Zukunft der Landwirtschaft Viel Technik, wenig Dorf-Romantik und Öko bleibt eine Nische

Wie sieht die Zukunft der Landwirtschaft aus? Alfons Balmann, Direktor des Leibniz-Instituts IAMO in Halle, hat eine klare Vorstellung: Viel Hightech, wenig Dorf-Romantik und Öko bleibt eine Nische.

Ein autonom fahrender Parzellenmaehdrescher vom Typ Haldrup C65. Im Vordergrund fliegt eine Drohne
"Wir müssen technologische Potenziale nutzbar machen", sagt Agrarökonom Balmann über die Zukunft der Landwirtschaft. Bildrechte: IMAGO / photothek

In diesen Tagen trifft sich die Welt der Landwirtschaft auf der Grünen Woche. Da sehen wir in Hochglanz, was heute auf dem Acker und in den Ställen, auf Dachfarmen oder in Gewächshäusern produziert wird. Aber wie sieht die Zukunft aus zwischen Agrarwende und Zeitenwende in der Landwirtschaft? MDR KULTUR hat darüber mit Alfons Balmann gesprochen, dem Direktor des Leibniz-Instituts für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) in Halle.

MDR KULTUR: Wie steht die deutsche Landwirtschaft da, wo seit Jahren diskutiert wird, was alles passieren müsste?

Prof. Alfons Balmann: Wir haben drei große Herausforderungen. Das eine ist der gesellschaftliche Druck zur Veränderung der Landwirtschaft, der grundsätzlich berechtigt ist, denn wir haben erhebliche Herausforderungen bei Klima, Umwelt, Biodiversitäts- und Tierschutz. Und hier muss man was tun. Aber auf der anderen Seite haben wir den russischen Angriff auf die Ukraine und plötzlich ist Bezahlbarkeit von Lebensmitteln wieder Thema in Deutschland. So gab es beispielsweise im letzten Jahr einen erheblichen Einbruch bei der Nachfrage nach Bioprodukten. Und dann haben wir ein drittes großes Problem, das sind die veränderten Rahmenbedingungen der Landwirtschaft. Landwirtschaft ist ja eben auch ein Opfer des Klimawandels. Wir haben drei Dürren erlebt. Dann haben wir demografische Veränderungen, wir haben Arbeitskräfte-Knappheit. Und hier ist eben die Frage, wie sich die Landwirtschaft eben auch an diese veränderten allgemeinen Rahmenbedingungen anpassen kann.

Wir haben es ja in der Vergangenheit auch erlebt, dass sich die konventionelle Landwirtschaft wehrt, in diesem Veränderungsdruck pauschal verantwortlich gemacht zu werden für alle Probleme. Aber Sie würden sagen: naja, aber die wissenschaftliche Beweislast ist erdrückend, zumindest beim Klima und beim Artensterben?

Man darf die Schuld nicht allein bei der Landwirtschaft suchen, denn die Landwirtschaft produziert das, was die Weltbevölkerung, auch die deutsche Bevölkerung nachfragt. Wir haben eben eine wachsende Weltbevölkerung, wir haben gerade in Entwicklungs- und Schwellenländern mehr Fleischkonsum, und das treibt die Produktion der Landwirtschaft und die Landwirte reagieren teilweise. Nur, das, was sie verändern müssen, ist vor allen Dingen, besser zu werden, mit den vorhandenen Ressourcen effektiver umzugehen, auf der gleichen Fläche, ohne die Umwelt weiter zu belasten. Oder vielleicht auch mehr zu tun, um Kohlenstoff zu binden oder die Biodiversität zu schützen, trotzdem viel zu produzieren.

Nun hat Deutschland schon ein gutes Jahr mit Cem Özdemir einen grünen Landwirtschaftsminister. Wie macht er seinen Job bisher? Unauffällig, aber wirksam oder eher unauffällig im Scheitern an den Realitäten der europäischen Agrarstruktur?

Er ist schon auffällig. Das Problem ist, er hat viel angekündigt, aber es ist bisher wenig passiert. Das ist aber nicht wirklich überraschend. Das große Problem ist, woher kommt denn das Geld, um die Landwirte auch finanziell darin zu unterstützen, sich zu verändern? Und auch die Verbraucher sind nicht bereit zu zahlen. Und vor allen Dingen viele landwirtschaftliche Betriebe haben auch keine finanziellen Reserven mehr, denn in den letzten Jahren haben sie wenig verdient. Und dann haben wir noch ein anderes großes Problem, das ist die Diskussion in der Öffentlichkeit über Landwirtschaft. Denn die gesellschaftlichen Forderungen gehen immer in Richtung kleinbetrieblich oder ökologisch, dabei haben wir fundamentale andere Probleme. Die Landwirtschaft ist kapital- und wissensintensiv, und diese Technik müssen wir nutzen. Und museale Vorstellungen von Landwirtschaft funktionieren nicht. Und an diese Diskussion traut sich Herr Özdemir aus meiner Sicht nicht heran. Weil damit würde er wahrscheinlich auch vielen Umweltverbänden auf die Füße treten, die sehr stark nur immer in Richtung Öko und Kleinbetriebe diskutieren.

Prof. Dr. Alfons Balmann

IAMO-Direktor Prof. Dr. Alfons Balmann
Prof. Alfons Balmann berät die Bundesregierung beim Thema Landwirtschaft. Bildrechte: IAMO/Markus Scholz

... ist seit 2002 Leiter der Abteilung Strukturwandel am IMAO in Halle. Der studierte und promovierte Agrarökonom ist ordentlicher Professor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft berät er die Bundesregierung.

Was wären denn aus Ihrer Sicht die dringendsten Dinge, die ein Landwirtschaftsminister Cem Özdemir da gegenwärtig angehen müsste?

