MDR KLIMA-UPDATE | 20. Januar 2023 CO2 raus aus der Atmosphäre: Mit Technik schaffen wir bisher nur 0,1 Prozent

Ausgabe #72 vom Freitag, 20. Januar 2023

Fotomontage zwei junge Männer mit Brille, einer mit schwarzem Basecap, im Hintergrund Strand
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Hände gefüllt mit dunklem Granulat über Eimer von oben, Text Das MDR Klima-Update
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Guten Tag zusammen.

Der Januar ist ja inzwischen sowas wie der Hauptmonat der Selbstgängelung geworden. Im Rahmen des Dry January soll nach durchrauschten Feiertagen zum Alkoholverzicht animiert werden (Disclaimer: Wenig Alkohol ist auch zwischen Februar und Dezember eine mitunter gute Idee). Und der Veganuary scheint dem Werbeaufkommen zufolge im Jahr 2023 das erste Mal in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein (Disclaimer: Wenig tierische Produkte zu essen ist auch zwischen Februar und Dezember eine mitunter gute Idee).

Das, was die bunten Supermarktheftchen da unter der Überschrift #veganuary als nachahmenswerten Lifestyle verkaufen, ist ein sogenannter Wachstumsmarkt, also nach wie vor eine Nische, in der aber mehr und mehr Geld zu holen ist. Das größte Zahnrad im spätkapitalistischen Getriebe scheint hier das schlechte Gewissen zu sein, mit dem sich Konsumentinnen und Konsumenten passabel lenken lassen (und das nicht mal zwangsläufig zu Unrecht). Wäre es nicht toll, statt unsere #veganuary-Erlebnisse mannigfaltig im Instagram-Feed posten zu müssen, unser schlechtes Gewissen einfach wegzusaugen?

Mit einem CO2-Sauger zum Beispiel. Hätten wir stets einen zur Hand, könnten wir die Emissionen nach dem Biss ins Käsebrot oder der zünftigen Portion warmer Blutwurst einfach aus der Atmosphäre entfernen. Eine solche Utopie, in der alle Nichtradfahrendennichtveganen mit Saugrüssel durch die Straßen spazieren, ist zwar aus verschiedenen Gründen absurd, aber die Technik dahinter wird bereits eingesetzt. Noch zu wenig, wie ein aktueller Bericht zeigt, um den's heute gehen soll.


Zahl der Woche:

30

... Jahre ist es her, dass in der Europäischen Union so wenige Autos zugelassen wurden, wie im vergangenen Jahr. 9,3 Millionen sagt der europäischen Branchenverband Acea, 4,6 Prozent weniger als im ebenfalls "schwachen" Jahr 2021. Aber hey, kein Grund zur Freude: Die Gründe sind nicht zwangsläufig gewachsenes Klimabewusstsein, sondern zum Beispiel Lieferprobleme durch den Mangel an Halbleitern. Und sowieso: In Deutschland gab es – trotz allem – sogar ein Plus von gut einem Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 2022 hatte also einen Markt für noch mehr Autos.

Staaten müssen planen, wie sie das CO2 zurückholen wollen

Es fehlt nicht an den Technologien, es fehlt am politischen Plan. Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft des Reports The State of Carbon Dioxide Removal (CDR), der am Donnerstag erschienen ist. Ein Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, darunter Experten, die auch an den Berichten des Weltklimarats (IPCC) beteiligt sind, hatte systematisch ausgewertet, wo die Menschheit steht in Sachen CO2-Rückholung.

Eins ist nämlich klar: Ohne, dass die Menschheit einen Teil des von ihr ausgestoßenen Klimagases wieder aus der Atmosphäre saugt und sicher im Boden einlagert – ohne diese Anstrengung wird die Erwärmung des Weltklimas nicht auf 1,5 Grad zu begrenzen sein. Und wenn das Klima dauerhaft wärmer wird, drohen diverse Kettenreaktionen in Gang gesetzt zu werden, mit unabsehbaren Folgen.

