Klimawandel Risiko-Analyse Deutschland 2100: Ein Risiko-Hotspot durch Klimawandel

Was passiert, wenn es durchschnittlich 3 Grad wärmer wird in Deutschland? Das Umweltbundesamt hat eine Risko-Analyse erstellt und kommt zu dem Schluss: Das ganze Land hat das Zeug zum Risiko-Hotspot.

Ein Fluss führt Hochwasser
Ilmenau in Thüringen _ Überschwemmung am 29.05.2016 Bildrechte: Bernd März

Deutschland im Klimawandel: Was bedeutet das konkret für die Zukunft? Wie wirkt sich das auf die Natur, Lebensgrundlagen, Gesundheit, Alltag und Wirtschaft aus? Wo können Klimarisiken verringert werden? Das Bundesumweltamt zeigt Antworten auf diese Fragen in einer aktuellen Risikoanalyse auf. Dazu wurden Zukunftsszenarien für zwei Epochen erstellt, 2031 bis 2060 Mitte und bis Ende, ab 2070 bis 2100 untersucht.

Risiko Klimawandel: Wie Mensch, Natur und Infrastruktur angegriffen werden

Als Risiken identifiziert der Bericht unter anderem natürliche Lebensgrundlagen wie Böden, Wälder und Gewässer, sowie die Wirtschaftsgebiete, die auf diese Resourcen angewiesen sind, also Land- und Fortwirtschaft.

Frau schnäuzt vor blühenden Haselstrauch in Taschentuch.
Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Die Analyse skizziert Kettenreaktionen durch den schleichenden Temperaturanstieg: Anbauregionen verschieben sich, neue Schädlinge treten auf, das Artenspektrum von Tieren und Pflanzen ändert sich. Ökosysteme wie Gebirge oder Wattenmeer werden gestört, wenn sich Arten nicht anpassen können, sterben Arten aus, die biologische Vielfalt verödet. Direkt spürbare Folgen für den Menschen sind Hitzewellen, mehr Allergien durch mehr Pollen, sowie Atembeschwerden durch schelchtere Luftqualität. Starkregen und Überschwemmungen als Risikofaktoren für Gebäude, Anlagen und Verkehrswege. Die Klimawandelfolgen in anderen Ländern bekommt Deutschland in Wirtschaftsprozessen zu spüren, wo es mit internationalen Lieferketten verknüpft ist.

Deutschland: Welche Regionen sind besonders betroffen?

Der überflutete Marktplatz von Wehlen aufgenommen am Mittwoch (05.06.13)
Blick auf das Örtchen Wehlen an der Elbe, der im Juni 2014 überbflutet wurde. Bildrechte: IMAGO

Dem Bericht zufolge bekommen besonders der Westen und Süden des Landes den Klimawandel zu spüren. Konkret in den Städten entlang des Rheins und der Spree sind Klimarisiken durch extreme Hitze zu erwarten, die Analyse sagt klimatische Extreme für den Südwesten und Osten voraus. Flüsse und Flusstäler werden durch Stark- und Sturzregen betroffen sein, die Gebäude und Infrastrukturen gefährden. Trockenheit und Niedrigwasser werden den wasserabhängigen Systemen in ländlichen Regionen zusetzen, den trockenen Gebieten im Osten Deutschlands, der westlichen Mitte und den Industriegebieten.

Bei einem starkem Klimawandel geht der Bericht davon aus, dass im Jahr 2100 ganz Deutschland ein Hotspot für Risiken durch den Klimawandel ist.

Klimawandel: Wie kann man die Risiken entschärfen?

Blick über runde Stahlarmierungen auf Baufahrzeuge
Bei der Flut 2013 hatte Döbeln (Sachsen) mit 53 Millionen Euro den größten Schaden im Landkreis Mittelsachsen zu verkraften. Fast die gleiche Summe investiert der Freistaat in den Hochwasserschutz der Stadt. Bildrechte: MDR/Ines Gruner-Rudelt

Alles in allem keine schönen Aussichten. Lassen sich diese Risiken bannen oder abschwächen? Nur, wenn natürliche Ressourcen entlastet werden, sagt der Bericht, wenn Verschmutzung und Übernutzung eingestellt werden. Nur nachhaltige Nutzung könnte den Kaskadeneffekt zusammenbrechender Systeme ausbremsen. Der Hochwasserschutz ist zum Beispiel ein Bereich, der vor Zerstörungen durch Flüsse schützen kann.

Weitere Maßnahmen sind flächendeckende bodenschonende Bewirtschaftung, die den Humusvorrat im Boden und die Bodenfeuchte fördern. In Küstennähe braucht es dem Bericht zufolge Maßnahmen wie Entwässerungseinrichtungen, um Siedlungen und Infrastuktur vor dem ansteigendem Meeresspiegel zu schützen. Oder der Waldumbau zu standortgerechten Mischwäldern, deren Wachstum zwar dauert, aber wiederum der Artenvielfalt bei Tieren und Pflanzen zu Gute kommt.

Außerdem gibt es Anpassungsmaßnahmen städtischer Räume, um deren Erhitzung zu verhindern - zum Beispiel durch Begrünung von Freiflächen und Gebäuden. Es dauert allerdings Jahre, bis allergen-arme und klimatisch angepasste Bäume gewachsen sind, so dass sie zur Kühlung von Städten beitragen und die Luftqualität verbessern.

