Übernahme Erfurter Teigwaren: Lidl-Mutter kauft größtes Nudelwerk Deutschlands

Deutschlands größtes Nudelwerk in Erfurt ist an die Schwarz-Gruppe verkauft worden. Der Konzern will die Teigwaren bei Kaufland und Lidl anbieten. Der Kauf könnte die Branche stark verändern.

Spirelli der Erfurter Teigwaren GmbH in Erfurt.
Seit 1793 werden in der Erfurter Teigwaren GmbH Nudeln und Teigwaren hergestellt (Archivfoto). Bildrechte: dpa

Nudeln aus Erfurt werden künftig wohl fast ausschließlich bei Lidl und Kaufland zu kaufen sein. Sofern das Kartellamt wahrscheinlich noch im Oktober zustimmt, wird das Unternehmen Schwarz-Produktion Deutschlands größtes Nudelwerk, die Erfurter Teigwaren, mit aktuell rund 170 Mitarbeitern übernehmen. Bei Schwarz-Produktion lässt die Schwarz-Gruppe als Lidl-Mutterkonzern alle Eigenmarken wie Schokolade oder Mineralwasser für seine Handelsketten Lidl und Kaufland produzieren.

"Alle Mitarbeiter sollen an Bord bleiben"

"Auch in Erfurt wollen wir uns langfristig engagieren", erklärte Jörg Aldenkott, der Vorstandsvorsitzende der Schwarz-Produktion. Grund für den Kauf sei gewesen, dass die Hamburger Beteiligungsgesellschaft QVM Privatkapital als bisheriger Eigentümer das Werk verkaufen wollte. Lidl und Kaufland hatten schon zuvor Nudeln aus Erfurt bezogen.

Die Höhe des Kaufpreises wurde nicht genannt. Nicht nur das Management soll dabei bleiben. "Wir möchten auch, dass alle Mitarbeiter an Bord bleiben", hieß es bei Schwarz Produktion Nachfrage. Über weitere Investitionen im Werk werde nach der Entscheidung des Kartellamtes entschieden.

Teurer Weizen, teure Energie: Erfurter Werk hatte zu kämpfen

Nach Branchenangaben stand die Erfurter Teigwaren GmbH nicht zuletzt wegen operativer Schwierigkeiten zum Verkauf. Wie bei anderen Hersteller hatten dem Unternehmen Engpässe beim Hartweizen und hohe Energiepreise zu schaffen gemacht. Jens Löbel, Thüringer Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, sagte, zuvor hätten die Eigentümer jedoch die Produktion optimiert und in bessere Arbeitsbedingungen investiert.

Vor 15 Jahren stellten 80 Mitarbeiter rund 18.000 Tonnen Nudeln her. Jetzt produzieren die 170 Mitarbeiter mehr als 100.000 Tonnen Spirelli und Co. im größten Teigwaren-Werk des Landes. Es deckt laut Handelsblatt demnach ein Achtel des deutschen Marktes ab und erzielte im Jahr 2020 einen Umsatz von 70 Millionen Euro.

Bisher kein Betriebsrat in Erfurt

Doch bisher gibt es im Werk nach Angaben von Gewerkschafter Löbel weder Betriebsrat noch Tarifvertrag. Gezahlt werde oft nur knapp über dem Mindestlohn. Ob sich das künftig ändern wird, ist unklar. Die Gründung eines Betriebsrates sei Sache der Arbeitnehmer, hieß es dazu nur von Schwarz Produktion. Aufgrund des aktuellen Kaufprozesses könne auch keine Aussage zu einem künftigen Tarifvertrag getroffen werden.

Andere Handelskonzerne wohl unter Zugzwang

Mit dem Kauf des Erfurter Werkes durch den Handels-Gigant werden Folgen für die gesamte Nudelbranche erwartet. Mike Hennig, Geschäftsführer der Teigwaren Riesa GmbH aus Sachsen, sagte MDR THÜRINGEN: "Der Kauf wird riesige Auswirkungen auf die gesamte Wertschöpfung der Nudelherstellung haben".

Teigwaren Riesa In Riesa produzieren rund 150 Mitarbeiter um die 25.000 Tonnen Nudeln im Jahr.

Im Vergleich zum Erfurter Werk werden in Riesa weniger Nudeln hergestellt, weil dort eine größere Produktvielfalt herrscht und zudem statt für das untere Preissegment vor allem für das mittlere Preissegment produziert wird.

