Der Altpapier-Jahresrückblick am 31. Dezember 2021 Krasser Verdrängungswettbewerb

Konzerne wie Alphabet und Meta dominieren die Liste der größten Medienkonzerne – und haben gute Gründe, lieber nicht mehr Google oder Facebook zu heißen. Im Wettbewerb mit "nationalen Champions" und anderen kleineren Fischen wird vor allem gestreamt, was das Zeug hält – aus der "Cloud" heraus, bei der es sich aber um keine Wolke handelt. Ein Altpapier-Jahresrückblick von Christian Bartels.

Eine stilisierte Krake streckt ihre Tentakel aus.
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Google ganz vorne

"Die großen Schnellen werden schneller größer" hieß der Altpapier-Rückblick auf die Entwicklung der größten Medienkonzerne 2020. Was sich geändert hat, wirkt nicht dramatisch: Noch größere Konzerne wachsen halt weiter. Platz 1 der neuen, gerade im "Jahrbuch Fernsehen" erschienenen Rangliste der "50 größten Medien- und Wissenskonzerne" des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik belegt der überdominante Konzern rund um die Suchmaschine Google. Er erzielte im Jahr 2020* umgerechnet 159,8 Milliarden Euro Umsatz.

[* Die Rangliste basiert wie immer / notwendigerweise auf den Umsätzen des abgeschlossenen Vorjahres, also 2020. Anm.d.Autors]

Die 15 Milliarden Euro, um die der Umsatz anstieg, würden alleine für Platz 21, knapp hinter den beiden ersten echten Europäern Bertelsmann und Vivendi ausreichen. Und weiter investiert Google groß in noch defizitäre Geschäfte wie das mit der "Cloud", bei dem Amazon weit vorne liegt, oder Roboterautos. Damit, neue Geschäftsfelder erst mal ohne große Rücksicht auf Verluste zu erobern, um sie anschließend umso erfolgreicher zu monetarisieren, kennt der Konzern sich aus. Wobei er ja gar nicht mehr Google heißt, sondern seit 2015 Alphabet Inc.

Was zum Drittplatzierten führt: Der Facebook-Konzern, der außer dem bislang namensstiftenden Netzwerk ja auch Instagram und Whatsapp besitzt, nennt sich neuerdings "Meta". Der Grund dürfte der sein, der auch Googles Umbenennung anstieß: nicht bei jeder Verkündung von Geschäftszahlen automatisch drauf hinzuweisen, dass Abermilliarden-Gewinne mit Infrastruktur-artigen Angeboten wie "sozialen" Netzwerken, die Nutzerdaten an alle möglichen Interessenten verkaufen oder der größten Suchmaschine erzielt werden. Überlegungen, übermächtige Konzerne wie Facebook zu zerschlagen, werden nicht nur in der EU (die medienpolitisch freilich weiterhin ein zahnloser Tiger ist) angestellt, sondern weiter auch in den USA, wo die Konzerne sitzen.

Alle global wichtigen Akteure aus Internetökonomie, Plattformkapitalismus und Unterhaltungsindustrie sitzen in den USA? Nein, Tencent aus Shenzen, in der mediadb.eu-Detailansicht als "chinesisches Disney" bezeichnet, hat das originale Disney überholt und ist nun vierter. Mit dem TikTok-Eigentümer Bytedance aus Peking (Platz neun) und der japanischen Sony (acht) rangieren inzwischen drei asiatische Konzerne in den Top Ten. Asien wird mittel- und langfristig so wichtiger wie Europa unwichtiger.