Grün am Grau - wie Natur und Städte miteinander wachsen

Grünes Hochhaus in Mailand
Bosco Vertikale - der senkrechte Wald aus Mailand: 700 Bäume auf Balkone und 5.000 Sträucher - umgerechnet 10.000 Quadratmeter Wald für 50.000 Quadratmeter Wohnfläche. Bildrechte: imago/Independent Photo Agency
Grünes Hochhaus in Mailand
Bosco Vertikale - der senkrechte Wald aus Mailand: 700 Bäume auf Balkone und 5.000 Sträucher - umgerechnet 10.000 Quadratmeter Wald für 50.000 Quadratmeter Wohnfläche. Bildrechte: imago/Independent Photo Agency
Jogger laufen an einem begrünten Haus vorbei
Die hängenden Gärten von São Paulo in Brasilien: 2015 wurden sieben fensterlose Hochhausfassaden entlang der Trasse "Minhocao" begrünt. Von Künstlern geplant wachsen seither grüne Muster an den ursprünglich toten Fassaden. Finanziert wurden die hängenden Hochhausgärten von Firmen, die ökologische Ausgleichszahlungen leisten mussten. Die Fassadengärten sollen Luft- und Lebensqualität entlang der Straße verbessern. Bildrechte: imago images / ZUMA Press
Öffentliches Gebäude mit bepflanzter Fassade
Die Stadtverwaltung Venlo in den Niederlanden. Gebaut nach dem C2C-Prinzip - cradle to cradle. Bedeutet: Es gibt keine Abfälle, gebaut wird so, dass die Rohstoffe in einem anderen Produkt genutzt werden können ohne Restprodukte. Ein Beispiel für das Prinzip: Das Wasser aus Waschbecken fließt in Pflanzenkläranlagen und tränkt danach die grüne Fassade. Der Bodenbelag im Inneren ist aus PET-Flaschen-Material. Bildrechte: imago/imagebroker
Grüner Garten an einer Hauswand.
Eine Pariser Gebäude-Fassade, komplett begrünt. Bildrechte: imago/All Canada Photos
Hundertwasserhaus - Vienna
Lang vor "Vertical Garden" wurde das Hundertwasserhaus in Wien gebaut, von 1983 bis 1986. Es beherbergt 52 Wohnungen und vier Geschäfte, sowie 19 Terasssen. 250 Bäume und Sträucher begrünen das Haus. Bildrechte: imago/viennaslide
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Ob in Städten, bei der Umstellung von industrieller Landwirtschft auf ökologische, beim Waldumbau oder ökologischer Wasser- und Flächennutzung: Überall gelten die Tugenden der Gärtnerns, nämlich Geduld und Weitblick. Dafür wiederum braucht es Menschen, die fachlich diesen Weitblick haben oder erwerben, und die mit den finanziellen Mitteln ausgestattet werden, all diese Mechanismen anzuschieben und umzusetzen. Dann muss Deutschland 2100 kein Risiko-Hotspot sein.

Hier finden Sie die komplette Risiko-Analyse als PDF.

(lfw)

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12 Kommentare

Eulenspiegel vor 24 Wochen

„ Ich sehe schwarz für die Nahrungsmittelerzeugung in Deutschland.“
Und ich sehe noch schwärzer für die Nahrungsmittelerzeugung in allen Staaten der Erde die eine gewisse nähe zum Äquator haben. Und dabei können diese Staaten am wenigsten für den Klimawandel.
Ich denke es ist nur eine Frage der Zeit bis das Zigmillionen Hungerflüchtlinge aus diesen Staaten an den Außengrenzen Europas stehen werden.
Aber bestimmten Leuten scheint das nicht zu stören.

Dorfmensch vor 24 Wochen

Leider werden lebenswichtige Dinge, wie die Ernährung völlig augeblendet. Offenbar ist vielen nicht bekannt, dass die Nahrungsmittel nicht im Supermarkt erzeugt sondern dort nur verkauft werden. Ich sehe schwarz für die Nahrungsmittelerzeugung in Deutschland. Einerseits droht eine ideologisch begründete Zerstörung insbesondere der deutschen Landwirtschaft. Viele politischen Maßnahmen führen zum Flächenrückgang für die Nahrungsmittelerzeugung und Ertragsfähigkeit der verbliebenen Flächen (Mit Öko-Landbau kann die Menschheit mit steigenden Zahlen nicht ernähren). Zum anderen führt der prognostizierte Klimawandel zur Absenkung der Erträge, wobei sich heute Deutschland in einer noch relativ günstigen Situation hinsichtlich Klima als Wachstumsfaktor befindet, die aber nach den Klimaprojektionen schlechter wird.
Mich stört zudem der exzessive hoch subventionierte Flugverkehr. Das muss aufhören. Freikaufen für die Flugscham kann doch nicht wahr sein. Wenn das Geld im Kasten klingt ...??????

Denkschnecke vor 24 Wochen

Wenn man sich einmal die CO2-Veränderung über die letzten 400000 Jahre (damals gab es noch nicht einmal den Neandertaler) angesehen hat (wikipedia: Kohlenstoffdioxid in der Erdatmosphäre, Abbildung unter "Neogen und Quartär") und dabei die abrupte Zunahme seit der industriellen Revolution ganz rechts, muss man schon sehr trübe Augen haben, um noch an "natürliche Abläufe" glauben zu wollen.