Die Folgen sind zum einen, dass Schwarz Produktion nun die Nudeln womöglich international für alle Kaufland- oder Lidl-Filialen herstellen lassen kann. Zum anderen sind für Hennig viele Handelskonzerne tendenziell unter Zugzwang, ihre Nudeln woanders herstellen zu lassen. Bisher waren etwa Aldi und Edeka große Abnehmer der Erfurter Nudeln.

Doch diese müssten nun schnell reagieren, obwohl es in Deutschland gar nicht genug Kapazitäten gebe, um schnell woanders Nudeln als Handelsmarke im unteren Preissegement herstellen zu können, prognostiziert er. Auch für Mühlen als Zulieferer stelle sich die Frage, ob sie weiter für die Schwarz Produktion liefern können.

Der Kauf wird riesige Auswirkungen auf die gesamte Wertschöpfung der Nudelherstellung haben.

Mike Hennig Geschäftsführer von Teigwaren Riesa

Nudel-Werk wird in Schwarz-Gruppe eingegliedert

Ob der Markenname "Erfurter" die Übernahme überleben wird, ist aktuell offen. Eine Entscheidung dazu gibt es nach dem Abschluss des Kaufs, wenn also das Kartellamt entschieden hat. Zumindest erklärte der Konzern bereits allgemein, dass das Werk "als fester und wichtiger Bestandteil unserer Unternehmensfamilie Schwarz Produktion und als separate Produktionseinheit weitergeführt" werden soll.

Kauf des Erfurter Nudel-Werkes Teil der Lidl-Stategie

Der Kauf der Erfurter Teigwaren ist Teil der Strategie der Schwarz-Gruppe, den Anteil selbst hergestellter Produkte zu erhöhen, um so neben einer sicheren Versorgung auch die Margen zu erhöhen. Damit hebt sich der Konzern insbesondere von Aldi ab.

"Der Konzern hat mit dem Kauf des Nudelwerkes auch eine ganz andere Macht bei Preisverhandlungen, weil sie damit die gesamte Nudelherstellung abdecken", schätzt Branchenkenner Hennig ein. Ziel der Übernahme ist es nach Angaben der Schwarz-Produktion dann auch, Lidl und Kaufland "zuverlässig mit qualitativ hochwertigen Teigwaren-Produkten aus eigener Herstellung" zu versorgen.

Erst vor wenigen Wochen war bekannt geworden, dass Schwarz-Produktion ein Papierwerk gekauft hat. Zuvor schon vergrößerte der Konzern seine Produktion von Schokolade, Backwaren, Eis, Kaffee oder Nüssen. Auch Mineralwasser wird seit Langem selbst abgefüllt. Außerdem gehören zum Schwarz-Konzern mehrere Kunststoff- und Recyclingwerke. Schließlich baut der Handelskonzern mit 550.000 Mitarbeitern in 32 Ländern eine eigene Flotte von Container-Schiffen auf.

In Thüringen kauft Lidl direkt und nicht über die Schwarz-Produktion bei der Ospelt Group in Apolda als Großabnehmer Tiefkühlpizzen. In dem Werk werden insgesamt bis zu einer Million Pizzen pro Tag hergestellt.

MDR (rom)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 26. September 2022 | 14:00 Uhr

26 Kommentare

Mikro vor 9 Wochen

Harka2Was haben Sie denn nur mit ihren Nudeln aus Wurzen.Möglicherweise meinen Sie Riesa.Das liegt aber an anderer Stelle.Muß man aber als Weimarer nicht unbedingt wissen.

GuterMensch vor 9 Wochen

ja klar, sehr viele Leute schwimmen ja hier im Geld, was erwartet man auch anderes von Ihnen !
Täglich neue Berichte über rasant steigende Zuläufe bei den Tafeln !
Außerdem sollte doch jeder Mensch frei entscheiden können was er für ein Produkt im Handel ausgibt !
Der nächste Arroganz Anfall der üblichen User.

martin vor 9 Wochen

Ja, es gibt in der Tat leider zu viele Menschen, die auf Billigstqualität angewiesen sind. Die Mehrheit der Billigstkäufer macht dies meiner Wahrnehmung nach aber eher aus einer 'geiz ist geil' Mentalität oder weil ihnen die Qualität egal ist.

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