Hochwasser 2021 Extremregen: Wie man Siedlungen und Infrastruktur schützen kann

Wassermassen haben in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz eine Katastrophe mit vielen Todesopfern ausgelöst. Häusern, Straßen, ganzen Siedlungen wurde der Boden unter den Fundamenten weggeschwemmt. Hätte man das wissen können? Wie kann man das verhindern?

Eine Straße bricht im Nichts ab. Ein Haus steht links im Bild, im Hintergrund eine leergespülte gigantische Fläche
In Erft-Blessem sind zahlreiche Häuser eingestürzt, nachdem das Wasser eine Wohnsiedlung unterspülte. Bildrechte: IMAGO / Bernd März

Unfassbare Wassermassen, unfassbare Zerstörung in vielen Orten in NRW und Rheinland-Pfalz, das Martinshorn als Dauerbeschallung. Einstürzende Häuser, überlaufende Stauseen, Ortsteile unter Wasser. Die Zahl der Toten wächst ständig. Und neben dem Schock, der Trauer und der Frage, was jetzt zu tun ist, ergeben sich viele weitere für die Zukunft: Was kann man tun, um solche Katastrophen zu verhindern, wie kommt es zu solchen Szenarien?

Prof. Dr. Christian Kuhlicke befasst sich mit genau solchen Fragen. Er leitet die Arbeitsgruppe "Umweltrisiken und Extremereignisse" am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig und ist sich sicher: "Angesichts der Starkregen-Szenarien der vergangenen Jahre müssen wir unsere Infrastrukturen auf eine neue Wetter-Dynamik einstellen: "Die vor Dekaden gebaute und alternde Infrastruktur muss in den nächsten fünf bis zehn Jahren zukunftssicher umgebaut werden." Er geht davon aus, dass die Wetter-Ausschläge extremer werden, sowohl starke, langanhaltende Niederschläge, die kleinere Bäche und Flüssen schnell anschwellen lassen, genau wie länger anhaltende Trocken- und Hitzeperioden.

Doch was tun, wie wappnen, gegen katastrophale Starkregen-Folgen? Wie erfolgreiche Vorsorge geht, hat beispielsweise die Stadt Dresden gezeigt. Nach dem schweren Hochwasser 2002 hatte die Stadt eines der modernsten Hochwasserpumpwerke Europas gebaut (in unserer hier verlinkten Klima-Doku ab Minute 35). 2013 schließlich bewahrte es die Kanalisation der Stadt vor einem Hochwasser. 18.000 Liter Wasser werden dann pro Sekunde in die Elbe gepumpt, das ist so, als ob man alle zwei Minuten ein 50-Meter-Schwimmbecken in den Fluss schiebt. Außerdem hat Dresden einen zweiten Schutzmechanismus: Verbindungen zwischen den Abwasserkanälen und der Elbe. Sachsens Landeshauptstadt hat sich inzwischen gewappnet.

Wie schützt man Dörfer vor solchen Katastrophen?

Damit es gar nicht zu solchen Situationen kommt, müssten Bebauung und Infrastrukturen in hochgefährdeten Gebieten vermieden werden. Dabei könnten Simulationen helfen, sagt Prof. Dr. Boris Lehmann von der TU Darmstadt: "In potenziell gefährdeten Gebieten könnten mit Simulationswerkzeugen systembedingte 'Engstellen' und Schadenspotenziale bei extremen Hochwasserabflüssen und Starkregenszenarien gefunden werden." Kennt man die gefährdeten Lokalitäten oder Objekte, könnten ausgehend von den prognostizierten Regenmengen Konzepte zur Wasserführung, -umleitung oder Rückhalt erstellt werden.

Bestandsaufnahme: Wo ist Infrastruktur gefährdet?

Doch wie schützt man bestehende Infrastrukturen, die gebaut wurden, als kein Mensch derartige Katastrophen-Szenarien im Blick hatte? Sowohl Professor Kuhlicke aus Leipzig als auch Professorin Dr. Annegret Thieken, Professorin für Geographie und Naturrisikenforschung in Potsdam ist klar: Eine Bestandsaufnahme muss her, es muss kartiert werden, welche Infrastrukturpunkte wie Umspannwerke, Kommunikationsknoten oder Brücken, besonders gefährdet sind. Man muss klären: Wie können Stromnetze gesichert werden? Wie können Straßen so gebaut werden, dass sie bei Sommerhitze nicht schmelzen oder bersten und bei starken Strömungen nicht unterspült werden? Thieken blickt auch auf andere Infrastrukturbereiche: Polizei, Feuerwehr, Krankenhäuser, Pflegeheime, Kindertagesstätten und Schulen. Liegen die in gefährdeten Gebieten? Sind sie im Notfall erreichbar?

