Streifschuss aus dem All Neue Theorie: Tunguska-Ereignis war ein Eisenmeteorit

Sagt Ihnen der Begriff Tunguska etwas? 1908 traf am Fluss Steinige Tunguska in Sibirien etwas die Erde und verwüstete kilometerweit das Land. Jetzt haben Forscher eine neue Hypothese, was damals passiert ist.

Eine winterliche Landschaft 4 min
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Kennen Sie Tunguska? Schon mal gehört? Eigentlich handelt es sich dabei ja um eine Region in Sibirien, durch die sich der gleichnamige Fluss, die Steinige Tunguska, schlängelt. Aber wirklich bekannt ist diese ziemlich menschenleere Gegend durch ein nach ihr benanntes Ereignis, das "Tunguska-Ereignis". Sie können auch "Tunguska-Phänomen" sagen. Oder "Tunguska-Rätsel". Letzteres trifft es besonders gut, denn bis heute ist dieses Rätsel ungelöst. Was genau ist vor mehr als hundert Jahren dort passiert? Ist eine Atombombe explodiert? Oder ein UFO abgestürzt? Oder wurde die Erde gar von einem Schwarzen Loch getroffen? Oder von einem Asteroiden? Die Asteroidentheorie gilt eigentlich als die wahrscheinlichste Erklärung. Aber nun schlagen russische Astrophysiker eine neue Lösung des Rätsels vor.

Der Tag, der Sibirien veränderte

Es ist der 30. Juni 1908. 07:15 Uhr, gut drei Stunden nach Sonnenaufgang, irgendwo im Gebiet von Tunguska, der heutigen Region Krasnojarsk. Was hier im wahrsten Sinne des Wortes "aus heiterem Himmel" geschieht, wird diese Gegend Russlands für immer verändern.

Tunguska
Kilometerweit knickten alle Bäume wie Streichhölzer um. Bildrechte: IMAGO

Irgendetwas dringt in die Atmosphäre ein – vermutlich ein Meteorit aus dem Weltraum. Er explodiert mit einer Wucht von mehreren Dutzend Megatonnen TNT. Die Druckwelle entwurzelt sämtliche Bäume im Umkreis von dreißig Kilometern. Menschen sind in dieser abgelegenen Gegend nicht zu Schaden gekommen - diesmal nicht. Aber das Ereignis hat weltweite Folgen. In Asien und Westeuropa gibt es nach dem Tunguska-Ereignis drei helle Nächte mit silbern leuchtenden Wolken. In Bordeaux zum Beispiel kann man in der Nacht Zeitung lesen und in St. Andrews, Schottland, können Golfspieler auch nachts um zwei ihrer Leidenschaft nachgehen.

Es ist die größte Explosion, die jemals dokumentiert wurde. Sie soll eine Stärke von wenigstens 185 Hiroshima-Atombomben gehabt haben. Seismologische Institute in der ganzen Welt nehmen die gewaltigen Erschütterungen auf.

Silberwolken statt Armageddon

Wenn solch ein Meteorit über bewohntem Gebiet niedergehen würde – irgendwo in Europa oder in Sankt Petersburg -, wäre das eine Katastrophe. Millionen von Menschen könnten ihr Leben verlieren. Das wäre mehr als gefährlich.

Wladimir Pariew Lebedew-Institut, Russische Akademie der Wissenschaften

Anfang des vergangenen Jahrhunderts ist die Menschheit noch einmal an ihrem "Armageddon" vorbeigeschlittert – irgendwie beruhigend. Beunruhigend ist aber, dass sich die Wissenschaft bis heute nicht einig ist, ob es wirklich ein Metall- oder Gesteinsbrocken aus dem All war, der auf der Erde eingeschlagen ist.

Es hat so einige Expeditionen gegeben, die die Gegend durchsucht haben. Wenn es ein gewöhnlicher Asteroid gewesen wäre, wäre er aufgeschlagen und hätte dabei einen riesigen Krater von mehreren Kilometern hinterlassen. Aber den gibt es nicht. Nicht mal einen von mehreren hundert Metern Größe.

Wladimir Pariew

Ein Forscherteam um den Astrophysiker Wladimir Pariew vom Lebedew-Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau hat sich die Ungereimtheiten im Zusammenhang mit dem "Tunguska-Ereignis" näher angesehen. Also, kein Einschlagskrater. Aber viele Experten glauben ohnehin, der Meteorit sei gar nicht eingeschlagen, sondern schon in der Luft explodiert. Dann müsste es Trümmer geben.

 

Wo sind die Überreste des Meteoriten?

"Viele Expeditionen in den vergangenen hundert Jahren haben nach Bruchstücken des Meteoriten gesucht, nach seinen Überresten", erklärt Pariew. Aber es wurden keine gefunden.

Leonid Kulik
Der russische Mineraloge Leonid Kulik führte die erste Expedition ins Tunguska-Gebiet an, die das Ereignis vor Ort untersuchen sollte. Doch das geschah erst 1927. Bildrechte: IMAGO

Gestein ist nicht massiv genug, um dem hohen Luftwiderstand in zehn bis 15 Kilometern Höhe Stand zu halten. Ein Gesteinsbrocken wäre zerbrochen. Aber nichts dergleichen wurde in der Tunguska-Region entdeckt.

