Erzieherinnen dringend gesucht Kindergärten in der Rhön schlagen Alarm

In vielen Kindergärten in Thüringen fehlen Erzieherinnen und Erzieher. Manche Einrichtungen nehmen deshalb keine neuen Kinder mehr auf oder können den laufenden Betrieb kaum noch stemmen. Gründe dafür gibt es viele. Manche jungen Leute werden von der Ausbildung abgeschreckt oder verdienen in benachbarten Bundesländern einfach besser.

Wer in Frankenheim in der Rhön gerade dringend einen Kindergartenplatz braucht, hat zumindest vorübergehend Pech. Noch bis September gilt in der DRK-Einrichtung Aufnahmestopp. Um noch mehr Kinder betreuen zu dürfen, fehlt dem Kindergarten eine Erzieherin. "Dabei sah es vor wenigen Tagen noch so gut aus", sagt Judith Schramm vom DRK. Erst vor wenigen Wochen hat der Träger für den Kindergarten zwei neue Erzieherinnen eingestellt.

Judith Schramm vom DRK Meiningen
Judith Schramm muss manche Eltern vertrösten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In der vergangenen Woche kam jedoch die Botschaft, dass eine der Mitarbeiterinnen ein Baby erwartet. "Eigentlich ist das ja eine tolle Nachricht, aber für uns fällt die Kollegin wegen des Arbeitsschutzes sofort aus", so Schramm. Der Kindergarten steht nun vor dem Problem, aktuell keine Kinder mehr aufnehmen zu können - weil die gesetzlichen Regelungen eine Mindestanzahl an Erzieherinnen für eine bestimmte Anzahl von Kindern vorsieht.

Betroffen in Frankenheim ist unter anderem eine junge Mutter. Ihr Kind ist eineinhalb Jahre alt. Sie ist selbständig und bräuchte dringend einen Betreuungsplatz. "Aber wir können sie nur auf September vertrösten, wenn die Zahl der Kinder durch die Schulabgänger in der Einrichtung wieder sinkt", so Schramm. Völlig verrückt werde es, wenn auch Erzieherinnen ihren Job nicht antreten können, weil sie wegen Personalmangels im Kindergarten keinen Betreuungsplatz finden. "Regeln sind nun mal Regeln und an die müssen wir uns halten", zuckt Schramm mit den Schultern.

Kindergarten Grashüpfer in Frankenhain
Der Kindergarten Grashüpfer in Frankenhain Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ausbildung zur Erzieherin schreckt ab

Das DRK in Meiningen betreibt 28 Kindergärten im Landkreis Schmalkalden-Meiningen und weitere acht im Wartburgkreis. Mindestens acht Erzieherinnen und Erzieher fehlen derzeit. Das liegt laut Schramm an vielen verschiedenen Dingen. In Thüringen werden generell zu wenig Erzieher ausgebildet. Unter anderem auch, weil sich viele junge Leute die Ausbildung schlichtweg nicht leisten können.

Das kritisiert auch der Kaltennordheimer Bürgermeister Erik Thürmer (CDU). Wer Erzieher werden möchte, lernt fünf Jahre, bekommt in dieser Zeit außer in den Praxisphasen kein Geld und muss oft auch noch Schulgeld zahlen. "Das ist doch logisch, dass sich junge Leute dann eher für eine Ausbildung entscheiden, wo sie Geld verdienen", so Thürmer.

Erik Thürmer, Bürgermeister von Kaltennordheim
Erik Thürmer (CDU) kritisiert die Organisation der Ausbildung für Erzieher. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ministerium probiert neue Ausbildungswege

Das Thüringer Bildungsministerium versucht, hier gegenzusteuern. Wie Sprecher Felix Knothe sagte, läuft seit 2019 ein Pilotprojekt der praxisintegrierten vergüteten Ausbildung (Pia). Hier werden die jungen Leute innerhalb von zwei Jahren als Kinderpfleger oder Sozialassistent ausgebildet. Danach können sie in den Kindergärten arbeiten und gleichzeitig ihren Abschluss als Erzieher machen. Während dieser Zeit fördert das Ministerium die Stellen.

"Das macht auch Sinn", wirft DRK-Fachberaterin Schramm ein. "Weil den angehenden Erziehern oft tatsächlich die praktische Arbeit in den Einrichtungen fehlt." Das Projekt Pia ist ein Anfang, stößt aber an seine Grenzen. Bürgermeister Thürmer musste das am eigenen Leib erfahren. Weil die Zahl der Plätze begrenzt ist, gab es für einen der städtischen Kindergärten bereits eine Absage. Eine zweite Bewerbung läuft noch.

Kinder in einem Kindergarten
Der Notstand beim Personal ist ein thüringenweites Problem (Archivofoto). Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen im Westen

Auch die Nähe zu Hessen und Bayern sei ein großes Problem. Auch wenn das DRK in Sachen Gehälter deutlich nachgezogen hat, verdienen die Kollegen im Westen laut Schramm immer noch mehr. Außerdem seien die Arbeitsbedingungen dort oft besser. Unter anderem weil der Personalschlüssel für die Kinderbetreuung großzügiger ist.

