MDR KLIMA-UPDATE | 4. November 2022 Wie der Klimawandel den Herbst zum Frühling macht

Ausgabe #63 vom Freitag, 4. November 2022

Bild einer jungen Frau
Bildrechte: Martin Neuhof

Blühende Kastanien, Obstbäume oder Mohnblumen sind in diesem Herbst keine Seltenheit. Während einige Pflanzen schon wieder blühen, haben andere noch gar nicht damit aufgehört. Grund dafür ist die Rekordwärme im Oktober. Die Pflanzen werden es überleben. Aber der Trend ist besorgniserregend.

Eine Grafik mit einer blühenden Pflanze
Bildrechte: MDR /IMAGO / Ralph Peters

Liebe Lesende,

haben Sie das vergangene lange Wochenende – und vor allem die vielen Sonnenstunden – genossen? Ich habe die meiste Zeit im Garten verbracht. Da stand zwar vor allem Arbeit an, aber immerhin inmitten einer sonnigen Blütenpracht.

Moment mal: Blütenpracht? Ist es dafür im Herbst nicht etwas zu spät? Meine kritischen Blicke haben vor allem die üppigen Blüten der Kapuzinerkresse getroffen, die im Frühling und Sommer kaum blühen wollte. Dabei ist sie längst nicht das einzige Gewächs, dessen Kalender anscheinend durcheinandergeraten ist. Berichten zufolge treiben Kastanien- und Obstbäume aus, auch Mohnblüten sind gesichtet worden.

Welche Pflanzen blühen wieder? Warum? Welche Folgen hat das? Werden sie im Frühjahr trotzdem Blüten tragen? Was können wir tun, um die innere Jahresuhr der Pflanzen wieder umzustellen? Darum geht es in diesem Newsletter.

Zunächst aber ein wichtiger Ausblick:

Zahl der Woche:

27

...denn am Sonntag, den 6. November beginnt im ägyptischen Sharm El-Sheikh die 27. Weltklimakonferenz, abgekürzt COP27. Auf dem Klimagipfel diskutieren und vereinbaren Vertreterinnen und Vertreter der Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen, des Kyoto-Protokolls und des Pariser Klimaabkommens, was weltweit getan werden soll, um der Klimakatastrophe zu begegnen. Dabei stehen vier Themen im Mittelpunkt:

  • Das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens
  • Anpassung an die Folgen der Klimakrise
  • Finanzierung von Maßnahmen zum Klimaschutz und um die Folgen der Klimakrise zu bewältigen
  • Zusammenarbeit der Länder mit Rücksicht auf die, die der Klimawandel besonders hart trifft, sowie Zusammenarbeit von Regierungen, Unternehmen, Organisationen und der Zivilgesellschaft

Auf der Weltklimakonferenz geht es auch um Entschädigungen für arme Länder, die der Klimawandel besonders hart trifft. Allein der Sachschaden der Flut in Pakistan wird auf 40 Milliarden US-Dollar geschätzt.

Im vergangenen Jahr fand die 26. Weltklimakonferenz im schottischen Glasgow statt. Meine Kollegin Sarah-Maria Köpf hatte damals im Klima-Update zusammengefasst, was die Teilnehmenden beschlossen haben.

Warum blühen Blumen und Bäume im Herbst?

Mitten im Oktober haben einige Pflanzen wieder angefangen, Blüten zu tragen. Aus Dresden berichtete die "Sächsische Zeitung" von Rosskastanien und Rhododendren, die ein zweites Mal in diesem Jahr blühen.

Auch die Leiterin der Landesdarre Sachsen-Anhalt, Heike Borchardt, sagte mir, sie habe in diesem Herbst blühende Kastanienbäume gesehen. Es sei aber nicht so, dass massenhaft Bäume in voller Blüte stehen würden, sagte Borchardt: "Es sind Einzelbäume an Straßen oder in Ortschaften. Da fällt das schon mal auf. Aber meist sind es bloß einzelne Äste." Das sei keine extrem seltene Erscheinung und könne auch bei Obstbäumen vorkommen. Grund dafür ist laut Borchardt, dass einige der Bäume durch Trockenheit und Hitze schon im Sommer das erste Laub verloren haben und nun auf das warme und feuchte Herbstwetter reagieren, als sei wieder Frühling.

Der Kustos des Botanischen Gartens in Leipzig, Martin Freiberg, hat meine Fragen zur herbstlichen Blütenpracht ähnlich beantwortet. "Dadurch, dass eine warme Periode auf ein paar kalte Tage gefolgt ist, sind die Pflanzen davon ausgegangen, jetzt gehe der Frühling wieder los", erklärte Freiberg. "Das wird sich in den nächsten Tagen aber wieder ändern, wenn es kälter wird." Dann würden die Pflanzen die Blüten wieder abwerfen und in die Winterruhe übergehen.

