Das Altpapier am 12. Oktober 2020 Neues vom embedded journalism

Der Begriff "Wutbürger" liefert bestenfalls ein Zerrbild dessen, was er zu beschreiben vorgibt. "Ich hab da mal ne Meinung"-Tweets von Politikern zu verbreiten, hat nicht zwingend etwas mit Journalismus zu tun. Die Berichterstattung über die Räumung von #Liebig34 in Berlin hatte teilweise pornographische Züge. Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 12. Oktober 2020: Porträt Autor René Martens
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Die Psychologisierung von Politik

Dirk Kurbjuweit aus dem Spiegel-Hauptstadtbüro fand im Altpapier zuletzt im August Erwähnung, als er die Höreindrücke von einer Demonstration von Pandemie-Maßnahmengegnern aufschrieb und dafür plädierte, diesen besonderen Realitätskonstrukteuren zuzuhören:

"Es ist noch weniger als sonst die Zeit, in der man etwas genau wissen kann. Und deshalb ist derjenige, der eine andere Meinung hat, nicht ein Idiot, sondern einer, der einer anderen Erzählung folgt."

"Nicht sofort ablehnen, nicht verachten, nicht ausschließen" - dieses Lied singt er nun auch in einem Essay im aktuellen Spiegel (€), in dem es um "Wutbürger" geht und um Wut im allgemeinen. Kurbjuweit schreibt:

"Der Mensch wird von seinen Leidenschaften getrieben, neigt zu Ausbrüchen von Wut und Hass, damit zur Gewalt."

Dit is wohl so. Nur: Was haben solche kolossalen Sentenzen im Politikteil eines Nachrichtenmagazins zu suchen? Wut sei "die Emotion, aus der die Demokratien hervorgingen", meint Kurbjuweit. Beziehungsweise:

"Am Anfang war die Wut. Die modernen Demokratien sind aus hochkochenden Emotionen entstanden. Viele Franzosen waren empört über die Ausbeutung durch die Monarchie, Kolonisten in Amerika hatten es satt, aus der Ferne von Großbritannien regiert zu werden. Die Boston Tea Party am 16. Dezember 1773 und der Sturm auf die Pariser Bastille am 14. Juli 1789 waren kollektive Wutausbrüche, die später zu den Gründungsmythen der USA und der französischen Republik wurden."

Kleiner Exkurs: Wenn ich das so lese, ärgere ich mich darüber, dass ich vor einigen Jahren meinen Tumblr-Blog umbenannt habe. Der hieß eine Zeitlang "Scheiß Emotionen" - eine Anspielung auf die in der Berichterstattung über Fußball (vor allem im Fernsehen) ständig beschriebenen und beschrienen "Emotionen". Heute wäre "Scheiß Emotionen" vielleicht wieder ein guter Titel. Zurück zum eigentlichen Thema:

"Vor genau zehn Jahren erschien im Spiegel ein Essay, der dieses Wort in die Welt setzte. Damals ging es um Proteste gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21. Es ging aber auch schon um Bürger, die sich bei einer Veranstaltung wütend dagegen verwahrten, dass Thilo Sarrazin kritisch befragt wurde (…) Seither hat die Wut Karriere gemacht. Geburt und Aufstieg der AfD seit 2013, islamophobe Proteste im Namen von Pegida seit 2014, die entrüstete Ablehnung von Angela Merkels Flüchtlingspolitik seit 2015, der Brexit und die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA 2016, die französischen Gelbwesten 2018 – das alles wurde auch mit Wut erklärt."

