Bernhard Stengele
Grünen-Landeschef Bernhard Stengele ist einer der Gäste bei den MDR THÜRINGEN-Sommerinterviews 2023. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sommerinterview Der Neue: Bernhard Stengele von den Thüringer Grünen im Portrait

06. Juli 2023, 15:00 Uhr

Bernhard Stengele hat eine steile Karriere hingelegt. Innerhalb weniger Monate ist der 60-Jährige vom Partei-Außenseiter zum Landessprecher der Thüringer Grünen und kurz darauf zum Umweltminister geworden. Ein Jahr vor der Wahl ist Stengele den meisten Thüringern dennoch unbekannt.

Es gibt ein Foto von Bernhard Stengele am Tag seiner Ernennung zum Minister für Umwelt, Energie und Naturschutz. Auf diesem Bild hält der 60-Jährige seine Ernennungsurkunde in den Händen. Neben ihm steht der Ministerpräsident. Während Stengele auf dem Foto stolz strahlt, sieht Bodo Ramelows nur zu erahnendes Lächeln auch noch gequält aus. Was ist von dem Neuen im Kabinett zu erwarten?

Eine Frage, die sich vermutlich nicht nur ein Großteil der Bevölkerung gestellt hat, sondern auch der Ministerpräsident. Denn politisch war Stengele bis zu diesem Tag kaum in Erscheinung getreten. Als Landessprecher der Thüringer Grünen hatte der gebürtige Baden-Württemberger, und das auch nur für eine überschaubar kurze Zeit, vor allem im Hintergrund gewirkt.

Dass er den Schritt in die erste politische Reihe wagt, dass aus dem Schauspieler, Regisseur und Theater-Leiter ein Minister wird, war selbst für einige jetzige Kollegen im Kabinett eine faustdicke Überraschung.

Von der Bühne in die Politik

Politische Erfolge hatte Stengele bis vor nicht allzu langer Zeit nicht vorzuweisen. Bekannt ist, dass der Mann aus dem Allgäu schon früh gegen Atomkraft auf die Straße ging. Mandate oder Mitgliedschaften finden sich allerdings nicht in seiner Vita. Als Theaterleiter in Altenburg dagegen ist die Liste seiner Erfolge lang. Stengele hat in seiner Zeit dort, zwischen 2012 und 2017, aus einer Provinzbühne ein überregional beachtetes Haus gemacht.

Das liegt vor allem daran, dass er den Mut zur Umsetzung kontrovers diskutierten Ideen hatte. Der "Hauptmann von Köpenick" mit dem Schwarzen Ouelgo Tene in der Hauptrolle ist vom Publikum und der Fachpresse vielfach besprochen worden. Für Aufsehen sorgte auch seine Inszenierung "Cohn Bucky Levy - Der Verlust", in der Stengele der Geschichte einer jüdischen Familie in Altenburg nachging.

Das Ensemble: Besetzt mit Schauspielern und Musikern aus aller Welt. In der Branche inzwischen der Normalfall, doch in Altenburg bis dahin nicht. Als 2017 vier Ensemble-Mitglieder das Theater verlassen, weil sie Alltagsrassismus in der Stadt empfinden und damit nicht leben wollen und können, schlägt das deutschlandweit Wellen. Es ist möglicherweise der Moment, in dem die entscheidende Politisierung des Theaterchefs Stengele beginnt und aus dem Künstler ein Politiker wird.

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk erklärt Stengele damals, er sei enttäuscht von der Politik. Sein Vorwurf: Politische Entscheidungsträger hätten es zugelassen, dass bei den Ensemble-Mitgliedern, erzeugt durch eine Minderheit in der Bevölkerung, überhaupt das Gefühl von Alltagsrassismus entstehen konnte. Zu tatsächlichen Vorfällen war es damals nicht gekommen. Stengele verlässt das Theater Altenburg im Jahr 2017.

Anschließend zerfasert sich sein Lebenslauf. Einerseits bleibt er seiner Leidenschaft treu und leitet von da an das Sommertheater Überlingen, einen Saison-Betrieb in seiner Heimatregion Baden-Württemberg. Andererseits unterstützt Stengele seinen Bruder im mittelständischen Unternehmen und eine Firma, die kleine, umweltschonende Wohnhäuser, so genannte Tiny Houses, entwickelt.