Blühen die Pflanzen im Frühling trotzdem?

Es sei nicht zu befürchten, dass die Pflanzen im Frühjahr gar nicht mehr blühen, sagten mir Borchardt und Freiberg. "Eine Knospe, die jetzt schon offen ist, ist für das folgende Frühjahr verloren", erklärte Borchardt. Solange der Baum noch weitere Knospen und Kraftreserven für das Frühjahr hat, sei das aber nicht dramatisch.

Ein tatsächliches Problem gebe es erst, wenn der Wärmeeinbruch zu lange andauert, erklärte Freiberg: "Dann würden die Pflanzen noch viel mehr Reservestoffe aus der Wurzeln nach oben transportieren. Sie würden sich komplett verausgaben und könnten die Nährstoffe nicht schnell genug wieder in den Boden transportieren, wenn es wieder kälter wird." Damit das passiert, müsste es aber nicht nur einige Tage, sondern mehrere Wochen lang ungewöhnlich warm sein.

Was blüht uns in Zukunft?

Ein weiterer Punkt, in dem Borchardt und Freiberg sich einig sind: Grund für die späte Blütenpracht ist der Klimawandel. In Sachsen-Anhalts Landesdarre habe man bereits nach den Hitzesommern der vergangenen Jahre spärliche Saatguternten erlebt, sagte Borchardt. Bis zu einem gewissen Grad sei das normal: "Es ist ein natürlicher Prozess, dass nicht alle Baumarten jedes Jahr viele Früchte bilden." Manche Bäume setzen laut Borchardt mehrere Jahre aus, um dann wieder voll zu blühen und Früchte zu tragen. Nun würden aber auch Klima und Witterung dazu beitragen, dass die Ernte spärlich ausfalle. Dadurch könnte der Waldumbau weiter ins Stocken geraten.

Martin Freiberg vom Botanischen Garten in Leipzig sagte, dort könne man in diesem Jahr viele blühende Pflanzen sehen, die in den vergangenen Jahren um diese Zeit längst nicht mehr geblüht hätten. Ein solcher Fall sei wohl auch die Kapuzinerkresse in meinem Garten.

Freiberg zufolge ist ein Trend zu beobachten, dass Pflanzen immer länger blühen. Er und sein Team erforschen die Phänologie, also den Lebensablauf der Pflanzen. Sie haben unter anderem anhand von Herbarien untersucht, wie sich die Blütezeit von Gewächsen wie dem Buschwindröschen in den vergangenen Jahrhunderten verschoben hat. "Da kann man sehen, dass die Hauptblüte früher im April war", erklärte Freiberg, "Jetzt ist sie im März oder sogar im Februar."

Wie stark sich die Jahreszeiten in diesem Jahr im Vergleich zu den Vorjahren verschoben haben, lässt sich an der Phänologischen Uhr ablesen. Sie zeigt an, wann welche Vegetationsstadien angefangen und geendet haben. Auf der Phänologischen Uhr des Deutschen Wetterdienstes können Sie die Daten für ganz Deutschland sowie für die einzelnen Bundesländer finden.

Phänologische Uhr des Deutschen Wetterdienstes am 1. November 2022
Der Stand der Phänologischen Uhr in Deutschland am 1. November 2022 zeigt, wie die Jahreszeiten sich im Vergleich zu den Vorjahren verschoben haben. Bildrechte: Deutscher Wetterdienst

Da hilft nur: Klimaschutz

Der Trend, das Pflanzen immer länger blühen, lässt sich laut Freiberg nur mit konsequentem Klimaschutz aufhalten. Mit schnellen Effekten könne man aber nicht rechnen, weil das Klima träge reagiere. "Das Beste, was wir deshalb tun können, ist, möglichst schnell anzufangen: Keine Wälder mehr abholzen, sondern neu aufforsten, Moore regenerieren, von fossilen Energien auf erneuerbare umsteigen", sagte Freiberg. Maßnahmen wie diese seien längst bekannt, müssten aber endlich umgesetzt werden.

Wer die Natur im eigenen Garten schützen will, sollte diesen Freiberg zufolge "so gestalten, dass er mit unseren Mitgeschöpfen und auf unserem Planeten funktioniert". Das bedeute unter anderem, wachsen und blühen zu lassen, anstatt den Rasen akkurat zu schneiden, heimische Gehölze anzupflanzen oder das Laub unter Sträuchern liegen zu lassen, damit Tiere dort Unterschlupf und Futter finden. All diese Möglichkeiten seien ebenfalls nichts Neues, sagte Freiberg. Doch auch in Kleingärten und Grünanlagen scheitere es immer wieder an der Umsetzung.