Die Passivkonstruktion im letzten Satz wirft natürlich die Frage auf: Wer erklärt sich das alles "auch mit Wut", anstatt die teilweise ähnlichen, teilweise aber auch gar nichts mit einander zu tun habenden Phänomene politisch zu analysieren? Georg Diez hat in einem Thread Kurbjuweit Essay auseinander genommen, freilich, ohne diesen Artikel konkret zu erwähnen. Als Anlass für seine Anmerkungen nennt Diez, dass "gerade mal wieder so unpräzise über Wutbürger etc diskutiert wird". Kurbjuweits "wilde historische Wutreise vom Dreißigjährigen Krieg über die Französische Revolution und weiter bis heute" sei "ein einziges analytisches Desaster". Denn:

"Wer von Wut redet, schweigt von Macht, schweigt von Interessen, schweigt von den Kräften, die die Geschichte vorabtreiben, Technologie, Wirtschaft, Klima - und verfällt in eine Psychologisierung oder Pathologisierung von Politik, die automatisch reduktionistisch ist."

An dieser Stelle ist es vielleicht hilfreich, dass der oben im Zusammenhang mit der Entstehungsgeschichte des Begriffs "Wutbürger" zitierte Satz "Vor genau zehn Jahren erschien im Spiegel ein Essay, der dieses Wort in die Welt setzte" nur einen Teil der Wahrheit benennt. Denn: Es war offenbar Kurbjuweit himself, der das Wort vielleicht nicht "in die Welt setzte", aber zumindest laut Wikipedia im, nun ja, Diskurs etablierte.

Diez’ Fazit:

"'Wut' ist ein Zerrbild, medial erzeugt, um wiederum mediale Analyse zu rechtfertigen; ein letztlich analysefreier Zirkelschluss."

Das Verbreiten von Politiker-PR ist kein Journalismus

Da wir schon bei den Schwächen des deutschen Politikjournalismus sind: Der Tagesspiegel hat für seine Rubrik "Zu meinem Ärger" den WDR-Journalisten Birand Bingül befragt, der derzeit "Leiter der ARD-Kommunikation" ist, weil der WDR den ARD-Vorsitz hat. Bingül sagt:

"Geärgert hat mich eine Meldung, die am Montag Verbreitung fand: US-Präsident Donald Trump habe in 30 Minuten 16 Tweets abgesetzt. Das ist für mich eine Nullmeldung. Warum machen wir so bereitwillig jeden Tweet zum Weltereignis? Das kann nur jeden Spitzenpolitiker weltweit ermuntern, es Trump gleichzutun. Marginalisieren wir so nicht Journalismus? Politiker müssen Rechenschaft ablegen, das ist eine demokratische Notwendigkeit. Dazu gehören Pressekonferenzen, Interviews und die Beantwortung vermeintlich lästiger Fragen."

Diese Kritik sollte man nicht ja nicht nur für den Umgang mit Trumps Tweets in Anschlag bringen, man müsste sie unbedingt erweitern. Ein großes Problem besteht ja darin, dass allzu viele Journalisten unter Berichterstattung über Politik vor allem das ausgiebige Zitieren von Politikern verstehen. So gesehen, ist das (unkommentierte) Weiterverbreiten von Politiker-Tweets, also Politiker-PR, nur ein Unterproblem. Um mal eine Art Wunschvorstellung zu formulieren: Wenn Politiker auf "vermeintlich lästige Fragen" (Bingül) Substanzielles antworten oder aussagekräftig ausweichen, sollten Journalisten sie natürlich zitieren. In allen anderen Fällen sollte man es sich dreimal überlegen, worin eigentlich die journalistische Leistung besteht, zur Weiterverbreitung einer "Ich hab da mal ne Meinung"-Wortmeldung beizutragen.

Wichsvorlagen für die feine Gesellschaft

Unter Schwächen des Politikjournalismus könnte man auch Teile der Berichterstattung über die mitten in ein laufendes Gerichtsverfahren hinein platzende Räumung des Hauses "Liebig 34" in Berlin-Friedrichshain subsumieren. Gereon Asmuth (taz) findet Folgendes kritikwürdig:

"(Der) Pressesprecher (der Berliner Polizei) geleitete eine Truppe von Journalist*innen durch das frisch geräumte Haus. (…) Die Presse (durfte), teils per Livestream im Internet, teils als Fotodokument auch Küchen und Schlafräume ablichten."

