Das Altpapier am 31. Juli 2019 Weg mit den Neonreklamen!

Warum wir einen digitalen Bildersturm brauchen. Warum Satiriker sagen, "wo der Feind steht". Warum Rechte bei Twitter "False-Flag-Aktionen" starten. Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 31. Juli 2019: Ein Po wird symbolhaft als Neon-Schild dargestellt. Davor ein rotes Kreuz. Das Bild symbolisiert die falsche Verwdendung von Symbolbildern in den Medien.
Bildrechte: MEDIEN360G

Vor ein paar Tagen ist der Dokumentarfilm "The Cleaners" (Altpapier) für einen Emmy nominiert worden. Wir gratulieren an dieser Stelle natürlich nachträglich. An den Film musste ich denken, als ich am Dienstag einen Twitter-Thread von Pola Sarah Nathusius las, die für den Hessischen Rundfunk unter anderem als Social-Media-Moderatorin arbeitet und zumindest so etwas Ähnliches macht wie die "Cleaners" aus dem Film.

"Stundenlang konzentriert diese Kommentare zu lesen, schlägt wirklich aufs Gemüt", schreibt sie darüber, was sie insbesondere nach #Wächtersbach und "natürlich der Angriff am Hauptbahnhof in #ffm gestern" alles hat lesen müssen:

"So unendlich viel Hass, dass ich abends nach Überstunden nach Hause komme und erstmal ne Stunde einfach vor mich hinstarre oder sogar manchmal heulen muss, weil mich das in dieser Intensität so mitnimmt. Da mischen sich harter #Rassismus mit #Nationalismus, #Sexismus und anderer Menschenverachtung."

Hass entgegen geschlagen ist auch dem BR-Journalisten Malcolm Ohanwe, mit dem Maria Fiedler für den Tagesspiegel gesprochen hat - unter anderem "über AfD-Politiker wie Alice Weidel, die rassistische Vorurteile (bedient), die Menschen aufgrund ihrer Herkunft eine Kriminalitätsbereitschaft zuschreibt". Fiedler fragt auch, was "passieren muss, damit sich diese gesellschaftlichen Spannungen, wie wir sie gerade erleben, nicht eskalieren". Ohanwe dazu:

"Wir müssen uns damit beschäftigen, was es bedeutet, in einer multikulturellen Gesellschaft zu leben. In Großstädten haben an Schulen zum Teil über 50 Prozent der Kinder einen sogenannten Migrationshintergrund. Andere haben gar keinen klassischen ‚Migrationshintergrund‘, sind trotzdem schwarz oder sehen z.B. asiatisch aus. Wenn wir dafür keine Sprache finden, wird das die Spannungen nur noch verstärken."

Es ist ja in der Tat ein Versäumnis, dass auch wir Journalisten jemanden mit Hilfe des Begriffs "Migrationshintergrund" einzusortieren versuchen, obwohl er in Deutschland geboren ist.

Der Tages-Anzeiger aus Zürich beginnt einen Artikel über Reaktionen auf den tödlichen Angriff von Frankfurt folgendermaßen:

"Es ist noch nicht so lange her, erst im März, da erstach eine offensichtlich verwirrte Schweizer Seniorin einen siebenjährigen Buben aus dem Kosovo. Der Bub war auf dem Weg aus der Schule nach Hause, Seniorin und Kind kannten sich nicht. Tragisch war das, sehr traurig, aber interessanterweise nicht politisch. Keine Partei forderte, dass Seniorinnen und Senioren künftig konsequent in Altersheime abgeschoben würden. Niemand reklamierte strengere Gesetze für Alte, die nicht mehr bei Sinnen sind. Niemand unterstellte allen Seniorinnen und Senioren, dass sie potenzielle Kindsabstecher sind."

Das schreibt Philipp Loser natürlich deshalb, weil das Schweizer Pendant zur AfD, die SVP, auf den tödlichen Angriff im Frankfurter Bahnhof ganz anders reagiert hat als einst auf den erstochenen "siebenjährigen Buben aus dem Kosovo".

Wie hätte der Tod des achtjährigen Jungen in Frankfurt verhindert werden können? André Vatter, laut Twitter-Bio "Digital Anthropologist, Social Median und Blogger", kritisiert in einem Facebook-Beitrag:

"Der Täter war ein Mustermigrant, der den Anekdoten nach vollends integriert war, wenn nicht gar assimiliert. Der Skandal ist also eher, dass eine gravierende psychische Erkrankung nicht erkannt wurde, wie auch immer diese entstanden ist. Das entschuldigt keinesfalls die grausame Tat, die aber hier von einem geistig Kranken und nicht vom bösen Ausländer verübt würde." 

