"Holozän-Temperaturrätsel" Die Klimaveränderungen seit der Eiszeit sind komplexer als gedacht

In den vergangenen 12.000 Jahren hat sich das Klima auf unserem Planeten verändert. Ein Indikator dafür ist die globale Durchschnittstemperatur. Eine neue Studie legt allerdings nahe, dass die klimatischen Veränderungen auf unserem Planeten komplexer waren als zunächst angenommen – und dass es größere regionale Unterschiede gibt als gedacht.

Berg Kirkjufell, Island, davor Wasser
Ewige Landschaften im ewigen Eis? Seit der Eiszeit hat sich unser globales Klima lokal stärker verändert als angenommen. Bildrechte: IMAGO / UIG

Um besser zu verstehen, wie der Klimawandel das Leben auf unserem Planeten in den kommenden Jahrzehnten verändern wird, hilft womöglich auch ein Blick in die Vergangenheit. Forschende greifen auf Klimamodelle und Rekonstruktionen der vergangenen Jahrhunderte zurück, um beispielsweise ihre Modelle zu testen. So sollen Unsicherheiten bei Klimavorhersagen eliminiert werden.

Das "Holozän-Temperaturrätsel" war bislang ungelöst

Wie genau das globale Klima der Vergangenheit ausgesehen haben könnte, ist dabei gar nicht so einfach festzustellen: Bislang schienen Rekonstruktionen vergangener Temperaturen darauf hinzudeuten, dass die globale Durchschnittstemperatur vor etwa 6.000 Jahren ein Maximum erreichte und sich bis zur industriellen Revolution abkühlte. Erst dann begann die Erde sich aufgrund der ausgestoßenen Treibhausgase wieder zu erwärmen. Zu dieser Theorie gibt es aber auch ein Gegenszenario: Klimamodellsimulationen deuten darauf hin, dass sich die Erde seit etwa 11.700 Jahren, also seit dem Ende der Eiszeit, kontinuierlich erwärmt. Weil diese Zeitperiode fachlich korrekt Holozän heißt, spricht man auch vom "Holozän-Temperaturrätsel".

Zwei große Kraftwerkstürme bei Sonnenuntergang, viele Schleierwolken, viel wolkiger Ausstoß aus Türmen, tief-rote Stimmung, untergehende Sonne direkt sichtbar. Weitere kleine Schornsteine und kastenförmiger Kraftwerksbau.
Emissionen wie hier am Kraftwerk Lippendorf sind verantwortlich für die globalen Veränderungen unseres Klimas. Bildrechte: imago/Sven Simon

Eine aktuelle Studie von Erstautor Olivier Cartapanis und weiteren Forschenden versuchte nun, neue Erkenntnisse über den Temperaturverlauf im Holozän zu gewinnen. Dafür untersuchten sie anhand der größten globalen Datenbank über Temperaturveränderungen in den vergangenen Jahrhunderten, wie genau sich die Durchschnittstemperatur seit der Eiszeit verändert hat. In ihrer aktuell im Journal Nature veröffentlichten Studie kommen die Forschenden dabei zu einem überraschenden Ergebnis: Es gab in den vergangenen 12.000 Jahren möglicherweise keine global einheitliche Wärmeperiode, sondern starke regionale Schwankungen.

Sonneneinstrahlung und Eisausdehnung spielen eine wichtige Rolle

Olivier Cartapanis erklärt dazu: "Die Ergebnisse stellen das Paradigma eines weltweit synchronen thermischen Maximums im Holozän in Frage. Während die wärmste Temperatur in Westeuropa und Nordamerika vor 4000 bis 8000 Jahren erreicht wurde, kühlte sich die Oberflächentemperatur der Ozeane in den mittleren und hohen Breiten seit etwa 10.000 Jahren ab und blieb in den Tropen stabil." Dass die Temperaturen regional so stark schwankten, deute darauf hin, dass Sonneneinstrahlung und Eisausdehnung eine wichtige Rolle bei den klimatischen Veränderungen seit der Eiszeit gespielt haben.

Die Ergebnisse stellen das Paradigma eines weltweit synchronen thermischen Maximums im Holozän in Frage

Olivier Cartapanis, Umweltwissenschaftler

Lukas Jonkers, Mitautor der Studie und Forscher am MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften in Bremen sagt: "Da Ökosysteme und Menschen nicht die mittlere Temperatur der Erde erfahren, sondern von regionalen und lokalen Klimaveränderungen betroffen sind, müssen die Modelle die räumlichen und zeitlichen Muster des Klimawandels richtig erfassen, um den politischen Entscheidungsträgern eine Orientierungshilfe zu geben." 

Globale Durchschnittstemperatur alleine reicht nicht

Die aktuelle Studie ist wichtig, weil sie auch zeigt, dass die globale Durchschnittstemperatur allein keinen umfassenden Eindruck davon erlaubt, wie der Klimawandel uns treffen wird – denn die Veränderungen in unserer Atmosphäre können sich regional sehr unterschiedlich auswirken. Das ist an sich keine ganz neue Erkenntnis, aber trotzdem ein wichtiger Impuls für unseren Umgang mit dem Klimawandel. Und lässt sich mit einer anderen wissenschaftlichen Erkenntnis verbinden: Auch die klimatische Zukunft unseres Planeten könnte deutlich dynamischer und unberechenbarer ausfallen als angenommen.

Links/Studien

Die Studie Complex spatio-temporal structure of the Holocene Thermal Maximum gibt es hier zum Nachlesen.

iz

4 Kommentare

MDR-Team vor 8 Wochen

@wer auch immer
Die von Ihnen genannten Faktoren haben zwar auch einen Einfluss, doch der Hauptgrund für die globale Erwärmung liegt in den zunehmenden CO2-Emissionen: https://www.mdr.de/wissen/faktencheck/faktencheck-klimawandel-102.html.
LG, das MDR-Wissen-Team

wer auch immer vor 8 Wochen

Wenn Vulkane ausbrechen, ständig Methan aus der Natur entweicht, Kohlevorkommen seit Jahrzehnten unterirdisch brennen und nicht gelöscht werden können, es gibt bestimmt noch einige Naturereignisse die nicht vom Menschen kommen, hat das keinen Einfluss auf des Klima und somit auf die Umwelt?

MDR-Team vor 8 Wochen

@Felix
Ihre Aussage ist so nicht korrekt. Klima- und Umweltschutz hängen sehr wohl miteinander zusammen, das haben beispielsweise Weltklimarat und Weltbiodiversitätsrat in ihrem gemeinsamen Bericht betont: https://www.mdr.de/wissen/klima-arten-gerechtigkeit-kann-nur-zusammen-geloest-werden-100.html. Besonders werden auch Insekten durch die globale Erwärmung unter Stress gesetzt: https://www.mdr.de/wissen/klimawandel-landwirtschaft-schaden-insekten-besonders-100.html.
LG, das MDR-Wissen-Team

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