Erdüberlastungstag Deutschland hat seine Ressourcen aufgebraucht

Jedes Jahr errechnet das "Global Footprint Network" den Tag, an dem alle Ressourcen aufgebraucht sind, die innerhalb eines Jahres von der Erde bereitgestellt werden können. Der deutsche Erdüberlastungstag ist in diesem Jahr am 5. Mai gekommen. Ab jetzt leben wir auf Pump.

Symbolbild - Weinender Planet Erde-- Erdüberlastungstag
Bildrechte: Colourbox.de

Wir leben über unsere Verhältnisse. Und das sogar in ziemlich großem Stil. In diesem Jahr fällt der deutsche Erdüberlastungstag auf den 5. Mai. Das heißt, ab diesem Tag verbrauchen wir Ressourcen, die es rein rechnerisch gar nicht gibt.

Nach nur vier Monaten war schon Schluss

Jedes Jahr errechnet das Global Footprint Network den Tag, an dem die natürlichen Ressourcen aufgebraucht sind, die uns die Erde für ein Jahr zur Verfügung stellen kann. Um das zu tun, wird der ökologische Fußabdruck, also die Nachfrage nach biologischen Ressourcen, in ein Verhältnis zur Biokapazität, also die Menge der weltweiten Regeneration biologischer Ressourcen, gesetzt. Global gesehen werden wir diesen Zeitpunkt am 22. August erreicht haben. Auch da leben wir weit über unsere Verhältnisse. Erschreckend ist aber: Für unsere kleine Nation Deutschland ist der Tag schon jetzt gekommen – nach nur gut vier Monaten.

Würden weltweit alle Menschen so verschwenderisch leben wie wir, bräuchte die Menschheit drei Erden, um ihren Ressourcenverbrauch zu decken. Deutschland lebt ab heute auf Pump und verschwendet die Lebensgrundlagen aller Länder und zukünftiger Generationen. Das ist zutiefst ungerecht und geht auf Kosten der Menschen im globalen Süden.

Olaf Bandt, BUND

Zum Vergleich: Die gesamte Weltbevölkerung bräuchte nur zirka 1,7 Erden. In Deutschland tragen vor allem die Energieversorgung und der Verkehr durch ihre hohe CO2- Emission zur Überlastung bei. Länder wie Haiti, Ruanda oder auch Indien haben einen sehr viel kleineren ökologischen Fußabdruck als Deutschland. Gleichzeit müssen diese ärmeren Länder aber die Folgen schultern, die aus unserem übermäßigen Ressourcen-Konsum entstehen.

Bauern und Bäuerinnen dort sind besonders stark von Extremwetterereignissen in Folge des Klimawandels betroffen. Der Zyklon Idai hat in Mosambik ganze Ernten und somit die Lebensgrundlage der Bevölkerung zerstört.

Lena Michelsen, INKOTA, Netzwerk für eine gerechte Welt

Menschen spüren die direkten Folgen nicht

Vielen Menschen ist noch immer nicht bewusst, welche Auswirkungen unser Konsumverhalten und die damit verbundenen Produktionsweisen und Ressourcennutzungen auf die Umwelt und unser Klima haben. Sie spüren die direkten Folgen nicht. Andernfalls wäre der Druck, den die Menschen auf die Politik ausüben würden, eventuell etwas höher. Diese hat es laut Umweltorganisationen wie BUND oder WWF versäumt, rechtzeitig und effektiv aktiv zu werden.

Der frühe deutsche Erdüberlastungstag ist ein Alarmsignal und Armutszeugnis für die verfehlte Umwelt- und Naturschutzpolitik der vergangenen Jahre.

Olaf Bandt, BUND

Die Organisationen fordern von der Politik deutlich ambitioniertere Klimaziele und auch die Einleitung einer längst überfälligen Ressourcenwende. Für sie ist klar, dass die Zeit des stetigen Wirtschaftswachstums, das um jeden Preis forciert wird, endlich vorbei sein muss, wenn auch künftige Generationen noch einen lebenswerten Planeten und eine lebenswerte Gesellschaft vorfinden sollen. Das bestätigt auch Dr. Mathis Wackernagel, Gründer des Global Footprint Network.

Wir sind Teil eines gefährlichen Schneeballsystems: Wir nehmen Ressourcen der Zukunft, um die heutige Wirtschaft zu füttern. Wie bei einem finanziellen Schneeballsystem bauen wir uns damit die eigene Falle.

Dr. Mathis Wackernagel, Global Footprint Network

Seit 1970 lebt die Menschheit über ihre Verhältnisse. Seitdem verschiebt sich der Earth Overshoot Day kontinuierlich nach vorn. Und doch ändert sich nichts. Trotzdem verbrauchen wir weiterhin Ressourcen, die wir nicht haben, die uns nicht zustehen.

Warum handeln wir so, obwohl wir es besser wissen?

