Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 30. Dezember 2018: Logo Das Altpapier 2018 sowie ein Foto von Mark Zuckerberg.
Bildrechte: MEDIEN360G / dpa

Der Altpapier-Jahresrückblick am 30. Dezember 2018 It could be worse. I could be Mark Zuckerberg

Cambdridge Analytica, Definers, Holocaust-Leugnung. #DeleteFacebook, Parlamentsbesuche, Kinderhirne. Reconquista Germanica, War Room, Löschtrupps. Bei den Facebook'schen Skandalen, Anhörungen und Aktionen des Jahres verliert man leicht den Überblick. Ein Versuch, ihn zurückzugewinnen, von Juliane Wiedemeier.

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Die Kraft der Autosuggestion ist bei Facebook in einem Maße ausgeprägt, das man bewundern muss. Zumindest, wenn man diesem Jahresrückblick Beachtung schenkt, den das Unternehmen selbst in seine Pressemeldungswelt gesetzt hat. Erhobene Daumen und Herzchen sind da zu sehen, und die Rede ist von Menschen, die sich "rund um den Globus mit ihren Facebook Communities verbunden haben" - etwa um den Weltfrauentag, Nelson Mandela oder die Royal Wedding zu zelebrieren.

Ähm, ja. So kann man das also auch sehen.

Aus anderen Blickwinken betrachtet war 2018 eher nicht das goldenste Jahr in der Unternehmensgeschichte. Sie sehen den sicher nicht vollständigen, dafür aber garantiert nicht von Markus Lanz moderierten Versuch, im Angesicht einer Überzahl an Fehltritten und Abbügelungsbemühungen zumindest das Wichtigste zusammenzukehren.

Kleiner Spoiler: Die einzige Person, die dieses Jahr außer Mark Z. einen Bock nach dem anderen schoss und immer noch im Amt ist, heißt Horst Seehofer.

Durch das Facebookjahr in…1001 Skandalen

Die Debatte um Fake News und Hate Speech hat die Gegenwart dem Krawalljahr 2016 zu verdanken (im Sinne von: Danke für nichts). Im Februar bekam sie neuen Schub in Deutschland, als die Faktenfinder der "Tagesschau" aufdröselten, wie Reconquista Germanica als Trollfabrik rechte Kampagnen über Facebook steuert. Zudem verriet die Anmeldung eines Patents, dass Facebook seine Nutzer zur besseren ökonomischen Verwertbarkeit in sozioökonomische Klassen einteilt, und wir erfuhren, dass Mark Zuckerberg einen Vollzeit-Meinungsforscher beschäftigte, um im Blick zu behalten, wie die Welt ihn sieht. Als The Verge die Geschichte brachte, hatte Tavis McGinn seinen Job schon gekündigt. In den kommenden Wochen brauchte es aber auch keinen Experten, um die öffentliche Meinung zu Zuckerberg den Bach runtergehen zu sehen.

Denn im März enthüllten New York Times, Observer und Channel 4, was wir heute unter dem Stichwort "Cambridge Analytica" gleich neben "Prism" ins Fach mit der Aufschrift "Datenwahnsinn" abgelegt haben. Mit Hilfe der Facebook-App "This Is Your Digital Life" waren Daten von 50 Millionen Nutzern abgegriffen und an das Datenanalyse-Unternehmen verkauft worden, welches diese nutzte, um während des US-Wahlkampfs 2016 gezielt Wähler zu umwerben. Facebook bemühte sich, den Skandal einzufangen, mehrfach, doch #DeleteFacebook trendete bereits, und auch Yours Truly nutzte die Gelegenheit, sich seiner Facebook-Seite zu entledigen. CA, wie Freunde sagen dürfen, meldete dann im Mai Insolvenz an.