Asmuths Kommentar dazu:

"Der Zustand im Inneren des Hauses war für den Polizeieinsatz vollkommen irrelevant. Wenn die Polizei dennoch aktiv dafür sorgt, dass Bilder aus den Wohnungen für jeden zugänglich werden, dann dient das allein der öffentlichen Erregung, auf dass sich die feine Gesellschaft in einem orgastischen Ah-Oh-Ih-Gestöhne ergötzen kann."


Auf diese Wichsvorlagen verlinke ich jetzt mal nicht, schwer zu finden sind sie ja nicht. Bei einigen Twitter-Nutzern kam der eine oder andere Orgasmus möglicherweise unter falschen Voraussetzungen zustande, unter anderem ein Christdemokrat und der Chefredakteur einer rechten Wochenzeitung verbreiteten dort Fotos von Entrümpelungsunternehmen aus anderen Städten und taten so, als stammten sie aus dem gerade geräumten Haus.

Zur rechtlichen Dimension der gestreamten Wohnungsbesichtigungen schreibt Asmuth:

"Die Berliner Polizei (sollte) eigentlich wissen (…), dass selbst frisch geräumte Vielleicht-Besetzer*innen noch einen Anspruch auf Privatsphäre haben. Diese Bilder machen blind. Sie lenken ab vom eigentlichen Skandal: Es ist in Deutschland möglich, Menschen vor die Tür zu setzen, auch nach jahrzehntelanger Nutzung eines Hauses, einer Wohnung, wenn sie den Renditeinteressen eines Eigentümers im Wege stehen."

In einem weiteren taz-Beitrag - in einem von Erik Peter geführten Interview mit Jörg Reichel, dem Geschäftsführer der dju in Verdi in Berlin und Brandenburg - geht es ebenfalls um die neue Friedrichshainer Ausprägung des embedded journalism. Reichel sagt:

"Aus meiner Sicht ist das ein Verstoß gegen den Pressekodex und zwar sowohl von der Polizei, die diesen redaktionellen Inhalt angeboten hat, als auch von den Redaktionen, die das veröffentlichen. Die Polizei hat die Berichterstattung aus dem Haus wesentlich geprägt, in dem sie festgelegt hat, durch welche Räume es geht, während der Moderator – Pressesprecher – live übers Internet kommentiert hat."

Die freie Journalistin und Grünen-Politikerin Aida Baghernejad kommentiert in einem Thread, "die Häme und der Hass, die Boshaftigkeit und das Feixen gestern nach der Räumung, nicht nur in Kommentarspalten, sondern auch unter Journalist*innen" habe sie erschüttert, "der Firnis der Bürgerlichkeit, der Zivilisation" sei dünn.

Der bereits zitierte Verdi-Mann Reichel äußert sich in dem taz-Interview noch zu einem anderen Aspekt des Themenkomplexes #Liebig34 und die Medien:

"Ich bin mehrfach Augenzeuge von Übergriffen gewesen und habe mit insgesamt 20 Kolleg*innen Kontakt gehabt, die von Polizist*innen körperlich angegangen wurden, obwohl sie durch einen Presseausweis oder auch Kameras offensichtlich zu erkennen waren. Dabei sind Beleidigungen oder Schubser gar nicht mitgezählt."

"Fake-News-Affäre" in Kiel

Lange nichts mehr über den sog. BAMF-Skandal gelesen im Altpapier? Zuletzt war das vor vier Monaten der Fall. Jetzt gibt es zwei Anlässe, die Sache wieder einmal aufzugreifen. Die taz ging vor einigen Tagen auf eine Kleine Anfrage der Bundestagsabgeordneten Ulla Jelpke ein, die auch

"Aufschluss gibt die Kleine Anfrage (…) über den vermeintlichen Bremer ‚Bamf-Skandal'. Nachdem zunächst von 1.200 'Asyl-Betrugsfällen' die Rede war, ergaben Nachprüfungen bis Mai 2020 Unregelmäßigkeiten in 150 Fällen. Nach 13.168 Überprüfungen 'in Bezug auf die Vorgänge in Bremen' ist nun das Ergebnis der Bundesregierung: Mit Widerrufen und Rücknahmen in insgesamt 5,05 Prozent der Fälle lag Bremen nur 'leicht über der durchschnittlichen Aufhebungsquote' von 3,2 Prozent (…)

Ob die nun ergangenen Rücknahmen vor Gericht Bestand haben werden, ist ungewiss. 65 von 71 Rücknahmen wurden bereits gerichtlich kassiert, in 132 Fällen ist eine Klage weiterhin anhängig."