Das reicht vom Schmelzen der Eiskappen an den Polen und dem dadurch ausgelösten Anstieg der Meeresspiegel um zig Meter, geht weiter mit der dauerhaften Veränderung von Wettermustern, die den Osten Deutschlands zur Trockenwüste machen könnten und endet nicht beim Auftauen borealer Permafrostböden, die schließlich noch mehr Klimagase in die Atmosphäre entlassen.

Grafik vergleicht Aufforstung mit 99,9 Prozent der CO2-Rückholung, zweifacher Notwendigkeit für Klimaziele und fehlender Flächen mit Technologie mit nur 0,1 Prozent der Rückholung, 1300-facher Notwendigkeit und fehlenden Strategien
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Um also all diese Folgen zu verhindern, muss die Menschheit nicht nur neue Klimaemissionen endgültig stoppen. Sie muss auch einen Teil der Emissionen wieder zurückholen. Der Report unterscheidet hier grundsätzlich zwei generelle Arten von Methoden: Auf der einen Seite stehen natürliche Methoden des CO2-Abbaus, also die Aufforstung neuer Wälder und der Anbau von anderen Pflanzen, die viel CO2 in der Luft binden und in Biomasse wandeln. Und auf der anderen Seite gibt es neuartige Technologien wie Direct Air Capture and Storage (DACS). Hier saugen Maschinen das CO2 aus der Luft. Anschließend muss es in Lagerstätten gebracht werden. Diskutiert werden tiefe Schichten unter dem Meer oder vulkanische Gesteine, die das CO2 binden und in Kalk verwandeln.

Insgesamt zwei Milliarden Tonnen CO2 werden nach Schätzungen der Forschenden aktuell jedes Jahr aus der Luft zurückgeholt. Das ist viel zu wenig, im Vergleich zu den 37 Milliarden Tonnen, die die Menschheit aktuell noch ausstößt.

Geplante DACS-Anlage "Mammoth" der Firma Climeworks auf Island:

Illustration der geplanten CO2 Abscheideanlage Mammoth der Firma Climeworks auf Island.
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Es gibt auch kaum bekannte positive Entwicklungen

Und trotz der enormen Aufmerksamkeit, die die neuen Techniken der CO2-Rückholung aktuell bekommen: Betrachtet auf die erreichte Gesamtmenge spielen sie noch kaum eine Rolle. Gerade mal 0,1 Prozent entfallen auf technologische Ansätze. 99,9 Prozent dagegen erledigen neue Wälder. "Da stehen wir fast noch bei null", sagt Professor Jan Christoph Minx vom Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change in Berlin, der zum Team der Autoren des Reports gehört.

Doch das muss sich rasch ändern. Um die Klimaziele zu erreichen, müsste die weltweite Fläche neuer Aufforstungen bis 2050 etwa verdoppelt werden. Angesichts des jetzt schon knappen Lands ein kaum zu erreichendes Ziel. Die technischen Methoden dagegen müssten ihre Kapazität um den Faktor 1300 steigern. Das Problem: Bislang hat noch kaum ein Staat Pläne vorgelegt, wie diese Technologien aufgebaut und in den großen Maßstab gebracht werden sollen. "Innovation braucht Zeit, genau wie Aufskalierung. Wenn wir jetzt nicht anfangen, entsprechende Anlagen aufzubauen und Politikpläne zu entwickeln, werden wir da nicht ankommen", sagt Minx.

Doch es gibt auch positive Entwicklungen, die bislang aber öffentlich kaum wahrgenommen werden. So hat beispielsweise China, weltgrößter Emittent von CO2, inzwischen eine führende Rolle bei der Forschung an Methoden zur CO2-Rückholung. 32 Prozent der wissenschaftlichen Studien zu diesem Thema kommen aus dem Reich der Mitte. 

Auch das Thema Biokohle findet öffentlich zwar kaum Beachtung, wird aber inzwischen intensiv erforscht wie kaum ein anderes Feld. Dabei werden pflanzliche Ausgangsstoffe oder organische Abfälle unter Ausschluss von Luft im Prozess der Pyrolyse verkohlt. So entstehen Materialien, die das CO2 langfristig binden können, vorausgesetzt, sie werden nicht wieder verbrannt. Stattdessen kann die Kohle als Dünger verwendet werden oder als Ausgangsstoff für andere Materialien, beispielsweise Kohlefasern. "Lösungen gibt es in allen Bereichen", sagt Minx. Was jetzt fehlt, sind politische Beschlüsse zur Verwirklichung.

