Smarte Ideen gegen den Klimawandel Aufforsten unter Wasser: Ozeane sind echte CO2-Schlucker

Wenn es darum geht, wie wir den Klimawandel aufhalten können, haben wir sie eigentlich nie auf dem Schirm: unsere Ozeane! Dabei sind immerhin 70 Prozent der Erdoberfläche von ihnen bedeckt. Sie haben also ein gigantisches Volumen. Und – die gute Nachricht – sie können große Mengen CO2 speichern. Allerdings gibt es einen Haken.

Taucher begutachtet einige Halme Seegras unter Wasser
Bildrechte: MDR/Christian Howe

Als Bewohner Mitteldeutschlands sehen wir sie nur im Urlaub – aber auch wenn wir weit von unseren Weltmeeren entfernt leben, tun sie uns gut. Denn: Unsere Ozeane beeinflussen das Weltklima gleich doppelt: Zum einen sorgen sie für ausgeglichenere Temperaturen, weil sie sich nur langsam erwärmen oder abkühlen – zum anderen nehmen sie Kohlenstoffdioxid auf. Und zwar immer mehr: Sobald sich nämlich der CO2-Anteil in der Atmosphäre erhöht, ziehen die Meere quasi nach – und nehmen ebenfalls mehr auf. Ein internationales Forscher*innen-Team kommt zu dem Ergebnis: Von 1997 bis 2007 haben unsere Ozeane jedes Jahr circa 30 Prozent des menschengemachten CO2 aufgenommen.

CO2 wird im Ozean "versenkt"

Das funktioniert in zwei Schritten: Zuerst löst sich das CO2 im Oberflächenwasser und erhöht dort den Kohlenstoffanteil. Weil das Meer konstant in Bewegung ist, wird das gelöste CO2 langfristig in tiefere Schichten transportiert und so quasi im Ozean "versenkt“. Das klingt gut! Denn seine schädliche Wirkung entfaltet CO2 ja bekanntermaßen in der Luft – und da befindet es sich dann nicht mehr.

Leider stimmt dieser Gedankengang nicht ganz: Auf Dauer kann zu viel Kohlenstoffdioxid dazu führen, dass unsere Meere "kippen“. CO2 bleibt im Wasser nämlich nicht in seinem Urzustand, sondern wird weiter zu Kohlensäure verstoffwechselt. Dabei sinkt der pH-Wert – eine Verschiebung, die sich jetzt schon in 3000 Meter Tiefe feststellen lässt. Für viele Meeresbewohner ist das gar nicht gut: Denn genauso, wie unser Essigreiniger zu Hause im Bad besonders gut gegen Kalkflecken wirkt, greift der niedrigere pH-Wert im Wasser Muscheln, Seesterne, Seeigel, Korallen und Krebse an. Denn: Sie alle bestehen zum Teil aus Kalk.

Für den Hinterkopf Normalerweise ist Meerwasser mit einem pH-Wert von 8,2 leicht basisch. Bis zum Jahr 2100 wird der Säurewert unserer Ozeane voraussichtlich auf circa 7,7 sinken. Das ist immer noch im basischen Spektrum, wir Menschen müssen beim nächsten Urlaub am Meer also nicht mit einem unfreiwilligen Säurebad rechnen. Aber viele Meeresbewohner sind da nun mal sensibler als wir – für sie wäre das eine Katastrophe.

Korallenriffe in Gefahr

Und – eine weitere Folge des Klimawandels – unsere Meere werden zeitgleich auch immer wärmer. Auch das hat schwerwiegende Folgen für viele Unterwasser-Organismen. Ein Beispiel: Korallenriffe. Mit steigenden Temperaturen in unseren Ozeanen kommt es immer häufiger zur sogenannten Korallenbleiche, bei der ganze Riffe einfach wegsterben. Versauerung und Hitze setzt den wertvollen Lebensräumen also gleich zweifach zu. Und das hat auch direkte Folgen für uns: 400 Millionen Menschen verdanken Korallenriffen ihre Nahrung und den Schutz vor Sturmwellen. Sie zu retten, sollte uns also extrem wichtig sein – und dafür müssen wir unser Klima auch unter Wasser verbessern.

Klimaretter Seegras

Aber wie geht man das an? Ein echter Klimaretter wächst beispielsweise in der Kieler Förde – im Sandboden, in ein bis acht Meter Tiefe. Ein Team aus Forschenden des Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung GEOMAR pflanzt hier Seegraswiesen. Diese Wiesen sind wahre CO2-Wunder, weil sie gleich doppelt Kohlenstoff speichern. Sie nehmen nicht nur wie gewöhnliche Pflanzen CO2 via Photosynthese auf – sie setzen zwischen ihren Wurzeln auch große Mengen Kohlenstoff im Boden fest. Alleine in der deutschen Ostsee speichern Seegraswiesen jetzt schon 29 bis 56 Kilotonnen CO2 pro Jahr. Auf 285 km² Fläche – die noch vergrößert werden soll.

Eine Frau schwimmt unter Wasser einer Wiese aus Seegras entgegen.
Angela Stevenson sammelt Proben in der Ostsee Bildrechte: Thorsten Reusch/ GEOMAR

Forscherin Angela Stevenson vom GEOMAR-Zentrum hat Proben an verschiedenen Stellen des Meeresbodens entnommen. Sie hat festgestellt, dass der Boden unter dem Seegras bis zu sechzig Mal mehr Kohlenstoff enthält als normaler Sandboden. Deshalb brauchen wir mehr davon! Das Projekt "SeaStore“ setzt nun darauf, auszuloten, wie die Seegraswiesen an der deutschen Küste mehr werden können. Von alleine wachsen sie kaum – deshalb ist es sinnvoll, gezielt Seegras in bestimmten Gebieten anzupflanzen - quasi "aufforsten“ unter Wasser. Alleine an der Küste Schleswig-Holsteins könnten so 448 Quadratkilometer bepflanzt werden – mit Seegras, das aus den bestehenden Wiesen einfach umgesiedelt wird.

Was können wir aus dem Projekt lernen

Der Klimawandel verändert unsere Erde möglicherweise noch umfassender, als uns heute klar ist. Welche Auswirkungen die steigenden Emissionen bis in die Tiefsee haben, ist noch gar nicht umfassend erforscht. Fest steht aber: Wenn wir nicht aufpassen, verlieren wir viele natürliche CO2-Speicher, die uns eigentlich vor Emissionen schützen. Und unsere Ozeane nehmen – auch abseits von Emissionen – wirklich viel hin: Überfischung, Plastikflut, Industrieabfälle, Ölbohrungen, Unterwasserlärm – und das ist längst nicht alles. Aber sie können eben auch kippen. Im positivsten Sinne lässt sich also festhalten: Wenn wir die Ozeane retten, retten wir auch unseren Planeten.

iz

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