UN-Biodiversitätskonferenz Prof. Josef Settele: "Wir wissen nicht, wo die Kipp-Punkte der Ökosysteme sind"

Mit jeder Art, die stirbt, verliert ein Ökosystem einen Baustein – bis es kippt. Dann geht unsere Nahrungsgrundlage verloren. Naturforscher Josef Settele erklärt im MDR-Gespräch, warum er trotzdem hoffnungsvoll auf die UN-Biodiversitätskonferenz nach Montreal aufgebrochen ist. Seine Forderungen: Einklagbare Vereinbarungen, Nord-Süd-Zahlungen, 30 Prozent Schutzgebiete und Prävention

Mann mit kürzeren grauen Haaren, grauem Schnauzbart, Brille, karietem Hemd und Weste blockt neutral-freundlich in die Kamera, dunkler unscharfer Hintergrund.
Professor Josef Settele forscht am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle und ist einer der führenden Autoren des Globalen IPBES-Assessments zu Biodiversität und Ökosystemleistungen. Bildrechte: Sebastian Wiedling/UFZ

Nach dem Weltklimagipfel beraten jetzt Experten auf dem Weltnaturgipfel, der UN-Biodiversitätskonferenz. Kritiker warnen vor mangelnden Ergebnissen. Was bringen solche Treffen?

Professor Josef Settele: Es kommt meistens mehr heraus, als nach außen kommuniziert wird. Abseits davon gibt es kaum Alternativen. Wenn wir im Völkerrecht agieren, darum geht es ja hier, muss sich die globale Gemeinschaft eben zusammensetzen. Dass sich der Prozess zäh gestaltet, ist nachvollziehbar, hier treffen ja unheimlich viele Interessen aufeinander. Es ist aber die einzige Möglichkeit, Lösungen auf globaler Ebene zu erreichen. Ich sehe das Ganze positiver als das viele andere tun.

Prof. Josef Settele
Professor Josef Settele weiß, dass Ökosysteme kippen können und dass das auf keinen Fall passieren sollte. Bildrechte: UFZ / Björn Kray Iversen

Das Artensterben gefährdet unser Überleben – ist es aus wissenschaftlicher Sicht wirklich so drastisch?

Wir wissen nicht, wo die sogenannten Kipp-Punkte in Ökosystemen sind. Wenn wir riskieren, dass viele Arten sterben, riskieren wir auch, an den Punkt zu kommen, an dem das System nicht mehr weiter funktioniert. Wir nutzen ja Arten, also Pflanzen und Tiere für unsere Essen. Wir nutzen die Arten auch, um unsere Nahrungsmittel zu bestäuben – beispielsweise sind alle Obstarten von Bestäubung abhängig. Bislang wissen wir nicht genau, wann Ökosysteme kippen und nicht mehr funktionieren. Doch wenn wir viele Arten verlieren, kann es irgendwann so weit sein, dass das System zusammenbricht. Merken wir das, wird es zu spät sein – das ist das Dilemma. Vorsorge ist ein ganz wichtiger Punkt.

Was müsste dringend passieren, um das Artensterben zu verlangsamen? Es zu stoppen, ist sicherlich illusorisch?

Das Ziel haben wir schon, das Sterben zu stoppen. Im Prinzip geht es darum, Fortschritte im Bereich der Landnutzung sowie beim Klima zu machen, hier schlägt sich das Artensterben am Stärksten nieder.

Was können wir in Europa und Mitteldeutschland beitragen?

Zu einen können wir Flächen weniger intensiv nutzen. Das wird möglich, wenn wir nicht so viel Nahrungsmittel für die Tierproduktion brauchen und pflanzliche Ernährung in den Fokus rücken. Ich selbst bin kein Vegetarier und Veganer, es muss ja nicht unbedingt totaler Verzicht sein. Doch pflanzliche Ernährung ist wichtig, allein weil wir auf den gleichen Flächen mehr Nahrungsmittel anbauen können und weniger Ressourcen aus dem Ausland beziehen müssen, was wir für die Ernährung unserer Tiere derzeit tun. Pflanzliche Ernährung ist ein wichtiger Hebel, an dem jeder Einzelne ansetzen kann.

Geht Artenschutz nur mit Klimaschutz – oder muss man das trennen?

Man muss es hier und da getrennt behandeln, aber immer gemeinsam denken. Klimaschutz kommt ohne Artenschutz nicht klar. Wenn wir keine Vielfalt haben, haben wir mehr Probleme mit dem Klimawandel. Ein gutes Beispiel ist hier der Harz. In den Fichten-Monokulturen hatte der Borkenkäfer leichtes Spiel. Die angefressenen Bäume wiederum konnten der Dürre der vergangenen Sommer nur wenig entgegensetzen. Wenn ich Kohlenstoff als Bestand in Bäumen halten will, ist Vielfalt jedenfalls wichtig, um das zu garantieren. Andererseits bereiten Klimaänderungen auch vielen Arten viele Schwierigkeiten. Wenn es zu trocken oder zu heiß ist, können sich manche Arten in unseren Regionen nicht mehr halten und sterben eben irgendwann aus.