Wir müssen technologische Potenziale nutzbar machen. Da gibt es gerade im Bereich der neuen Gentechnik viele Möglichkeiten, Pflanzen gesünder und widerstandsfähiger beispielsweise gegen Schädlinge oder Krankheiten zu machen, damit würden wir beispielsweise den Pflanzenschutz reduzieren können. Oder gerade die Digitalisierung ermöglicht, dass beispielsweise Düngemittel und Pflanzenschutzmittel wirklich nur dort ausgebracht werden, wo tatsächlich Bedarf ist und nicht einfach in der breiten Fläche. Und das setzt aber voraus, dass wir wirklich uns auch bewusstmachen, dass eine Hightech-Landwirtschaft daraus entstehen wird. Das ist vielleicht für einen grünen Landwirtschaftspolitiker nicht so einfach zu vermitteln. Und auf der anderen Seite haben auch viele landwirtschaftliche Betriebe Angst vor so einer weiteren Technologisierungswelle.

Wie würde diese hochtechnologisierte Landwirtschaft, die sie jetzt andeuten, in zehn bis zwanzig Jahren aussehen?

Also ich vermute zum Beispiel, dass gerade im Ackerbau in einigen Jahren Traktoren auch völlig alleine über die Felder fahren können. Die machen das heute schon digital, satellitengesteuert, aber immer noch mit Fahrer drauf. Solche Dinge werden zukünftig noch anders ablaufen. Computer werden teilweise darüber entscheiden, wo auf einer Fläche denn tatsächlich Düngemittel ausgebracht wird und nicht mehr der Landwirt. Die Betriebe werden wahrscheinlich weiter so aussehen wie in Ostdeutschland. Wir haben große, eigentlich leistungsfähige Betriebe, aber die Technik wird sich hier wahrscheinlich noch deutlich stärker durchsetzen müssen, gerade auch mit Blick darauf, wie können wir Effizienz mit Umweltschutz verbinden.

Was heißt das für den Tierschutz?

Für den Tierschutz gilt das Gleiche. Wir brauchen auf der einen Seite bessere Haltungsbedingungen. Aber genauso müssen die Tiere auch viel, viel stärker überwacht werden, inwieweit gibt es Krankheitsprobleme, die beispielsweise dann zu Tierleid führen? Und auch da kann uns die Technik helfen. Aber teilweise brauchen wir auch andere organisatorische Lösungen. Auch heute werden in Schlachthöfen Befunddaten erhoben, wo eben eigentlich den Schlachthöfen klar ist, auf welchen landwirtschaftlichen Betrieben Probleme mit der Tiergesundheit bestehen. Aber das wird nicht weitergemeldet oder nur sehr bedingt. Und hier muss auch organisatorisch sich noch einiges verändern.

Mich wundert jetzt ein bisschen, dass Sie solche Dinge wie solidarische Landwirtschaft oder Landwirtschaftskooperativen in diesem Zusammenhang überhaupt gar nicht erwähnen.

Es gibt zwar steigende Anzahlen dieser Betriebe, aber de facto reden wir hier über einen Umfang im Promillebereich. Und hier wird sich vielleicht noch einiges tun, aber aus einer Nische wird das nicht herauskommen. Und das liegt nicht nur daran, dass vielleicht landwirtschaftliche Betriebe das nicht wollen, sondern, dass auch aus meiner Sicht der Anteil der Bevölkerung, der wirklich bereit ist, dann eben sich auch auf so eine Art von Landwirtschaft einzulassen, beschränkt ist. Das sehen wir beispielsweise ganz stark beim Ökolandbau, der jetzt beispielsweise auch eingebrochen ist.

Das Interview führte Carsten Tesch für MDR KULTUR.

Autor

Dorothée Heyde, Agrarwisenschaftlerin mit Kuh im Stall 5 min
Bildrechte: Marco Steinhoff

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Januar 2023 | 10:49 Uhr

8 Kommentare

Denkschnecke vor 2 Wochen

Der Einbruch im Biosegment ist nicht so groß, wenn man den Boom während der Pandemie herausrechnet (s. Tagesschau 27.12.2022). Das war eine wirtschaftlich ebenso außergewöhnliche Situation wie die Energiekrise 2022. Im Übrigen leiden die Bio-Fachmärkte (nicht die Discounter, die sich bei Bio gern auf einfach herzustellendes wie Gurken und Salat konzentrieren) auch unter dem Ruf, teurer zu sein. Wenn man im Detail vergleicht, sind bei diesen Produkten Bio-Supermärkte in Wahrheit kaum teurer.

Denkschnecke vor 2 Wochen

Der überwältigende Teil der Verbraucher (ich nicht) kommt nach meiner Beobachtung mit dem Auto zum Supermarkt. Die Herkunft des angebotenen Fleischs können Sie problemlos mit der Zulassungsnummer googlen. in den größeren Städten haben die Käufer die Möglichkeit, im Biomarkt nachhaltig erzeugtes Fleisch aus artgerechterer Haltung zu erwerben. (Mein Haushalt ist bei Fleisch da absolut konsequent; die Mehrkosten kompensieren wir dadurch, einfach nicht jeden Tag Fleisch auf dem Tisch zu haben.)
Ich habe den Eindruck, dass gerne die "Nicht Jeden" herangezogen werden als Ausrede, es selbst nicht umzusetzen.

pwsksk vor 2 Wochen

Wer sollen denn eigene Großhändler sein. Und dann müßte es Preisabsprachen geben, die nicht systemrelevant sind. Dann würden sie auch den "Handel" an den Börsen außer Kraft setzen. Aber so funktioniert dieser Kapitalismus nicht. Sie müßten ihn durch eine richtige Planwirtschaft ersetzen.