Wie immer berücksichtigen die Listen-Macher nur die Geschäftsfelder, die sich dem Bereich "Medien" zuordnen lassen. Daher rangieren Apple und Amazon, die am Gesamtumsatz oder Börsenwert gemessen zu den allergrößten Firmen gehören, nur im Mittelfeld der Top Ten. Alibaba, der einzige echte Amazon-Konkurrent aus China, findet sich unter ferner liefen. Und die Vorjahres-Nr. 1, die American Telephone and Telegraph Company, entfiel aus ähnlichen Gründen ganz, nachdem sie den Medienzweig Warner Media (neu auf Platz 10 durch die geplante Fusion mit Discovery mit Luft nach oben) abspaltete. Alte Telekommunikation à la AT & T hat mit "Medien und Wissen" nicht genug zu tun, um mitgezählt zu werden. Worüber sich natürlich streiten ließe ...

Ein "nationaler Champion" für Deutschland?

Der größte deutsche Medien-Konzern Bertelsmann ist auch größter europäischer, sofern man das vom französischen Eigentümer auch aus steuerlichen Gründen in Amsterdam angesiedelte Konglomerat "Altice" außer Acht lässt. Bertelsmann hält sich wacker – gerade noch in den Top 20. Der Gesamtumsatz sank leicht auf 17,29 Mrd. Euro. Was zum Beispiel mit Gruner+Jahr zu tun hat: Der Zeitschriftenverlag wird gerade in Bertelsmanns Fernsehgeschäft RTL eingegliedert – ein konzerninternes Geschäft, das jedoch in den Bilanzen auftauchen muss. "Erstaunlich niedrig ist der Kaufpreis, den RTL für die Übernahme zahlen wird: 230 Millionen Euro sollen verrechnet werden", notierte die "Süddeutsche". Dabei erzielte G+J einst selbst Milliardenumsätze. Nachdem der zuvor größte Zeitschriftenverlag Europas etwa durch den Verkauf seiner stolzen französischen Filiale "vollständig auf den deutschen Markt zurückgeworfen" wurde, wie Wolfgang Michal im "Freitag" beschrieb, kann der Fernsehzweig ihn eingemeinden.

Das französische Geschäft ging an – Vivendi aus Frankreich, den zweitgrößten europäischen Medienkonzern. Das Rezept, in Europa jeweils "nationale Champions" zu schaffen, um der kalifornischen Konkurrenz entgegenzutreten, betont Bertelsmann-Chef Thomas Rabe gerne und oft. "Ein Abo für alle Medien" soll das ab 2022 auf dem deutschen Markt heißen und bedeuten, dass Bertelsmann "neben Filmen und Serien auch Musik, Podcasts, Hörbücher und Premium-Magazine" im Abo anbietet. Das läuft unter dem alten neuen Namen "RTL+" an.

Eine seltsame Namens-Strategie: "RTL plus" war beim späten Start des deutschen Privatfernsehens 1984 früh dabei und verschwand dann, bis der Name 2016 für einen nischigen Nachspielsender, "der sich überwiegend an weibliche Zuschauer ab 45 Jahren" richtet, wieder auftauchte. Seit November heißt dieser weiter nischige Sender "RTL up". Und die Streaming-Plattform, die unter dem austauschbaren Namen tvnow.de leidlich bekannt wurde, heißt seither RTL +. Andererseits, alle Streaming-Plattformen – außer den älteren und global größten, Netflix und Amazon Prime – heißen was mit Plus, also: Apple TV+ oder Disney +. Womöglich wird ein "+" so zum Symbol für teilweise kostenpflichtigen Film- und Videoabruf, wie sich das Raute-Zeichen "#" zum allgemein verstandenen Zeichen für Trends (oder das, wovon Agenturen gerne hätte, dass es trendet) wurde.

Was Bertelsmann-Chef Rabe am Rande sagte (dem eben verlinkten SZ-Artikel zufolge): "In zwei bis drei Jahren würde ich nicht ausschließen, das es zu einer Annäherung zwischen ProSiebenSat1 und RTL kommen kann", hätte noch vor wenigen Jahren für helle Aufregung gesorgt. Ein Zusammengehen der beiden Privatsendergruppen aus Gütersloh und Unterföhring – so etwas war einst das Schreckensszenario für Medienwächter, deren größter Stolz lange darin bestand, 2006 Springers Kauf der ProSiebenSat.1-Gruppe verhindert zu haben. Das wurde dann zwar gerichtlich aufgehoben, aber erst 2012, als es zu spät war. Das Verdienst, in eklatanter Fehleinschätzung der Entwicklung deutsche Medienkonzerne klein gehalten und riesigen US-Unternehmen den roten Teppich ausgerollt zu haben, bleibt den Medienwächtern.