Pierre Ibisch, Professor der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, geht durch den 2018 abgebranntem Stadtwald bei Treuenbrietzen. 23 min
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Unsere Wertschätzung dem Wald gegenüber - sie entspricht nicht der Art, wie wir dieses Ökosystem behandeln. Zu dieser Erkenntnis kommt Professor Pierre Ibisch von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Sa 01.10.2022 06:10Uhr 23:26 min

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Ist der Artenschutz hier im Norden, wo es viel weniger Biodiversität gibt als im globalen Süden, überhaupt entscheidend? Oder müsste man dringend im globalen Süden handeln?

Wir müssen beides machen. Der globale Süden ist beim Artenschutz wichtiger als unsere Region. Bei uns gibt es viele Arten in lokalspezifischen Vorkommen. Hier bekommt Biodiversität noch einmal eine andere Relevanz. Es geht ja nicht nur um die Vielfalt der Arten, sondern auch um die Vielfalt innerhalb der Arten – also die genetische Vielfalt, Sorten und Rassen bei Pflanzen und Tieren zum Beispiel – oder auch die Vielfalt von Ökosystemen. Viele unserer Ökosysteme haben angepasste Arten, die in diesem System gut funktionieren, wie zum Beispiel die Bestäuber in blütenreinen Beständen. Bei den globalen Artenvorkommen sind die Länder im Süden wichtiger, das stimmt schon, obwohl dort auch sehr viele Arten nur sehr eng begrenzt auftreten.

Sehen Sie im globalen Süden Fortschritte – oder wird es Ihnen eher bange?

Ja, ich sehe Fortschritte. Die Anforderungen, die vom globalen Süden erhoben werden, sind durchaus gerechtfertigt. Es ist gerechtfertigt, dass sie den Verlust an Lebensräumen und Flächen reduzieren wollen und entsprechende Ressourcen dafür verlangen. Wir haben ja meistens von dort importiert, teils zum Dumping-Preis. Hier können wir einiges machen, hier läuft auch einiges. Letztlich kümmern sich die südlichen Länder um ihr eigenes Überleben im Klimabereich und bei der Artenvielfalt. Wir werden gezwungen sein, zu handeln. Es ist eine Kombination aus den Anforderungen des Südens sowie Bewusstseinsschaffung vor Ort und auch hier. Ich sehe das nicht negativ, doch der Prozess ist ein langsam und zäh.

Im Panikmodus zu arbeiten ist ja auch wenig gewinnbringend. Panik und Angst sind ja bekanntlich keine guten Ratgeber …

Mit Panik zu arbeiten ist gar nicht mein Ding. Wir müssen uns jetzt die Zeit nehmen, die wir nicht haben, sage ich immer. Das ist letztlich die Kunst dabei.

Sie sind jetzt direkt in Montreal zur Konferenz. Welche Forderungen werden Sie vortragen?

Ich werde keine persönlichen Forderungen vortragen, doch das, was wir im Bericht 2019 herausgearbeitet haben, noch einmal zum Besten geben. (Der Bericht des Weltbiodiversitätsrates IPBES von 2019, Settele war maßgeblich daran beteiligt, Anm.d.R.) Wir setzen uns für die Finanzierung des Artenschutzes ein, vor allem im Süden, also im Sinne einer Nord-Süd-Transfergeschichte.

Wer ist Schmetterlingsfan Settele?

Josef Settele ist Professor am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle (Saale), außerdem Professor für Ökologie an der Universität in Halle und promovierter Agrarwissenschaftler. Seine Forschungsschwerpunkte liegen u.a. in der Ökologie von Insekten in Kulturlandschaften, Biodiversität, Landnutzung und sozial-ökologischen Systemen. Schon als Kind begeisterte er sich für alles, was krabbelt, besonders aber für Schmetterlinge. Heute leitet er unter anderem das Tagfalter-Monitoring in Deutschland, das einzige deutschlandweite Langzeitmonitoring für Insekten. 2021 wurde sogar ein Schmetterling nach ihm benannt.

Also ähnlich wie beim Klimaschutz?

Genau. Beim Klimaschutz handelte es ja mehr um die Versicherung, in dem Sinne, wer Schäden bei Dürren und Naturkatastrophen zahlt. Bei uns im Artenschutz ist es eher die Vorsorge, bevor etwas passiert. Dieser Weitblick macht es noch einmal schwieriger. Prävention ist ja bekanntermaßen ein sehr undankbares Geschäft ist. Wenn sie gut ist, passiert ja nichts. Es ist uns also ein wichtiges Anliegen, Ressourcen bereitzustellen, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist.

Ein weiteres Ziel ist es, lokale Bevölkerungen stärker in den Artenschutz einzubinden. Das geht nicht nur um Amazonien, das geht auch bei uns. Auch hier gibt es lokale Bevölkerungen, im Erzgebirge und in der Schwäbischen Alb wohnen auch lokale Bevölkerungen, die sehr viel machen und sehr viel wissen. Diese Erfahrungen und dieses Wissen stärker mit einzubinden, ist ein wichtiges Anliegen, was wir in diesem Bereich haben.