Weitere Notizen zum Thema haben wir hier für Sie.


🗓 Klima-Termine

Sonnabend, 21. Januar – Berlin

Demonstration gegen Lebensmittelverschwendung und für einen ökologisch-nachhaltigen Umbau der Landwirtschaft. Start ist um 12 Uhr am Brandenburger Tor.

Montag, 31. Januar – Bad Langensalza

Workshop im Natur!Garten Umweltzentrum: Wie man aus Sprudel, Zitronensäure, Natron und Apfelessig selbst ökologische Reinigungsmittel für den Frühjahrsputz herstellt. Details hier.

Dienstag, 24. Januar – online

Virtuelle Ringvorlesung Klimakrise und Gesundheit: "Nachhaltige Ernährung als Lösungsansatz für Klimawandelanpassung und Klimaschutz." Mehr dazu hier.

Dienstag, 24. Januar – Leipzig

Leipziger Geographisches Kolloquium: Risiken und Anpassungsmöglichkeiten an den Klimawandel in Städten. Mehr dazu hier.

Sonntag, 5. Februar – Franzigmark (Petersberg)

Erster Besucherinnensonntag im Jahr 2023 im Umweltzentrum Franzigmark mit Tierführungen und weiteren Programmpunkten. Alle Infos hier.


📰 Klimaforschung und Menschheit

Institut für klimagesundes Verhalten an Uni Erfurt gegründet

Ein neugegründetes Institut an der Universität Erfurt will die Rolle der Menschen im Klimawandel untersuchen – als Verursacher der Krise, aber auch als deren Bekämpfer. Direktorin des Institute for Planetary Health Behaviour wird Cornelia Betsch, Inhaberin der Erfurter Professur für Gesundheitskommunikation. "Unsere Gesundheit hängt von einem gesunden Planeten ab", erklärte Betsch die Motive der Gründung. "Unsere wissenschaftliche Arbeit zu klimagesundem Verhalten und seinen Rahmenbedingungen soll die gesellschaftliche, politische und individuelle Ebene betrachten und die Transformation hin zu besserer planetarer und menschlicher Gesundheit befördern." Um diesen Fragen nachgehen zu können, ist das Institut von Anfang an interdisziplinär angelegt. Neben der Gesundheitskommunikation sind auch Bereiche wie Sozial-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie, Bildungsforschung, Empirische Sozialforschung und Kommunikationswissenschaft vertreten – mit der Option, auch dieses Spektrum noch zu erweitern. 

Polnischer Braunkohletagebau Turów gefährdet Grundwasser in Deutschland und Tschechien

Eine neue Studie im Auftrag des Umweltverbands BUND zeigt, wie der polnische Braunkohletagebau Turów zum Absinken von Grundwasserpegeln in Deutschland und Tschechien führt. Die Studie setzt die Arbeiten des Krupp-Reports von 2020 fort. Demnach führt das Abpumpen des Grubenwassers zu fallenden Pegeln in tiefen Grundwasserleitern. Das wiederum führt zu Senkungen des Bodens, unter anderem im Stadtgebiet von Zittau, das an den Tagebau angrenzt. Auch setze die Entwässerung der Grube Schadstoffe und Schwermetalle frei, die in die Flüsse Miedzianka und in die Lausitzer Neiße eingeleitet würden, teilte der BUND mit.                       