Gestreamt wird was das Zeug hält

"Im 2. Quartal 2021 ist die weltweite Streaming-Nutzung um 13 Prozent im Vergleich zu 2020 gestiegen. Nach den Analysen von PWC ist für das Jahr 2021 ein Anstieg des Branchenumsatzes auf 59 Milliarden Euro zu erwarten",

zitierte etwa Helmut Hartung (medienpolitik.net) aus den zirkulierenden Zahlen. Dass im Sommer '21 "Freizeitaktivitäten abseits der Bewegtbildnutzung" zeitweilig das Streaming zurückdrängten, wie es die Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung nett formulierte, ändert an den Aussichten wenig. Und im Herbst und Winter befeuern neue Corona-Maßnahmen das Streamingdienste-Geschäft ja wieder.

Internetnutzung wird auf sämtlichen denkbaren Geräten in kaum vorstellbarem Ausmaß gemessen. Zwar bleiben exakte Daten, zumal beim Streaming, Betriebsgeheimnisse, doch zu PR-Zwecken ausgewählte Zahlen hagelt es inzwischen, zum Beispiel in der neuen Form der "vom Publikum gesehenen Programmminuten" oder der Top-Ten-Listen, wie sie Netflix inzwischen veröffentlicht (Altpapier). Netflix hat mit über 20 Milliarden Euro Umsatz dank deutlich mehr als 200 Millionen zahlenden Kunden weltweit Bertelsmann überholt. Muss da Disney-Aktionäre enttäuschen, dass dessen "+"-Dienst noch keine 120 Millionen Kunden zählt?

Auch der steigende Ausstoß der beliebtesten Streamingdienst-Gattung "Serien" ist nicht mehr zu überblicken. Werden es 2021 insgesamt "91 neue Serien-Staffeln" bei Netflix und 60 bei Amazon Prime gewesen sein, wie die serienjunkies.de für Deutschland zählten ("In unserer Seriendatenbank haben wir 339 Serien, die im Jahre 2021 gestartet sind, eingetragen")? Ist die Amazon-Produktion "Der Herr der Ringe" mit Produktionskosten von "rund 465 Millionen Dollar" "die teuerste Serie aller Zeiten", wie im April gemeldet wurde? Falls ja, wird sie es vorübergehend gewesen sein. Das Rezept, Infohäppchen in eigener Unternehmens-Sache so zu veröffentlichen, dass möglichst viele Nachrichtenmedien sie weiterposaunen, gehört zum Basiswissen von Trainees.

Mittel- und langfristig dürfte vielen Kunden schwanen, dass sie viel Geld für zu viele Abos ausgeben. Dann dürfte neben spektakulären Ankündigungen auch das sonstige Angebot eine Rolle spielen. Womöglich, dass langlaufende Serien wie "How I Met Your Mother" (208 Folgen) aus Netflix' und Amazons Angebot entfallen, weil inzwischen Disney Lizenzinhaber ist und mit so was lieber exklusiv eigene Kunden bindet (golem.de). Was für Deutschland allerdings noch nicht gilt, wo RTL Lizenzen erwarb, die weiter laufen. Alle können mit fast allen kooperieren, weil es kaum komplett deckungsgleiche Angebote gibt. Und doch herrscht ein krasser, multipler Verdrängungswettbewerb, den in seiner aktuellen Form nicht alle Teilnehmer lange durchhalten dürften. Da spielen etwa auch die klassische Pay-TV-Plattform Sky, die für 2022 "60 eigenproduzierte Serien aus Deutschland, Großbritannien und Italien" ankündigt, und ihr größter Konkurrent DAZN, der sich Serien spart, um mehr Geld für immer noch teurere Fußballrechte ausgeben zu können, wichtige Rollen.