Gründe dafür gibt es viele: Wir sind Meister der Verdrängung. Weil wir die Auswirkungen unseres Handelns nicht direkt spüren, erscheint es uns nicht als wirklich wichtig. Was passiert uns denn direkt, wenn wir noch schnell einen Coffee-To-Go im Wegwerfbecher kaufen? Der verschwindet nach fünf Minuten in irgendeiner Abfalltonne und damit aus unserem Aufmerksamkeitsfeld. Gleichzeitig sind wir großartig darin, uns Dinge schönzureden. Die eine Ausnahme wird schon niemandem weh tun. Der eine Flug wird schon nicht so schwer ins Gewicht fallen.

Außerdem springt unser Gehirn deutlich auf kurzfristige Belohnungen an. Zeitkonsistente Diskontierung heißt das laut Psychologin Annegret Wolf von der Martin-Luther Universität Halle. Für uns erscheint die zwölfte Jacke, die wir kaufen, obwohl wir sie eigentlich nicht brauchen, viel reizvoller, als die Vorstellung, durch unseren Verzicht etwas Gutes für die Umwelt getan zu haben.

Die anderen tun es ja auch

Und auch unsere Mitmenschen sind oft keine besonders gute Hilfe, denn wir lassen uns unglaublich leicht beeinflussen. Getreu dem Motto: Wenn es die anderen tun, dann darf ich das doch auch. Und schließlich ist es auch unser alltägliches Umfeld, mit all den Verlockungen und Werbeversprechen, durch das wir konditioniert werden.

Mensch hat es nicht leicht. Wir alle tun oft Dinge wider besseres Wissen. Ein Grund, unser bisheriges Verhalten so beizubehalten, ist das dennoch nicht, denn wie der extrem frühe Earth Overshoot Day zeigt, ist es bereits Fünf NACH Zwölf. Wir müssen die Sache jetzt dringend auf die Reihe bekommen und da ist nicht nur die Politik in der Pflicht, sondern jeder einzelne Mensch. Einige Beispiele, wie das gehen kann, haben wir in diesem Artikel verlinkt. Jeder kann dazu beitragen, weniger verschwenderisch mit den Ressourcen der Erde umzugehen. Jeden Tag, durch kleine Schritte. Bis sich daraus eine Routine und dann eine Selbstverständlichkeit entwickelt.

Durch Corona scheint sich der Erdüberlastungstag übrigens leicht verschoben zu haben. Fiel er 2019 noch auf den 29. Juli, war es 2020 der 22. August. Es wird vermutet, dass diese Verschiebung mit unserem verändertem Mobilitätsverhalten zusammenhängt. Belastbare Studienergebnisse gibt es dazu laut Global Footprint Network allerdings noch nicht. Außerdem markiere dieser Effekt noch lange keine Trendwende.

JeS

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25 Kommentare

MDR-Team vor 11 Stunden

@Fritz X,
haben Sie den verlinkten Artikel gelesen? Zahlreiche Wissenschaftler*innen sehen die Überbevölkerung nicht als größtes Problem der Menschheit.
In den reichsten Ländern ist der Ausstoß 50 Mal höher als in den ärmsten Ländern. Gerade in diesen Ländern mit niedrigem Einkommen und geringen Emissionen wächst die Zahl der Menschen aber am schnellsten. Dementsprechend hilft eine geringere Geburtenrate in armen Ländern nicht, wenn es um die Emissionen geht.

Querdenker vor 12 Stunden

Für die Erde ist der winzige Schmarotzer Mensch bedeutungslos. Die Erde ist nicht überlastet. Es gab schon so einige Massenaussterben und das hat der Erde nicht groß geschadet. Das ist dann eher wie eine Art „Friseurbesuch“, wo wild wuchernde Sachen abgeschnitten werden und die Erde mit einem neuem Styling herauskommt. Eine Typveränderung sozusagen.

Bisher ist der Mensch nicht auf dem richtigen Weg, das nächste „Umstyling“ der Erde zu verhindern. Es werden Sachen gebaut, die nicht lange halten (geplante oder in Kauf genommene Obsoleszenz) und uns werden angeblich klimaschonende Produkte verkauft, die bei genauerem Hinsehen keine sind (Autos ohne Solarkarosserie).

DDR Bürger können es gut nachvollziehen, dass es möglich ist Sachen zu bauen, die eine lange Haltbarkeit haben und gut reparierbar sind.

siehe „mdr DDR-Haushaltsgeräte: Per Gesetz unkaputtbar“

Fritz X vor 12 Stunden

Hallo MDR ! Niedrige Geburtenraten tragen weniger zur Senkung der Emissionen bei ? Sorry, das ist Unfug ! Mein Professor an der Hochschule ( übrigens in MD) hat uns im 1. Semester gelehrt, die Überbevölkerung ist das grösste Problem der Menschheit.