Prinzip Schwamm: Wasser aufsaugen statt fließen lassen

Vielleicht braucht es auch ein Umdenken: "Dörfer, Städte und Landschaften sollten wie Schwämme konzipiert werden. Jeder Kubikmeter Wasser, der nicht über die Kanalisation in Flüsse eingeleitet wird, trägt zur Abflachung von Hochwasserwellen bei," erläutert Kuhlicke. Bei Städten könnte zusätzlich zu vorhandenen Rückhaltebecken und Talsperren deren "Schwammfähigkeit" erhöht werden, über begrünte Dächer etwa und bessere Versickerungsmöglichkeiten auf offenen Flächen. Sinnvoll seien auch dezentrale Speichermöglichkeiten, unter Grünflächen, oder indem neue naturnahe Rückhaltezonen geschaffen werden. Die zweite Ebene, an der es Kuhlicke zufolge anzusetzen gilt, sind die Gebäude selbst: Rückstauklappen, druckdichte Fenster und Türen oder Dammbalkensysteme können helfen, das Wasser rauszuhalten. Dämme und Mauern schaffen es ihm zufolge bei Starkregen-Ereignissen nicht allein, Gebäude vor Schäden zu schützen, warnt der Experte.

Hätte, hätte Fahrradkette

Aber warum ist all das eigentlich nicht längst passiert? Die Konzepte sind da, die Nutzen solcher Maßnahmen bekannt, sagt der Wissenschaftler und verweist auf viele kleine Haken. Es mangelt nicht allein am Geld, sondern auch an Wissen, und es gebe viele ungeklärte Fragen: "Viele der Flächen sind sowohl in öffentlicher als auch privater Hand. Wer ist zuständig, wer zahlt für den Unterhalt solcher Maßnahmen?"

Der Boden und wie wir mit ihm umgehen

Und vielleicht mangelte es bisher am Bewusstsein dafür, was der Boden alles ist, außer der Fläche, die wir jeden Tag mit Füßen treten, über die wir beim Fußballspielen rennen, auf der wir mit Auto, Bus oder Bahn von A nach B fahren oder laufen, auf der wir Landwirtschaft betreiben, auf der wir leben. Da ist man dann beim Stichwort Bebauung und Flächennutzung.

Wie ist das eigentlich in Deutschland mit dem Landverbrauch, wie viel Boden wird hier laufend umgenutzt? Jeden Tag werden in Deutschland 52 Hektar Land als Siedlungs- und Verkehrsfläche neu ausgewiesen, heißt es auf der Homepage des Bundesministeriums für Umwelt. Das sind, um es sich vorzustellen, umgerechnet etwa 73 Fußballfelder. Nicht immer wird der Boden versiegelt, es können auch Erholungsflächen entstehen, aber das können auch Skaterbahnen und Sportplätze sein. Bis 2030 sollen es pro Tag nur noch 30 Hektar sein, laut Plan zur "Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie" von 2016. Und nach der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie von 2021 werden 2050 gar werden keine Flächen mehr neu verbraucht, sondern umgenutzt. Da, wo Flächen versiegelt werden, fallen wichtige Bodenfunktionen weg, wie zum Beispiel Wasserdurchlässigkeit. Welche Faktoren diese Juli-Katastrophe wo begünstigt oder befördert haben, lässt sich jetzt noch nicht im Detail sagen. Bei der Planung des Neuaufbaus werden Extremwetter-Ereignisse vermutlich eine andere Rolle spielen als bisher.

Im Bild eine Ortschaft an der Straße zwischen Dernau und Walporzheim, die von den Fluten auf einem Abschnitt einfach mitgerissen wurde.
Bildrechte: imago images/Future Image

(lfw)

4 Kommentare

Kritiker vor 9 Wochen

+... über begrünte Dächer ...+
Begrünte Dächer ist eine fragwürdige Sachlage bei solchen Wassermassen die da von oben kamen. Die Balkenstrukturen unter solchen Dächern dürfte das Vielfache der jetzigen Bauteile bedeuten.

part vor 9 Wochen

In der alten und neuen Bundesrepublik wurde nie gespart an der Aufrüstung aber immer mehr am Ausbau von Infrastruktur verbunden mit umwelterhaltenden Maßnahmen. Zudem entwickelte sich die Wissenschaft im grünen Bereich, zum Klima und anderen Bereichen zu langsam, weil in der Förderung vernachlässigt. Eine Hochagrar- und Industrielandschaft kann immer weniger damit fertig werden auf Unwetterereignisse zu reagieren. Extreme Umweltereignisse gab es indes schon immer, nur die Berichterstattung darüber war den jeweiligen Zeitzeugenberichten geschuldet. Das Taumeln des Mondes, alle 16,8 Jahre wurde jedoch noch nicht mit einberechnet in die Folgen klimatischer Veränderung, wenn auch nur durch US- Institute.

ralf meier vor 9 Wochen

In diesem lesenswerten Artikel wird auch die Frage gestellt, warum man die dort vorgeschlagenen Maßnahmen nicht schon längst umgesetzt hat.

Meine Antwort darauf ist: Weil die politisch Verantwortlichen diese Milliarden lieber in die Energiewende stecken als in 'kurzfristig' wirksame Maßnahmen.