Die falsche Naschkatze

Mit einem auf den ersten Blick besonders bizarren Auswuchs in Sachen #FrankfurtHbf beschäftigt sich der "Faktenfinder" der "Tagesschau": dem von rechten Leuten oder vielleicht auch nur einer Person aus diesem Milieu bestückten Twitter Fake-Account "_Naschkatze88_", auf dem auf krude Weise schein-linke Positionen performt werden, um Linke und Linksliberale in Misskredit zu bringen:

"(Diese) Tweets werden von verschiedenen rechten Accounts verbreitet und als vermeintlicher Beleg für ein Desinteresse am Schicksal des in Frankfurt getöteten Achtjährigen genutzt. Die Stimmung heizt sich weiter auf."

In dem Beitrag von Patrick Gensing und Karolin Schwarz geht es dann auch generell um solche False-Flag-Aktionen:

"Das gefälschte Profil und die angeblichen Forderungen nach mehr Verständnis für Täter erinnern an Fake-Zitate, die Politikerinnen nach der Kölner Silvesternacht 2016 zugeschrieben wurden. Damals verbreitete unter anderem Erika Steinbach ein Fake-Zitat, das angeblich von Claudia Roth stammte. Die gezielte Stimmungsmache mit erfundenen Zitaten bezieht sich oft auf die Themen Flüchtlinge oder Straftaten nichtdeutscher Täter. (…) Es wurden sogar Profile von nicht-existenten grünen Politikern erschaffen, um ihnen erfundene Zitate in den Mund zu legen, die auf rechten Blogs dann immer wieder skandalisiert werden."

Die ideologische Funktion von Symbolbildern

In einem Übermedien-Beitrag macht Samira El Ouassil darauf aufmerksam, dass die übliche Kritik an einfallslosen oder unpassenden Symbolfotos möglicherweise zu kurz greift. Sie benennt die ideologische Funktion, die solche Bilder haben. El Ouassil geht unter anderem darauf ein, dass

"Michael Kappeler, Leiter der dpa-Fotoredaktion, (…) dem Mediendienst Integration (sagte), dass Symbolbilder die Funktion besäßen, ‚abstrakte Themen visuell greifbar zu machen‘ und sich die Kunden wünschen, dass die Bilder ‚illustrativ so reduziert sind, dass man das Thema erkennen kann, ohne den Text zu lesen.‘"

Aber:

"Genau das ist das Problem: Denn so greift man bei visuell sperrigen Themen, wie beispielsweise Integration und alles rund um religiöse Minderheiten, immer wieder auf stereotypische Darstellungen zurück. Und vor allem beim Thema der Migration gibt es mittlerweile einen Bilddatenbank-Evergreen auf der Hitliste der Symbolbilder: Hinterkopf mit religiöser Kopfbedeckung. Und wenn es in der Kategorie ‚Beste Protagonistin in einem Symbolbild’ einen Preis gäbe, dann gebührte er dieser gesichtslosen Frau mit Kopftuch vor dem Brandenburger Tor (Link im Original - RM)."

El Ouassil in diesem Kontext zum Thema Kopftuch:

"Dass nur ein Viertel der in Deutschland lebenden muslimischen Frauen ein Kopftuch tragen und die Hälfte der Muslime zufällig auch Männer sind, geschenkt."

Machte man eine Umfrage dazu, wie hoch die Bevölkerung den Anteil Kopftuch tragender muslimischer Frauen einschätzt, würde diese - auch dank Symbolfotos wie dem eben erwähnten - wohl massiv überschätzt werden. Einen konstruktiven Ausstieg hat die Autorin aber durchaus parat:

"Wissen Sie, wo es überraschend wenige Symbolbilder gibt? Auf Instagram. Die Medienhäuser und Nachrichtenproduzenten arbeiten dort erstaunlich viel mit Textkacheln und typografischen Aufbereitungen ihrer Texte. Ich plädiere für einen digitalen Ikonoklasmus, weg mit den nutzlosen Neonreklamen. Es braucht keine Bilder, um einen Text zu erzählen, ein guter Text erzeugt die Bilder. Es sei denn, das Bild selbst ist die Meldung."

