Ukraine Kiew im Lockdown: Heimlich ins Restaurant

Mann vor Flagge
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Trotz Lockdown haben viele Gaststätten in Kiew geöffnet. Früher waren es vor allem Luxusrestaurants, die ihre zahlungskräftigen Gäste illegal bedienten, heute empfangen auch durchschnittliche Restaurants ihre Gäste, trotz empfindlicher Geldstrafen. Unser Ostblogger Denis Trubetskoy hat sich in der ukrainischen Metropole auf Kneipentour begeben.

 Innenansichten Restaurant Kiew, auf dem Porträt mit dem Pint-Glas ist Denis Trubetskoy zu sehen
Restaurant in Kiew Bildrechte: Denis Trubetskoy

Eigentlich ist die ukrainische Hauptstadt Kiew seit gut einem Monat im scharfen Lockdown. Selbst Busse und Bahnen dürfen nur von Vertretern systemrelevanter Berufe benutzt werden. Obwohl sich die Zahlen zuletzt positiv entwickelten, bleibt der Lockdown zunächst bis zum 30. April bestehen. Allerdings gibt es doch einige Orte in Kiew, in denen die Corona-Regeln scheinbar nicht existieren. In Luxusrestaurants beispielsweise. Und neuerdings auch in ganz gewöhnlichen Gaststätten.

"Kommen Sie vorbei, wenn Sie zu Mittag essen wollen"

"Sie sind bei uns Stammgast", ruft mich die Managerin einer Pizza-Kette auf der Kiewer Prachtstraße Chreschtschatyk vor zwei Wochen an. "Wir wollen Sie gern an unseren Lieferdienst erinnern. Und wenn Sie zu Mittag essen wollen, kommen Sie einfach vorbei." Es ist nicht das erste Mal, dass ich dergleichen Einladungen von Gaststätten bekomme, die ich früher gern besuchte. So hat eine georgische Imbiss-Kette bereits am Anfang des Lockdowns eine SMS an mich verschickt: "Nur für Sie sind unsere Türen in unseren drei Restaurants offen, wenn Sie vorher einen Tisch reservieren."

Dagegen meldet die Kiewer Polizei beinahe täglich, dass sie scharf gegen illegal geöffnete Restaurants vorgehe. Die Strafen sind tatsächlich bemerkenswert: sie beginnen bei etwa 1.000 Euro. Kann es sein, frage ich mich, dass nicht nur Luxusrestaurants, sondern auch ganz gewöhnliche Gastronomen ein so hohes Risiko eingehen?

 Innenansichten Restaurant Kiew, auf dem Porträt mit dem Pint-Glas ist Denis Trubetskoy zu sehen
Trotz Lockdown geöffnet: Restaurant in Kiew Bildrechte: Denis Trubetskoy

Die Restaurants in Kiew kämpfen ums Überleben

Ein Sonntag im April. Ich rufe die Pizzeria auf der Kiewer Prachtstraße an und frage, ob ich zum Mittagsessen vorbeikommen dürfe. "Klar, wir warten auf Sie!" Ich will noch wissen, wie ich hineinkäme. Heutzutage wird man in der Regel konspirativ durch den Hintereingang oder über die Küche eingelassen. "Durch die Eingangstür natürlich“, antwortet die Managerin lachend. Und tatsächlich ist die Eingangstür geöffnet.

Das Erdgeschoss ist leer. Doch die nette Managerin führt mich in einen Saal im Untergeschoss, in dem normalerweise Karaoke-Partys stattfinden. Jetzt aber, wegen der fehlenden Nachfrage während des Lockdowns, sagt die Dame entschuldigend, nicht wie üblich täglich, sondern "nur" am Wochenende. Es sind nur wenige Tische besetzt, im Hintergrund läuft Tanzmusik. Ich esse eine Pizza, trinke schwarzen Tee und begleiche die Rechnung mit der Kreditkarte.

"Wir haben keine andere Wahl, wir müssen öffnen", rechtfertigt sich der Kellner. Die Pizzeria kämpfe wie viele andere Gaststätten Kiews schlicht ums Überleben. Die Staatshilfen seien mit umgerechnet weniger als 300 Euro im Monat lächerlich gering, deswegen trüge man bewusst das Risiko, dass die Polizei unerwartet vorbeischauen könnte.

 Innenansichten Restaurant Kiew, auf dem Porträt mit dem Pint-Glas ist Denis Trubetskoy zu sehen
Restaurant in der Kiewer Innenstadt Bildrechte: Denis Trubetskoy

Im Kiewer Luxusrestaurant Eintritt nur für Insider

Wie sieht es aber in den Kiewer Luxusrestaurants aus? Am nächsten Abend besuche ich ein hochpreisiges Steak-Restaurant nahe des von Touristen so beliebten Goldenes Tores. Das Restaurant ist vor wenigen Wochen von der Polizei geschlossen worden. Es hat bereits wieder geöffnet. Der Eintritt ist jetzt aber etwas komplizierter. Nur wer auf einer Liste des Restaurants verzeichnet ist, kann telefonisch einen Tisch reservieren. Andernfalls wird man höflich abgewiesen. Aber ein Freund von mir ist Stammgast im Steakhaus und die Reservierung somit kein Problem. Allerdings geht es hier durch die Hintertür hinein und die Vorhänge sind zugezogen. Es ist auch nicht viel los, nur fünf oder sechs Tische sind besetzt. Das Essen ist gut, man kann mit Kreditkarte bezahlen und muss auch keine Maske tragen. "Beehren Sie uns bald wieder", sagt der Kellner. Ich verlasse das Restaurant wieder durch die Hintertür.

 Innenansichten Restaurant Kiew, auf dem Porträt mit dem Pint-Glas ist Denis Trubetskoy zu sehen
Denis Trubetskoy in einem Kiewer Restaurant Bildrechte: Denis Trubetskoy

Klitschko-Hotel wirbt für illegale Restaurants

Die Vorsichtsmaßnahmen im Steak-Restaurant sind wohl nicht ganz grundlos. Denn ein anderer Gourmet-Tempel, ein usbekisches Restaurant im Stadtzentrum, scheint tatsächlich von der Polizei dauerhaft geschlossen worden zu sein. Das Telefon bleibt stumm und es stehen auch keine Luxuslimousinen mehr vor der Tür. Das Restaurant erregte vor einigen Wochen Aufsehen, weil es auf einer Insider-Liste der trotz Lockdowns offenen Kiewer Restaurants stand, die ukrainische Journalisten ausgerechnet im "11 Mirros Hotel" erhalten haben. Das Hotel gehört den Brüdern Klitschko. Und Vitali Klitschko ist nun nicht nur Kiewer Bürgermeister, sondern auch ein Verfechter strenger Corona-Maßnahmen.

Vielleicht ist der harte Lockdown in Kiew in wenigen Tagen zu Ende. Vielleicht auch nicht. Viele Kiewer Restaurants werden auch dann geöffnet haben. Denn zu verlieren haben sie nichts mehr.

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Dieses Thema im Programm: Heute im Osten | 21. November 2020 | 18:00 Uhr

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