Wladimir Pariew

Auch eine mögliche Alternative in Form eines Kometen scheidet aus. Denn diese "schmutzigen Schneebälle" aus den Tiefen des Kosmos bestehen überwiegend aus Eis. Sie wären beim Eintritt in die Erdatmosphäre schlicht geschmolzen. Den Boden hätten sie nie erreicht. Kein Schwarzes Loch, kein UFO, kein Gesteinsbrocken, kein Komet aus Eis – was also bleibt? 

Neue Theorie: Eisenmeteorit prallt ab

Eisen ist des Rätsels Lösung. Sie könnte es zumindest sein. Ein Objekt aus dem All, das nicht aus Eis oder Gestein, sondern aus massivem Eisen besteht, würde die Anforderungen des "Tunguska-Phänomens" erfüllen.

Es gibt Meteoriten, die bestehen überwiegend aus Eisen.

Günter Kargl, Planetologe, Institut für Weltraumforschung Graz

"Und die haben natürlich dann eine höhere Dichte", so Kargl weiter. "Das heißt, da wird nur ein Teil der Oberfläche aufgeschmolzen.” Die Idee: Ein schwerer Brocken aus Eisen würde nicht in der Atmosphäre zerbersten, in Tausend Stücke zerspringen und Trümmer auf dem Boden hinterlassen. Mehr noch: Er hinterließe überhaupt keine Spur, weil er nur auf Stippvisite bei der Erde vorbeigeschaut hätte – ein Streifschuss aus dem All, ohne Aufschlag, ohne Explosion.

Wladimir Pariew erklärt das so: "Dieses Objekt aus Eisen hat eine enorm starke Stoßwelle auf seinem Flug durch die Atmosphäre vor sich her getrieben – schneller als der Schall und schneller als eine Pistolenkugel. Diese Schockwelle war so stark, dass sie die Bäume in Sibiriens Wäldern auf einer Fläche von 2.000 Quadratkilometern umgelegt hat."

Der Grund dafür ist ganz klar, bestätigt Planetologe Günter Kargl: "Beim Eintritt in die Atmosphäre begegnet dieses Objekt immer dichteren Atmosphärenschichten und fängt an, durch seine Geschwindigkeit die Atmosphäre erst zu verdrängen und – wenn es schnell genug ist – auch vor sich aufzustauen."

Wenn Luft komprimiert wird, erhitzt sie sich sehr stark.

Günter Kargl

Und die ganze Hitze, die erzeugt wird, ist Wärmeenergie, die in die Atmosphäre eingebracht wird, so der österreichische Forscher. "Und die wird natürlich hier in der Atmosphäre verteilt. Wenn ich einen Ofen einschalte, dann verteilt sich die Wärme im ganzen Raum. Wenn ein Objekt durch die Atmosphäre durchfliegt und Hitze erzeugt, dann wird die Hitze natürlich in die Atmosphäre eingebracht.”

Kommt der Meteorit wieder?

Der Überschallknall in der Luft, die verbrannten und umgeknickten Bäume am Boden – all das könnten die Folgen des Vorbeiflugs eines Eisenmeteoriten sein, in nur etwa zehn bis fünf-zehn Kilometer Höhe. "Ganz schön tief", meint Pariew. Und es kommt noch besser: Dieser Brocken aus Eisen soll sich nach seiner Zerstörungswut auf und davon gemacht haben.  

Der Himmelskörper entfernte sich wieder von der Erde und umkreist jetzt die Sonne.

Wladimir Pariew

Und das heißt, dass er sich jederzeit wieder der Erde nähern und sie treffen könnte. Und wie wahrscheinlich das ist, das lässt sich berechnen: einmal alle fünfzig-tausend Jahre – eine trügerische Sicherheit.

Wir wissen nicht, wann es wieder geschehen wird – vielleicht nächstes Jahr. Vielleicht wird es noch tausend Jahre dauern – oder 100 000 Jahre. Es ist alles nur eine statistische Schätzung.

Wladimir Pariew

Tunguska zum Nachlesen, Anschauen und Spielen

Die russische Studie zum Tunguska-Ereignis ist unter dem Titel "Über die Möglichkeit des Durchgangs von Asteroidenkörpern durch die Erdatmosphäre" in den Monthly Notices oft he Royal Astronomical Society erscheinen.

Das Tunguska-Ereignis hat in den letzten 100 Jahren nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Schriftsteller, Regisseure und sogar Spieleerfinder inspiriert. Auch wenn Hollywoodfilme wie Armageddon oder Deep Impact keinen direkten Bezug haben, so ist der Verweis auf einen Einschlag wie in Tunguska sehr klar. Ganz direkten Bezug nimmt dagegen bereits der 1960 fertiggestellte DDR-Science-Fiction "Der schweigende Stern", der auf einem Roman von Stanislaw Lem "Die Astronauten" beruht.

Neben Lem haben auch die russischen SF-Autoren Arkadi und Boris Strugazki und der deutsche Schriftsteller Wolfgang Hohlbein die Tunguska-Explosion in Büchern verarbeitet. Auch in der TV-Serie Akte X wurde das Ereignis als potentieller UFO-Absturz thematisiert. Und 2006 erschien das Computerspeil "Geheimakte Tunguska", bei dem Spieler in Sibirien und überall auf der Welt das Rätsel um das Ereignis lösen können.

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