🗓 Klima-Termine

Montag, 7. November – Dresden

Unter dem Motto "Entdecke den Wandel – Zukunftsfähige Ideen aus deiner Region" geht es im Zentralkino von 19:30 Uhr bis 22 Uhr um nachhaltige Kreisläufe von Material und beim Bauen.

Dienstag, 8. November – Magdeburg

"Magdeburg klimaneutral bis 2035 – aber wie?" Um diese Frage geht es ab 18 Uhr bei einer Diskussionsrunde im Roncalli-Haus.

Mittwoch, 9. November – Dresden

Beim Science-Slam im Verkehrsmuseum präsentieren junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Forschung rund um die Zukunft der Mobilität. Das Publikum entscheidet über den überzeugendsten Vortrag.

Donnerstag, 10. November – Leipzig

Der "Climathon" im Impact Hub dreht sich rund um die Frage, wie Leipzig bis 2030 klimaneutral werden kann. Von morgens bis abends werden in Workshops, Vorträgen und Diskussionen Ideen und Lösungen gesucht.

7. bis 11. November – Online und in Halle

Students for Future organisieren die Klimabildungswoche "Public Climate School" mit Expertenvorträgen und weiteren Veranstaltungen an der Martin-Luther-Universität. Die Bildungsinitiative findet bundesweit an Hochschulen statt und kann auch digital verfolgt werden.

📰 Klimaforschung und Menschheit

Katastrophen haben keinen Einfluss auf Klimapolitik

Extremwetterereignisse und klimabedingte Katastrophen führen nicht zu neuen Richtlinien in der Klimapolitik. Das ist das Ergebnis einer Analyse des kanadischen Politikwissenschaftlers Sam Rowan. Rowan hat eine Auswahl extremer Temperaturveränderungen und Naturkatastrophen zwischen 1990 und 2018 damit abgeglichen, wie auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene darauf reagiert worden ist. Dabei ließ sich kein Zusammenhang zwischen den Ereignissen und Reformen in der Klimapolitik feststellen.

Soziale Absicherung hilft, Klimawandelfolgen zu überstehen

Folgen der Klimakrise und Naturkatastrophen treffen arme Menschen besonders hart. Ein Team der japanischen Yokohama National University hat in einer Fallstudie gezeigt, wie soziale Absicherung Resilienz aufbauen und negative Klimawandelfolgen abmildern kann. Die Forschenden haben analysiert, wie die Flut im Jahr 2020 Menschen in der indonesischen Stadt Pekelongan getroffen hat. Sie haben festgestellt, dass ein Sozialprogramm, das Indonesien 2007 eingeführt hatte und das in der Stadt seit 2012 läuft, den Menschen dabei geholfen hat, Ressourcen und aufzubauen und Strategien zu entwickeln, um die Katastrophe zu überstehen.

Tausende unbekannte Arten könnten aussterben

Arten, die die Menschheit kaum kennt, könnten deutlich stärker vom Aussterben bedroht sein als besser erforschte Arten. Das zeigen Berechnungen eines norwegischen Forscherteams. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben einen Algorithmus darauf angesetzt, zu schätzen, wie wahrscheinlich es ist, dass rund 7.700 Arten aussterben könnten, zu denen zu wenig Daten vorliegen, um klar sagen zu können, wie bedroht sie sind. Das Ergebnis: Mehr als die Hälfte könnte vom Aussterben bedroht sein. Bei Amphibien waren es sogar gut 85 Prozent der Arten.


📻 Klima in MDR und ARD

Wissen

Bodenstück mit bedrohten Tierarten, darunter Feldhamster, Schmetterlinge, Regenwurm, Maulwurf und Maikäfer. Im Hintergrund zeichnet sich ein Baum vor blauem Himmel ab.
Im Dezember findet der Artenschutzgipfel COP 15 in Montréal/ Kanada statt. Die internationale Politik möchte sich dort auf einen neuen Gesetzerahmen zum weltweiten Artenschutz verständigen. MDR WISSEN begleitet die Konferenz mit aktuellen Informationen zum Artenschutz. Bildrechte: MDR

👋 Zum Schluss

...wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende und, falls Sie gärtnern, einen grünen Daumen – auch dann, wenn das Wetter die Pflanzen verwirrt.

Herzliche Grüße
Maren Wilczek

P.S.: Vielleicht beobachten Sie am Wochenende ja auch schon gespannt den Start der Weltklimakonferenz. Haben Sie dazu Fragen oder Themenideen?
Erzählen Sie uns davon! ⬇️

Sie haben eine Frage oder Feedback?

Schreiben Sie uns an klima@mdr.de.

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