Im Vergleich dazu kleinere Skandälchen folgten im April, als Zuckerbergs Mark im Gespräch mit Ezra Klein von Vox.com ausplauderte, dass sein Laden die vermeintlich privaten Nachrichten scannt, um Verstöße gegen Recht und Community Standards festzustellen und dagegen vorgehen zu können. Im Juni, als herauskam, dass 14 Millionen Menschen weltweit aufgrund eines Bugs ihre auf privat eingestellten Posts öffentlich verbreitet hatten, und dass Facebook chinesischen Firmen Zugang zu seinen Daten gegeben hatte, die US-amerikanische Behörden als für die nationale Sicherheit bedenklich einstuften. Im Juli, als Zuckerberg in einem Interview mit Recode zum Besten gab, dass er Holocaustleugnung unter Meinungsfreiheit verbuche und daher keine Gründe sehe, derartige Beiträge löschen zu lassen (solange man daneben Werbung einblenden kann, Anm. AP). Und im August, als Forscher der Universität Warwick in einer Studie herausfanden, dass in deutschen Orten mit hoher Facebook-Nutzung mehr Angriffe auf Flüchtlinge erfolgten als unter Netzwerkabstinenzlern. Zudem kochte in dem Monat die Debatte über Hassverbreitung noch einmal hoch, als Facebook einer Entscheidung von Apple folgend Beiträge des rechten Verschwörungstheoretikers Alex Jones verbannte und die Beseitigung von Profilen, Seiten, Posts und Anzeigen vermeldete, deren einzige Existenzberechtigung die Beeinflussung von Wählern vor den US-Midterms darstellte.

Zur Erinnerung: Wir schreiben gerade einmal August, und in anderen Unternehmensformen hätte weniger gereicht, um panisch Chefetagen auszuwechseln und ein Rebranding in Auftrag zu geben. Facebook hingegen war weiterhin blau und Gründersache, als es im September eine Sicherheitslücke zugeben musste, die eher den Namen Sicherheitstor verdient hätte. Schließlich bot sie Hackern Zugriff auf 50 Millionen Nutzerkonten. Im Oktober wurde die Zahl der Betroffenen auf 30 Millionen runtergeschraubt. Aber zu viel ist immer zu viel. Ach ja: Dass Videos das große neue Ding sind und alle das machen und dort Werbung schalten sollen, war auch ein Fehler. Sorry Leute, aber bei den Zugriffszahlen haben wir uns ein wenig verrechnet, meldete Facebook in dem Monat ebenfalls.

Wo bleibt das Positive? "The big story about Facebook and the 2018 midterms is that … there is no big Facebook story", vermerkte der Atlantic im November nach den Wahlen in den USA. Der Kampf gegen Trolle und Hass im Netzwerk trägt also Früchte und ging doch als gute Nachricht unter, weil im gleichen Monat die New York Times ein langes Stück über das sozialmediale Sorgenkind brachte und dabei enthüllte, dass dieses eine PR-Firma namens Definers engagiert hatte, um u.a. Facebook-Kritiker zu diffamieren. Dem Image-Rückschlag folgte Ende des Monats das technische Down, als Facebook wie Instagram weltweit nicht erreichbar waren.

Ganz recht, hier sammeln sich äußerst subtile Andeutungen, dass im Staate Facebook etwas faulig riecht. Zusammenfassend zeigte das im Dezember die Veröffentlichung von 223 Seiten interner Mails u.a. von Mark Zuckerberg und Facebook-Co-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg, in denen diese über Nutzer, Geld und Datenschutz diskutierten und dabei verdeutlichten, dass ihr Hauptinteresse das Wachstum der Firma ist. Und dann das Wachstum. Und dann das Wachstum. Und nochmal Wachstum. Und demokratische Verantwortung eher nicht so.

Durch das Facebookjahr in… abtrünnigen Gefährten

Während Zucker- und Sandberg an ihren Sesseln und dem dazugehörigen Laden kleben, wurden andere Weggefährten ihm untreu.

"It is time. #deletefacebook",

twitterte Brian Acton, Gründer des 2014 von Facebook gekauften Whatsapp nach Bekanntwerden des CA-Skandals. Er selbst hatte das Unternehmen bereits im Vorjahr verlassen. Sein Mitgründer Jan Koum kündigte im April, offiziell, um mehr Ultimate Frisbee zu spielen. Die Washington Post ließ sich jedoch erzählen, dass es eher um den Umgang mit Daten und eine Aufweichung der Verschlüsselung von Whatsapp-Nachrichten gegangen sei.