Man kann auf die BAMF-Sache auch deshalb noch einmal zurückkommen, weil wir es mit einem Fall zu tun haben, bei dem die Berichterstattung eines Mediums oder mehrerer Medien über eine vermeintliche Affäre sich als derart unangemessen herausgestellt hat, dass das Ganze eher unter Medienskandal firmiert oder firmieren müsste.

Ein zumindest entfernt vergleichbarer Fall könnte in Kiel vorliegen. Jedenfalls berichten Annette Bruhns und Ansgar Siemens für den Spiegel (€) über eine "Fake-News-Affäre der Kieler Nachrichten":

"Mitten in der Coronakrise läuft an der Förde eine Schlammschlacht, die zu großen Teilen auf Fake News beruht."

Die Geschichte beginnt

"als sogenannte Rockeraffäre, (die) bundesweit Schlagzeilen machte und erhebliche Folgen hatte: Erst musste die komplette Polizeiführung abtreten, dann, zweieinhalb Jahre später, traf es den Innenminister. Es war ein einzigartiger Vorgang in der bundesdeutschen Geschichte."

Das ist mir persönlich nun ein bisschen zu viel Uiuiui, aber so sind sie halt beim Spiegel. Wie auch immer:

"Doch der vermeintliche Polizeiskandal, so zeigt sich nun, war ein Popanz. In Wahrheit geht es vor allem um überehrgeizige Journalisten."

Die Kieler Nachrichten haben bereits eine Stellungnahme veröffentlicht, in der sie, kaum überraschend, mitteilen, dass die "Rockeraffäre" keineswegs ein "Popanz" sei. Aus medienkolumnistischer Sicht ist eine Passage aus der Stellungnahme besonders interessant:

"Der Spiegel zitiert aus Chats zwischen Polizeireporter Bastian Modrow und dem ehemaligen Polizei-Gewerkschafter Thomas Nommensen, die bei Ermittlungen gegen Nommensen wegen Geheimnisverrats sichergestellt worden waren. Der in den veröffentlichten Chats angeschlagene Ton ist auch aus Sicht von KN-Chefredaktion und -Geschäftsführung unangemessen. Es bleibt aber die vertrauliche Kommunikation zwischen einem Journalisten und seiner Quelle. Diese Kommunikation ist besonders geschützt. Die Kieler Nachrichten prüfen mögliche juristische Schritte."

Das bezieht sich unter anderem auf folgenden Abschnitt des Spiegel-Artikels:

"Wie Reporter Modrow mitunter arbeitete, zeigt sich etwa im August 2018. Damals gibt es in Lübeck eine versuchte Vergewaltigung, verdächtig ist zunächst ein Sudanese. Gewerkschafter Nommensen ärgert sich darüber, dass die Polizei dessen Nationalität nicht nennt. Er sei dafür, schreibt er Modrow, dass die Zeitung den Ermittlern 'die Hammelbeine' lang ziehe. Modrow bittet um ein Foto des Opfers. Er schreibt: 'Dann fick ich diese verlogene Bande morgen.' Nommensen erwidert, man tue etwas dafür, dass 'Gutmenschen' nicht durchkämen, und schickt dem Journalisten Bilder des im Gesicht verletzten Opfers. Am 16. August nennt Modrow in einem Artikel die Herkunft des ursprünglich Verdächtigen und Details zum Opfer."

