Längsschnitt-Studie Sozialfähigkeiten: Erst in der Schule lernen Kinder, was Sarkasmus ist

Bereits Kinder im Vorschulalter besitzen die Fähigkeit, andere zu verstehen. Sarkasmus und anderes komplexe Interaktionen können sie erst im Laufe der Grundschulzeit entwickeln. Dies haben zwei Forscher in ihrer Studie herausgefunden und fordern: Kinder brauchen Zeit, um Erfahrungen zu sammeln – bei komplexen Aspekten sollte man sie dagegen explizit fördern.

Kinder stehen in einem Bach und untersuchen den Untergrund mit Keschern.
Kinder können bereits früh voneinander lernen, beispielsweise bei gemeinsamen Spielen. Bildrechte: FLOW/BUND/Julia Gönner

Sich in andere hineinversetzen, ihren Gemütszustand zu erkennen – gar nicht so leicht. Dabei sind wir bereits im Vorschulalter dazu in der Lage, andere Personen zu verstehen und Missverständnisse zu erkennen. Komplexere Fähigkeiten wie das Erkennen von Sarkasmus, Gefühle an den Augen abzulesen oder einen Fauxpas auszumachen, entwickeln sich im Laufe der nächsten Grundschuljahre. Alleine das Alter und die damit einhergehende Erfahrung sind aber nicht ausschlaggebend, um diese sozial-kognitiven Fähigkeiten zu entwickeln.

Kinder auf dem Weg zur Einschulung
Die Schule fängt wieder an: Kinder können durch Freunde lernen, wie andere Menschen denken. Bildrechte: imago images/ allOver-MEV

Kinder benötigen Freiräume, in denen sie sich explizit mit Situationen auseinandersetzen können. Zu dieser Erkenntnis kamen zwei deutsche Forscher in ihrer fünfjährigen Längsschnittstudie mit insgesamt 161 Kindergarten- und Grundschulkindern. Durchgeführt wurde die Studie "Die Entwicklung einer fortgeschrittenen Theory of Mind im mittleren Kindesalter: Eine Längsschnittstudie im Alter von 5 bis 10 Jahren" von Christopher Osterhaus, der Juniorprofessor für Entwicklungspsychologie im Handlungsfeld Schule in Vechta ist, sowie von Susanne Koerber, Professorin für Frühe Bildung der Pädagogischen Hochschule Freiburg.

Wir haben die Kinder zum ersten Mal im Kindergarten interviewt und haben sie dann bis ans Ende der Grundschulzeit begleitet. Dabei haben wir jährlich ihre Kompetenzentwicklung gemessen.

Christopher Osterhaus, Autor der Studie

Auf diese Weise, so Osterhaus, lasse sich sehr genau verfolgen, wann Entwicklungsschritte auftreten und wovon diese abhängen.

Theorie of Mind Das Konzept der "Theory of Mind" (kurz ToM) stammt aus den Kognitionswissenschaften und der Psychologie. Mit ihm wird die Fähigkeit von Menschen beschrieben, die Emotionen, Wünsche, Überzeugungen oder Intentionen in anderen Personen, aber auch in sich selbst erkennen können.

Soziale Fähigkeiten: Forscher fordern Förderung von Kindern

Die Forscher fordern, dass Lehrkräfte und Eltern mit Kindern entsprechende Situation durchspielen. Wichtig dabei sei, dass man die Kinder nicht allein lässt. Man müsse ihnen erklären, warum beteiligte Personen bestimmtes denken oder warum sie auf Situation reagieren, wie sie eben reagieren.

Vater liest mit zwei Kindern ein Buch.
Gemeinsam lernen: Manchmal hilft es auch ein Buch in die Hand zunehmen und beispielsweise eine Geschichte über Wut vorzulesen. Bildrechte: Colourbox.de

Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, haben die Forscher den Kindern verschiedene Testaufgaben gestellt, wie die eines Mädchens, das versehentlich eine Überraschungsparty ausplaudert. Knapp 90 Prozent der Neunjährigen haben erkannt, dass solche Situationen nicht auf Absicht beruhen. "Diese Fähigkeit scheint auf einen relativ simplen Prozess zurückzugehen, bei dem Kinder das, was in ihrem sozialen Umfeld passiert, mehr oder minder automatisch wahrnehmen und bewerten", erklärt Osterhaus.

Und je mehr Erfahrung sie hierin haben, desto besser scheint diese Bewertung zu funktionieren.

Christopher Osterhaus

Anderes sah es bei folgender Aufgabe auf: Zwei Personen erhalten dieselbe Information, deuten diese aber komplett unterschiedlich. Nur 60 Prozent der Neunjährigen konnten nachvollziehen, warum das so ist. Den intelligenteren Kindern sei die Lösung dieser Aufgabe leichter gefallen. Die Forscher erklären, dass Kinder erst lernen müssten, die komplexe Funktionsweise unseres Denkens zu verstehen. Anschließend können sie für sich eine Theorie entwickeln, nach deren Mustern komplexe soziale Interaktionen ablaufen. Besonders bis zum Ende der Grundschulzeit können Kinder ihre sozial-kognitiven Fähigkeiten stark ausbauen:

Die Persönlichkeitsentwicklung ist ein Lernziel von Schule. Und gerade bei Konflikten ist es wichtig, dass Kinder über die nötigen Tools verfügen, um sich in andere hineinzuversetzen und Konflikte so effektiv zu lösen.

Zitat aus der Studie

Man müsse Kindern auch gewisse Wörter beibringen, so Osterhaus und erklärt: "Wenn ein Grundschulkind an der Augenpartie einer Person nicht ablesen kann, dass diese Person durchsetzungsfähig ist, liegt dies wahrscheinlich daran, dass es 'keinen Begriff' von diesem Zustand hat." Er appelliert an die die Geduld von Eltern und Lehrkräften, da Kinder manche Sachen erst durch Erfahrungen erlernen – bei komplexeren Aspekten wünscht er sich hingegen eine explizierte Förderung der Kinder.

Zur Studie

Veröffentlicht wurde die Studie "The Development of Advanced Theory of Mind in Middle Childhood: A Longitudinal Study From Age 5 to 10 Years" zum ersten Mal in der Fachzeitschrift "Child Development" am 5. Juli 2021.