Satire macht Ernst

Im SZ-Feuilleton ist am Dienstag ein Gespräch mit Ralf Kabelka erschienen, der unter anderem einst für Harald Schmidt gearbeitet hat und "nach der Sommerpause von Böhmermanns ‚Neo Magazin Royale‘, das er von Anfang an mitgeprägt hat, zurück zur ‚Heute-Show‘ wechselt". Es geht um die jüngere Geschichte des Humors und der Satire im deutschen Fernsehen, auch um Harald Schmidts vieldiskutierte rolandtichyoide Wortmeldung, wobei Kabelka allerdings ausweicht, als Interviewer Andreas Tobler das zur Sprache bringt.

Darüber hinaus fragt Tobler unter anderem nach den Gründen für die "starke Repolitisierung und Moralisierung der Satiresendungen" in den vergangenen Jahren. Kabelka dazu:

"Ich glaube, es gibt beim Publikum ein Bedürfnis nach Verortung. Auch bedingt durch die neuen Medien (…). Die Leute finden es gut, wenn wir ihnen sagen, wo der Feind steht, worüber man jetzt mal reden sollte oder was ein vollkommener Scheiß ist. Das ist eine Haltung, die gab es in der Form bei Harald Schmidt nicht."

Die "Bereitschaft, sich zu positionieren" gebe es bei Oliver Welke, "aber noch viel stärker bei Jan Böhmermann".

Ein möglicher Grund dafür:

"Auf Twitter und Co. gehört es einfach dazu, sich zu positionieren. Und das setzt Böhmermann im Fernsehen fort."

Das ist allemal ein interessanter Aspekt für die Diskussion, inwiefern Twitter die klassischen Medien bzw. ihre Akteure verändert hat.

Ein weiterer Grund für die beschriebene Entwicklung:

"Wir kommen aus der Welt des Journalismus: Jan Böhmermann hat eine journalistische Vorbildung, ich auch - wie viele andere Autoren von Satiresendungen. Dass man Bock hat, sich vermehrt um inhaltliche Themen zu kümmern, ist vielleicht auch eine Reaktion auf die Neunzigerjahre, als man relativ billige Comedy-Sachen machte."

Es ist aber wohl auch eine Reaktion darauf, dass zum Beispiel Politik allzu oft als relativ billige Comedy oder satire-ähnlich oder als hilfloser, geradezu mitleiderregender Witz ("Gehen Sie als Konsum-Junkie doch gerne in die Entzugsklinik von Robert #Habeck", bruhaha) daherkommt und Journalisten jede noch so kindsköpfige Einlassung dieser Art so behandeln, als handle es sich dabei um ernstzunehmende Politik. Das ist wahrscheinlich der offensichtlichste Grund dafür, dass Satire teilweise ernst wird bzw. Ernst macht - und vielleicht kommt er im Interview deshalb auch nicht vor.

Fortsetzung folgt

Ein Altpapier-Stammleser fragte mich gestern, warum ich am Dienstag auf zwei Fälle eingegangen bin, die das Prestige des Spiegels beschädigen, also die neue Debatte über die offenbar falsche Darstellung des Reichstagsbrands (frühere Debatten hat das Magazin stets ausgesessen) und einen grenzüberschreitenden, mittelbar tödlichen Artikel über eine psychisch kranke Bloggerin, ich den dritten Fall, der den Ruf des Magazins derzeit beschädigt, aber nicht erwähnt habe. Es geht um einen am Rande im Altpapier bereits erwähnten Artikel von 2014 über einen vermeintlichen Wettbetrugsfall im Fußball. Der Einwand des Stammlesers ist nachvollziehbar, ich versuche das Versäumnis nachzuholen:

Stefan Niggemeier, der für Übermedien in dieser Sache recherchiert hat, stuft besagten, von Politico-Redakteur Matthew Karnitschnig auch im Zusammenhang mit Relotius einst schon thematisierten Artikel als "unhaltbar" ein:

"Seit fünf Jahren leistet das Nachrichtenmagazin keinerlei Beitrag dazu, die Ungereimtheiten aufzuklären und Fragen dazu ernsthaft zu beantworten. Er mauert und verweigert konkrete Belege."

