Ein Mensch hält ein Plakat mit der Aufschrift "Stoppt den Windkraft-Wahnsinn".
Sieben Jahre schon plant das Unternehmen Abo Wind AG einen Windpark im Saale-Holzland-Kreis. Seitdem regt sich Widerstand in der Bevölkerung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Erneuerbare Energien Fünf Windräder im Wald - das Holzland im Zwiespalt

22. Februar 2024, 18:47 Uhr

Windräder. Und dann noch im Wald: Das ist für einige Thüringer ein rotes Tuch. Das Unternehmen Abo Wind AG mit Sitz in Wiesbaden plant einen neuen Windpark, im Saale-Holzland-Kreis, zwischen St. Gangloff und Hermsdorf, südlich des Hermsdorfer Kreuzes. Fünf Windräder sollen sich dort drehen, die Strom für rund 20.000 Haushalte liefern. Doch viele Bürgerinnen und Bürger sind skeptisch.

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"Wollen Sie zur Demo oder zur Windmesse?", fragt eine Mitarbeiterin des Ordnungsamtes. Sie lässt uns auf den Parkplatz vor dem Hermsdorfer Stadthaus fahren. Allein das zeigt, wie verhärtet die Fronten sind. "Zur letzten Infoveranstaltung hatten wir Backsteine unter unseren Rädern liegen. Und auch die Radmuttern unserer Autos waren nicht unbedingt im Originalzustand", erzählt mir ein Mitarbeiter der Abo Wind AG.

Seit 2017 plant Abo Wind den Bau von Windrädern im Wald. Statt anfangs angestrebter neun, sollen es nun nur noch fünf werden. Das Gebiet bei St. Gangloff ist laut Regionalplan Ostthüringen als Windvorranggebiet ausgewiesen und im jüngsten Bescheid verkleinert worden. Seit sieben Jahren also Vorbescheidsverfahren. Auch die politische Diskussion um das Thüringer Waldgesetz hätten die Planungen nicht gerade leichter gemacht, so Unternehmenssprecher Daniel Duben. Doch er bleibt optimistisch: "Der Bau der Windkraftanlagen ist keine Nacht- und Nebelaktion. Wir gehen in ein Genehmigungsverfahren beim Landratsamt und wir hoffen, dass wir Ende des Jahres die Genehmigung zum Bau der fünf Anlagen bekommen."

Der Bau der Windkraftanlagen ist keine Nacht- und Nebelaktion.

Daniel Duben, Sprecher der Abo Wind AG

Bebauungsplan des Windparks in St. Gangloff im Saale-Holzland-Kreis
Fünf Windräder sollen im Windpark in St. Gangloff stehen, jedes 239 Meter hoch. Die Abo Wind AG pachtet dafür Privatwald, insgesamt 4,7 Hektar. Bildrechte: MDR/Veronika Lewandrowski-Lenk

Wenig Besucher auf der Windmesse

Wo die Windräder stehen sollen, wie tief die Fundamente sind - nämlich drei Meter in einem Durchmesser von 25 Metern - all das wird auf der Windmesse im Hermdorfer Stadthaus ausführlich auf Infotafeln erklärt. Auch stehen viele Mitarbeiter von Abo Wind bereit: beantworten Fragen, erklären Zusammenhänge, diskutieren. Gekommen sind allerdings nur wenige Holzländer.

Demonstration der Bürgerinitiative "Unser Holzland - kein Windradland" in Hermsdorf
Vor dem Hermsdorfer Stadthaus hatten Windkraftgegner zu einer Versammlung aufgerufen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Immer wieder aber stellen sie die gleiche Frage: Warum müssen Bäume für den Windpark sterben? Firmensprecher Duben erklärt: "Es müssen keine Bäume sterben für Windräder. In erster Linie sterben Bäume, weil der Borkenkäfer sie auffrisst und weil der Sturm sie umschmeißt. Wir planen auf Flächen, die sowieso schon in Mitleidenschaft gezogen sind, und die wir dann in Windkraft umwandeln."

Wir planen auf Flächen, die sowieso schon in Mitleidenschaft gezogen sind, und die wir dann in Windkraft umwandeln.

Daniel Duben, Sprecher der Abo Wind AG

So richtig zufrieden mit der Antwort sind nicht alle Holzländer: "Wir mögen es nicht, dass es im Wald gebaut wird. Weil wir der Meinung sind, dass es Schaden macht bei der Errichtung und auch in der Funktion kann es viel Schaden machen", sagt Michael Steps. Eine Frau wirft ein, dass allein durch den Bau der Waldboden extrem verdichtet wird.