Springer, andere kleine Fische & eine große Grauzone

Wer keine große Rolle mehr im Streaming-Geschäft spielt: ProsiebenSat1, das mit seiner Plattform namens "Maxdome" einst ein deutscher Pionier war und mit dem (gemeinsam mit Discovery besessenen) Nachfolger joyn.de früh gute Ideen hatte – außer Abruffernsehen auch lineares "Live-TV" zu bieten, und Partner einzuladen. Worauf sich niemand einließ, weil alle lieber auf eigene Rechnung streamen wollen. ProsiebenSat1 schaffte es dank guter Geschäfte im Privatfernsehen gerade noch in die Top 50 (Platz 48).

Weitere deutsche Unternehmen – außer einem, um das es weiter unten gehen wird – tauchen in der zweiten Hälfte der Top 100 auf (die sich nicht online, sondern nur im gedruckten "Jahrbuch Fernsehen" finden).

Axel Springer etwa, dass die deutsche Medienlandschaft kräftig polarisiert, überwiegend mit Absicht, belegt mit 3,1 Umsatz-Milliarden gerade mal Platz 60. Für die Aufregung um den abgelösten Bild-Chefredakteur Julian Reichelt gab es viele gute Gründe. Dass die "New York Times" die Gelegenheit nutzte, um zugleich dem Wettbewerber, der für eine mutmaßliche "Rekordsumme" das US-amerikanische Portal "Politico" komplett übernahm, elegant einen Schubser zu versetzen (Altpapier), spielte in der deutschen Berichterstattung eher eine Nebenrolle. Springer versucht gerade mehrere Spagats – zwischen Europa und den USA (den der halbstündige Film "Raiders of the lost circulation", in dem Schauspieler Herbert Knaup Axel Springer darstellt, illustrieren soll) und zwischen gedruckten Medien und linearem Fernsehen. Die verbliebenen Printprodukte "Bild" und "Welt" versuchen sich inzwischen beide auch als Fernsehsender Fernsehwerbe-Einnahmen zu erwirtschaften.

In den Medienkonzern-Charts steht Springer zwischen vertrauten Rivalen: zwei Plätze und 0,8 Milliarden Euro Umsatz hinter der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck ("Die Zeit"), sechs Plätze, aber weniger Umsatz vor Burda. Je größer der Abstand zur Spitze, desto wichtiger für alle ja weiter wachstumsorientierte Konzerne wird die große Grauzone, in der die milliardenschweren Spitzenreiter den weit abgeschlagenen Wettbewerbern auf einzelnen Teilmärkten unter die Arme greifen. Für "zwei Produkte, die nichts bringen" zahlen Google und Facebook "Millionen an deutsche Verlage" – ungenannte Summen zu öffentlich unbekannten Konditionen an viele, aber nicht alle, vor allem: an größere Presseverlage. Über den "Google News Showcase" und "Facebook News" berichtete netzpolitik.org auch 2021. Offenkundig geht es um "eine Teile-und-Herrsche-Taktik" und darum, dass inzwischen bestehende, diffus formulierte Leistungsschutz-Gesetze nicht angewendet werden.

Die Verwertungsgesellschaft Corint Media, der viele privatwirtschaftliche deutsche Medien angehören, verlangt von den Konzernen für ihre "Nutzungen von Presseinhalten" im kommenden Jahr 2022, 420 Millionen Euro bzw. 190 Millionen Euro. Das basiert auf Berechnungen für 2020, denen zufolge Google und Facebook in Deutschland rund neun bzw. rund fünf Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet hätten. Klar, Corint Media ist alles andere als überparteilich. Angesichts der geringen Transparenz, mit der Google/Alphabet und Facebook/Meta in Europa arbeiten, verdienen solche Zahlen dennoch Aufmerksamkeit.