Den hochdekorierten Autor des Artikels, Rafael Buschmann, nimmt Niggemeier dabei besonders in den Blick:

"Buschmann und seine Arbeitsweise stehen nicht nur wegen (dieser) Ungereimtheiten (…) intern in der Kritik. Das gilt sowohl für Journalisten aus dem internationalen Recherchenetzwerk EIC, die mit ihm die ‚Football Leaks‘ auswerten und sich über Zumutungen in der Zusammenarbeit beklagen, als auch für Kollegen aus dem eigenen Haus, die seine Arbeitsweise für nicht seriös genug halten."

Als Bonusmaterial gibt es noch den Mailverkehr mit dem Spiegel. Der beschert einer/m auch noch das eine oder andere Aha- bzw. Oha-Erlebnis.

Altpapierkorb (Cambridge Analytica und der Brexit, Medienstaatsvertrag, ein 64-jähriger Nachwuchspolitiker, E-Sport-Kritikerin Julia Scharf, 50 Jahre Woodstock)

+++ Neue Dokumente, die darauf hindeuten, dass es ohne das Wirken von Cambridge Analytica nicht zum Brexit gekommen wäre (siehe Altpapier), hat der Guardian durchgearbeitet. Ein Blick auf den Twitter-Account von Carole Cadwalladr, der in dieser Angelegenheit maßgeblichen Rechercheurin, ist auch empfehlenswert.

+++ Zum zweiten Entwurf des Medienstaatsvertrags, in den Stellungnahmen von Bürgern einfließen können, (Altpapier) äußert sich nun Benedikt Frank in der SZ: "Nach dem neuen Medienstaatsvertrag bräuchten kleine Streamer mit wenigen Zuschauern oder zu banalen Inhalten in der Regel keine Rundfunklizenz mehr." Und:
"Die Medienanstalten haben wohl künftig mehr Möglichkeiten, Bußgelder zu vergeben.
Auch sind die Zuständigkeiten der Medienanstalten jetzt expliziter benannt und ihre Möglichkeit, Bußgelder zu vergeben, ist erweitert, etwa wenn Informationspflichten nicht nachgekommen wird."

+++ Einen anderen Aspekt der oben behandelten "Herkunfts"-Frage greift der Bildblog auf. Anlass: "eine Art Gedanke" des Nordafrika-Experten und Volksaufwieglers Julian Reichelt.

+++ Näheres zu dem Wechsel des am heutigen Tag als Herausgeber beim österreichischen Kurier ausscheidenden Helmut Brandstätter ins Polit-Business (Altpapier), steht im Handelsblatt in Hans-Peter Siebenhaars "Medien-Kommissar"-Kolumne: "Brandstätter hat seinen spektakulären Abgang aus dem Mediengeschäft bestens vorbereitet, um künftig als Politiker durchzustarten. Der konservativ-liberale Journalist kandidiert für die Oppositionspartei Neos, die vom Unternehmer und Strabag-Gründer Hans-Peter Haselsteiner gefördert wird. Der 64-jährige Brandstätter erhielt nun auf Anhieb den zweiten Listenplatz in der liberalen Partei für die Nationalratswahl im September. Das ist ein exzellentes Sprungbrett, um vom Analysten der Macht zum Akteur zu werden. Denn die Neos haben gute Chancen, mit der ÖVP unter dem weiterhin populären Altkanzler Kurz die neue Regierung zu bilden."

+++ Axel Weidemann spöttelt auf der FAZ-Medienseite (Seite 13) über die "zartfühlende und empörungsbereite Opfer-Gemeinschaft" der E-Sportler, die gegen die "Sportschau"-Moderatorin Julia Scharf schießt, weil die sich E-Sport-kritisch geäußert hat.

+++ Welche runden Jahrestage stehen demnächst an? Zum Beispiel 50 Jahre Woodstock. Den Dokumentarfilm "Woodstock. Drei Tage, die eine Generation prägten" (heute im Ersten) besprechen nun der Tagesspiegel ("Regisseur Barak Goodman konnte dafür auf bislang unveröffentlichtes dokumentarisches Material aus jenen August-Tagen zurückgreifen, Material, das seinerzeit für den gleichnamigen Kinofilm ‚Woodstock‘ von 1970 gedreht wurde"), die FAZ ("Goodmans Ansicht, dass die Situation, auf die die Hippies so machtvoll reagierten, der heutigen ähnelt – worin eine Portion Hoffnung auf den nächsten Aufbruch steckt –, hat er sich dezent für Interviewaussagen vorbehalten. Das macht sie aber nicht schwächer") und die Stuttgarter Zeitung ("Spannend, rührend und witzig").

Neues Altpapier gibt es am Donnerstag.