Nun lässt sich natürlich sagen, dass das Zitieren aus solchen Chats auch Ausdruck von Voyeurismus ist, ich finde die Passage aber aufschlussreich, weil sie mir einen guten Eindruck zu vermitteln scheint von den Mentalitäten in diesem trüben Milieu aus Herkunftsnennungsjournalisten, "Gutmenschen"-Schlechtfindern und Polizeigewerkschaftern. Ein Milieu, das in den vergangenen Jahren ja erheblich an Deutungsmacht gewonnen hat.

Die unangemessene Vergütung von Drehbuchautoren

Das Drehbuchautoren-Manifest "Kontrakt 18" (Altpapier, Altpapier) war vor zwei Jahren Ausdruck eines Empowerments einer Berufsgruppe, deren Bedeutung für Film und Fernsehen weder von der Branche noch der Öffentlichkeit angemessen gewürdigt werden.

Man liegt nicht völlig falsch, wenn man als Teil dieser Empowerments auch eine Klage der Drehbuchautorin Anika Decker versteht, über die Julia Encke, die neue Ressortleiterin des FAS-Feuilletons, auf der Medienseite ihrer Zeitung recht umfänglich berichtet (€). Decker klagt gegen Til Schweigers Produktionsfirma Barefoot Films und Warner Bros. Entertainment. Der Kern der Angelegenheit:

"In einer sogenannten Stufenklage geht es Decker in einem ersten Schritt darum, Barefoot Films und Warner dazu zu verpflichten, ihr Auskunft 'über den Umfang sämtlicher Verwertungshandlungen' und den dadurch erzielten Erlösen zu den Filmproduktionen 'Keinohrhasen' und 'Zweiohrküken' zu geben (…) In einem zweiten Schritt verlangt sie, dass Barefoot und Warner sie an den Erlösen (…) angemessen beteiligen.

Bisher, so Encke, sehe die finanzielle Bilanz der Klägerin, die überhaupt erst die Basis dafür geschaffen hat, dass die genannten Filme einen Erfolg werden konnten, folgendermaßen aus:

"Anika Decker hat nach eigenen Angaben für das 'Keinohrhasen'-Drehbuch 17.500 Euro bekommen und anschließend nochmal 32.500 Euro, die Til Schweiger ihr 'geschenkt' habe. Für das 'Zweiohrküken'-Drehbuch bekam sie zunächst 60 000 Euro und eine gedeckelte Zusatzvergütung. Rund ein Jahr später hat man ihr nochmals eine Zahlung zukommen lassen. 'Keinohrhasen' (…) bleibt (…) eine der erfolgreichsten Filmproduktionen in der Geschichte des deutschen Kinos. Allein in der Kinoauswertung sollen rund 70 Millionen Euro eingespielt worden sein (…) Es geht um das Missverhältnis: 50 000 Euro für 'Keinohrhasen' mag nicht wenig Geld sein (…), ist (…) aber ein minimaler Teil des Umsatzes der Kinoauswertung. Und danach wurde weiter verdient: Beide Filme werden auf bezahlpflichtigen Internet-Videoportalen und Streaming-Diensten weiter gesehen, ebenso im Free und Pay TV sowie auf DVD/Blu-ray."

Die Klage liefert auch einen Anlass, über ein systemisches Problem zu reden. Decker sagt jedenfalls:

"Ich kenne keine Drehbuchautoren, die mir sagen können, wie viel Geld zwischen den Firmen, die an einem Film beteiligt sind, geflossen ist. Das sind geheime Verträge, im Fall von 'Keinohrhasen' und 'Zweiohrküken' zwischen Barefoot und Warner oder zwischen Netflix und Warner. In der Musik- oder in der Buchbranche bekommst du eine Abrechnung, die dir Auskunft über deine Prozente gibt und dich automatisch am Erfolg beteiligt. Im Film gibt es das nicht, wir müssen es erfragen."