Studie: Der Westantarktische Eisschild könnte noch nicht verloren sein

Durch den CO2-Treibhauseffekt und die resultierende Klimaerwärmung hat sich die Schmelze der Eismassen in der Antarktis seit den Neunzigerjahren deutlich beschleunigt. Ein Team von britischen und amerikanischen Forschenden um Freazer Chrostie von der University of Cambridge hat mit Hilfe von umfangreichen Satellitendaten nun eine neue Analyse erstellt, wie sich der westantarktische Eisschild im Klimawandel weiterentwickeln könnte. Bei der Untersuchung zeigte sich, dass das Eis in den verschiedenen Regionen entlang der westantarktischen Küste unterschiedlich schnell schmilzt. Während sich die Gletscherschmelze entlang der Bellinghausensee zwischen 2003 und 2015 deutlich beschleunigte, verlangsamte sich die Entwicklung entlang der Amundsen See. Ursache sind veränderte Windmuster, die die Ozeanströmungen beschleunigen oder bremsen. Unter dem Eisschelf an der Amundsensee bremsen sie den Zustrom warmer Wassermassen und damit auch die Gletscherschmelze. Nach Ansicht der Forscher gibt diese Erkenntnis Anlass zur Hoffnung, dass einige der Schmelzprozesse in der Antarktis vielleicht noch gestoppt werden könnten, wenn es gelingt, die globalen CO2-Emissionen auf netto-null zu senken. Passiert das nicht, droht ein Kollaps wichtiger Gletscher in der Antarktis mit der Folge eines Anstiegs der Meeresspiegel um mehrere Meter in den kommenden hundert Jahren. Mehr bei MDR WISSEN

in Afrika und Asien gibt es noch viel Potenzial für Staudämme 

Auf Afrika und Asien entfallen etwa 85 Prozent der weltweit noch nicht erschlossenen Potenziale für Wasserkraft. Das ist das Ergebnis einer Studie, die jetzt in Nature Water erschienen ist. Die Forscher um Zhenzhing Zeng von der Universität Shenzhen in China hatten weltweit Flüsse analysiert und dabei unter anderem Daten zu Anrainern, Fließmengen und geografischen Bedingungen analysiert. Besonders sensible Naturräume, Gegenden mit hoher Erdbebengefahr oder dicht bewohnte urbanen Gebieten wurden aus der Betrachtung ausgeschlossen. Das gesamte Potenzial der verbliebenen möglichen Wasserkraftwerke liege bei etwa 5,27 Millionen Gigawattstunden pro Jahr.


📻 Klima in MDR und ARD

👋 Zum Schluss

Versprechen Sie uns, dass Sie jegliche Gedanken à la "Mein Beitrag bringt doch sowieso nichts" geflissentlich von sich weisen? Gut, alles klar. Wenn Sie vorhaben, die direkt hier drüber empfohlene Doku Das Klima der Reichen zu sehen, brauchen Sie ohnehin nicht weiterzulesen.

Sie ist auf jeden Fall empfehlenswert für alle, die mal Mäuschen spielen wollen. Was im Kopf eines Menschen vor sich geht, der für ein paar hundert Kilometer in Deutschland den Privatjet nimmt und damit sein komplettes CO2-Budget für ein Jahr verbraucht hat. Dieser Mensch ist nicht per se ein böser Mensch, sondern hat eine klare Argumentationslinie für sein Verhalten. Genauso wie die anderen Millionäre, Multimillionärinnen und Milliardäre, deren jährlicher CO2-Austoß in die tausenden Tonnen geht (zur Verfügung stehen jedem Menschen drei). Hohes (Flug-)Reiseaufkommen, teure Hobbys zu Lasten der Umwelt, allerlei Häuschen – es läppert sich.

Diese Menschen machen verständlicherweise all jene wahnsinnig, die sich gerade so den Einkauf im Bioladen zusammenkratzen und sämtliche Alltagswege mit dem schon etwas in die Jahre gekommenen Drahtesel erledigen, der Umwelt zuliebe und weil sie sich den Sprit ohnehin nicht leisten können. Nur: Das reichste Prozent der Welt, das einen beträchtlichen Klimaschaden verursacht, handelt nach geltendem Recht. Vielleicht ist das das Problem.

Und vielleicht wären Multimillionäre die ersten, an die man portable CO2-Sauger ausgeben würde. Großunternehmer und Investoren – nur echt mit dem Saugrüssel.

Herzlichst
Clemens Haug und Florian Zinner

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