Artur Martirosian. Er sieht beim Streiten vor allem zwei Extreme, wie er MDR SACHSEN schildert: "Entweder wird gar nicht gestritten, da wo eigentlich ein Streit da sein sollte. Im Sinne von, da ist ein Konflikt, der gelöst werden sollte. Aber da wird einfach nur um den heißen Brei gesprochen. Es passiert einfach nichts. Und dann sind zwei Parteien gegenseitig sauer. Oder man regt sich zu schnell auf - und dann war es das auch schon wieder mit einer Bekanntschaft oder Freundschaft. Also, ich sehe diesen Mittelweg ganz, ganz selten, wo einfach konstruktiv gestritten wird. Es gibt irgendwie nur diese beiden Extreme."

Den Mittelweg, das konstruktive Streiten, bezeichnet Projektleiter Dr. Mathias Jaudas als die "Win-Win-Situation". Insgesamt gebe es fünf Streittypen: "Und zwischen denen sollte der Einzelne auch einmal switchen können. Also nicht immer nur nachgeben oder immer seine Meinung durchsetzen. Wenn man der breiten Bevölkerung vermitteln kann, dass es da ein gewisses Handlungsrepertoire gibt, dann wäre schon viel geholfen."

Kaum Daten über Diskussionskultur im Netz

Den aktuellen Stand der Konfliktforschung möchte sein Team per empirischer Studie herausfinden: "Auf dem Auge, wie gehen Leute aktuell mit Konflikten um, sind wir noch blind", gibt der Sozialpsychologe zu. Das Thema Social Media sei ebenfalls noch ein ziemlicher Blindflug: "Das ist eine "superspannende Frage, aber da muss ich genauso spekulieren wie jeder andere. Das ist auch ein wichtiger Bereich, den wir erforschen wollen. Es ist eigentlich unvorstellbar, aber da gibt es einfach erst wenige Daten."

Social Media: Raushalten oder stiller Beobachter

Spricht man mit Artur Martirosian über Social-Media-Plattformen, dann spürt man eine gewisse Resignation: "Da bin ich meistens nur der stille Beobachter. Es gibt auch bei Socia Media nur die Extreme: Das ist sehr, sehr schade. Dort ist es noch seltener, dass man wirklich konstruktiv miteinander versucht zu reden." Ähnliche Erfahrungen hat Alina Severin gemacht, die sich ebenfalls im Truck interviewen ließ: "Oh, ganz schwierig. Da halte ich mich raus. Ich habe früher ganz, ganz viel diskutiert auf Social Media. Mittlerweile ist es schwachsinnig, weil jeder im Internet mit Beleidigungen um sich werfen kann. Im Internet haben sie alle Ahnung, ohne Ahnung zu haben. Und gecancelt werden die Leute auch viel zu schnell, wenn sie einmal eine kritische Sache sagen."

Abseits des Internets streitet sie nach eigener Aussage "sehr schlecht. Ich streite nicht fair. Ich streite sehr wenig, aber wenn es so weit kommt, bin ich doch so, dass ich die andere Seite einfach ignoriere und meinen Kopf durchsetzen will. Wenn ich einmal streite, dann bin ich so wütend, dass ich den Blickwinkel für andere ausschalte."

Streiten als "gute Gelegenheit, eine Beziehung zu festigen"

Hat Deutschland das Streiten verlernt? Der Forscher Jaudas sagt: "Ich glaube, wir lernen es erst gar nicht. Wenn man sich überlegt, wie Eltern mit ihren zankenden Kindern umgehen: 'Hört doch auf, Euch zu streiten'. Das bekommen Kinder mit, es gilt als eine unerwünschte Verhaltensweise. Ich glaube, das hat auch einen großen Einfluss darauf, wie wir auch später mit Konflikten umgehen. Sie kommen einfach mal so über uns, und dann hat jeder seine Strategie. Aber die Wenigsten sagen, hey, es ist eine gute Gelegenheit, den anderen besser kennenzulernen, eine Beziehung zu festigen. Das ist der Kern einer guten Streitkultur."

Geraten bei der Informationsflut schnell mal in einen Konflikt

Betriebswirt Cherki, der in einem Kindergarten die Buchhaltung macht, unterstützt die Aktion angesichts der vielen täglichen News: "Wir werden überschüttet von Informationen und Nachrichten, müssen filtern und kommen ganz schnell mal in einen Konflikt mit einem Andersdenkenden. Und hier auf einer menschlichen und wissenschaftlichen Basis zu bleiben, finde ich ganz wichtig."

Kühle Konfliktforschung für die Straße

Hinter der Streitkultour steckt das Projekt "KOKO - Konflikte verstehen und Kompetenzen vermitteln", mit Hilfe des Trucks eine Art Konfliktforschung für die Straße und Social Media. Dort sollen die Interviews hochgeladen werden. Dazu kommen Fallbeispiele der Experten. Das Projekt wird bis Ende 2024 von der Europäischen Union gefördert, neben der Universität der Bundeswehr in München ist auch die Universität Eichstätt beteiligt. Geforscht wird in einem interdisziplinären Team aus der Psychologie, der Politikwissenschaft und der Journalistik.

Bei dem aktuellen warmen Wetter kann der Weg in den Interview-Truck übrigens helfen: Es ist in dem improvisierten Studio angenehm temperiert. Fast wie in einem überdimensionalen Kühlschrank. Da gibt es wirklich nichts zu meckern.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Nachrichten | 19. Juni 2023 | 16:30 Uhr

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