Altpapierkorb (Boxen in Krefeld, Boxen im Ersten, Helga Feddersen)

+++ Das virale Polizeigewaltvideo der Stunde stammt aus Krefeld. Die Protagonistin ist eine boxende Polizistin, die sich immer wieder in Position bringt, um im Zuge einer Festnahme einem Mann "zehn Mal gegen den Kopf" (Konrad Litschko/taz) schlagen zu können. Die Organisation PolizeiGrün fühlt sich laut taz an eine "Kneipenschlägerei" erinnert und deren Vorsitzender Oliver von Dobrowolski an eine "Jahrmarktsboxerei".

+++ Die Tatsache, dass die ARD am Samstag im Ersten Programm zum ersten Mal seit 2014 wieder einen Boxkampf übertragen hat, nimmt Holger Gertz auf der heutigen SZ-Medienseite zum Anlass, die Geschichte des Boxens im Fernsehen zu rekapitulieren. "Boxen im Fernsehen lebt vom Überraschungsmoment, das in ihm schlummert, aber Boxen im Fernsehen lebt auch vom Gegenteil der Überraschung, von Tradition, Ritual, Wiedererkennung. Es ist wie bei SPD-Wählern, die nach wie vor SPD wählen - aber eigentlich wählen sie immer noch Willy Brandt. Ältere Boxfans pflegen, wenn sie frische Kämpfe im TV sehen, das Andenken an ältere und sehr alte Kämpfe, die sie im TV gesehen haben."

+++ Dietrich Leder hat in seinem Medienkorrespondenz-"Journal" Oliver Schwabes Dokumentarfilm "Helga – Die zwei Leben der Feddersen" rezensiert - was man auch deshalb an dieser Stelle herausstellen kann, weil nach meiner Wahrnehmung sonst niemand diesen Film besprochen hat. Trotz der Popularität der 1990 verstorbenen Protagonistin. Trotz des herausragenden Vorgängerfilms "Die Liebe frisst das Leben. Tobias Gruben, seine Lieder und die Erde", für den Schwabe kürzlich mit dem Musikfilmpreis im Rahmen des Deutschen Dokumentarfilmpreises ausgezeichnet wurde. Schwabe, so Leder, beschreibe "die Lebens- und Arbeitsgeschichte einer Schauspielerin, die in sehr unterschiedlichen Rollen und Funktionen von 1960 bis 1990 das deutsche Fernsehen mitgeprägt hat". In diesem Zusammenhang blickt Leder weit zurück in die Geschichte des deutschen Qualitätsfernsehens: "In der Werkstatt, die der NDR-Fernsehspielchef Egon Monk in den frühen 1960er Jahren auf dem Gelände von Studio Hamburg errichtet hatte, wurden zwei von Helga Feddersens Drehbüchern verfilmt: 'Vier Stunden von Elbe 1' (1968) und 'Gezeiten' (1970). Beide inszeniert von einem Schauspieler, der aus dem Stadttheaterbetrieb ins Fernsehen geflohen war und der in den 1970er Jahren zu den wichtigsten Regisseuren von ARD und ZDF wurde: Eberhard Fechner." Schwabes Bild der Helga Feddersen sei, so Leder weiter, "differenziert gezeichnet und lebt von dem, was er in den Fernseharchiven von ihr und über sie entdeckte. So könnte man zum Beispiel allein anhand ihrer Talkshow-Auftritte, die der Film zitiert, eine kleine Geschichte dieses Genres und seiner Moderatoren schreiben. Von Joachim Fuchsberger bis Karl Dall. Wichtiger wäre es allerdings, sich der Autorin Helga Feddersen zu erinnern. Der NDR könnte dies zum Anlass nehmen, einmal wieder die Fernsehfilme, die sie schrieb, zu zeigen. Es sind Produktionen, auf die der NDR stolz sein kann. Wenn sich der Sender ihrer nur bewusst wäre." Die Formulierung "systemisches Problem" tauchte weiter oben heute schon in einem anderen Zusammenhang auf. Dass die Öffentlich-Rechtlichen ihre eigene Geschichte gering schätzen, gehört ebenfalls in diese Kategorie.

Neues Altpapier gibt es wieder am Dienstag.

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