Industrie "Hat schon Geschmäckle": 230 Jobs bei Elektrokeramik Sonneberg in Gefahr

Wer zum riesigen Betriebsgelände des Elektrokeramikwerkes am Stadtrand von Sonneberg kommt, merkt sofort, hier stimmt etwas nicht stimmt. Rechts und links vom Firmenschild flattern zwei pechschwarze Fahnen. Vor dem Eingang ins Verwaltungsgebäude haben Mitarbeiter Grabkerzen aufgestellt und direkt vor dem Parkplatz des Geschäftsführers stehen drei dünne Kreuze aus Holz. Die Mitarbeiter sind noch immer fassungslos darüber, dass Ende des Jahres die 130 Jahre alte Firmengeschichte zu Ende sein soll.

Der Betriebsratsvorsitzende Patrick Schmidt hat noch immer einen dicken Hals. Am Montag vor einer Woche informierte die Geschäftsführung die Belegschaft über das bevorstehende Aus der Elektrokeramik Sonneberg. "Das war innerhalb von wenigen Minuten abgehandelt, Nachfragen waren nicht erlaubt", sagt Schmidt.

So geht man doch nicht mit den Leuten um.

Patrick Schmidt, Betriebsratsvorsitzender

Die Öffentlichkeit wurde schriftlich informiert. Darin heißt es, dass die komplette Branche an Produktüberkapazitäten leidet. Die Elektrokeramik GmbH Sonneberg (EKS) fahre in den letzten Jahren "anhaltend hohe Verluste" ein. Die derzeitige Inflation habe die angespannte Situation weiter verschärft. Deshalb sei es nicht möglich, den Betrieb aufrecht zu erhalten.

Ende des Jahres soll das EKS nun schließen. Alle 230 Mitarbeiter verlieren ihre Jobs. Ein Interview lehnte die Geschäftsführung und verweist auf eine Pressemitteilung.

Ein Holzkreus und Grabkerzen stehen vor einer Eingangstür. Daneben hängt ein Schild mit der Aufschrift 'Wir können den Wind nicht ändern aber die Segel anders setzen. Team EKS'.
Vor dem Eingang ins EKS-Verwaltungsgebäude haben Mitarbeiter Grabkerzen aufgestellt. Bildrechte: MDR/Bettina Ehrlich

Belegschaft zweifelt an Darstellung der Chefetage

"Wir glauben das nicht", sagt Betriebsrat Patrick Schmidt. "Wir lassen das jetzt erst mal von zwei Rechtsanwälten prüfen, ob das wirklich alles so ist, wie uns das verkauft wird." Tatsächlich gebe es Grund zu zweifeln. Im Dezember vergangenen Jahres hat ein spanischer Investor die EKS GmbH übernommen. Zuvor ein ähnliches Werk in Wunsiedel. Dem Investor PHI gehören die Firmengruppen PPC Insulators Group, gleichzeitig aber auch die LAPP Gruppe.

Es hat schon ein Geschmäckle.

Patrick Schmidt, Betriebsratsvorsitzender

Man könnte vermuten, so Schmidt, dass man sich die eigene Konkurrenz vom Hals halten will. Dazu passe, dass seit Dezember so gut wie nichts mehr in den Betrieb investiert worden sei. Noch nicht einmal dringend nötige Reparaturen an Maschinen seien erledigt worden.

Mehrere Menschen sitzen an einem Tisch zusammen.
Krisensitzung: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiten fürchten um ihre Jobs. Betriesratsvorsitzender Patrick Schmidt (im weißen T-Shirt) hat zwei Rechtsanwälte eingeschaltet. Bildrechte: MDR/Bettina Ehrlich

Früher ein Werk mit Zukunft, nun ohne Zukunft?

Seit über vier Jahrzehnten ist Sabine Stein in dem Betrieb. Sie hat die schwere Zeit nach der Wende erlebt, als der komplette osteuropäische Markt eingebrochen war. "Selbst da haben wir es geschafft, neue Kunden zu finden. Warum soll das heute nicht so sein?" Kaum ein anderes Werk könne eine solche Produktvielfalt anbieten. Am allerbesten wäre laut Stein natürlich, wenn ein neuer Investor mit viel Herzblut einsteigen würde.

Das wäre auch Sonnebergs Bürgermeister Heiko Voigt (pl) am allerliebsten. Er sorgt sich um die Mitarbeiter. Die meisten von ihnen seien über 50 und viele seit Jahrzehnten im Betrieb.

Das sind Keramikspezialisten, sie können nicht in jeder anderen Firma unterkommen.

Sonnebergs Bürgermeister Heiko Voigt (pl)

Außerdem ist das Firmengelände riesig. Ein Albtraum, wenn hier eine Industriebrache entstünde, so Voigt. Die Suche nach einem Investor würde der Bürgermeister auf jeden Fall unterstützen. Doch dafür müsste der aktuelle Besitzer auch verkaufen wollen.

Zwei Männer gehen auf einem Industriegelände entlang.
Betriebsrat Patrick Schmidt und Bürgermeister Heiko Voigt (pl). Die Stadt will die Mitarbeiter so gut wie es geht unterstützen. Bildrechte: MDR/Bettina Ehrlich

Harte Verhandlungen stehen an

Voigt hat mit Vertretern des Thüringer Wirtschaftsministeriums und der Landesentwicklungsgesellschaft bereits mit der Geschäftsführung zusammengesessen. Etwas Konkretes sei aber noch nicht herausgekommen. Voigt sicherte aber jede Unterstützung der Stadt zu. Zum Beispiel bei Planungs- und Genehmigungsverfahren.

In der kommenden Woche trifft sich der Betriebsrat erstmals nach der Hiobsbotschaft mit der Geschäftsführung. Patrick Schmidt stellt sich auf knallharte Verhandlungen ein.

Wir wollen so viel es geht für die Mitarbeiter rausholen.

Betriebsratsvorsitzender Patrick Schmidt

MDR (bee/fno)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 30. Juni 2022 | 19:00 Uhr

11 Kommentare

Fakt vor 6 Wochen

@Freies Moria:

Auch bei einer Betriebsschließung respektive Betriebsstilllegung muss jedem Mitarbeiter eine betriebsbedingte Kündigung ausgesprochen werden und auch da hat der Arbeitgeber einiges zu beachten. Maßgeblich sind dabei das Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG) wenn ein Betriebsrat verhanden ist und das Kündigungsschutzgesetz (KSchG).

So einfach wie Sie sich das vorstellen, ist es offenbar auch wieder nicht.

Karl Schmidt vor 6 Wochen

Menschen, die aus längst vergangenen Jahrhunderten noch Welche kennen, die „ihr ganzes Leben“ in einer Fabrik verbrachten, verbringen heutzutage „ihr ganzes Leben“ vor der Tastatur um zu jeder Gelegenheit über die Jetztzeit zu Meckern.

Bin ich froh und glücklich, dass ich von beiden Zwängen nicht gefangen bin.

Erichs Rache vor 6 Wochen

@Mad Eye

Danke für die Info

Gott sei dank scheinen damit die "Krisen"-Zeiten vorbei zu sein. Das hat mich jetzt jahrelang echt genervt.

"Zeitenwende"/ "Wendezeiten" klingt viel schöner.

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