Was fordern Sie außerdem?

Drittens wird auch über die Thematik diskutiert, 30 Prozent der Fläche unter Schutz zu stellen. Da gibt es ja viele Leute, die sofort erschrecken. Doch Schutzgebiete sind ja bei uns gemanagte Regionen, die bestimmte Arten beinhalten. Die meisten Schutzgebiete bei uns sind auf menschliche Nutzung ausgelegt, nur weniger als ein Prozent der Flächen sind in Deutschland Wildnis-Gebiete. Schutzgebiete bedeuten also nicht, dass ein kompletter Zaun die Fläche unzugänglich macht. Es geht vielmehr um eine nachhaltige Nutzung, um eine entsprechende Vielfalt zu erhalten. Das gilt ja fast weltweit. Wir müssen also klarmachen, was genau mit diesen Schutzgebieten gemeint ist. Die 30 Prozent sind ein gutes Ziel. Es muss aber im Detail geklärt werden, was es genau bedeutet.

Beim Einbezug der lokalen Bevölkerung kommen wir ja auch gleich zur sozialen Gerechtigkeit, das spielt ja auch zusammen!

Für mich ist es immer dreigleisig. Soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz und Artenschutz – diese drei Themen müssen zusammen gedacht werden, sonst klappt das eben nicht. Man muss die Leute mitnehmen. Die müssen das Gefühl haben, das sie etwas davon haben. Sie müssen sich als Teil des Ganzen sehen. Dabei muss auch die ganze Ungerechtigkeitsthematik mit angegangen werden. Sowohl die Ungleichheit zwischen Nord- und Südhalbkugel, doch auch die Ungleichheit innerhalb eines Landes.

Es ist also auch die soziale Ungerechtigkeit, die Arten bedrohen kann?

Genau. Wenn ich nicht anders kann, muss ich die Natur ausbeuten. Um das Überleben von heute auf morgen zu garantieren, kann man es niemand übel nehmen, wenn er einfach die Ressourcen braucht. Doch langfristig kann das nicht gut gehen.

Gibt es eigentlich noch unentdeckte Arten auf dem Planeten?

Es gibt mehr unentdeckte als entdeckte Arten.

Es besteht also noch Hoffnung, dass Arten dazukommen?

Die Arten sind ja schon da, sie sind nur noch nicht von uns entdeckt worden. Es besteht Hoffnung nominell mehr Arten zu kriegen, jedoch nicht, dass de facto deswegen mehr Arten überleben. Es werden auch viele Arten aussterben, bevor wir sie identifiziert haben. Von daher, ja, wir kriegen noch mehr Arten. Doch die sind alle schon da, nur noch nicht von uns entdeckt.

Müsste man – vor allem im Hinblick auf die Landwirtschaft – Arten modifizieren, um andere zu erhalten?

Artenmodifikation ist eine Möglichkeit, eine gewisse Vielfalt zu erreichen. Für die Arterhaltung ist hier allerdings wenig zu erwarten. Im Sinne einer Nutzung kann man noch ein bisschen Variabilität einbringen, man kann hier und da gezielter züchten. Doch wir wissen auch, dass diese Züchtungen nur eine gewisse Zeit funktionieren, weil sich durch die Evolution zum Beispiel Schädlinge wieder anpassen. Das sind alles Möglichkeiten, die nicht die Superlösung für alles sind, aber kleine Elemente darstellen können. Insofern ist das alles als Gesamtmischung richtig: Arten, traditionelle Sorten sowie auch neue genetische Züchtungen – das sind alles viele kleine Komponenten im Großen und Ganzen.

Was erwarten Sie von der Konferenz?

Ich erwarte, dass wir die Ziele stärker formulieren und dafür sorgen, dass wir sie auch erreichen können. Wir brauchen Instrumente, die es möglich machen, Vereinbarungen einzuklagen. Das war bislang das Dilemma. Wir haben viele Vereinbarungen, die letztlich nicht eingehalten werden und keiner kann dafür in Haftung genommen werden. Hier müssen wir weiterkommen. Das ist eine Frage der Rechtsthematik und der Gerechtigkeit.

Wissen

Bodenstück mit bedrohten Tierarten, darunter Feldhamster, Schmetterlinge, Regenwurm, Maulwurf und Maikäfer. Im Hintergrund zeichnet sich ein Baum vor blauem Himmel ab.
Im Dezember findet der Artenschutzgipfel COP 15 in Montréal/ Kanada statt. Die internationale Politik möchte sich dort auf einen neuen Gesetzerahmen zum weltweiten Artenschutz verständigen. MDR WISSEN begleitet die Konferenz mit aktuellen Informationen zum Artenschutz. Bildrechte: MDR
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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 06. Dezember 2022 | 20:00 Uhr