Tschechien Wenn Wohnen zum Luxus wird: In Prag boomen Wohngemeinschaften

MDR AKTUELL Mitarbeiter Cezary Mariusz Bazydlo
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Wohnen in einer WG ist bei Studenten gang und gäbe. Doch in der tschechischen Hauptstadt Prag entscheiden sich immer mehr "ältere Semester" dafür – Menschen, die über 30 sind, längst im Berufsleben stehen und sich trotzdem keine eigene Wohnung leisten können – wegen der exorbitant hohen Mieten und Energiepreise.

Studenten lernen zusammen in einem Zimmer.
Wohnen in einer WG – in der tschechischen Hauptstadt Prag ist diese Option seit Beginn des Ukraine-Krieges immer beliebter. Bildrechte: IMAGO / Shotshop

Allein beim Immobilienportal ulovdomov.cz sei das Interesse an Wohngemeinschaften zwischen Februar und September um satte 28 Prozent gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum gestiegen, berichtet das tschechische Handelsblatt "Hospodařské noviny". Doch damit nicht genug. Die Nachfrage habe sich auch völlig anders als bislang auf die einzelnen Monate verteilt.

WGs nicht nur bei Studenten beliebt

Normalerweise seien WGs Ende August und Anfang September besonders gefragt, wenn Studenten nach einer neuen Bleibe suchen. Doch in diesem Jahr sei alles anders gewesen, berichtet der Portalchef von ulovdomov.cz, Michal Hrbatý, dem Blatt. Die größte Nachfrage fiel demnach auf das erste Halbjahr. "Daraus schließen wir, dass der Nachfrageanstieg nicht primär auf Studenten zurückgeht, sondern auf breitere sozioökonomische Zusammenhänge", so Hrbatý. Mit anderen Worten: Immer mehr Menschen können oder wollen sich eigenständiges Wohnen nicht leisten.

Stadtansicht von Prag
Prag ist für Mieter ein teures Pflaster: Der durchschnittliche Quadratmeterpreis liegt bei fast 15 Euro. Bildrechte: imago images/Shotshop

Das bestätigt auch Jan Škrabánek vom Konkurrenzportal bezrealitky.cz. Er unterscheidet zwei Gruppen, für die eine WG derzeit besonders attraktiv sei. Die erste seien Menschen bis 40: Sie seien viel unterwegs und scheuten die Kosten für eine eigene Wohnung, die oft leer stehen würde. Die zweite Gruppe seien Menschen um die 50 oder 60, die sich die Miete nicht mehr leisten können. "Sie ziehen allerdings nicht in fremde Wohnungen ein, sondern nehmen Untermieter auf", so Škrabánek.

Rekord-Mieten in Prag

Grund für die steigende WG-Nachfrage in Prag sind die immer höheren Mieten in der tschechischen Hauptstadt. Der Beratungsgesellschaft Deloitte zufolge lag der durchschnittliche Quadratmeterpreis in Prag im dritten Quartal 2022 bei 360 Kronen, umgerechnet fast 15 Euro! Für eine 70-Quadratmeterwohnung müssten Mieter demnach mehr als 1.000 Euro im Monat berappen – rund ein Viertel mehr als vor einem Jahr, bei einem Durchschnittsgehalt von 40.086 Kronen brutto, also 1.640 Euro. Wer sich für eine WG entscheidet, kommt billiger davon – und kann sich noch die Strom- und Heizkosten mit den Mitbewohnern teilen. Pro Monat kann man so locker um die 200 Euro sparen.

Das Prager Stadtzentrum mit Moldau und Karlsbrücke. Blick von der Spitze des Veits-Doms. 44 min
Das Prager Stadtzentrum mit Moldau und Karlsbrücke. Blick von der Spitze des Veits-Doms. Bildrechte: MDR/NDR/MfG-Film/Till Lehmann

Dabei herrschten noch vor zwei Jahren paradiesische Zustände für Mieter in Prag. Durch die Corona-Pandemie blieben ausländische Touristen größtenteils weg. Zahlreiche Wohnungen, die sonst über Plattformen wie AirBnB tageweise an Prag-Besucher vermietet wurden, waren plötzlich auf dem regulären Wohnungsmarkt – was die Preise drückte. Doch das ist längst vorbei, Wohnen ist in Prag so teuer wie nie.

Tourismus, Krieg und Inflation machen Wohnen unbezahlbar

Neubau-Wohnhäuser in Prag
Neubauten in Prag. Wohnen in einer Eigentumswohnung ist für die meisten Tschechen die erste Wahl. Doch immer weniger Menschen können sich das leisten. Bildrechte: IMAGO / CTK Photo

Dazu hat nicht nur die Rückkehr des Massentourismus geführt, sondern auch der Ukraine-Krieg, Inflation und schwindelerregende Preise für Eigentumswohnungen. Denn Wohnen im Eigentum ist in Tschechien die beliebteste Option – laut Eurostat wohnen dort 78,9 Prozent der Bürger im Eigentum, in Deutschland sind es nur 50,5 Prozent (Stand 2020).

Doch den Kauf einer Wohnung können sich inzwischen nur noch wenige leisten. Zum einen, weil die Quadratmeterpreise ständig neue Rekorde brechen. Zum anderen, weil die Hypothekenzinsen an die Inflation angepasst wurden – lagen sie vor fünf Jahren noch bei 1,8 Prozent, sind es heute 7,0 Prozent. Außerdem verhängte die Tschechische Nationalbank neue, strikte Vergabekriterien für Immobilienkredite.

Viele Interessenten stehen daher von vornherein auf verlorenem Posten. Alle, die keine Chance auf Wohneigentum haben, drängen nun auf den Mietmarkt. Und der ist ohnehin schon überfüllt, seitdem Hunderttausende Flüchtlinge aus der Ukraine nach Tschechien gekommen sind.

Wie hoch sind die Mieten in Tschechien?

Gemäß dem "Rent Index" der Beratungsgesellschaft Deloitte lag die durchschnittliche Miete in Tschechien im dritten Quartal 2022 bei 272 Kronen pro Quadratmeter, umgerechnet rund 11 Euro. In der Hauptstadt Prag müssen Mieter allerdings deutlich mehr hinblättern: im Schnitt 360 Kronen, umgerechnet fast 15 Euro. Unter den Prager Stadtbezirken ist Prag 1 mit der historischen Altstadt am teuersten (durchschnittlich 419 Kronen bzw. rund 17 Euro), gefolgt von Prag 2 mit dem angesagten Viertel Vinohrady (399 Kronen bzw. rund 16 Euro). Die landesweit günstigsten Mieten gibt es in der strukturschwachen Region Ústí nad Labem – dort lag der durchschnittliche Quadratmeterpreis bei 188 Kronen, umgerechnet knapp 8 Euro.

Wie viele Menschen wohnen im Eigentum?

Laut Eurostat lebten im Jahr 2020 70,1 Prozent der Bürger in der EU in einer eigenen Bleibe. Den höchsten Eigentumsanteil unter den EU-Staaten hat Rumänien mit 96 Prozent, den niedrigsten Deutschland mit 50,5 Prozent. In der Tschechischen Republik liegt der Eigentumsanteil mit 78,9 Prozent deutlich über dem EU-Durchschnitt.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 05. November 2022 | 07:15 Uhr

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