Im September folgten diesem Beispiel Kevin Systrom and Mike Kriege, die beiden Gründer des ebenfalls zugekauften Instagrams. Auch hier gab es wieder die Happy-Happy-Version und die kolportierte, wonach beide nicht so glücklich waren mit den aktuellen Entwicklungen ihrer Plattform. Dass bereits im November 2017 der einstige Facebook-Präsident Sean Parker Sorgen um die psychischen Folgen der Facebook-Nutzung geäußert hatte ("Nur Gott weiß, was das mit den Gehirnen unserer Kinder macht"), dem sich im Januar Philanthrop und Investor George Soros mit einer Warnung anschloss, Facebook mache süchtig und solle daher wie ein Zigarettenunternehmen behandelt werden, half auch nicht gerade.

Manche wissen früher als andere, ob Boote sinken und deren Verlassen geboten ist. Andererseits hat Facebook eine Größe, bei der nicht das Boot, sondern der Eisberg den Zusammenstoß nicht übersteht.

Durch das Facebookjahr in… Vorladungen und Urteilen

An dieser Stelle eine überraschende Mitteilung: Facebook agiert mit all seinen Sicherheitslücken und der Datensammelleidenschaft gar nicht im luftleeren Raum. Ein bisschen Kontrolle gibt es schon, oder könnte es geben. Wenn die Politiker denn Ahnung davon hätten, was sie da ins Visier nehmen sollen.

kann sich jeder als Zitat auf Wiedervorlage legen, wenn er mal etwas sehr, sehr Offensichtliches zum Ausdruck bringen und nicht "Kein Mädchen sollte Rosa tragen müssen" sagen möchte. Mark Zuckerberg musste das einem US-Senator mit Interesse an dem Facebook'schen Geschäftsmodell bei seiner Anhörung vor dem US-Kongress im April erklären, was bei der Washington Post zu der Erkenntnis führte: "Members of Congress can’t possibly regulate Facebook. They don’t understand it."

In Deutschland haben Union und SPD derweil im Koalitionsvertrag vermerkt, dass US-Internetfirmen zum besseren Verständnis ihre Algorithmen offenlegen sollen, was Justizministerin Katarina Barley nach den CA-Enthüllungen als Handlungsempfehlung herauskramte. Etwas realistischeren Aktionismus gab es auf europäischer Ebene, wo Zuckerberg vor das EU-Parlament geladen wurde.

Einen Hauch effektiver wäre die Fragestunde gewesen, hätte er nicht dank eines absurden Prozederes alles gesammelt in einem Zug beantwortet, was Nachfragen unmöglich machte. Immerhin lieferte er ausgebliebene Antworten im Nachhinein schriftlich nach und vermittelte dabei die Informationen, dass wohl doch keine EU-Bürger vom CA-Skandal betroffen waren und Facebook Daten mit Whatsapp austauscht.

Nachdem dieses Aufeinandertreffen so gut geklappt hatte, unterzeichnete Facebook (wie auch Google und Twitter) im September den "Code of Practice on Disinformation" der EU. Damit verpflichten sich die Unternehmen unter anderem, auf freiwilliger Basis gegen Fake News in ihren Gefilden vorzugehen, was sie praktischerweise bereits alle tun und wozu sie in Deutschland durch Freund Netzwerkdurchsetzungsgesetz bei Androhung von bis zu 50 Millionen Euro Strafe auch verpflichtet sind.

Die 500.000 Pfund, zu denen Facebook in Großbritannien im Herbst wegen der Datenweitergabe an Cambridge Analytica verdonnert wurde, wirken im Vergleich dazu lächerlich. Doch immerhin nervt dies das Netzwerk, wie die angekündigte Berufung dagegen beweist.

Festhalten können wir dennoch: Augenhöhe und Waffengleichheit sehen anders aus.