2019 hat in Thüringen eine Krippenerzieherin nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes 5,4 Kinder betreut. In Bayern nur 3,7 und in Hessen 3,8. Ähnlich sieht es bei Kindergartengruppen aus. Der Betreuungsschlüssel liegt hier bei 11,6 - und damit deutlich höher als in westlichen Bundesländern. In einer Studie der Bertelsmann-Stiftung monierten die Autoren, dass sich diese Werte in Thüringen nicht verbessert und im Kindergartenbereich sogar leicht verschlechtert haben. Sie empfehlen einen Betreuungsschlüssel von in Krippen von 1:3 und in Kindergartengruppen von maximal 1:7,5.

"Natürlich gehen die jungen Leute dann dorthin, wo ich mehr verdiene und kleinere Gruppen habe", so Schramm. Thüringen sei beim Personalschlüssel deutschlandweit ganz weit hinten, und das müsse sich dringend ändern.

Wohlfühlort Kindergarten

Als Bürgermeister von Frankenheim tut Alexander Schmitt was er kann. "Wir müssen es den Erzieherinnen so schön wie möglich machen, damit sie zu uns kommen und hier bleiben", sagt er. Natürlich seien die Mittel einer Kommune begrenzt. "Aber wir sehen zum Beispiel zu, dass wir die Räume in dem Kindergarten regelmäßig renovieren und kümmern uns um die Außenanlagen."

Knapp 15 Kilometer von Frankenheim entfernt liegt Kaltennordheim. Die Stadt hat drei kommunale Kindergärten und auch dort reicht das Personal gerade so aus. "Ich wünsche mir einfach einen Puffer bei den Erzieherinnen und Erziehern im Kindergarten", sagt Bürgermeister Thürmer. Momentan käme man gerade so hin. "Aber da darf einfach nichts dazwischen kommen", so der Kaltennordheimer. Sobald eine Kollegin wegen Krankheit länger ausfällt oder ein Baby erwartet, breche das ganze System zusammen.

Das Problem wird sich vermutlich noch verschärfen - und es ist auch nicht auf die Rhön begrenzt. Der Notstand beim Personal ist ein thüringenweites Problem. Nach einer Studie der Uni Jena gehen bis 2030 bis zu 8.000 Erzieherinnen in den Ruhestand. Pro Jahr werden in Thüringen rund 700 Erzieher ausgebildet. Um die Lage halbwegs in den Griff zu bekommen, darf von ihnen nicht einer den Freistaat verlassen.

Mehr zum Personalnotstand bei Erziehern

MDR (bee;sar)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 03. August 2022 | 19:00 Uhr

3 Kommentare

Sozialberuflerin vor 8 Wochen

Das Problem wird hat sich und wirds sich weiter noch, verschärfen!
Die Pandemie hat den päd. Fachkräften deutlich gezeigt, wo sie stehen und was Thüringen für seine ErzieherInnen bereit ist zu geben!
Nebst lächerlichen Personalschlüßel, kamen und kommen immer höherer Anforderungen hinzu. Ohne Aussicht auf adäquate Personalstrukturen
Damit meine ich, dass Anforderungen wie Integration und Inklusion nicht nur päd. Fachkräfte braucht, sondern auch in diesem Sinne geschultes Personal (HeilerziehInnen, Sprachexperten, Therapeuten aller Art etc.)
Päd. Fachkräfte in Kitas müssen viel zu viel Verantwortung und Aufgaben übernehmen, für die sie wieder Kapazität noch Ausbildung haben. Hinzu kommt ein enormer dokumentarischer Aufwand und immer mehr Elternarbeit im Sinne von Familienbegleitung (die Gründe sind vielfältig).

Nunja...Und es gibt ja immer noch Leute, die glauben, die Kitas wären, wie die Schulen zu Hochzeiten der Pandemie geschlossen gewesen....

Sozialberuflerin vor 8 Wochen

Guter Vorschlag!
Sie haben recht, das ist wirklich ein Problem!
Ein Studium öffnet (ohne Berufserfahrung) mehr Türen, was prinzipiell gut so ist.
Jedoch wollen mittlerweile, aufgrund der Ausbildungsbedingungen eben die meisten studieren.
Und dann natürlich sehr selten in den Gruppendienst und Windeln wechseln oder personelle Löcher stopfen.
Die Studis wollen dann Schreibtisch-Arbeitsplätze in Ämtern oder Leitungspositionen.
Wenn Thüringen wenigsten den Kinderpfleger als Beruf anerkennen würde wie z.B. Bayern, würden die vorhanden Fachkräfte Unterstützung bekommen. Zwei päd. Fachkräfte und eine/r bis drei KindpflegerInn (je nach Gruppenstärke). Das Problem wäre zwar nicht weg, aber etwas entzerrt!

vermittler vor 8 Wochen

Was für eine irre Situation, die Ausbildung zur Erzieherin - die selbst bezahlt werden muss - dauert genauso lange wie ein Studium der Erziehungswissenschaften, das völlig kostenfrei ist. Die jungen Leute, die das zu Hauf in Thüringen absolvieren wollen danach nicht in den Kitas arbeiten, sondern forschen ... z.B. "wie sich der Fachkräftemangel in den Kitas aif die Qualität der Betreuung auswirkt" ... verrückte Welt.
Vorschlag: Aussetzen des Studienganges für 5 Jahre, danach darf nur der zum Studium, der 5 Jahre Berufserfahrung mitbringt.

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