Ein Mann der Abo Wind AG erklärt den Bebauugsplan des Windparks im Saale-Holzland-Kreis.
Auf einer Infoveranstaltung hat sich das Windkraftunternehmen den Fragen und Sorgen der Bürgerinnen und Bürger gestellt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zudem sei es sehr laut, wenn sich die Rotorblätter drehen. "Der Wald ist doch zum Erholen da", sagt sie. Die Meinungen sind und bleiben gespalten: "Man muss es schon sachgerecht vorantreiben. Und sollte es irgendwo Stellen geben, dann muss man darüber reden. Aber prinzipiell schon in die Richtung: Wir brauchen das für die Zukunft", ist ein älterer Herr sicher. Ihm ist aber wichtig, dass es entsprechende Leitungen gibt, in die der Strom direkt eingespeist werden kann.

Der Wald ist doch zum Erholen da.

Bürgerin

Die gibt es, versichert Abo Wind. Sie baut die Zuleitungen zu den Hochspannungsleitungen, ist mit dem Stromnetzbetreiber Tennet in Verhandlung.  Die fünf Windenergieanlagen, wie Windräder korrekt bezeichnet werden, sollen Strom für 20.000 Haushalte erzeugen, so die Abo Wind. Rund acht Millionen Euro kostet ein Windrad. Die Abo Wind errichtet die Windräder und verkauft sie dann an Investoren. Gewerbesteuer, die auf den Ertrag der Anlagen erhoben wird, fließt in die Gemeindekasse. Die Waldfläche wird von Privatpersonen gepachtet.

Infomesse der Abo Wind AG in Hermsdorf
Nur wenige Bürgerinnen und Bürger haben beim Infoabend die Chance genutzt, ihre Fragen loszuwerden oder sich genauer über die Pläne zu informieren. Bildrechte: MDR/Veronika Lewandrowski-Lenk

Die Bürgerinitiative "Unser Holzland - kein Windradland" protestiert

Vor dem Stadthaus hatten Windkraftgegner zu einer Versammlung aufgerufen. Die sollte - laut den Worten des Veranstalters - eigentlich unpolitisch sein. Zweiter Redner nach dem Hermsdorfer Bürgermeister Benny Hofmann aber war Hans-Georg Maaßen von der neu gegründeten Partei Werteunion mit einer eindeutigen Wahlkampfrede: Auf den geplanten Windpark ging er nur in einem Nebensatz ein, stattdessen arbeitete er sich an der "Gender- und Klimahysterie" der Grünen ab.

Hans-Georg Maaßen auf der Demonstration der Bürgerinitiative "Unser Holzland - kein Windradland" in Hermsdorf
Hans-Georg Maaßen von der neu gegründeten Partei Werteunion trat mit einer eindeutigen Wahlkampfrede auf die Bühne. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Bürgerinitiative hat nach eigenen Angaben beim Landratsamt in Eisenberg 4.000 Stellungnahmen gegen den Windpark eingereicht. Und auch die Abo Wind hat ihre Bauunterlagen abgegeben - mit erforderlichen Genehmigungen.

Noch bis zum 8. März können Anwohner ihre Anregungen und Hinweise zum Windpark beim Landratsamt Eisenberg einreichen. Alle Unterlagen haben dort zuvor vier Wochen ausgelegen. Aktuell können sie auf dem Umweltportal des Freistaates Thüringen abgerufen werden.

MDR (kabe/thk)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 22. Februar 2024 | 19:00 Uhr

145 Kommentare

astrodon vor 8 Wochen

@Ralf: "all die Energiefachleute, viele Politiker, manche Journalisten, diverse Wissenschaftler auch keine Ahnung" - Wer, was und warum. Leider führt uns das, in diesem Rahmen, viel zu weit. Durchaus gibt es auch unter Fachleuten unterschiedliche Meinungen. Konsens dürfte aber bei allen sein, dass fossile Energieresourcen endlich sind und nicht ohne Einfluss auf unser Umwelt.

astrodon vor 8 Wochen

@Ralf: Allein in Thüringen haben wir 1,4 GW mit 6-8 Std. Betriebszeit. Ohne "Blockieren" könnten es durchaus mehr sein, da bedürfte es mehr (politischen) Willens. Gäbe es den, könnten uns hunderte MW Leistung dauerhaft zur Verfügung stehen.

astrodon vor 8 Wochen

@Nochjemand: "... wird in den Nachbarländern eingekauft, wo er aus Atom- und Kohlekraftwerken kommt." - oder wahlweise aus skandinavischen, britischen oder Benelux-Offshore-WEA oder aus skandinavischen Wasserkraftwerken.

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