Durch das Facebookjahr in… blauem Aktionismus

Nicht alles, was Facebook in diesem Jahr passiert ist, haben Journalisten, Whistleblower und Politiker zu verantworten. Manches haben sich die Siliconvalleyistas auch selbst ausgedacht.

Den Startschuss markierte im Januar ein Schrauben am Algorithmus, der in Zukunft mehr Nachrichten von Freunden, mehr Nachrichten aus vermeintlich verlässlichen Quellen und in den USA auch mehr lokale Zeitungsmeldungen in die Timelines spülen soll. "(W)e can help make sure that Facebook is time well spent", verkündete Zuckerberg damals. Die Folgen waren für die Zugriffsraten von Medien verheerend. "Sollen sie doch Anzeigen schalten!", wird man sich bei Facebook gedacht haben.

Es folgten im Laufe des Jahres:

  • Eine Aufklärungskampagne über die Nutzerdatennutzung durch Facebook.
  • Die Veröffentlichung der internen, über die bis dahin öffentlich einsehbaren Community Standards hinaus gehenden Bewertungskriterien, nach denen Inhalte von der Plattform verbannt werden.
  • Der virtuelle Umzug von 1,5 Millionen Nutzern in Afrika, Asien, Australien und Lateinamerika aus dem irischen und damit EU-Nutzungsbedingungen-Einflussbereich Richtung USA vor Inkrafttreten der Europäischen Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO).
  • Die finanzielle Förderung von kostenlosen, einjährigen Fortbildungen für Journalisten an der Hamburg Media School.
  • Das Abschalten der Trending Topics, mit denen man wegen dort auftauchender Falschnachrichten eh nur Ärger hatte.
  • Das erweiterte Angebot von Informationen zu angezeigter Werbung für die Nutzer.
  • Die Einführung eines Aktivitäten-Dashboards, mit dessen Hilfe die Nutzer besser steuern können sollen, wie viel Zeit sie auf der Plattform verdaddeln.
  • Die Einrichtung eines War Rooms im Kampf gegen Falschmeldungen, vor allem im Vorfeld der US-Midterms.
  • Eine Spende von 4,5 Millionen Pfund an 80 Lokalzeitungen in Großbritannien, wo der Journalismus in der Fläche ebenfalls schwindet.

In anderen Worten: In der schnellen Bewegung wurde so viel zerbrochen, dass Facebook derzeit statt agieren zu können reagieren muss.

Zeit für ein Zwischenfazit

Ich wage mich vor: 2018 war nicht nur ein richtig mieses Jahr. Es war der Anfang vom Ende von Facebook. In Europa sinken die Nutzerzahlen, in den USA stagnieren sie, und auf der Mikroebene erzählt mir so ziemlich jeder, der überhaupt noch dabei ist, dass er dort nichts mehr mache. Dafür habe er jetzt Instagram, weshalb Sorgen um Mark Zuckerbergs Zukunft nur begrenzt angesagt erscheinen. Umso mehr könnte die Politik sich der Sache mit dieser Technik annehmen, und da ihnen der Traffic-Bringer eh abgedreht wurde, könnten auch Medien sich auf andere Kanäle und Erlösmodelle fokussieren.

Etwas Besseres als Reichweite über einen unsympathischen Datenkraken sollte man überall finden.

Durch das Facebookjahr in… drei Langstrecken

Für den unwahrscheinlichen Fall, dass an dieser Stelle immer noch Bedarf an Informationen aus dem Facebook-Universum besteht, noch weiterführende Literatur:

  • "Inside the Two Years That Shook Facebook—and the World", Nicholas Thompson und Fred Vogelstein in der US-Ausgabe der Wired vom Februar.
  • "The Cleaners", Dokumentation über Facebook-Löschtrupps in Manila von Hans Block und Moritz Riesewieck aus dem Mai, in der ARD-Mediathek noch bis Mai 2019 abrufbar.
  • "Can Mark Zuckerberg Fix Facebook Before It Breaks Democracy?", Evan Osnos in der September-Ausgabe des New Yorkers.

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