Springer, dessen Chef Mathias Döpfner trotz seiner Umstrittenheit in diesem Jahr weiterhin Präsident des Zeitungsverlegerverbands ist (vermutlich wegen seiner unbestrittenen Qualitäten als Lobbyist), ist traditionell auf vielen Feldern umtriebig und plante 2021, "bei Facebook gleich doppelt ab"-zusahnen: durch den Konzern-eigenen "Kurator" namens Upday, wie bei horizont.net Ulrike Simon kritisierte, woraufhin Springer auf dieses Geschäft offenbar verzichtete. Von Simon hat man später im Jahr wenig gehört. Aus Gründen: Die im Altpapier jahrelang viel zitierte Medienjournalistin ging zum Rundfunk Berlin Brandenburg und bereitete im Stillen die Übernahme des ARD-Vorsitzes durch den kleinen RBB vor.

Die ÖR-Mediathek mit einer Viertelmillion Inhalte

Wer im Hardcore-Verdrängungswettbewerb der Streaming-Anbieter gute Chancen hat, durchzuhalten, weil sein zahlendes Publikum weder monatlich noch zum Quartalsende kündigen kann, sondern gar nicht: unsere Öffentlich-Rechtlichen.

Sie sind keine Konzerne, die Gewinne erzielen und an Aktionäre ausschütten. Andererseits, wenn sie Rechte an Fußballspielen ersteigern, private Produktionsfirmen (oder eigene Tochterfirmen) mit der Herstellung teurer Serien beauftragen oder aufwendige Formate für Googles Youtube, Facebooks Instragram oder Bytedances Tiktok herstellen und damit diese Plattformen für anspruchsvolle Nutzer noch attraktiver machen (und in ihren Programmen üppig dafür werben), greifen sie doch in den Markt ein. Daher werden ARD und ZDF sinnvollerweise mitgezählt in der Rangliste der größten Medienkonzerne. Die ARD belegt mit 6,9 Mrd. Euro Umsatz im Jahr 2020 knapp hinter der BBC Platz 34. Noch nicht berücksichtigt ist die leichte Steigerung ihrer, nun ja: Umsätze 2021, als die eigentlich zum Jahresbeginn vorgesehene Erhöhung des Rundfunkbeitrags im August dann doch kam.

In den Mediatheken-Wettbewerb eingestiegen ist die ARD definitiv. Es hagelt Ankündigungen von "spektakulären Serienhighlights". "Für 2022 planen wir für die Mediathek gleich 25 neue fiktionale Serien; alle zwei Wochen finden Sie dann eine neue Serie", versprach die neue Programmdirektorin Christine Strobl. Und dass die Zahl nicht noch viel größer ist, liegt daran, dass die ARD wie ihr Hauptwettbewerber, das ZDF, weiter jede Menge 90-minütige Filme, vor allem Krimis, herstellen lässt.

Gar "mehr als 250.000 Filme, Dokumentationen, Satire- und Serienstoffe" verspricht das "gemeinsame Streaming-Netzwerk von ARD und ZDF", zu dem sich die beiden öffentlich-rechtlichen Senderfamilien 2021 durchgerungen haben. Dass diese Zahl nicht noch höher liegt, hängt daran, dass die Mediatheken-Verweildauern zwar deutlich gestiegen, aber noch immer begrenzt sind, und daran, dass die Öffentlich-Rechtlichen die Pflege ihrer Archive aus Kosten- und Aufwandsgründen eher nicht zu ihren Prioritäten zählen.

