20.02.2020 | 18:37 Uhr | Update Großes Entsetzen nach Blutbad in Hanau - Mahnwachen auch in Sachsen

Forensiker arbeiten an einem Tatort in Hanau-Kesselstadt an einem Mercedes.
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Nach dem mutmaßlich rechtsradikalen Anschlag im hessischen Hanau sieht Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU) eine neue Herausforderung für die deutschen Sicherheitsbehörden. Solche Taten zeigten, dass "wir es zunehmend mit Einzeltätern zu tun haben, die über einen langen Zeitraum unauffällig bleiben und sich im Verborgenen radikalisieren", sagte Wöller am Donnerstag in Dresden. Auf diese neue Herausforderung des "Täterprofils mit langer Inkubationszeit" müssen sich die Sicherheitsbehörden einstellen: "Dazu gehören auch hinreichend gesetzliche Befugnisse zur Gefahrenabwehr."

So reagiert Ministerpräsident Kretschmer auf Twitter:

Flüchtlingsrat warnt vor Verharmlosung

Der sächsische Flüchtlingsrat erwiderte auf die Äußerungen Wöllers, mit der Einzeltäter-Theorie trage Innenminister Wöller dazu bei, dass rechte Gewalttaten verharmlost würden. "Mit der Einzeltäter*innen-Rhetorik werden Sicherheitsbehörden weiter versagen, Geflüchtete, Migrant*innen und PoC zu schützen!", erklärte der stellvertretende Geschäftsleiter Thomas Hoffmann. In Sachsen, wo Teile der Bevölkerung für eine Welle rechten Terrors verantwortlich seien, sei eine solche Aussage nicht hinnehmbar, so Hoffmann weiter.

OB Jung ruft auf, "Farbe zu bekennen"

Auch Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) zeigte sich erschüttert. "Durch unser Land zieht sich eine braune Blutspur des Terrors", erklärte Jung in den sozialen Medien. "Wieder sterben Unschuldige, weil aus menschenverachtenden rassistischen und fremdenfeindlichen Gedanken wieder Taten werden." Jung rief "alle anständigen Bürgerinnen und Bürger" auf, "Farbe zu bekennen".

Katholischer Landesbischof: Sind wir sensibel genug?

Sachsens katholischer Landesbischof Heinrich Timmerevers drückte sein Mitgefühl mit den Angehörigen der Getöteten aus und verurteilte die Tat. Diese richte Fragen an die Gesellschaft, zitierte das Bistum Dresden-Meißen den Bischof im sozialen Netzwerk Twitter. "Sind wir sensibel genug, wenn Hass auf andere Religionen und Kulturen unser Miteinander zu durchdringen droht? Fühlen wir uns noch angewidert, wenn subtiler Rassismus den Debattenraum erobert? Schaffen wir es, deutlich anzuprangern, wenn Ansichten dem christlichen Menschenbild zuwiderlaufen?", erklärte Timmerevers demnach.

Entsetzen auch bei Grünen und Linken

Der innenpolitische Sprecher der Grünen im Landtag, Valentin Lippman, erklärte, rechter Terror sei die gravierendste Bedrohung für unsere Gesellschaft. "Da gibt es nichts zu relativieren, da gilt es mit aller Entschlossenheit zu handeln - mit Haltung und Klarheit gegen Hass und Hetze, gegen Rassismus und rechtsextreme Netzwerke", so Lippmann auf Twitter.

FDP fordert entschlossenes Handeln gegen Rechtsextremismus

Der sächsische FDP-Vorsitzende, Frank Müller-Rosentritt, sagte, nach den NSU-Morden, dem Mord an Walter Lübcke, dem Anschlag in Halle und den Morden in Hanau werde immer deutlicher, "dass wir die rassistische Radikalisierung in unserem Land nicht im Griff haben".

Dem Rechtsextremismus müssen wir uns mit aller Entschlossenheit entgegenstellen. Deutschland braucht dringend eine Revision aller bisherigen Maßnahmen im Kampf gegen Rechtsextremisten. Die angsteinflößende Wirkung auf Menschen mit Migrationshintergrund ist dramatisch und wird sicherlich negative Auswirkungen auf die dringend benötigte Zuwanderung ausländischer Fachkräfte haben.

Frank Müller-Rosentritt FDP-Vorsitzender Sachsen

Gedenken in Dresden gestartet

Unterdessen sind in Leipzig und Dresden für den Abend spontane Kundgebungen angekündigt. Das Dresdner Bündnis "Hope - fight racism" hatte um 18 Uhr zu einer Mahnwache auf dem Jorge-Gomondai-Platz aufgerufen. Unterstützt wird die Aktion unter anderem von den Studenten der TU Dresden. Der innenpolitische Sprecher der SPD im Sächsischen Landtag, Albrecht Pallas, sagte auf der Kundgebung: "Rassismus ist das Gift in unserer Gesellschaft. Die Gesellschaft muss sich dagegen wehren." Es brauche eine Kultur des Widerspruchs. Später sollte auf dem Albertplatz eine Demonstration starten.

Schweigeminute im Kreistag Bautzen

In Leipzig haben die Bündnisse "Kurdische Community", "Kanak Attak", "Unteilbar" und "Leipzig nimmt Platz" zu einem Gedenken am Otti-Runki-Platz eingeladen. In Bautzen soll es um 19 Uhr auf dem Hauptmarkt ebenfalls eine Mahnwache geben. Der Kreistag in Bautzen hat seine Sondersitzung mit einer Schweigeminute begonnen.

Reaktionen von Dynamo Dresden und RB Leipzig

Das Attentat von Hanau hat auch die sächsischen Fußballklubs erreicht. Sowohl RB Leipzig als auch Dynamo Dresden haben den Angehörigen ihr tiefes Mitgefühl ausgesprochen. Dynamo Dresden erklärte, das sei ein trauriger Tag für unser Land. Nicht nur der deutsche Profi-Fußball trage nach diesem Tag Trauer. RB Leipzig twitterte, man sei schockiert und traurig.

Ein 43-jähriger Deutscher hat am späten Mittwochabend in Hanau zehn Menschen und sich selbst erschossen. Nach Angaben des hessischen Innenministers gibt es Hinweise auf ein "fremdenfeindliches Motiv". Der Generalbundesanwalt ermittelt demnach wegen Verdachts auf eine terroristische Gewalttat.

Quelle: MDR/dk/dpa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 20.02.2020 | ab 05:00 Uhr in den Nachrichten

Zuletzt aktualisiert: 20. Februar 2020, 18:37 Uhr

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