Die Gemeinsamkeit von Theater und Politik

2019 kehrt der Künstler Stengele als Politiker nach Thüringen zurück. Er tritt bei der Landtagswahl als Direktkandidat im Altenburger Land an und bekommt 5,6 Prozent der Stimmen. Das reicht nicht zum Einzug in den Landtag. Die Laufbahn als Politiker nimmt trotzdem an Fahrt auf, denn wenige Monate später, im Januar 2020, wird Stengele auf der Landesdelegierten­konferenz zu einem der beiden Grünen Landessprecher gewählt.

Bernhard Stengele
Bernhard Stengele als Landessprecher der Thüringer Grünen. Bildrechte: IMAGO / STAR-MEDIA

Ein Amt, das er inzwischen schon wieder aufgegeben hat, denn Stengele ist mittlerweile, seit Anfang 2023, Minister und stellvertretender Minister­präsident. Der 60-Jährige ist damit in rasender Geschwindigkeit vom Künstler zum Berufspolitiker geworden. Gemeinsamkeiten der Jobs? Die gäbe es, erklärt er. "Im Schauspiel geht es darum, wie man sich darstellt. Das spielt in der Politik zunehmend auch eine überragende Rolle."

Alle Politiker und Politikerinnen seien inzwischen große Selbstdarsteller mit Instagram-Accounts und jeden Tag hoch professionell produzierten Videos. Der Unterschied sei, dass die meisten Künstler schüchterner sind, als Politiker, ergänzt Stengele. Interessant sind dabei die Zwischentöne. Wenn der 60-Jährige über Schauspieler spricht, spricht er immer noch vom "wir".

Und der anfangs so gequält lächelnde Ministerpräsident Ramelow erklärt inzwischen über ihn, er sei überrascht davon, wie schnell sich Stengele in seine neue Aufgabe eingearbeitet habe und mit welcher Akribie er ans Werk gehe.

Neuer Frontmann, alte Probleme

Bernhard Stengele ist mehr als Grüner Minister. Er ist auch der Hoffnungsträger seiner Partei. Er und Doreen Denstädt, die zweite Grüne Ministerin, sind die Gesichter nach außen. Beide haben noch knapp ein Jahr Zeit, den kleinsten Partner in der rot-rot-grünen Minderheitsregierung, wieder stärker zu machen.

Doch das dürfte schwer fallen. Die Thüringer Grünen, die zwar jahrelang nicht vom Aufschwung der Bundespartei profitieren konnten, leiden jetzt - es ist die Ironie des Schicksals - ausgerechnet unter deren Tiefflug. Die Diskussionen und die Kritik am auf Bundesebene geplanten Gebäude-Energie-Gesetz haben auch die Landespartei getroffen. Gleichzeitig sind die Nachwirkungen der Personalrochade Anfang des Jahres noch nicht final aufgearbeitet.

Stengele und Denstädt hatten die Posten von Anja Siegesmund und Dirk Adams übernommen. Siegesmund war freiwillig gegangen. Adams wurde entlassen. Was die Thüringer Grünen als Neuanfang verkaufen wollten, endete in einem kommunikativen Desaster. Der Künstler Stengele und die völlig unerfahrene Denstädt galten bei vielen von vornherein als Fehlbesetzung. Inzwischen haben sich die Wogen zwar geglättet und beide können zumindest erste, politische Teilerfolge vorweisen. Den Bekanntheitsgrad ihrer Vorgänger haben sie aber noch nicht erreicht.

Was zum Problem werden könnte, wenn in knapp einem Jahr neu gewählt wird. Denn die Erfahrungen zeigen, dass unbekanntes Spitzenpersonal und schlechte Wahlergebnisse häufig korrelieren. Gut möglich also, dass die Politikerlaufbahn des Bernhard Stengele genauso schnell wieder endet, wie sie an Fahrt aufgenommen hat. Nämlich dann, wenn die Grünen den Wiedereinzug in den Landtag verpassen sollten.

MDR (dvs)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 11. August 2023 | 19:00 Uhr

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