Allerdings sollen die Mediatheken-Gemeinsamkeiten allein hinter den gewohnten Oberflächen bestehen und dafür sorgen, dass Menschen, die den "Tatort" beim ZDF oder die "heute-show" in der ARD suchen, fündig werden. Ob so was ein halbwegs größerer Schritt im Verdrängungswettbewerb (oder zum von der Medienpolitik geforderten Abbau von Doppelstrukturen) ist oder eher eine verpasste Chance, den dominanten Plattformen ein statt an Daten-Kapitalismus und Emotionalisierung am Gemeinwohl orientiertes Modell entgegenzusetzen, wird diskutiert werden. In der Rolle der ARD-Präsidentin ein paar sinnvolle Akzente mehr zu setzen, als es Vorgänger Tom Buhrow gelang, dürfte RBB-Intendantin Patricia Schlesinger jedenfalls leicht fallen.

Um die ganz große Nummer 1 nicht aus den Augen zu verlieren: Wichtigster Konkurrent für sämtliche Streamingdienste ist Googles Youtube, auf das 2020 nach eigenen Angaben pro Minute rund 500 Stunden neues Bewegtbildmaterial hochgeladen wurden. Zum für menschliche Augen unüberblickbaren, von schnell lernenden (nicht am Gemeinwohl, sondern an Profitmaximierung orientierten) Algorithmen präsentierten Angebote gehören unter sehr vielem anderen auch solche älteren "Tatort"-Folgen, die die ARD nicht in eigenen Angeboten zeigt.

"Digitale Suffizienz"? Medien-Nutzungs-Ökologie?

Also wird die Mediennutzung 2022 weiterhin ansteigen, schon weil sich noch mehr aufwendiger produzierte "Serienhighlights" auf immer mehr unterschiedlichen Bildschirmen und Displays ansehen lassen? Und das überall, da "Digitalisierung", die die neue Bundesregierung fördern möchte, ja vor allem bessere Internetverbindungen an abgelegeneren Orten bedeutet? Vielleicht nicht unbedingt.

"Oberste Priorität" hat laut Koalitionsvertrag und bei vielen Menschen ja auch der Klimaschutz. Da bestehen allerhand Zusammenhänge zur Digitalisierung und zur weitestgehend digitalen Mediennutzung, das wird inzwischen häufig betont.

"Oft wird es so dargestellt, als wäre die Digitalisierung eine Naturgewalt, die über uns hereinbricht und alles ist irgendwann digitalisiert. Aber das stimmt nicht, sondern wir können entscheiden, wo wir es sinnvoll finden, dass Produkte und Anwendungen digitalisiert werden, und wo nicht. Digitale Suffizienz bedeutet, dass wir die Digitalisierung da nutzen, wo sie zu Gemeinwohl und Nachhaltigkeit beiträgt und da nicht nutzen, wo der Verbrauch von Energie, Ressourcen und auch persönlichen Daten höher ist, als der Nutzen",

sagte etwa eine Vertreterin des BUND im netzpolitik.org-Interview. Darauf, dass nicht nur das Streamen von Videos Energie kostet – je hochaufgelöster, desto mehr –, sondern auch bereits das Bereitstellen von immer mehr Inhalten zum schnellen Abruf in der sogenannten "Cloud", bei der es sich um keine immaterielle Wolke handelt, sondern um "riesige Serverfarmen, die Unmengen an Strom verbrauchen", macht der Buchwissenschaftler Daniel Bellingradt aufmerksam (im Interview mit mir, hier). Und:

"Die endlosen Festplatten in Serverfarmen weltweit benötigen größte Energiemengen, um die Server zu betreiben und sie zu kühlen. Die Daten werden dann durch unterirdische Kabel, die auch auf dem Meeresgrund verlegt werden, in lokale Netze befördert. Auch das erhöht den Energieverbrauch massiv",

fasste wuv.de eine Studie zum Hören von Musik (die ja auch vor allem gestreamt gehört wird) zusammen. Durchaus möglich, dass so etwas wie Medien-Nutzungs-Ökologie zu den größeren Themen des nächsten Jahres zählen und den Wachstumsplänen der Konzerne zumindest ein wenig in die Quere kommen wird. Jedenfalls wird die Entwicklung der Medien auch 2022 spannend bleiben.

Der Altpapier-Jahresrückblick 2021